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Die Riffpiraten – Kapitel 4

Heinrich Klaenfoth
Die Riffpiraten
Verlag Albert Jaceo, Berlin, um 1851

Kapitel 4
Der schwimmende Garten

Es lässt sich für Freunde der Natur nicht leicht etwas Lieblicheres denken, als die Ansicht der Chinampas oder schwimmenden Gärten von Mexiko, deren es hier auf den Seen mehrere gibt. Ein Inselchen mit den schönsten Blumen, schattenreichen Akazien, mit Gängen und Lauben, Zelten oder Häuschen, wird vom Wind auf dem Gewässer hin und her getrieben. Es ist bekannt, dass es Seepflanzen sind, welche sich mit ihren stets wachsenden Wurzeln verschlingen und durchweben, die die Grundlage zu diesen schwimmenden Inselchen bilden.

An dem hafenartigen Ufer des nicht unbedeutenden Sees Tezucco, welcher die Hauptstadt Mexiko ganz nahe berührt, war in der ersten Frühstunde ein reges Treiben von Seefahrzeugen der verschiedensten Gattungen, die mit allen möglichen Landeserzeugnissen befrachtet waren und teils einliefen, teils abfuhren. Reich geschmückte und buntgeflaggte Gondeln oder Goéletten, das Eigentum der Grandezza und der Reichen der Hauptstadt, kreuzten in der Nähe und Ferne, um gegen die heimische unmäßige Hitze sich gewissermaßen auf dem kühleren Gewässer schadlos zu halten.

Eine kostbare grüne Gondel, mit einem weißen Gang geschildert, lag hier ebenfalls zum Abstoßen bereit. Zwei Matrosen, ein Zambo und ein Neger, fast nackt, harrten auf die Ankunft mehrerer Personen und waren mit dem Ordnen der Segel und des Tauwerks beschäftigt.

»Weg mit Ferdinand Cortez«, sagte der Zambo, der seine Zigarre an der seines Kameraden anbrannte. »Diese spanische Kanaille verdiente, skalpiert zu werden.«

»Er tat nicht mehr, als alle Eroberer tun«, entgegnete der Neger gewichtig, indem er große Tabakwolken von sich blies. »Er fiel vor einigen hundert Jahren als Entdecker in Mexiko ein, unterjochte es mit Waffengewalt und nahm es im Namen der spanischen Krone in Besitz. Gerade so, als ob ich einen Rubin finde, den ich aber wohlweislich in meinem Namen in Besitz nehmen würde.«

»Aber das hierauf erfolgende Vierkönigtum, woselbst die Eingeborenen, die Indianer, nicht einmal zu Ämtern und Würden zugelassen wurden, sondern nur Spanier«, fuhr der Zambo fort, »welchen unwürdigen Druck musste das Land hierdurch nicht erleiden?«

»Alles dauert seine Zeit, Bruder«, gab der Neger ironisch lachend von sich. »Die Kreolen und der General Iturbida haben es ihnen gezeigt. Die Spanier jagte man fort und der General machte sich zum Kaiser.«

»Wofür wir ihn aufknüpften, wie die Spanier früher den Montezuma«, meinte der Zambo.

»Da geschah ihm ganz recht«, lautete die weitere Auslegung des Negers. »Großen Staatsepochen müssen immer einige Märtyrer vorausgehen. Hierauf wurden wir Republikaner. Und was fehlt uns nun?«

In diesem Augenblick jagte eine mit zwei mutigen Maultieren bespannte Equipage herbei und machte neben der Gondel Halt. Es stiegen vier Personen aus derselben, ein ältlicher Herr, zwei junge Damen und eine Negerin, die frei war und sich nur im Dienst des Herrn befand, da in Mexiko das Sklavenwesen, wie bekannt ist, schon unter der spanischen Herrschaft ausgerottet wurde.

Diese vier Personen nahmen nun in der prächtigen Gondel Platz, nachdem die Dienerin eine Decke aus wertvollen Stickereien über die Sitze gebreitet hatte, welche, außerdem mit Goldtroddeln geschmückt, über den Bord des Fahrzeuges hing und beinahe das Wasser berührte.

Die Gondel stieß vom Land ab, die Segel wurden beigesetzt, welche ein günstiger frischer Morgenwind füllte, und die Lustfahrer glitten in den See hinein. Der Morgen war herrlich. Ein schöner blauer Himmel spannte sich über das ebenso wasserreiche als fruchtbare Tal und seine Plantagengruppen aus. Die Sonne stieg blutrot am Horizont empor und ihre Strahlen verliehen den von ihr beschienenen Gegenständen einen rosigen Schimmer und einen Glanz, der unwillkürlich dem Beschauer Ausrufe der Bewunderung zu entlocken imstande war.

»Man muss dieses Schauspiel selbst sehen und genießen!«, riefen auch die jungen Damen. »Nie würde eine Beschreibung desselben einen deutlichen Begriff davon geben.«

»Ich erinnere mich«, sagte der Herr der Gondel, »dass jemand behauptete, ein solcher blutroter Sonnenaufgang ginge häufig einem Erdbeben voran.«

»Ja, Señor«, entgegnete der Neger, »das war wirklich an dem Morgen so, an welchem die letzte Erderschütterung später am Tage stattfand.«

Die Damen warfen sich ängstliche Blicke zu, der Herr tröstete sie und schloss mit den salbungsreichen Worten: »Es komme, was da wolle! Wir sind alle in Jehovahs Hand. Er versagte uns nie seinen mächtigen Schutz.«

Unter solchen und ähnlichen Gesprächen legten sie endlich an einen der schwimmenden Gärten an, welcher in der Nähe des rechten Ufers des Sees vor Anker lag. Ein hoher Mastbaum war auf demselben errichtet, an welchem eine Fahne mit den mexikanischen Farben flatterte, die bei der Annäherung der Gondel von dem Hüter des seltsamen Gartens aufgezogen worden war.

Die Gondel, welche die Besucher der Insel trug, der schwimmende Chinampa mit einem zweiten Boot, das gegenwärtig an dem Garten angekettet lag und zum Dienst für das untergebene Personal bestimmt, waren Eigentum des Bankiers Abraham Levi, der eben in Begleitung der Damen diese Lustfahrt machte.

Der Wächter des Gartens legte, nachdem er die Ankommenden auf übliche Weise begrüßt hatte, eine leichte Brücke vom Garten auf die Gondel. Die Gesellschaft ging über dieselbe an Land, auf welchem ein Flor ausgezeichneter und ausgesuchter Blumen die Lustfahrer empfing.

Auf der rechten Seite der Insel stand eine Laube aus dichtem Gesträuch und Schlingpflanzen, welche gegen die Sonnenstrahlen einen geringen Schutz bot. Kostbare Sessel, ein runder Tisch und ein Kanapee aus Luftkissen standen in derselben. In der Mitte dieses Feensitzes, der mit einem Gitter aus Mahagoniholz an seiner äußersten Umgrenzung umgeben war, lag ein ziemlich großes Zelt.

Dieses Zelt bildete der äußeren Gestalt nach eine Kuppel, welche von weißem Segeltuch ausgeführt war, in dem rotfarbige Spitzwinkel, die symmetrisch alle nach oben zusammenstießen, die Halbkugel bunt erscheinen ließen.

Vor dem Eingang war ein Windfang angebracht und durch diese Vorrichtung das Eindringen des Regens und Windes verhindert.

Man trat in das Innere dieses Zeltes, eine Rotunda, deren Wandung mit einer gewebten Tapete aus grüner und schwarzer Farbe das Licht für das Auge wohltuend milderte, welches durch die ziemlich großen Fenster geworfen wurde, die in dem Zelt angebracht waren und welche beliebig geöffnet und geschlossen werden konnten.

Das Innere war in drei Räume unterteilt, von denen der eine, welcher seinerseits wieder mit einer leichten Querwand in der Richtung von der Mitte nach dem Umkreis zu durchschnitten war, in denen Betten von Luftkissen standen und die als Schlaf- und Ankleidezimmern dienten. Der Hauptraum sowie die eben genannten Gemächer hatten einen Fußboden aus Asphalt, um die feuchte Ausdünstung des Bodens abzuhalten.

Im Kreis herum zog sich ein Divan, ebenfalls mit Luftkissen gepolstert, von kostbaren seidenen Stoffen. Darüber hing hin und wieder ein kleiner Spiegel. Die Blumentöpfe aus chinesischem Porzellan waren mit ausgezeichneten tropischen Pflanzen befüllt.

In der Mitte des größeren Raumes stand ein großer Tisch aus kostbarem Holz und kunstvoller Arbeit, um den sich die Gesellschaft zu gemeinschaftlichen Zwecken vereinigte, während sie auf kleinen Handsesseln Platz nahm, die mit Stickereien geziert waren. Paradiesvögel und Kakadus hingen in Metallringen umher und verschönerten diesen so angenehmen Aufenthalt.

An der Seite des schwimmenden Gartens endlich war eine Badeanstalt so sinnreich konstruiert, dass ohne alle Gefahr auch die furchtsamste Person in den klaren Fluten des Sees baden konnte.

Da der Besitzer dieses Gartens oft tagelang in demselben weilte und hier nicht selten Gesellschaften annahm, so war an der äußersten Umgrenzung eine Küche angebracht, in der für die Besuchenden und überhaupt für die Familie die Speisen bereitet wurden. Zu dieser letzteren Verrichtung führten sie auch diesmal die Negerin mit sich, welche den Dienst der Küche zu versehen hatte.

Abraham Levi trat nun mit seinen beiden Begleiterinnen in das Innere des Zeltes, wo die jungen Mädchen ihre großen Sonnenhüte von sich warfen und es sich bequem machten.

Der Bankier war ein Mann über fünfzig Jahre hinaus. Seine Haltung war unedel und der große Kopf etwas nach vorn gebeugt. Seine Knie waren ein wenig gebogen, wenn er sich bewegte. Pechschwarzes Haar, mit vielem Grau untermischt, bedeckte nachlässig gekämmt eine hohe, gewölbte Stirn, welche in Verbindung mit seinen sterbenden, unruhigen Augen, die unter dichten borstenartigen Wimpern lagen, Klugheit ausdrückten. Eine etwas gebogene Nase und das oft wiederholte gezwungene Lächeln, insbesondere wenn er mit jemandem sprach, ließen den Typus jüdischer Abstammung nicht verkennen. Seine Hautfarbe war durch den langen Aufenthalt unter dem mexikanischen Himmelsstrich sehr vergilbt, obwohl er von weißer Abstammung und in Europa von europäischen Eltern geboren war.

Seine Kleidung, die zu der Zeit, von der wir reden, aus gelben Stoffen aus Nanking bestand, zeigte sich fast immer nachlässig und oft auch schmutzig.

Abraham Levi war zur Zeit, als Mexiko noch von einem spanischen Vizekönig regiert wurde, als Abenteurer von Europa dorthin ausgewandert, um von seines Vaters Bruder, der hier das Handlungs- und Bankiergeschäft mit der Firma Levi und Kompagnie besaß, und mit Handlungshäusern besonders in Ostindien, in Kalkutta und in Bengalen große Geschäfte machte – sein Glück begründen zu lassen. Da Abraham in seiner Jugend von einschmeichelndem Wesen war, so gelang es ihm, die Gunst seines Oheims, der kinderlos war, zu erlangen. Er wurde später mit großen Handelsaufträgen betraut, infolgedessen er weite Reisen machen musste, die er stets zu seines Verwandten Zufriedenheit ausführte. Eine dieser größeren Reisen war die nach China und Ostindien, wo er vorteilhafte Handelsbekanntschaften für sein Haus anknüpfte, welche von bedeutender Nachwirkung waren.

Nach dem Tod seines Oheims war ihm das Geschäft erblich vermacht worden und Abraham Levi wurde dadurch selbstständiger und alleiniger Besitzer dieses Bankiers- und Handelsgeschäfts, das er späterhin, nachdem der Aufstand der Kreolen sich zu einer dauernden Ruhe gelegt hatte, durch ein Filialgeschäft in Veracruz noch vergrößerte. Auf diese Weise hatte er fast fürstliche Schätze angehäuft. Überdies war er seit zehn Jahren Witwer und kinderlos, da ihm seine Gattin zwar mehrere Kinder geboren hatte, die aber sämtlich wieder gestorben waren. Nur ein verkrüppeltes Mädchen, das ihn augenblicklich begleitete, gehörte als Pflegekind gewissermaßen seiner eigenen Familie an, zu der der Bankier in eher fremder Beziehung stand, wie sich weiter zeigen wird.

Diese kleine bucklige Dame zählte kaum siebenzehn Jahre und war brünett. Ein sanftes, engelgleiches Antlitz, welches Wohlwollen und Herzensgüte ausdrückte, wurde von schwarzen Wimpern beschattet. Der Mund war stets von einem angenehmen, freundlichen Lächeln umgeben.

Ihre Brust atmete schwer durch die Verschiebung des Brustkastens, dagegen aber fehlte ihr die längliche Gesichtsbildung, das charakteristische Zeichen fast aller Buckligen.

Die kleine Dame war der Liebling der Armen der Hauptstadt, da sie keines Menschen Not hören konnte, ohne ihm ihr Mitleid im vollsten Maße zuzuwenden. Sie wurde oft bis zu Tränen gerührt und gab dann nicht selten mitleidig ihre ganze Barschaft fort.

Die dritte Person, welche sich in dieser Gesellschaft befand, hieß Judith. Sie war eine Kreolin und weitläufige Verwandte des Bankiers, deren Eltern im Staat Louisiana gewohnt hatten und gestorben waren. Sie hatte sich als Waise in die Obhut der Gemahlin Abraham Levis, ihrer Tante, begeben und war seitdem bei ihrem Oheim verblieben, von dem sie sehr geliebt wurde.

Judith, groß und schlank und zu der Zeit, als wir sie kennen lernen, etwa neunzehn Jahre alt, hatte glänzendes schwarzes Haar, welches so lang gewachsen war, dass sie, wenn sie aufrecht stand, mit dem Fuß auf die Spitzen desselben treten konnte, oder von dem Scheitel aus um sie gebreitet, sie vollständig zu verdecken imstande war. Nun jedoch trug sie zwei Zöpfe, jeder einzelne mit ihrer kleinen Hand nicht zu umspannen, die, in einem Bogen über die schönen Wangen gelegt, nach hinten geschlagen und dort befestigt waren. Hierdurch blieben nur die etwas geröteten Ohrläppchen mit einem Geschmeide aus Rubinen frei. Stirn und Nase dieser Dame waren untadelhaft schön. Der Mund war zierlich und fein geschnitten, die Zähne klein und von dem glanzvollsten weißen Schmelz.

Man konnte sich nichts Schöneres denken, als ein Lächeln um den Mund dieser Kreolin. Ihr schwarzes Auge war groß und schmachtend. Es wurde überschattet von schön markierten kleinen seidenartigen Brauen und langen Wimpern, die sich an ihren Spitzen etwas umbogen. Das ganze Gesicht trug den Stempel jüdischer Abstammung.

Da Judith ein schwarzes enganschließendes seidiges Kleid mit kurzen Ärmeln trug, so waren die üppigen Formen der Brust und der Schultern sowie der runden Arme mit den zierlichsten Händen sichtbar. Die schlanke Taille stach gegen die gerundeten Hüften sichtbar ab. Ihre Haut war zarter, als solches in diesem Klima sonst bei den Damen der Fall ist.

Nachdem der Bankier aufmerksam durch ein Fenster das ferne Ufer betrachtete, welches sich als eine prachtvolle Landschaft in der Ferne ausbreitete, verfiel er in ein tiefes Nachdenken. Endlich zog er aus einer Tasche seines Oberkleides einen bereits entsiegelten Brief hervor, welcher mit hebräischen Buchstaben in spanischer Sprache geschrieben war und also lautete:

Im Namen Abrahams, Isaaks und Jakobs, unserer Bundespatriarchen.

Bester, treuer Handelsfreund!

Die laut beigefügter Rechnung spezifizierten, von Ihnen verlangten Waren empfangen Sie mit Kapitän Manque, welcher auf Veracruz verladen hat. Von den Kaschmirschals konnte ich leider nur die Hälfte überliefern, da diese Ware am Fabrikplatz von europäischen Handlungshäusern vollständig ausgebeutet war und mithin sich in übermäßigem Aufstrich befand.

Mit demselben Kapitän und dessen Schiff schicke ich Ihnen den jungen achtzehnjährigen Sultan-Thronfolger Mazamba zu, welcher den Nachstellungen der afrikanischen Riffpiraten entgangen ist und vor Begierde brennt, eine Reise nach Amerika und Westindien zu machen.

Er ist von den Malediven, aus denen sein alter Vater zur Zeit als Sultan unumschränkt regiert. Auf Betrieb eines unserer Agenten ist im erhabenen Dienst der Genossenschaft uns diese hohe Person zur Verfügung gestellt und es dahin bestimmt, dass der junge Sultan in Mexiko die Hochschule besuchen wird, was sein alter Vater dringend wünscht.

Hierdurch haben wir ihn nun so weit wie irgend tunlich von Ostindien entfernt und Sie Ihrerseits haben Gelegenheit, ihn im Sinne unseres antichristlichen Bundes zu bearbeiten.

Er bekennt sich, wie seine sämtlichen Untertanen, zum Islam. Mazamba ist jung, edel, feurig und schwärmt, wie überhaupt die Jugend, für alles Neue. Vielleicht gelingt es Ihnen und unseren dortigen Agenten, es dahin zu bringen, dass er den Mosaismus annimmt. Er hat Feuer und Unternehmungsgeist genug, nach dem Antritt seiner Regierung auf den Inseln seines Reiches seine Untergebenen durch die Gewalt des Schwertes zum Judentum zu zwingen, wo wir sodann unser ewiges Streben verwirklicht haben und das neue Jerusalem mit einem neuen jüdischen Königreich wieder aufbauen. Wie es nun gelingen wird, dass der Prinz seinerseits für den Mosaismus gewonnen wird, darüber haben wir viel nachgedacht und sind zu dem Resultat gekommen, dass er nur allein durch ein großes naturgemäßes Triebwerk, welches die geistige Freiheit und die Sinne berauscht, ihn somit stets unter Vormundschaft hält, geschehen kann. Als ein solches Triebwerk erscheint uns die Liebe. Wir haben es durchgeführt, dass er ohne alle weibliche Begleitung reist, damit er namentlich durch die lange Seereise für weibliche Personen sofort bei seinem Eintreffen desto empfänglicher ist. Dies sind unsere Ideen, und Ihrem Ermessen ist es anheimgegeben, ob Sie diesen oder einen anderen Plan zur Erreichung unseres allgemeinen Zweckes in Anbetracht des Ideals eines jüdischen Königreichs mit dem fraglichen jungen Sultan ausführen wollen.

Den kleinen Wechsel von einer halben Million Piaster, welchen der Sultan Ihrem Haus präsentieren wird, wollen Sie sofort honorieren, weil er gleich Geld gebrauchen wird, indem er nur Edelsteine in seinem Schatz mit sich führt. Diese bestehen in Rubinen, Saphiren, Topasen und Diamanten von einem hohen, dem Sultan unbekannten Wert, sodass Sie gleichzeitig Gelegenheit haben, beim Umsatz derselben Ihren Vorteil wahrzunehmen.

Ihr Handelsfreund David

Dieses Schreiben war von Colombo auf Ceylon datiert und am Tag zuvor durch ein Expressboten von der Filialhandlung in Veracruz bei der Haupthandlung eingesandt. Indem der Bankier diesen Vertrauensbrief des Sultans Mazamba fast mechanisch, aber sorgfältig wieder in die vorigen Brüche legte, hüpfte Judith im vollen Liebreiz ihrer Persönlichkeit herbei, ergriff die Hand ihres Oheims und fragte:  »Wie lange, guter Onkel, werden wir denn heute hier verweilen?«

»Du und Cäcilie können nach Belieben zurückbleiben. Ich aber werde jetzt baden, frühstücken und dann zur Stadt zurückkehren, da ich dringende Geschäfte habe.«

»Aber es wäre uns äußerst angenehm, wenn Sie unseren Aufenthalt hier mit Ihrer Gegenwart verherrlichten.«

»Schmeichlerin, du!«, entgegnete der Israelit und versetzte ihr einen leichten Schlag auf die üppigen Schultern. »Für alte Herren hast du gute Studien gemacht, in ihre Herzen dich so einzuschleichen gewusst, dass sie außer ihren vielen Sorgen noch die haben, sich mit ausgezeichneten Plänen für deine Zukunft herumzutragen.«

»Die alten Herren sind mein, guter Onkel«, erwiderte das Mädchen. »Aber die Pläne – die wären?«

»Lass die Alten laufen«, sagte der Bankier, »und denke daran, wie man bei jungen Kavalieren sein Glück macht.«

»Ah, bah!«, rief die Kreolin. »So lange Cäcilie und ich Sie haben, denken wir an niemand anders, als an Sie; nicht wahr, meine liebe Cäcilie?«

Die kleine Bucklige war eben herbeigekommen und hatte die Unterredung mit angehört.

Sie beteuerte diese Aussagen, aber mit der Bedingung, wenn Väterchen heute bei ihnen bliebe; sonst würden sie beide anderen Sinnes werden.

»Richtig, das werden wir«, bekräftigte Judith und drehte sich auf der Fußspitze herum.

»Apropos«, sagte der Bankier, »kennt Ihr die Villa des Erzbischofs? Sie liegt unweit der Stadt.«

»Diesen reizenden Sitz, der vor zwei Jahren erst gebaut ist, kenne ich sehr genau«, erwiderte Judith. »Wir waren ja noch vor einem Vierteljahr dort in Gesellschaft.«

»Gefällt Euch dieser Ort?«

»Ach, lieber Onkel, es gibt nicht leicht etwas Anmutigeres, als dort zu wohnen. Diese Umgebung, dieser Park, diese Kunst, die der Erzbischof dort verschwendet hat!«

»Möchtet Ihr dort wohnen?«, fuhr der Bankier fort.

»Wie können Sie noch fragen oder wollen Sie sich über unseren Geschmack belustigen?«

»Was meint Ihr, wenn ich diese Villa kaufe?«

»Das wäre ein Unternehmen zu unseren Gunsten, was seinesgleichen nicht hätte«, sagte die kleine Cäcilia.

»Aber wie, der Erzbischof wird doch so einen Göttersitz nicht verkaufen?«, zweifelte Judith.

»Aber wenn er muss, da er durch eine Bulle des Papstes abgerufen ist und baldigst von hier abgehen wird«, erklärte der Bankier. »Indessen müsste das Besitztum doch noch vervollkommnet werden.«

»Was wäre da wohl noch anzubringen?«, fragte die kleine Bucklige. »Es vereint ja in sich fast alle Vollkommenheiten.«

»Vieles, mein Kind. Fontänen, ein Treibhaus für nordeuropäische Pflanzen, wo man künstliche Kälte erzeugt, ein Wildpark für ausländische seltene Tiere und dergleichen.«

»Aber Sie waren doch sonst immer so sehr für die Einsparung eingenommen. Dies würde ja ungeheure Kosten machen«, wandte Judith erstaunt ein.

»Ich habe auch einmal meine Launen«, erklärte der Bankier, »und da ich ihnen lange nicht gewillfahrt habe, so soll es in diesem Fall geschehen.«

Die Damen konnten sich vor Verwunderung und Freude kaum fassen, nachdem der Bankier versichert hatte, dass es ihm mit dem Ankauf der Villa ernst sei. Er verließ sie hierauf, um zu baden.

Das Bad, welches wir schon erwähnten, ist ein kleines Häuschen, an der einen Seite des schwimmenden Gartens angebracht, welches zwischen zwei starken Balken befestigt, die von dem Garten über das Wasser hinausreichten. Durch eine Brücke von fünf Schritt Länge mit dem Garten verbunden, im chinesischen Stil erbaut, hatte es Segeltuchwandungen, die nebst dem Dach aus gleichem Stoff mit Malerfarben bestrichen und bemalt waren.

Sowie man eintrat, konnte man sich trockenen Fußes entkleiden. Dann trat man auf eine geräumige Fläche aus einer Mosaiktäfelung und mittelst eines Mechanismus konnte man sich so weit in das Wasser hinunterlassen, wie man wollte. Auch konnten Schwimmer von hier aus in das offene Wasser gelangen.

Nachdem der Bankier gebadet hatte, rief er seinen Gärtner durch ein Glöckchen, welcher hierauf eine Büchse aus chinesischem Porzellan herbeibrachte, das kostbare wohlriechende Salben enthielt, mit denen er den Bankier über und über einsalbte.

Dann nahm er in Gesellschaft der beiden jungen Damen das Frühstück ein. Sodann aber ließ er sich Tinte und Feder bringen und schrieb:

An die Handlung Abraham Levi in Veracruz.

Den mir durch einen Eilboten überbrachten Brief, datiert von Colombo, habe ich am 5ten empfangen. Ich schärfe dem Herrn Disponenten ein, dafür Sorge zu tragen, dass, falls der dort angekommene ostindische Prinz schon in Veracruz einen Wechsel präsentieren sollte, denselben auf der Stelle zu honorieren. Zugleich weise ich ihn an, die Schritte dieses, jungen unberatenen Herrn, für den ich die lebhafteste Teilnahme fühle, genau zu überwachen und womöglich Zeit und Stunde zu erforschen, wann Seine Durchlaucht nach Mexiko abgehen wird, und mich sofort von allen außerordentlichen Umständen, namentlich Liebschaften, ungesäumt und eilig in Kenntnis zu setzen.

Abraham Levi.

Nachdem er diesen Brief gebrochen, mit einer Adresse versehen und versiegelt hatte, steckte er ihn zu sich, beurlaubte sich von seinen Kindern, wie er die beiden Mädchen nannte, und segelte zur Hauptstadt, um das Schreiben sofort persönlich auf die Briefbeförderungsanstalt zu geben.

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