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Die drei Templer

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Sir Henry Morgan – Der Bukanier 30

Kapitän Marryat
Sir Henry Morgan – Der Bukanier
Aus dem Englischen von Dr. Carl Kolb
Adolf Krabbe Verlag, Stuttgart 1845

Dreißigstes Kapitel

Morgans geistige Erhebung. Die Art, wie er seine Eroberung benutzt. Seine Gewalt und seine Vorteile. Ehrgeizige Träume. Seine schöne Gefangene. Wie er sie behandelt und damit beweist, dass selbst der Teufel nicht ganz so schwarz ist, wie man ihn malt.

Wir haben uns durch die Ereignisse, welche auf die ganze Expedition Bezug haben, soweit hinreißen lassen, dass wir keine Gelegenheit fanden, bei Gegenständen zu verweilen, die unseren Helden bloß persönlich angehen. Es ist gewiss, dass er durch den Verlust seines Freundes Joseph Bradley sehr gelitten hatte, und obwohl er mit einer bewunderungswürdigen Geistesgegenwart begabt war, verriet er doch zuweilen die Unruhe seines Inneren durch plötzliches Zusammenfahren, Unstetigkeit des Temperaments und große Strenge; ja, wo es ohne Gefährdung anging, gab er sich auch wilder Schlemmerei hin, die ihm allmählich zur Gewohnheit geworden war. Bis jetzt hatte zwar Letztere noch keinen merklichen Eingriff in seine Konstitution gemacht. Er schien noch immer in der herrlichen Kraft des besten Alters und in der Majestät männlicher Schönheit zu stehen.

Da er nun ein Offizier seines Souveräns war, so bewahrte er die volle Würde seiner Stellung, wo immer sich dafür Gelegenheit bot. Allerdings benahm er sich im Feld oder auf dem Marsch wie der Bescheidenste seiner Gefährten; im Lager jedoch oder im Quartier war er nur schwer zugänglich und sein Vorzimmer stets mit Offizieren angefüllt. Er hatte dafür Sorge getragen, dass er mit allem wohl versehen war, was seine sinnlichen Vergnügungen erhöhen konnte. Wir wissen nicht, welche Aufnahme unsere Mitteilung finden wird, sehen uns aber doch genötigt, zu sagen, dass er strengen Befehl erteilt hatte, wenn ein Weib von merkwürdiger Schönheit gefangen werde, so solle sie zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht augenblicklich dem Oberbefehlshaber gebracht werden.

Es graute eben ein neuer Tag, und Morgan hatte die meisten seiner Offiziere nach einem wilden Gelage entlassen. Der Wein hatte mehr sein Blut aufgeregt, als seinen Geist verwirrt. Er schritt einsam in einem inneren geräumigen Gemach auf und ab.

Er fühlte sich geistig gehoben, aber weder froh noch glücklich. Oft hielt er in seinem Spaziergang inne und murmelte vor sich hin, aber so leise, dass die Schildwachen an der Tür die Worte nicht verstehen konnten. Wahrscheinlich dachte er an ein neues Reich auf dem südamerikanischen Kontinent, entschieden aber an den Freund seiner Jugend und an seine geliebte Negerin.

Die Parole und das Feldgeschrei wurden alle zwölf Stunden gewechselt. Die Schildwache meldete nun den Kapitän Swan, welcher für diese Nacht die Hauptwache befehligte und von Morgan die Losung für die nächsten zwölf Stunden abholen wollte.

Swan stand einige Minuten vor Morgan, ohne von demselben beachtet zu werden, und sah daher die Gelegenheit, den General, wie er ihn während seines abgemessenen Spaziergangs näherkam, mit den Worten anzureden: »General, wenn ich bitten darf, die Parole.«

»Zoabinda!«, antwortete Morgan, ohne auf den Kapitän zu achten.

»Und das Feldgeschrei, General?«, fragte Swan, aufs Neue seine Gelegenheit erlauernd.

»Joseph Bradley«, erwiderte Morgen in so schwermütigem und weichem Ton, dass der Kapitän zweifelte, ob er wirklich die Stimme des Generals gehört hatte.

»Er war in der Tat ein seltener Geist, General. Ich würde die Hälfte meines Beutenanteiles darum geben, wenn er noch am Leben wäre«, bemerkte Swan.

»Du bist ein ehrlicher Kerl und tapfer – würdest einen vortrefflichen Pair das Reichs abgeben – einen guten Feudalherrn. Ich wollte, dass ich mehr hätte, wie du. Wenn du ein neues Königreich taufen müsstest, wie werdest du es nennen?«

»Je nun, ich würde irgendeinen großartigen griechischen oder römischen Namen wählen – etwas recht Hochtönendes, einen Mundvoll und darüber.«

»Aber warum nicht einen von seinen alten Namen, Mann? Es gibt da ein Ozoakochitzin, Tlotzinpochotlitzn und Huizaquentochintecuhtli und viele dergleichen, aus denen man wählen könnte.«

»Ah so, mein guter General, Ihr habt mir nun gesagt, wo dieses neue Königreich liegen soll. Aber die Namen sind kinnbackenverrenkend und passen nicht für eine Matrosenzunge – der garstigen Rückerinnerungen gar nicht zu gedenken. Ein Whizzaquenstochingculitonianer wäre ein kurioser Kerl, wenn man ihn so anreden müsste.«

»Du sprichst weise – etwas Kurzes, des mit Land endet, wie zum Beispiel England und Schottland. Strenge dein Gehirn noch einmal an, guter Kapitän.«

»Wohlan denn, so lasst es Swanland heißen – nach meinem eigenem Namen – mag es übel nehmen, wer da will.«

»Ein guter Name, wo es Gänse zu beherrschen gibt. Du bist nur ein armer Höfling, Swan, und obendrein ein einfältiger Swan, dass du nicht mit dem Strom schwimmst. Ich will nichts von deinem Namen.«

»Gut, General, so nennt es, wie Ihr wollt, wenn Ihr es kriegt. Ich bitte untertänig um meine Abfertigung.«

»Halt! Ist Kapitän Harry Wells von seinem Ausflug zurückgekehrt?«

»Kurz zuvor, ehe ich hereinkam, um die Losung zu holen, hörte ich seine Trompete vor der Barriere draußen.«

»Recht so. Gute Nacht, mein guter Swan. Sollte dir ein Namen für ein neues Reich einfallen, Swan, wo alle deine Schwänlein Erbherren werden könnten und das alte Sprichwort von den Federn im Nest einträfe … na, du verstehst mich … Gute Nacht.«

Und Morgan war wieder allein.

»St. Catherine ist mein … fruchtbar und unüberwindlich … und Chagré mit seinem unbesieglichen Fort, seiner hübschen, eng zusammengebauten Stadt, seinem sicheren Hafen und der Herrschaft über den schönen Fluss. Hunderttausend Spanier sollten mir es nicht entreißen … und ich wollte gegen die halbe Anzahl Engländer standhalten. Diese herrliche Stadt mit ihren Palästen, ihren stolzen Mauern und ihren edlen Hafen; in der Tat, sie ist der Schlüssel der neuen Welt … und alles dieses ist mein. Ob ich nicht katholisch werden sollte? Es ist eine gute Religion für die Großen. Doch nein, es ist ein Glaube, in welchen die Pfaffen stets dem Königtum in den Weg treten. Meine wilden und tapferen Bukanier, ihr seid allein wert, meine Untertanen zu sein. Bereits bin ich Herrscher über vieles. Aber was nützt es mich! O Zoabinda! Owen! Wo seid ihr? Was habe ich jetzt noch mit Ehrgeiz und Eroberungen zu schaffen? Ich will ein Geizhals werden … zusammenscharren, was ich kann … ein pflichtgetreuer Gatte sein gegen meine zarte, kleine Amelia … Zuckerrohr pflanzen, meine Neger peitschen, gut essen und trinken, alt und morsch werden und sterben. Aber sollte Carl, mein Souverän, diesen meinen kleinen Ausbruch übel deuten … beim heiligen Georg und seinem Drachen obendrein, so will ich selbst Souverän werden und gegen Großbritannien und seinen ganzen Anhang förmlich den Krieg erklären.«

Nachdem unser Held zu diesem befriedigenden Schluss gekommen war, wollte er sich zu seinem goldenen, mit reichen Behängen von den kostbarsten Seidenstoffen versehenen Ruhebett zurückziehen. Da entstand aber plötzlich ein Gewühl in dem Vorzimmer, die Tür flog auf, und im Nu lag eine spanische Dame von ausgezeichneter Schönheit zu seinen Füßen.

Harry Wells und zwei oder drei andere traten zu gleicher Zeit ein. Ersterer war ein wenig aufgeregt vom Erfolg seiner Unternehmung, von der Schönheit seiner Gefangenen und schließlich von unterschiedlichen tiefen Zügen Peru-Weins. Als er daher seinen Rapport abstattete, sprach er ein wenig wirr, indem er auf die Königin von Saba und Salomon in all seiner Herrlichkeit anspielte.

Morgan schaute mit einem mitleidigen, aber doch leidenschaftlichen Blick auf die Dame nieder, lächelte ihr mit mildem Wohlwollen zu und wandte sich dann mit finsterer Miene an Kapitän Wells. »Hoffentlich doch keine Gewalttat, Wells?«, fragte der General.

»Ich kenne meine Pflicht, General.«

»Und die Expedition?«

»Ganz aufgeräumt im Land, alles verbrannt und zerstört, was wir nicht fortschaffen konnten. Kapitän Harry Wells kennt seine Pflicht, General.«

»Und die Gefangenen?«

»Die Hartnäckigen gefoltert, die Widerspenstigen getötet, die Übrigen hierhergebracht.«

»Und die Weiber?«

»Nur etliche und zwanzig reputierliche Personen … haben das Beste, General … ich kenne meine Pflicht … die nächste Beste zu meinem eigenen Quartier geschafft … und mehrere Leute um die übrigen gewürfelt … alles in geeigneter Form … wer will mich meine Pflicht lehren?«

»Ich in der Tat nicht, du guter und getreuer Krieger, aber die Beute, Mann, die Beute?«

»Wohlbehalten in dem Corps de Garde untergebracht. Ich ließ Timothy Bibbledur dabei, um das Inventar aufzunehmen. Hab ich meine Pflicht getan?«

»Vollkommen – das heißt, wenn du überzeugt bist, dass diese Dame keine Rohheit erfahren hat.«

»Rohheit? War sie nicht für Euch aufbehalten, General? Setzt mich in Arrest, wenn Ihr zweifelt, dass ich meine Pflicht getan habe.«

»Ich zweifle nicht daran. Gute Nacht. Lasst Euch aber bitten, dass Ihr … nein, nein … tut nach Eurem Belieben … nur trage ich Euch bei Eurem militärischen Gehorsam auf, morgen früh mit Tagesanbruch nüchtern zu sein.«

»Soll Gehorsam geleistet werden, General, und wenn ich den Augenblick zuvor so betrunken gewesen wäre, wie der alte Decency in einer Nachtschenke. Kenne meine Pflicht.«

Morgan war nun allein, das schöne junge Geschöpf zu seinen Füßen. Er war zu klug, um den Rohen zu spielen oder nur zu früh das Bewusstsein seiner Macht über das Opfer zu verraten. Er richtete das Mädchen mit achtungsvoller Zärtlichkeit vom Boden auf, bot ihr einen Stuhl an und setzte sich in einiger Entfernung von ihr nieder. Um die Stimmung ihres Geistes besser kennenzulernen, tat er dergleichen, als ob ihm die spanische Sprache fremd sei. Sie schien die Beute eines ungemischten Schreckens zu sein, da kein anderes Gefühl, sich zu verraten, Raum fand. Der Erzseeräuber Morgan war ihr in so entsetzlichen Farben geschildert worden, dass sie, wie die meisten spanischen Weiber, glaubte, er könne gar nicht wie ein Mensch aussehen. In der Tat hatte sie sich ihn ungefähr wie den hässlichsten der abschreckenden Teufel, den sie in den Bildern der Kirche gesehen hatte, vorgestellt, nur viel abscheulicher. Die Priester hatten sie so belehrt, und sie glaubte daran, wie an ihr Credo.

Einige Minuten fuhr sie fort, schluchzend um Erbarmen zu flehen, ohne dass sie es wagte, einen heiligen Namen auszustoßen, weil sie den Zorn des Dämons fürchtete, in dessen Gegenwart sie zitterte. Sie flehte um Mitleid, um ihrer Mutter, um ihrer Spielgefährtin willen, versprach, so gut zu sein. Nein, wenn er sie gehen lasse, wolle sie wohl ein bisschen gottlos sein, wolle die Beichte versäumen. Dabei meinte sie, all dies sei nur ein frommer Betrug, für den sie leicht Absolution erhalten könne, da er ja keine boshafte Sünde, sondern nur ein Mittel sei, sich Gnade zu erringen.

Morgan redete sie sodann im mildesten Ton mit einigen englischen Worten an, denn wenn er wollte, war wohl keine Stimme lieblicher als die seine. Diese Anrede, obwohl sie dieselbe nicht verstand, setzte sie in große Überraschung. Sie blickte im Zimmer umher, als erwarte sie außer dem Mann, den sie so sehr fürchtete, eine andere Person gegenwärtig zu finden. So oft jedoch ihr unstetes Auge nieder auf Morgans Kleider fielen, schauderte sie plötzlich zusammen und sah wieder auf den Boden.

Als unser Held bemerkte, dass die Bekanntschaft mit seiner schönen Gefangenen keinen rechten Fortgang nehmen wollte, wenn er sie in englischer Sprache zu beschwichtigen versuchte, so redete er sie, weil er auf das Welsche nicht viel mehr Vertrauen setzte, mit einer Reinheit der Aussprache und einer Zierlichkeit, wie man sie selbst unter den Spaniern selten fand, in der Zunge ihrer Landsleute an. Er sagte ihr, sie solle sich beruhigen, denn nicht er, sondern das schöne Wesen vor ihm herrsche in diesem Gemach. Sie habe nur zu sprechen, um Gehorsam zu finden.

Diese honigsüßen Worte, von der verführerischsten Betonung unterstützt, zogen endlich ihren Blick auf den Sprecher. Sie ließ ihren Blick langsam an dem Marmorboden hingleiten und ersah zuerst Morgans Füße. Er hatte sich derselben nicht zu schämen. Sie holte einen langen tiefen Atem, der sie sehr zu erleichtern schien, schlug dann ihre Hände zusammen, blickte gen Himmel auf und rief mit Inbrunst: »Die Heilige Jungfrau sei gepriesen! Er hat keinen gespaltenen Huf!«

Morgan lachte leicht und begann dann den Teufel, welchen seine Außenseite nicht verriet, mit der gespaltenen Zunge zu spielen, eine Sprache, auf die er sich nur zu gut verstand und die viel zu verführerisch war für die Unschuld. Der Schmeichler goss allmählich sein honigsüßes Gift aus. Ihr feuriger Blick wagte es, an seinen heroischen schönen Zügen zu haften. Bald fand sie ihre dunklen Augen in den milden Glanz der seinen verstrickt. Nie zuvor hatte sie einen Mann von so schönem, stolzen und edlem Gesicht gesehen, der sich vor ihr zu demütigen schien. Die Worte, die er sprach, und die Lieblichkeit seiner Züge standen so ganz im Einklang. Erstere schienen mit körperlicher Schönheit zu erglänzen, seine körperliche Schönheit aber mit Worten begabt zu sein. Sie konnte sich später nicht sagen, ob sie den Eindruck, den er auf sie machte, ihren Augen oder ihren Ohren verdankte. Nur zu bald wand sich der Arm des Verführers um ihren schlanken Leib – zu bald – zu bald hatte sie errötend und nicht widerstrebend die Weinschale aus seiner Hand genommen. Die hinterlistige Glut des Trankes tanzte wild durch ihre Adern. Ihre arglose Unwissenheit begünstigte Morgan; oder vielmehr ihre Unwissenheit eilte, an ihrer Unschuld zur Verräterin zu werden.

Bis jetzt hatten Morgans Lippen ihre runde, flaumreiche Wange nicht befleckt. In der Glut der Leidenschaft hatte er sich zwar schon zweimal ihrem kleinen Mund genähert, aber jedes Mal hielt er mit dem Ruf an sich: »Das arme Kind! Sie ist so jung.« Dann dachte er an das üppige Klima, welches auch eine so zarte Schönheit, wie die ihre war, früh zur Reife brachte. Er erinnerte sich der Geschichten, welche er von der mönchischen Lüsternheit gehört hatte. Sie drängten sich ihm wie ebenso viele Teufel gegen das Gehirn und stießen alle besseren, heiligeren Gedanken aus.

Er hatte jetzt das Opfer auf seine Knie gezogen, bisher es aber noch nicht gewagt, sie mit innigerer Umarmung an sich zu drücken. Sie blickte wie bezaubert zu ihm auf und versenkte ihre unsterbliche Seele in seine milden verräterischen Augen. Hatte sie doch erwartet, in die Gewalt eines Dämons mit blutroten Augen, flammenden Zügen und von abscheulicher Gestalt zu kommen, und nun fand sie sich fast umarmt von einem Wesen, das in ihren Ideen einen Gatten ähnlicher sah, als irgendein menschliches Geschöpf, das sie sich je geträumt hatte. Auch der Glanz und die Pracht seines Anzuges ermangelten nicht, ihr Gefühl tiefer Verehrung zu steigern. Und dann seine Freundlichkeit! Ihr Herz schmolz in der süßesten Dankesempfindung. Bereits liebte sie ihn mit Innigkeit, aber dieser Liebe war kein Funke von unreiner Leidenschaft beigemischt. Sah er doch viel schöner aus, als ihr Vater, und er hatte sich so gütig gegen sie bewiesen, wie ihre Mutter.

»Kannst du mich lieben?«, fragte Morgan, indem er seine Lippen auf ihrer hohen Marmorstirn kühlte.

»O ja … so sehr, sogar sehr! Man hat mir so schreckliche Lügen von Euch vorgeschwatzt … und ich glaubte ihnen … das tut mir leid! Die Spanier sind Memmen … sie sind keine Männer. Sie liefen vor den Piraten davon wie erschreckte Vögel … und doch haben sie ganz anders gesprochen, ehe ihr kamt.«

Mein kleiner Engel! Aber ich bin kein Pirat, ich bin ein Soldat, ein Krieger meines Königs, wie die Spanier Soldaten und Untertanen ihres Königs sind. Wir haben in ehrenhaftem Krieg gegen euch gefochten. Nein, meine schwarzäugige Schönheit, wir sind weder Bukanier noch Geächtete oder Piraten. Du würdest wohl den Führer von solchen Leuten verachten?«

»Wer Ihr auch sein mögt«, versetzte das Mädchen begeistert, »Ihr seid tapfer im Kampf und seht wie ein Tapferer aus!«

»Sprichst du so, meine süße Zauberin? Dann bei meinen Rechten sollst du meine Gebieterin sein.«

»Nein, ich glaube nicht, dass ich dies sein kann«, erwiderte sie in aller Einfalt. »Im nächsten Jahr soll ich den Don Jose Allatraveda heiraten. Ich bin dann fünfzehn – ach und er ist so alt!«

»Du sollst ihn nicht heiraten. Ich werde ihm den Hals abschneiden.«

»Nein, das wünsche ich nicht. Er ist stets gütig gegen mich. Gebt mir heimlich alle Arten von Konfekt, bittet, dass man mir die schwersten Aufgaben erlässt, und wenn ich seine Krücke in die Zisterne werfe, so schlägt er mich durchaus nicht, obwohl er schrecklich droht.«

»Dich schlagen? Und geht der alte Fasler an Krücken?«

»Ach, wie garstig bin ich gewesen. Nein, er geht nicht an zwei Krücken! Er hinkt nur mit einem Bein und kann nicht fortkommen ohne seinen Krückstock.«

»Ungeachtet seiner großen Verdienste soll ihm zuverlässig der Hals abgeschnitten werden, meine hübsche Plauderin; aber gegen dich will ich stets gütig und freundlich sein. Du machst mich wahnsinnig vor Glück – bei diesem und diesem Kusse sollst du mein sein für immer und immer.«

Hierin lag eigentlich nichts. Es waren nur drei oder vier leidenschaftliche Küsse, aber sie erschreckten das junge Mädchen über die Maßen. Sie schien ganz verwirrt zu sein und rief, als sie endlich wieder freier atmen konnte: »Meine liebe Mutter – o meine liebe Mutter!«

In den Tönen ihrer Stimme war etwas, was Morgan zu Herzen ging. Sie kamen ihm nicht fremd vor und däuchten ihm ein Wiederhall zu sein aus lange entschwundenen Jahren.

»Ich bin zu roh – zu vorschnell«, sagte er laut in englischer Sprache, vor sich hin. »Ich muss sie durch sanftere Schlingen für mich gewinnen. Ich werde sie lieben – ich weiß, ich werde sie lieben. Sie soll mir eine zweite Zoabinda sein. Es lodert wahres Feuer in ihr. Sie verachtet ihre memmenhaften Landsleute. Wer mag sie sein? Alles bekundet ihren hohen Rang.«

Dann kehrte er wieder zu der leichten Aufgabe zurück, das Mädchen zu beruhigen. Sie bekannte bald, dass sein Benehmen sie wohl eingeschüchtert, ihr aber nicht missfallen habe. So saßen sie liebend nebeneinander, er sprechend und sie lauschend.

Alle zarteren Entschließungen begannen vor Morgans flammender Leidenschaft hinzuschmelzen. Er nahm sich zuletzt vor, seine ohnehin schon schreckliche Sündenliste durch eine freche Büberei zu vergrößern.

Während dieses langen Gesprächs hatte Morgan befohlen, die Tafel neu zu beschicken. Das Mädchen ließ sich verlocken, wenigstens dreimal so viel Wein zu genießen, als sie je zuvor über einmal getan hatte. Das Mahl war zu Ende und die Nacht weit vorgerückt. Das Mädchen war abwechselnd geschwätzig und wieder stumm, nun voll lachender Heiterkeit, dann voll Tränen. Ihre Augen leuchteten von wechselnden Blitzen, ihr Tritt war unstet, ihr Gehirn wirr. Morgans Aufregung war kaum weniger groß, als die ihre, obwohl er sie vollständig im Zaum hatte.

Sie waren vom Tische aufgestanden. Er hielt ihre Hand fest und wollte eben das zitternde, aber nicht widerstrebende Geschöpfchen in ein anderes Gemach führen, als er sie noch mit einem Kuss auf ihre glühende Wange fragte: »Und wie heißt mein kleines Weibchen?«

»Lynia«, lautete die gedämpfte Antwort.

Wenn über Morgans Haupt das Dach durch einen plötzlichen Blitz zerschmettert worden wäre oder ein Donnerkeil zu seinen Füßen sich entladen haben würde, so hätte er kaum in größerem Erstaunen an die Stelle gebaut sein können, als es bei dieser Antwort der Fall war. Sein Arm, welcher den Leib des Mädchens umfasst hielt, sank nieder. Auch sie blieb regungslos stehen, ohne zu wissen, warum.

Endlich sprach Morgan, aber nicht länger in hastigen wilden Lauten: »Euer Name ist Lynia Guzmann?«

»Ja, Herr«, versetzte sie, einigermaßen an der Feierlichkeit seines Wesens teilnehmend.

»Fahrt fort, Signoretta, erzählt mir alles von Euch und Eurer Familie.«

»Meine Mutter, Herr, ist eine Engländerin, mein Vater aber Antonio Guzmann, der erste Kaufmann in diesem Land und der einzige Bruder des Gouverneurs und Präsidenten Don Perez Guz man, dessen Nichte und, wie man mir sagt, Erbin ich bin. Ich wurde teilweise im Palaste meines Onkels, teilweise im großen Kloster erzogen. Ich hatte Zuflucht im Kloster gesucht, und meine Mutter ist in einem der Schiffe zur See entwichen. Ich versuchte, mit einer Schar Priester und Nonnen über Land nach Carthagena zu kommen, wurde aber in den Wäldern von Euren Leuten aufgegriffen. Meine Mutter war eine Engländerin, eine Landsmännin von Euch. Ich bitte Euch daher, gütig und freundlich gegen mich zu sein.«

»Ich will es, Lynia – ich schwöre es. Wo ist jetzt dein Vater?«

»In Alt-Spanien.«

»Ist dies wahr, Lynia?«

»Vollkommene Wahrheit.«

»Das freut mich. Um deinetwillen, süße Tochter meines Feindes, bin ich ungemein erfreut darüber. He da, so«, rief Morgan seinen Dienern zu, welche augenblicklich erschienen. »Augenblicklich sollen einige von den Nonnen des großen Klosters hierhergeschickt werden. Kapitän Harry Wells hat in der Nacht ein Dutzend aufgefangen. Man soll mir fünf oder sechs der Verständigsten hierher senden.«

Während diesem Befehle Folge gegeben wurde, setzte sich Morgan an Lynias Seite, ohne sich jedoch die geringste Vertraulichkeit zu erlauben, und ließ sie in Kürze ihre eigene und ihrer Mutter Lebensgeschichte erzählen. Endlich langten die Nonnen, welche sich fast zu Tod fürchteten, an. Morgan sprach höflich und ermutigend mit ihnen, indem er ihnen erklärte, dass ihnen ein besonderer Flügel des Palastes zur Verfügung stehe. Sie hätten jedoch Signoretta Lynia als ihre Gebieterin zu betrachten und sollten sich nicht nur einer völligen Sicherheit, sondern auch guter Behandlung zu erfreuen haben, wenn sie sich durch Achtung und Aufmerksamkeit gegen das Mädchen seine und ihre Zufriedenheit erwürben.

Die Nonnen dankten Morgan auf den Knien für seine Milde und Güte. Dieser aber segnete Lynia, als sie sich zu ihrem Gemach entfernte, wie ein Vater seine Tochter segnet. Er hörte noch, wie das Mädchen, als sie das Zimmer verließ, in Tränen die Worte sprach, »sie glaube, sie werde zuletzt doch den alten Don Jose mit seiner Krücke heiraten müssen.«

Morgan kannte sich eines Lächelns nicht erwehren, als er diese trostlose Äußerung vernahm. Nachdem sich die Tür hinter den Abgehenden geschlossen hatte, trank er einen großen Becher Kanarienwein aus, zugleich vor sich hinsprechend: »Der kleine Balg ist doch im Herzen ein echtes Weib, und ich liebe sie darum nur umso mehr. Don Jose soll mir es mit dem Leben büßen, dass er seiner Verlobten entlaufen ist – das heißt, wenn ich ihn erwische. Na, ich bin kein Scipio Afrikanus, und doch hätte ich diese Schändlichkeit nicht vollführen können. Ich wollte darauf schwören, dass niemand über mich ein Geschrei erheben wird, als über einen Spiegel von Selbstverleugnung, und doch habe ich auch einiges Verdienst – das schwarzäugige Kätzchen! Ich werde wahrhaftig so gut schlafen, wie wenn ich den Tarquin gespielt hätte!«

Und es geschah so.

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