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Der Konstanzer Hans Teil 3

W. Fr. Wüst
Der Konstanzer Hans
Merkwürdige Geschichte eines schwäbischen Gauners
Reutlingen, 1852

Drittes Kapitel

Wie Hans unter die Gauner gerät

Gleich nach der Zusammenkunft mit Toni wurde Hans als kaiserlicher Soldat weggenommen unter dem Vorwand, dass sein Pass nicht richtig sei. Sein Vater fand sich mit dem Werbeoffizier durch Bezahlung von 9 Gulden ab, und Hans wurde wieder frei. Diese Summe sollte nun bald möglichst wiedergewonnen werden, und doch ging der Handel damals schlecht. Darauf nahm aber der Vater keine Rücksicht, sondern schimpfte beständig über ihn hinein, dass er zu faul, ungeschickt und nachlässig sei. Diese unverständige Wunderlichkeit, Hitze und Bitterkeit spannte Hansens Seele immer mehr zu einer gefährlichen Reizbarkeit und riefen ihm Tonis Vorschläge stets lockender ins Gedächtnis zurück. Ein neuer heftiger Auftritt, wo der Schuster mit einem Beil auf den Sohn losging, gegen welchen Angriff dieser sich zur Wehre setzte, indem er des Vaters beide Arme festhielt, entschied Hansens künftiges Schicksal.

»Geh zum Teufel«, rief Herrenberger ganz wütend, »oder ich überliefere dich der Obrigkeit, dass sie dich unter die Soldaten steckt.«

Hans nahm seine Warenkiste, machte sich eiligst davon und tat seinen ersten Schritt ins Gaunerleben. Dies geschah im Juli 1777.

Wenn eine Kugel aus dem Feuerrohr abgeschossen worden war, so ist es nicht mehr möglich, ihren weiteren Lauf zu bestimmen. So war es auch bei Hans. Er ging allerdings nicht in der Absicht zu Toni, um bei ihm zu bleiben, sondern nur auf einige Zeit seinem Vater Trotz zu bieten. Aber die Trennung von diesem führte ihn weiter, als er dachte und wollte.

Nicht fern von Überlingen, wo er seinen Vater verlassen hatte, traf er Tonis Stieftochter und eine andere Gaunerin in einem Wirtshaus an. In Kurzem, sagte jene, werde ihr Vater in einem Dorfe bei Rottweil eintreffen; er solle sie dorthin begleiten. Nun gab er unterwegs seine Warenkiste einem Bekannten zur Aufbewahrung, um sie bei seiner Rückkehr wieder abzuholen. Toni selbst war noch nicht in dem bezeichneten Dorf, dagegen ein anderer Gauner, der ihn gleich zu einem Diebstahl verleiten wollte, worauf Hans aber nicht einging. Abends kam Toni mit seinem Weib und seiner anderen Tochter an und empfing Hans aufs Freundlichste, ließ ihm vollauf Speisen und Getränke auftragen und schenkte ihm bessere Kleider. Hans war über diese Gastfreundlichkeit Tonis ganz entzück, und dachte nicht, dass dieser ihn dadurch ganz für sich gewinnen wolle. Dies aber war Tonis Absicht, und Hans sollte bald darüber belehrt werden. Bei der ersten Aufforderung, einen Diebstahl mit zu begehen, widerstand Hans; bei der zweiten aber befahl Toni, wies jedem seinen Posten an, und Hans musste wider seinen Willen mitmachen. Dieser erzählte, wie es ihm zumute gewesen sei auf dem Weg zu dem Bauernhof, wo eingebrochen werden sollte. Das Herz klopfte ihm heftig. Bei jedem Tritt war es ihm, als stäche ihn jemand mit einem Messer in die Füße. Die Angst trieb ihm den kalten Schweiß aus. Je näher sie dem Hof kamen, desto mehr nahm seine Bangigkeit zu, und er wünschte wirklich, dass sie verjagt werden möchten, damit der Diebstahl unterbliebe. Allein er gelang; doch war die Beute nicht groß. Hans musste einen schweren Sack, mit Baumnüssen gefüllt, tragen, unter welchem er fast erlag, da ihn die Angst schon sehr entkräftet hatte. Das Gestohlene wurde am anderen Tag verkauft. Jeder erhielt seinen Anteil, den er gleich durchbringen musste.

Dem nächsten verabredeten Diebstahl wusste sich Hans durch erheuchelte Bauchschmerzen zu entziehen, denn seiner ersten Freveltat folgte bittere Reue und die peinliche Furcht, entdeckt zu werden. Nicht so gelang ihm ein ähnlicher Kunstgriff bei der nun folgenden Unternehmung, wo es sich um Erwerbung eines schönen Kleidervorrats handelte. Dieses Mal könne er, so beruhigte er sich selbst, wohl noch mitgehen; wenn er einmal schöne Kleider habe, so wolle er gewiss keinen Diebstahl mehr begehen; es werde auch nicht gerade entdeckt werden.

Dieses Mal war der Fund bedeutend. Hans staunte sich selbst sehr wohlgefällig an, als er sich in seinem neuen Anzuge sah. Ein schöner Hut, eine Scharlachweste und ein Rock, von Tonis Weib nach der Mode zugerichtet, zierten ihn jetzt. Mit Stolz trat er auf der Harmerspacher Kirchweih unter den Jünglingen auf und überließ sich einer ausgelassenen Lustigkeit. Die Bahn des Lasters war betreten. In diesem Taumel der Lust beunruhigte ihn kein Gedanke an das Verwerfliche und Abscheuliche seiner Tat. Nachdem er noch einen Diebstahl in dieser Gesellschaft mitgemacht hatte, trennte er sich mit einem anderen Kameraden von Toni, weil er sich von ihm bei der Verteilung der letzten Beute betrogen glaubte. Mit diesem Kameraden beging er noch drei Diebstähle, riss sich dann auch von diesem los, nahm seine Kiste wieder auf und eilte zu seinem Vater. Denn er fürchtete, entdeckt zu werden, da ihn mehrere seiner Bekannten auf der Kirchweih zu Harmerspach wegen seiner Kameradschaft mit verdächtigen Blicken angesehen hatten.

Der Empfang bei seinem Vater war aber ein sehr unfreundlicher, indem dieser wegen des neuen Anzuges starken Verdacht auf seinen Sohn hatte. Da Hans ohnehin keine Neigung hatte, bei seinem Vater nun für immer zu bleiben, so würde er gleich jetzt wieder entlaufen sein, wenn die Rücksicht auf seine Sicherheit ihm nicht geboten hätte, einige Zeit bei ihm zu verweilen.

Wenige Tage nach seiner Rückkehr besuchte Hans mit seinen Eltern den Jahrmarkt zu Mühlheim an der Donau. Hier traf er unter anderen Gaunern, die hier unentgeltlich einkauften, auch den Brentemer Seppe an, der die erste Rolle unter den schwäbischen Dieben spielte und auf den Schul-Toni sehr eifersüchtig war. Nach seiner Haltung und seiner Kleidung hätte man ihn für den vornehmsten Mann halten können. Dieser vollendete bei Hans den Unterricht in der Gaunerei, den der Schul-Toni begonnen hatte, und Hans war ein sehr gelehriger Schüler. Bald beging er mit Seppe mehrere Einbrüche, kehrte dann wieder auf einige Zeit zu seinem Vater zurück, log ihm etwas von seinem Aufenthalt und seinen Geschäften vor, ging wieder zu den Gaunern, deren er immer mehrere kennenlernte, stahl mit ihnen und machte dann wieder einen Besuch bei seinem Vater. Diese Lebensart führte Hans bis zu Weihnachten 1777 und hatte bis dahin schon mehrere beträchtliche Diebstähle verübt.

Um diese Zeit kam er nach Harmerspach, wo auch seine Eltern kurz vorher eingetroffen waren. Ein alter Bekannter warnte ihn gleich nach seiner Ankunft, sich in Acht zu nehmen, weil er wegen seiner Kameradschaft mit Gaunern im Verdacht sei, an dem Einbruch auf dem Bauernhof teilgenommen zu haben. Hans wollte dadurch, dass er blieb und sich ganz unbefangen benahm, den Verdacht von sich entfernen. Aber unversehens wurde er nebst seinem Vater verhaftet. Da man damals mit Dieben nicht viele Umstände machte, sondern sie gewöhnlich alsbald hinrichtete, so war Hansens Leben in größter Gefahr, wenn jener Einbruch auf ihn erwiesen wurde. Voll Bangigkeit sah er daher seinem Verhör entgegen, das erst nach acht Tagen erfolgte, und nahm sich fest vor, wie Toni es ihn gelehrt, nichts einzugestehen. Zugleich überfiel ihn oft wirkliche Todesangst. Er bereute es bitter, ins Gaunerleben eingetreten zu sein, und fasste den Entschluss, nie wieder zu stehlen, wenn er dieses Mal mit dem Leben davonkomme.

Sein Leugnen würde ihm aber bei dem genauen und scharfen Verhör nichts geholfen haben, wenn der bestohlene Bauer nicht eine andere Zeit angegeben hätte, in welcher der Diebstahl begangen worden sei. Dies rettete ihn. Von dieser Zeit konnte er seinen Aufenthaltsort genau angeben. Er wurde daher nach etlichen Tagen seiner Haft entlassen, erhielt aber wegen des starken Verdachts, der noch auf ihm ruhte, eine Tracht Prügel und die Mahnung, seinem Vater künftig zu gehorchen und sich nimmer mit liederlichen Leuten einzulassen.

Aus großer Gefahr befreit, von seinem Vater freundlich und liebreich ermahnt und behandelt, hatte Hans den festen Entschluss gefasst, das Gaunerleben für immer zu meiden. Er fühlte sich jetzt wieder so wohl bei den seinen, gehorchte willig, ließ sich den Verkauf seiner Waren sehr angelegen sein und überlieferte seinem Vater ganz ehrlich das erlöste Geld. So trieb er es etliche Monate hindurch, hielt sich entfernt von den Dieben und widerstand fest einer Versuchung des Brentemer Seppe, mit dem er zufällig zusammentraf und der ihn zu einem Gelddiebstahl mitnehmen wollte.

Aber ein neuer Zwist mit seinem Vater, bei welchem Hans übrigens ganz unschuldig war, schleuderte ihn wieder hinaus in das wüste Leben und Treiben. Mit einem Kameraden machte er sich eiligst davon, in der Absicht, bei einem Bauern auf einige Zeit als Knecht zu dienen, und dann wieder zu seinem Vater zurückzukehren. Aber wie Hans bei seiner ersten Entweichung vom Vater bei Toni auf einige Zeit Aufnahme suchte und fand und von ihm ins Gaunerleben eingeführt wurde, so wollte es nun sein unglücklicher Stern, dass er in die Arme des Brentemer Seppe lief, als er Bauernknecht werden wollte. Seppe war hoch erfreut, seinen jungen gelehrigen Schüler wieder zu treffen, und ließ an Speisen und Getränken auftragen, was der Wirt Gutes und Kostbares hatte, wozu ihm die Mittel nicht fehlten, da er eben erst eine Beute von 500 Gulden gemacht hatte. Als Hans ihm den neuen Vorfall mit seinem Vater erzählte, suchte ihn Seppe zu bestimmen, dass er seinen Vater für immer verlassen und sich mit ihm verbinden solle. Aber seine Gefangenschaft in Harmerspach und die dort ausgestandene Angst waren noch zu neu, als dass er sich der Erinnerung hätte entschlagen können. Er mahnte daher seinen Kameraden beständig an den Aufbruch, denn er fühlte das Gefährliche des längeren Bleibens; aber dieser war nicht von der Weinflasche wegzubringen, welche Seppe listigerweise immer wieder füllen ließ. Dem Kameraden zuliebe leerte er selbst ein Glas um das andere und wurde endlich selbst betrunken, dass er nicht mehr an das Fortgehen dachte. Seppe benutzte Hansens Trunkenheit, ihn zur Teilnahme an einem Diebstahl zu bereden, der aber misslang. Auf dem Rückweg von dem misslungenen Unternehmen wurde gleich ein zweites in Vorschlag gebracht, auf welches Hans anfangs nicht einging, weil er nun wieder nüchtern zu werden anfing, durch Seppes beständiges Zureden aber sich doch endlich geneigt zeigte. So war er wieder auf der früher betretenen Bahn des Lasters und beging mit seinem schlimmen Lehrmeister einige bedeutende Diebstähle.

Um diese Zeit kam er mit Seppe nach Oberflacht bei Tuttlingen, wo er seinen Vater antraf, der ihm bittere Vorwürfe über seine Kameradschaft machte, durch Seppes Drohungen aber zum Schweigen gebracht wurde. Kaum hatte der Letztere erfahren, dass Toni in einem benachbarten Dorf mit seinem Gefolge eingezogen sei, um dort die Verlobung seiner Stieftochter mit einem Gehilfen Tonis zu feiern, der früher sein Kamerad gewesen war, so erwachte die alte Eifersucht gegen Toni wieder in ihm. Dieser suchte ihn aber zu besänftigen und bot ihm Frieden an, worauf Seppe seine Pistole in die Luft abfeuerte mit den Worten: »Diese Kugel war eigentlich für dich bestimmt.«

Nun wurde zwischen beiden Freundschaft geschlossen, und Seppe nahm Tonis Einladung zur Teilnahme an der Hochzeitfeier an.

Schon war die saubere Gesellschaft im festlichen Anzug versammelt, um sich an dem großen und ausgesuchten Vorrat von Speisen und Getränken recht lustig zu machen. Da tritt ein Hatschier aus dem benachbarten Spaichingen mit sechs Bewaffneten in das festliche Zimmer und verwandelt die ausgelassene Fröhlichkeit der Gäste in stummes Erstaunen und bange Besorgnis. Da diese befürchteten, das Haus könnte von Bewaffneten umstellt sein, so leisteten sie keinen Widerstand, als man sie mit Ketten paarweise aneinanderschloss. Alle Lust zum Essen und Trinken war nun vergangen.

Der Grund dieser Verhaftung war ein Diebstahl, der in der vorhergehenden Nacht in der Seitinger Kirche begangen worden war und an heiligen Gefäßen, Borten und Kleidern gegen 1000 Gulden betrug. Man glaubte die Täter in dieser Gesellschaft gefunden zu haben, besonders da sie sich durch ihren großen Aufwand verdächtig gemacht hatte. Übrigens war keiner von derselben dabei beteiligt.

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