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Rübezahl, der Herr des Gebirges – Folge 37

Rübezahl, der Herr des Gebirges
Volkssagen aus dem Riesengebirge
Für Jung und Alt erzählt vom Kräuterklauber
Verlag Carl Gustav Naumann, Leipzig, 1845

37. Rübezahl bestraft einen rohen Kriegsknecht noch im Tode.

In Schmiedeberg lebte einmal ein Bursche, der hieß Mecker-Friede, war ein wüster Geselle und tat überall kein Gutes. Er peinigte die Menschen, wo er nur wusste und konnte. Darum nahm ihn niemand mehr in Dienst. Also dachte er: Ich will dem Kalbfell folgen. Krieg ist einmal, und im Krieg ist schon mancher reich geworden. Er ging also unter die Reiter. Nun war damals gerade der Krieg, welcher das arme Deutschland 30 Jahre lang verwüstete, waren der Freund und Feind fast gleich. Überall waren Plünderungen, Mord und Brand. Dem Mecker-Friede war es ganz recht, dass er das alles so ungestraft mitmachen und überall den Herrn spielen konnte. Die Leute kannten ihn und seine Herkunft im Gebirge auch überall gar wohl. Wenn sich da herum eine Reiterschar bilden ließ, so dachten die Leute immer: Wenn nur nicht Mecker-Friede darunter ist. Rübezahl hatte oft auf dem Hochgebirge den Jammer der von ihm geplünderten und misshandelten Leute gehört und jedes Mal gewünscht, ihm einen Denkzettel zu geben. Friedel kam aber seitdem nicht ins Gebirge und der Friede nicht in das unglückliche Deutschland. Als der Wüterich in einer Schlacht tüchtig zusammengehackt und danach wieder zusammengeflickt worden war, brachte man ihn in das Schmiedeberger Spital. Da ruhte er von seinen Taten aus. Die Menschen aber atmete wieder auf.

Tapfer war er gewesen und hatte im Krieg mit seinem Schwert ordentlich im Feind herumgewütet und viele Tausende – nein, wollte sagen, viele Hunderte, nun, gewiss weiß man es nicht, aber viele waren es, erlegt. Und darum, sagte der Wachtmeister, müssten sie ihm noch im Grab eine Ehre antun, denn er war eben gestorben.

Wie sie so vom Turm herab läuteten, so marschierten die Landsknechte mit ihren Lanzen und Feuerröhren, wie sie nun ein jeder hatte, hin zum Trauerhaus, nämlich dem Spital. Der Trommler mit seinen gedämpften Kalbfell ging herzhaft voran. Im Hausflur drinnen standen schon zwei Särge, denn es war zugleich eine alte Spitalfrau gestorben und sollte auch zu ihrer Ruhe gebracht werden. Wie die Landsknechte hineintraten und der Zug fortgehen sollte, zeigte der Spitalmeister auf den einen Sarg und sprach zum Wachtmeister: »Den da!«

So hoben sie ihn auf ihre Schultern, zogen hinaus zum Kirchhof, und der Trommler schlug tapfer vornweg. Hinter dem Sarg kamen die Landsknechte mit ihren Röhren und stellten die Leidtragenden vor, denn der Selige hatte sonst niemanden. Draußen auf dem Kirchhof setzten sie ihn nieder. Der Pfarrherr hielt eine Standrede und sagte: »Wie der Selige nun von seinem irdischen Posten abgelöst und wahrscheinlich, obwohl er es nicht verdient, durch Gottes Gnaden jetzt im Himmel sei, werde er sich da gewiss noch viel mehr ärgern, wenn er daran denke, was er hier unten verübt hat.«

Sie wollten also noch ein andächtiges Vaterunser für seine arme Seele beten. Derweil stellten sich die Schützen auf. Wie man den Sarg in die Grube gesenkt hatte, so schossen die Schützen mit ihren Röhren dreimal über das Grab. Der Trommler wirbelte dazu, dass es eine Lust war. Hierauf ging jeder nach Hause.

Mittlerweile war der Pfarrherr zum Spital zurückgekehrt, weil er dachte: Jetzt holen wir die alte Anne Rosine. Dort war auch alles bereit. Nachdem die Schuljugend die üblichen Sterbelieder abgesungen hatten, nahmen die Spielleute den Sarg und trugen ihn in zahlreicher Begleitung hinaus. Denn die alte Anne Rosine war im Ort eine berühmte Person gewesen und hatte viele Freundschaft, Gevatter Leute und Klatschschwestern da. Die alle waren zugegen und gaben ihr das letzte Geleit. Als nun alles vorbei war und es zum Einsenken kam, da stellten sich die Begleiterinnen um den Sarg und wollte, wie es damals Sitte war, die Tote noch einmal sehen, ihr die Hand drücken und Abschied von ihr nehmen. Die Träger hoben also den Deckel weg, und die Frauen wendeten ihre Köpfe darauf zu. Aber mit einem Mal schalte von all den Frauen ein einziger Schrei. Sie nahmen Reißaus und rannten, als ob ihnen der Kopf brannte, in die Stadt zurück. Denn drinnen im Sarg lag niemand anderes als der alte Mecker-Fried, der Kriegsknecht, zwar starr und steif, aber im ledernen Koller, mit der Pittelhaube auf dem Kopf und sein gutes Schwert an seiner Seite und schwor sich nun um die ganze Welt nichts mehr.

Sie hatten also den ungerechten Sarg erwischt und über die alte Anne Rosine feierlich geschossen und getrommelt. Das hat auch nichts zu bedeuten, denn wer wie sie, 96 Jahre, worin gar der ganze 30-jährigen Krieg steckt, durchgemacht hat, der hat gewiss auch manchen Kampf bestanden und trägt am Ende verdienter die Krone der Ehren als vielleicht der berühmteste Feldherr.

Viele aber sagten, das sei nicht mit rechten Dingen zugegangen und meinten, es sei ein Stücklein von Rübezahl, der dem alten Friede noch im Tod eins angehängt hatte, weil er so oft der Menschlichkeit vergessen hatte. Gewiss weiß das der Kräuterklauber zwar nicht, aber er glaubt es. Darum erzählt er es hier, damit sich die kriegslustige Jugend daran spiegele und merke: Auch im Krieg muss man Menschlichkeit üben, denn es ist gar zu schön, sogar seinem Feind wohl zu tun.

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