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Die drei Templer

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Anne Boleyn Band 1 – Kapitel 5

Gräfin Luisa Mary von Robiano
Anne Boleyn
Historischer Roman, Constenoble, Jena 1867
Erster Band

5.

Das Feld von Gold. Die königlichen Verehrer.

Mit Recht wird jene Zusammenkunft zwischen Heinrich VIII. und Franz I. das Lager oder Feld von Gold betitelt, denn selten oder nie entwickelte ein europäisches Land ähnlichen Luxus. Sogar der Teppich unter Katharinens Thronsessel im gemeinschaftlichen Empfangszelt, dessen Bedeckung von dem schwersten weißen Brokat, reich mit Gold gestickt, schimmerte von köstlichen Steinen und Perlen. Beide Fürsten brachten die Blüte des Adels von ihren Landen mit sich. Ritterspiele, Feuerwerk und Vergnügungen jeglicher Art waren bereitet worden, um die Gäste würdig zu unterhalten. Heinrich und Franz legten die innigste Zärtlichkeit füreinander an den Tag. Beide Monarchen erschienen außerhalb ihres Zeltes Arm in Arm. Auch die Königinnen schlossen Freundschaft. Täglich besuchten sie sich und blieben ohne Gefolge einige Stunden in traulicher Gemeinschaft beisammen; ein Umstand, welcher dem Hof mehr Freiheit gewährte. Unter denen, welche im hohen Grad das Wiedersehen ihrer Freunde und Verwandten genossen, befand sich Anna, da ihr Vater mit seiner zweiten Gattin und der lieblichen Schwester Mary das Königspaar begleitete. Das Mädchen erhielt auf ihre Bitten die Erlaubnis, Annas Zelt zu bewohnen. Wieder, zum ersten Mal seit Jahren, teilten sie ein gemeinsames Lager. Als sie sich allein befanden, rief Anna entzückt aus: »Mary, wie bist du so schön geworden!«

»Und du, meine Anna«, erwiderte Mary im alten Ton der Liebe, »ich hätte dich fast nicht mehr erkannt. Dein Wesen ist ein ganz anderes geworden. Du siehst aus wie eine Königin, so stolz und sicher. Bist auch wohl sehr glücklich in Frankreich? Wir hörten manchmal, wie du bewundert würdest und geliebt.«

»Bewunderung und Liebe sind zwei verschiedene Sachen, mein süßes Herz. Ich bin weder wahrhaft geliebt noch liebe ich selbst.«

»So ist dein Herz noch frei? Du Glückliche!«, fragte Mary leicht errötend. »Es ist so bitter, recht von Herzen zu lieben, und doch entsagen zu müssen.«

»Ist denn der Mann deiner Liebe so hoch über dir, dass meine Mary nicht Gegenliebe

hoffen dürfte? Komm, liebes Kind«, fügte Anna liebkosend hinzu, als die Schwester schwieg und das reizende Köpfchen senkte. »Lass uns redlich miteinander plaudern. Wer weiß, wann wir uns wiedersehen. Schäme dich nicht, mir alles zu gestehen. Auch ich habe ein Geheimnis, das du kennen sollst. Ist das Gerücht, das nach Frankreich gedrungen, wahr? Erwiderst du König Heinrichs Liebe?«

»Nein, nein!«, rief Mary aus und warf sich weinend in Annas Arme,»glaube nichts Böses von mir, Anna. So wahr ich lebe … ich will seine Liebe nicht … ich hasse ihn, weil er mir Kummer macht, und Carey von mir entfernt … Gewiss, ich liebe den König nicht — aber ich muss seine Neigung dulden, denn er lässt mich nicht vom Hof fort. O, du glaubst nicht, wie er mich ängstigt mit seiner feurigen Liebe, wie zärtlich er mich bittet, diese Liebe zu erwidern. Aber ich tue es nicht!« rief sie heftig aus. »Und wenn ich ihn noch so sehr liebte, nie würde ich die Todsünde begehen, meine edle Gebieterin zu verraten!«

»Was sagen die Eltern dazu?«, fragte Anna.

»Der Vater hat wiederholt um meine Entlassung gebeten, und ich habe die Königin fußfällig um diese Gnade ersucht, aber sie sagt mir immer, der König wünsche, dass ich bleibe.«

»So ahnt sie Heinrichs Untreue?«

»Vermutlich, denn sie ist seit einiger Zeit nicht mehr so freundlich gegen mich und fordert mich nie mehr auf, ihr wie sonst vorzusingen oder vorzulesen. Ach, liebste, beste Anna, rate du mir. Könntest du mich nicht mit dir nehmen? Man sagt, du habest vielen Einfluss am Hof – und König Franz zolle dir viele Bewunderung. Verdenke es ihm nicht, er müsste keine Augen haben, wenn er meine schöne, kluge Anna nicht auszeichnete.«

»Er tut mehr als mich auszeichnen, Liebling. Er hat mir dieselbe Ehre zugedacht, wie König Heinrich dir. Meiner Treu! Unser Vater darf auf seine Töchter stolz sein, dass man sie zu königlichen Konkubinen erheben will!«

Annas Augen sprühten in diesem Augenblick und ihre Wangen glühten in edler Entrüstung. Sie machte sich sanft von der Schwester los und schritt rasch einige Male im Zimmer auf und ab.

»Wir sind recht unglücklich«, sagte Mary schluchzend. »Ach, wären wir doch daheim in unserm schönen, stillen Never geblieben!«

»Die Männer sind in jedem Lande gleich, Liebe«, erwiderte Anna, »darum müssen wir Frauen um so fester bleiben, ihre Huldigung hinnehmen und schätzen wie ein Kind das Spielzeug – weiter nicht.«

»Sie sind doch nicht alle schlecht. Carey ist es nicht, seine Liebe ist so zart, so sittsam, sein sehnlichster Wunsch ist, mich zu heiraten.«

»Warum tut er es denn nicht?«, fragte Anna scharf. »Warum duldet er als Mann von Ehre, dass ein anderer seine Braut beleidigt?«

»Es ist ja der König«, sagte Mary schüchtern. »Von einem anderen litte er es nicht.«

»Der König ist auch nur ein Mann, und noch dazu ein schlechter«, erwiderte Anna. »Sage Carey, er solle offen hervortreten und seine Ansprüche auf deine Hand geltend machen. Wenn er es nicht wagt, vertraue dich offen der armen Königin an. Es liegt auch in ihrem Interesse, dich zu vermählen. Einmal Careys Gattin wird Heinrich dich in Ruhe lassen.«

»Horch!«, unterbrach sie Mary. Anna blieb stehen und lauschte gespannt. Vor ihrem Zelt vernahm sie ein bekanntes Troubadourlied, das von einer gedämpften, aber weichen, melodischen Stimme gesungen wurde. Am Ende des ersten Verses nahm eine andere, tiefere, aber ebenfalls schöne Stimme den Refrain auf: »Vieriz, belle stuile!« Und vollendete das Lied, worauf alles wiederum still wurde.

Mary war hastig und erschrocken von ihrem Sitz aufgesprungen, auf dem sie halb ausgekleidet saß. »Mein Gott«, stammelte sie, »das war König Heinrichs Stimme! O, nicht einmal hier verschont er mich!«

»Und der erste Sänger war König Franz«, sagte Anna gleichgültig. »Solche Tollkühnheit sieht ihm gleich. Aber sei ruhig, Liebchen, sie sind fort. Lösche die Kerze und legen wir uns zur Ruhe, Mitternacht ist vorbei. Wir hätten es früher tun sollen. Unser Licht hat verraten, dass wir noch wach sind.«

Am folgenden Morgen dankte Anna König Franz mit einem zärtlichen, koketten Blick ihrer herrlichen Augen für die Auszeichnung, während die schüchterne Mary vor dem Adlerauge Heinrichs das liebliche Haupt senkte und eine jungfräuliche Verschämtheit ihr Madonnenantlitz rötete. Katharina gewahrte es, ein leichter Schatten von Kummer flog einen Augenblick über ihre edlen Züge, ein Seufzer entstieg ihrer Brust, als sie sich zu der neben ihr sitzenden Königin Claude wandte.

»Ist sie nicht himmlisch?«, fragte begeistert Heinrich den Franzosenkönig eine Stunde später.

»Par dieu, mon cher frère. »Die Sterne an Eurem Hof verdunkeln nos beautés wie eine Sonnenfinsternis die Erde. Ich möchte wünschen, unsere Throne tauschen zu können. Nur einen Vorzug besitzen unsere Damen.«

»Der wäre?«

»Dass sie minder spröde und unbittlich sind. Ich habe meiner stolzen Boleyn schon mehr gute Worte gegeben, als ich in meinem Leben dem ganzen Weiberreich geschenkt habe. Ihr seid noch nicht glücklicher bei Eurer Madonna?«

»Sonst wäre sie auch keine Madonna!«, sagte Heinrich. »Ich würde nie ein Weib schätzen, das sich mir à la premiere atta`que ergäbe.«

»Man lobt Euer eheliches Glück, Sire«, warf Franz fragend ein. »Wie benimmt sich Katharina bei Euren amours?«

»Katharina ist das edelste Weib auf Erden«, entgegnete Heinrich, plötzlich ernst werdend, »ich achte sie von ganzer Seele … und liebe sie auch … aber …«

»Das Herz ist groß genug, um zwei zu fassen«, gab Franz lachend von sich. »Aber wie findet Ihr mein Ideal? Sie ist noch schöner als Mary.«

»Sie ist mir nicht besonders aufgefallen«, antwortete Heinrich gleichgültig.

»Par dieu«, rief Franz lebhaft, »dann habt Ihr das Schönste an meinem Hof nicht betrachtet. Wen jene Augen anlächeln, bleibt gefangen. Eure eigene Liebe macht Euch blind gegen alles Übrige.«

»Ihr könnt recht haben, mon frère, meine ganze Seele hängt an Mary. Claude sagt mir, Anna wünsche die Schwester mit nach Frankreich zu nehmen«, warf Franz zögernd hin. »Ich versprach, bei Euch darum anzuhalten …«

»Nie, nie«, rief Heinrich heftig, »mit meinem Willen verlässt sie England nicht.

Fordert, was Ihr wollt, mon frère, nur Mary nicht. Lieber entsagte ich meinem Thron, als dem Anblick dieses Engels.«

»Das genügt«, sagte Franz, »obwohl ich gern Anna den Gefallen getan hätte.«

»Kein Wort davon gegen Katharinea«, bat Heinrich. »Ich sehe es ihr an. Schon lange sucht sie eine Gelegenheit, das Mädchen vom Hof zu entfernen. Es ist die erste Bitte, die ich ihr abgeschlagen habe. Es kann nicht sein.«

Franz nickte leicht mit dem Haupt, und die Freunde trennten sich.

Am letzten Tag, ehe die beiden Höfe sich trennten, hielt der Kardinal Wolsey ein feierliches Hochamt. Die beiden Königspaare empfingen das heilige Abendmahl zum Pfand einer festen Treue, welche jedoch bekanntlich bald wieder gebrochen wurde.

Man schied unter den Umarmungen und den Versicherungen der innigsten Freundschaft.

Anna kehrte mit der Königin nach Paris zurück, doch sollte sich ihr Schicksal bald freundlicher gestalten.

Margarete, die schöne, geistreiche, aber auch leichtsinnige Schwester Königs Franz, hatte längst die Liebe des Bruders für die junge Anna erraten sowie dessen Wunsch, das Mädchen aus der klösterlichen Umgebung Claudes zu befreien.

Als Franz, hingerissen von Annas Anmut und Liebenswürdigkeit, sie zwang, sich vom ersten Maler der Residenz malen zu lassen1, überraschte Margarete ihn durch die Bitte, Anna ihrem Dienst abzutreten.

»Ein König hat die Pflicht, für das Wohl seiner Untergebenen Sorge zu tragen«, sagte die Prinzessin mit einem mutwilligen Blick. »Das Mädchen ist unglücklich bei deiner strengen Gemahlin, und ihr reich ausgestatteter Geist verkrüppelt im Boden der siechen Frömmelei.«

»Du hast recht«, erwiderte Franz und drückte die Hand seiner Schwester. »Du willst zugleich für sie und für mich sorgen. Claude fängt an, argwöhnisch zu werden, und findet stets Mittel, das Mädchen bei meinen Besuchen zu entfernen.«

»Hm! Ich dachte es mir, dass es so mit Euch stände!«, sagte Margarete, leicht mit dem Finger drohend. »Aber Claude wird sie mir nicht abtreten wollen. Du weißt, sie hält mich eben nicht für die geeignete Hüterin einer reinen Seele!«

Franz lachte. »Überlass mir die Sorge«, sagte er. »Gib inzwischen dem Mädchen im Geheimen einen Wink von unserer Absicht, Schwesterchen. Mein Wort darauf, sie wird uns helfen.«

Franz hatte Anna nur zu gut erkannt. Freudestrahlend ergriff sie die Gelegenheit, ihrem Gefängnis zu entfliehen, und die sanfte Claude, welche nie ihrem Gemahl widersprach, willigte in die Entlassung Annas ein.

Ein neues Leben ging dem jungen Mädchen im lebensfrohen, verführerischen Haushalt der reizenden Margarete auf. Bald nahm sie auch hier unter den Künstlern und Gelehrten sowie unter den großen Schönheiten des damaligen Adels eine hervorragende Stellung ein.

Show 1 footnote

  1. Das Porträt befindet sich noch im Louvre.

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