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John Sinclair Classics Band 17

Jason Dark (Helmut Rellergerd)
John Sinclair Classics
Band 17
Amoklauf der Mumie

Grusel, Heftroman, Bastei, Köln, 24.04.2018, 66 Seiten, 1,80 Euro, Titelbild: Ballestar
Dieser Roman erschien erstmals am 29.04.1975 als Gespenster-Krimi Band 85.

Kurzinhalt:
Der bekannte Archäologe Professor Cornelius findet nach langer Suche endlich das Grabmal des An Chor Amon, eines legendären ägyptischen Pharaos.

In seiner Gier und in der Absicht, seinen Namen international bekannt zu machen, hebt er die Mumie aus dem Sarg und bringt sie nach London, um sie Fachkollegen aus der ganzen Welt vorzuführen.

Doch dann kommt alles anders. Die Mumie erwacht zum Leben, und eine schreckliche Mordserie nimmt ihren Anfang.

Niemand kann die mordende Mumie stoppen. Selbst Geisterjäger John Sinclair vom Scotland Yard steht auf verlorenem Posten …

Leseprobe

Phil Lester, der junge Archäologe, keuchte vor Aufregung. Die schwere Stablampe in seiner Hand zitterte. Unruhig tanzte der Lichtstrahl über die riesigen Steinquader. Phil Lester hatte sein Ziel erreicht. Er hatte An Chor Amons Grab gefunden! Das Grab, nach dem jahrelang viele Wissenschaftler aus aller Welt vergeblich gesucht hatten.

Zögernd betrat Phil Lester die Grab­kammer. Wenige Schritte trennten ihn noch von der Mumie.

Und da geschah es!

Urplötzlich gab der Boden unter Lesters Füßen nach. Als der junge Wissenschaftler einen Entsetzensschrei ausstieß, raste er schon in die gähnende Tiefe …

Abrupt blieb Professor Cornelius stehen. So plötzlich, dass die hinter ihm gehende Tessa Mallay fast gegen ihn geprallt wäre.

»Was ist, Profe…«

Mit einer heftigen Armbewegung stoppte Cornelius die Frage seiner As­sistentin.

»Da war doch eben ein Schrei, zum Teufel!«

»Ich habe nichts gehört«, meinte Tessa. Sie wandte den Kopf. »Sie etwa, Achmed?«, fragte sie den schräg neben ihr stehenden Ägypter.

Achmed Haddur, Wissenschaftler an der Universität von Kairo, zuckte die Schultern. Ihm hatte diese Expedition sowieso nicht gefallen. Er war dagegen gewesen, doch die Regierung hatte ihn als Begleiter bestimmt.

Haddurs sonst sonnenbraunes Ge­sicht wirkte im Schein der schweren Lampen fahl und bleich. Man konnte diesem Mann ansehen, dass er Angst hatte. Angst vor der Vergangenheit, die schrecklich und kaum erforscht war.

Die Luft in dem riesigen Felsengrab war zwar schlecht, aber man konnte noch atmen. Durch irgendwelche Schächte strömte Sauerstoff in die Gänge.

»Sie müssen sich getäuscht haben, Professor«, sagte Tessa.

»Nein!« Entschieden schüttelte Cornelius den Kopf. »Getäuscht habe ich mich nicht. Außerdem hat sich Phil von unserer Gruppe getrennt. Er wird in Schwierigkeiten stecken, dieser verdammte Narr. Warum hat er nicht auf uns gehört? Jetzt ist es vielleicht zu spät.«

»Noch ist nichts bewiesen«, meinte Tessa.

Professor Cornelius lachte hart auf. »Den Beweis werde ich Ihnen bald lie­fern. So, und jetzt weiter.«

Die Gruppe schlich durch das Gang­labyrinth der Grabkammer. Überall gab es kleine Nischen, die wie unergründli­che Höhleneingänge wirkten.

Alles war fremd und unheimlich.

Tessa Mallay hatte Angst. Die Aben­teuerlust war ihr längst vergangen. Sie sehnte sich wieder nach England zurück.

Tessa war Archäologiestudentin. Mit ihren zweiundzwanzig Jahren hatte sie sich schon ein außergewöhnliches Wissen angeeignet, sodass Professor Cornelius sie auf diese Expedition mitgenommen hatte. Tessa war ein hübsches Mädchen. Sie hatte kurz geschnittenes, schwarzes Haar und ein etwas rundes Gesicht, das ihr ein wenig das Aussehen einer Puppe gab. Ihre Augen waren leicht schräg gestellt und hatten eine grüne Farbe.

Tessa trug genau wie die beiden Män­ner Tropenkleidung und einen Helm auf dem Kopf.

Professor Cornelius hatte die Spitze übernommen. Der breite Lampenstrahl erhellte die finsteren Gänge. Achmed Haddur, der Ägypter, malte Wegmarkierungen an die Steinquader, damit hinterher der Rückweg gefunden wurde.

Immer tiefer ging es in das Felsen­grab.

Die Luft wurde schlechter. Die Men­schen waren schweißgebadet. Atemge­räte lagen draußen im Jeep. Bis jetzt waren sie ja ohne ausgekommen.

Plötzlich blieb Professor Cornelius stehen. Der Arm mit der Lampe machte einen Schlenker nach rechts.

Ein schmaler Stollen wurde aus der Dunkelheit gerissen. Aber noch etwas anderes konnte man sehen.

Fußspuren!

Wie gezeichnet waren die Abdrücke auf der Staubschicht zu sehen. Der Staub lag wie ein Teppich auf dem Gang, verschwand jedoch nach einigen Metern.

»Hier muss Phil hergegangen sein«, sagte Tessa. Ihre Stimme zitterte.

»Ja.« Professor Cornelius betrat als Erster den Stollen. Er musste den Kopf ein wenig einziehen, um nicht mit der Decke in Berührung zu kommen.

»Da, sehen Sie doch, Professor«, rief Tessa Mallay plötzlich, »die Grabkam­mer!«

Cornelius blieb stehen. »Tatsäch­lich«, flüsterte er beinahe ehrfurchts­voll, »das Grab des An Chor Amon!«

Der große Felsquader, der die Grab­kammer verschlossen hatte, war zur Seite geschwenkt. Jemand musste sich des geheimen Mechanismus bedient haben.

»Phil wird schon da sein«, sagte Cor­nelius.

»Aber warum meldet er sich nicht?« Tessa stellte voller Angst die Frage.

»Wir werden ja sehen.«

Professor Cornelius ging weiter, er­reichte den Eingang der Kammer und …

»Mein Gott«, flüsterte er.

»Was ist denn?« Tessa trat schnell an den Professor heran. Auch sie blickte in die Grabkammer und unterdrückte im letzten Augenblick einen Schrei.

Dicht hinter dem Eingang tat sich die gähnende Tiefe eines Schachtes auf.

»Herr im Himmel, Phil«, schluchzte Tessa.

Professor Cornelius wandte sich um. Kein Mitleid stand in seinen Au­gen, sondern die kalte Gier nach der im offenen Sarkophag liegenden Mumie.

»Er hat es nicht anders gewollt«, sagte Cornelius knapp.

Tessas Kopf ruckte herum. »Was sind Sie nur für ein Mensch, Professor!? Sie … Sie …«Ihre Stimme brach ab.

»Wir sollten umkehren«, meldete sich Achmed Haddur. »Lesters Verschwin­den sollte uns eine Warnung sein. Die Götter haben sich gerächt, haben den Frevler bestraft.«

Professor Cornelius wirbelte herum.

»Sind Sie wahnsinnig, Haddur? Ich kehre doch nicht um. Jetzt nicht, wo ich am Ziel meiner Wünsche stehe. Wenn Sie das Wort noch einmal in den Mund nehmen, werde ich dafür sorgen, dass Sie Phil Lester folgen. So, und jetzt wer­den wir die Mumie holen. In London wartet man schon darauf.«

Cornelius wollte Vorgehen, doch Haddur hielt ihn am Ärmel fest.

»Überlegen Sie es sich, Professor. Noch haben Sie Zeit. Ich werde nicht dulden, dass …«

Cornelius explodierte. Seine ganze Wut entlud sich wie ein Gewitter über den armen Haddur. »Sie widerlicher Kriecher, Sie. Ich werde es Ihnen zei­gen.«

Cornelius’ Faust schoss vor. Der Schlag dröhnte in den Magen des Ägyp­ters. Der Mann wurde zurückgeworfen und prallte gegen die Wand. Er hatte den Mund weit aufgerissen und zog pfeifend die Luft ein. Doch Cornelius hatte noch längst nicht genug. Er wusste, dass der Ägypter ihm Ärger machen konnte, des­halb handelte er hart und konsequent.

Er packte den schmächtigen Haddur am Stoff seines Hemdes, wirbelte ihn herum und warf ihn auf den Schacht zu.

Der gellende Aufschrei des Ägypters verlor sich in der unendlichen Tiefe.

Tessa Mallay war unfähig, sich zu rühren. Aus schreckgeweiteten Augen hatte sie der Aktion des Professors zuge­sehen. Erst als Haddur in dem Schacht verschwand, erwachte sie aus ihrer Lethargie.

»Mörder!«

Schaurig gellte ihr Schrei in dem riesigen Felsengrab wider.

Tessa warf sich vor und trommelte mit beiden Fäusten gegen die breite Brust des Professors.

Cornelius machte kurzen Prozess. Er schlug seine flache Hand in das Gesicht des Mädchens.

Ein glühender Schmerz raste durch Tessas Kopf. Die Studentin taumelte zurück. Tränen der Wut, Angst und Hoffnungslosigkeit schossen aus ihren Augen.

Professor Cornelius lachte. Es war ein gemeines, teuflisches Lachen. Mit zwei Schritten hatte er Tessa erreicht. Hart packte er ihr Handgelenk.

Tessa schrie auf. »Sie tun mir weh! Sie …«

»Interessiert mich nicht«, zischte Cornelius. »Und jetzt hör mal genau zu, mein Mädchen. Du hältst über das, was du gesehen hast, die Klappe. Oder du wirst genauso enden wie die beiden anderen. Verstanden?«

Tessa nickte.

Cornelius ließ sie los. »Ich lasse mir meine jahrelangen Forschungen nicht kaputt machen. Für die Wissenschaft müssen Opfer gebracht werden. Dabei spielen ein oder zwei Leichen keine Rolle. Wir werden jetzt die Mumie holen und sie hier herausbringen. Dann wird sofort gefahren. Und kein Wort mehr.«

Tessa Mallay wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie wusste, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als zuzu­stimmen, wenn sie nicht das gleiche Schicksal erleiden wollte wie Achmed Haddur.

Professor Cornelius blickte die junge Studentin noch einige Sekunden lang an. Dann sagte er: »Los jetzt!«

Cornelius betrat als Erster die Grab­kammer. Vor dem offenen Sarkophag blieb er stehen.

Aus brennenden Augen starrte er auf die Mumie. Sie war groß. Über zwei Meter.

Der Körper des Königs An Chor Amon war mit grüngelbem Leinen um­wickelt, in der Höhe der Augen gab es seltsamerweise zwei Schlitze.

Der Sarkophag war geräumig, so- dass allerlei wertvolle Gegenstände Platz hatten. Ein Vermögen an Gold und Edelsteinen lag hier. Prüfend ließ der Wissenschaftler die herrlichen Geschmeide durch die Hände gleiten. Es funkelte und gleißte im Licht der Lampe.

Professor Cornelius steckte so viel in seine Taschen, wie er tragen konnte.

Dann warf er einen Blick über die Schulter.

Tessa stand noch immer vor dem Schacht.

»Kommen Sie!«, befahl Cornelius.

Tessa sprang über die Öffnung. Am Fußende des Sarkophags blieb die Stu­dentin stehen. Ihr Blick glitt über die Mumie. Tessa konnte nicht vermeiden, dass ihr eine Gänsehaut über den Rü­cken lief.

Professor Cornelius wandte den Kopf und sah ihr direkt ins Gesicht. Tessa hielt seinem Blick stand. Sie hatte den Schock überwunden und sieh genau überlegt, wie sie sich verhalten musste.

Professor Cornelius war ein großer, breitschultriger Mann. Er war Jung­geselle und zweiundvierzig Jahre alt. Sein Haar war fahlblond und glich einer wahren Löwenmähne. Ein sichelför­miger Schnurrbart zog sich bis zu den Kinnwinkeln hin. Seine Nase war breit und fleischig, und die Augen lagen tief in den Höhlen.

»Los, fassen Sie mit an«, verlangte Cornelius.

Er hatte das Seil von seiner rechten Schulter genommen und es der Mumie über den Oberkörper geschlungen.

Seine Hände fuhren über das uralte Leinen. Er hatte erwartet, dass es brü­chig sein würde, doch das Gegenteil war der Fall. Es war nahezu fest, wirkte direkt wie neu.

Seltsam …

Cornelius machte sich keine weiteren Gedanken darüber. Er wollte erst mal die Mumie aus dieser Grabkammer hi­nauskriegen.

Die Mumie war schwer. Die bei­den Wissenschaftler schufteten im Schweiße ihres Angesichtes. Vor allem Tessa machte die Arbeit ungeheuer zu schaffen.

Es war ein Problem, die Mumie über den Schacht zu transportieren. Aber sie schafften es.

Für den Weg durch die Gänge brauchten sie mehr als eine Stunde. Tessa musste Pausen einlegen, da sie sonst zusammengebrochen wäre.

Professor Cornelius hielt sich zurück. Er wollte das Mädchen auch nicht trei­ben, denn er fühlte, dass sie ihr Bestes gab.

Die Gedanken des Professors liefen in eine ganz andere Richtung. Er wollte später – etwa in einigen Monaten – noch einmal allein hierher zurückkehren. Zu viele Schätze hatte er noch in der Kam­mer liegen lassen müssen.

Schließlich hatten sie es geschafft. Der Ausgang lag vor ihnen.

Dunkelblau spannte sich der Himmel über die Nubische Wüste. Unzählige Sterne funkelten am Firmament. Ein blasser Halbmond sandte sein Licht auf das weite, ausgedörrte Land.

Das Grab lag in einem Tal, das von hohen Felsen eingeschlossen war. Es gab nur einen schwer befahrbaren Zugang. Deshalb hatten sie auch zwei Einheimi­sche – Fellachen – mitgenommen, um sie eventuell als Träger zu benutzen. Das hatte sich jedoch als unnötig erwiesen.

Es war kalt in dieser Wüstennacht.

Professor Cornelius und Tessa Mal­lay begannen sofort zu frieren. Nur gut, dass sie Decken dabei hatten.

Wie ein dunkles Dreieck hob sich das kleine Zelt von dem harten Boden ab. Daneben standen die Jeeps, überzogen mit einem Staub- und Sandschleier.

Die Mumie wurde vorsichtig zu Bo­den gelegt.

»Wo sind denn diese verdammten Halunken?«, knurrte der Professor. »Die werden sich doch nicht etwa aus dem Staub gemacht haben?«

Mit den Halunken meinte er die bei­den von ihm angeheuerten Fellachen.

Im gleichen Augenblick hörte der Professor rechts neben sich das harte Knacken eines Gewehrschlosses …

Personen

  • Phil Lester, Archäologe
  • Professor Cornelius
  • Achmed Haddur, Wissenschaftler an der Universität Kairo
  • Tessa Mallay, Studentin der Archäologie
  • Fellache
  • Zugschaffner
  • Omar Karem, Bahnangestellter
  • Polizeibeamte
  • McGrath, Nachtwächter im Natural History Museum
  • Mumie des An Chor Amon
  • John Sinclair, Inspektor bei Scotland Yard
  • Bill Conolly, Reporter
  • Museumsbesucher
  • Sheila Conolly, Bills Ehefrau
  • Inspektor Spencer
  • Konstabler Waymire
  • Sir Arthur Wickfield, Stellvertretender Museumsdirektor
  • Kneipenwirt
  • Hausverwalter
  • Dennis Forster, Jagdaufseher
  • Sir James Powell, Superintendent

Orte

  • Al-Minya
  • London
  • Grafschaft Essex
  • Roupell

Quellen:

  • Jason Dark: John Sinclair Classics. Geisterjäger John Sinclair. Band 17. Bastei Verlag. Köln. 24. 04. 2018
  • Thomas König: Geisterwaldkatalog. Band 1. BoD. Norderstedt. Mai 2000

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