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Jim Buffalo – Band 4

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Der Freibeuter – Neue Unglücksschläge

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Dritter Teil
Kapitel 18

Norcroß kam mit sich selbst zerfallen in seiner Wohnung an. Es gereute ihn, ein Wort von seinen menschenfeindlichen Plänen entdeckt zu haben. Aber noch denselben Abend wurde er durch die Ankunft seiner Frau und seines Kindes in Kopenhagen erfreut. Sie ließ ihn in den Hafen holen, wo der unglückliche Kaperkapitän mit einem Gemisch von Freude und Wehmut die gute Dina umarmte, welche seinetwegen wieder weite Reisen gemacht hatte. Mit der Inbrunst zärtliche Liebe umschlang sie den ihr so teuren Mann, von welchem ein widriges Schicksal sie schon längere Zeit getrennt hatte, als sie mit ihm hatte zusammenleben können. Ihre Tränen flossen reichlich. Ach! Und Norcroß war wenig imstande, sie zu trösten, denn noch niemals waren seiner eigenen Ansicht nach seine Sachen so schlecht bestellt, seine Aussichten so kümmerlich gewesen, als eben setzt. Die Freude des Wiedersehens nach so langer Trennung wurde dem Kapitän durch die stille Beängstigung getrübt, Frau und Kind in einer Stadt, in einem Lande zu sehen, wo ihnen so leicht Widerwärtigkeiten zustoßen konnten, gegen die sie zu schützen er weder Macht noch Mittel hatte, und wo sie seinetwegen von vielen würden gehasst, ja verfolgt werden. Der einzige Stern in der Nacht seines Kummers war Friederike von Gabel. Auf sie vertraute er, als auf seinen Engel in der Wüste. Eine andere bittere Empfindung, die sich in das Gefühl seiner Freude stahl, war, dass ihn der blondgelockte Knabe an Dinas Hand nicht mehr kannte, und sie scheu fragte, ob der bärtige Mann der Vater sei.

Es war demnach nicht die süße Freude, welche das Wiedersehen zwei verbundenen Herzen nach langer Trennung zu einem Silberblick des Lebens macht. Es war nicht die hohe Wonne liebender Begrüßung, mit welcher Norcroß seine Dina in seine ärmliche Wohnung führte, nicht die hohe Vaterfreude, mit welcher er sein ihn scheu anblickendes und seine Liebkosungen nicht erwiderndes Kind auf sein hartes Lager trug. Und musste der Gedanke einen Mann nicht verstimmen, der Wohlleben gewohnt war und seine Frau bis jetzt noch an nichts hatte Mangel leiden sehen, der Gedanke, dass mit ihr nun die Not bei ihm einziehe, und er micht wisse, wovon er sie ernähren solle?

Schon am anderen Morgen entschloss er sich zu einem Schritt, zu welchem ihn nur die Not zwingen konnte. Niemals hatte er sich mit Handel beschäftigt, und wenn er den bedeutendsten Gewinn vor Augen gesehen hatte, ja, aller kaufmännische Spekulationsgeist war ihm verhasst. Jetzt aber, da all sein Geld verzehrt war, da es ihm am Nötigen mangelte, trieb ihn die Nahrungssorge, die Sorge für Frau und Kind, ein Handelsgeschäft zu etablieren. Bekannt genug waren ihm die Wege, durch den Seehandel Geld zu verdienen, aber er musste ein Kapital zu Beginn und ein eigenes Schiff haben. Er schrieb also an einen reichen Kaufmann in Dünkirchen, welchen er im Haus des Herzogs von Ormund kennengelernt, und der ihm oft zugeredet hatte, ein Handelsetablissement mit ihm auf gemeinschaftliche Kosten zu unternehmen. Er erbot sich, einen Kontrakt mit ihm einzugehen, fragte, ob er Wechsel auf ihn ziehen dürfe, und setzte den Plan seiner beabsichtigten Unternehmungen in ein klares Licht. Dieser Plan war, ein altes Schiff zu kaufen, nach fremden Seehäfen mit den Produkten nordischer Länder zu fahren und dort zu tauschen, zu verkaufen, einzukaufen. Norcroß hatte das feste Vertrauen, dass das Unglück ihn nicht weiter verfolgen könne, dass er auf der See nicht versinken oder zugrunde gehen werde. In diesem Glauben hatte er ein Schiff im Handel, dessen Gebrechlichkeit Leben und Glück anzuvertrauen die tollste Verwegenheit war.

Der Brief ging noch denselben Tag ab, in fünf bis höchstens sechs Tagen konnte die Antwort da sein. Bis zu dieser Zeit wusste Norcroß nichts Besseres zu tun, als seine Frau dem Fräulein von Gabel zuzuführen. Er mietete fast mit dem letzten Rest seiner Barschaft einen Wagen und fuhr zu dem Stift.

Es war ein rührender Anblick, als Dina in Friederikes Armen lag, herzlich begrüßt von der edlen Jungfrau, und in des Kapitäns Augen traten Tränen. Dina weinte viel, sie kannte Friederikes Leidenschaft für Norcroß. Es war für sie ein wehmütiger Gedanke, dass sie dem irdischen Glück zweier Menschen im Weg stehen musste, welche augenscheinlich füreinander geschaffen waren. Zugleich erfüllte sie Friederikes Liebe zu ihr, die Sorgfalt, mit welcher das Fräulein jedem ihrer Wünsche zuvorkam, mit reiner Freude.

Norcroß machte der Freundin kein Hehl aus seiner Lage, und sie tröstete beide mit Wort und Tat. »Ihr bin die unumschränkte Herrin meines Vermögens«, sagte sie. »Es steht Euch zu Gebote, Kapitän. Was ich bis zum Ende meines Lebens brauche, erhalte ich im Stift. Die Einkaufssumme ist schon lange von mir abgetragen. Sucht Euch mit dem zu helfen, was ich Euch bieten kann. Ich brauche Euch nicht zu versichern, dass ich mein Eigentum als das Eure betrachte. Ihr wisst das ohnehin.«

»Ich wusste es«, versetzte Norcroß, »denn ich kenne Ihre Großmut. Erlauben Sie mir aber, dass ich nicht eher von derselben Gebrauch mache, bis mir alle anderen Mittel fehlgeschlagen sind. Gönnen Sie mir die Genugtuung gegen mich selbst, mich so lange durch eigene Kräfte zu erhalten wie möglich. Was ich für mich selbst ausschlage, erbitte ich für meine Dina und meinen Johann von Ihnen. Wenden Sie diesen Ihre Gunst zu, bis ich mir wieder ein eigenes Glück erworben habe.«

»Sie ist meine Freundin schon, sie soll meine Schwester sein. Ich habe ohnedies oft sehr trübe Tage, da wird sie mich erheitern und die finsteren Dämonen verscheuchen, welche, wenn ich allein bin, Gewalt über mich bekommen. Vorzüglich wünsche ich diesen holden Knaben um mich zu haben. Heute noch werde ich Anstalten treffen, das größte jener Fischerhäuser an der Überfahrt anständig für dich einrichten zu lassen, Dina, weil du, als nicht zum Stift gehörig, nicht hier im Haus wohnen kannst. Am Tage sind wir immer zusammen. Du wirst auch unter den übrigen Stiftsdamen teilnehmende Herzen finden. Ferner wirst du dich unter den gutmütigen Fischerleuten, die dir alles, was sie dir an den Augen absehen können, zu Gefallen tun werden, wohl befinden. Und meine Jane soll endlich deine Bedürfnisse besorgen, wie sie die meinen besorgt. Wir wollen ein heiteres, zufriedenes Leben führen.«

»Edle Seele!«, rief Dina, und drückte die Freundin an das dankbare Herz. Der Knabe aber sprang an Friederike empor und küsste sie.

Es wurde rasch zur Ausführung des Planes geschritten. Mit der Einrichtung der neuen kleinen Wirtschaft verstrichen schnell einige Tage. Norcroß reiste allein nach Kopenhagen zurück, um dort den Brief seines Dünkirchner Handelsfreundes zu erwarten. Dieser traf richtig ein. Der Kaufmann schrieb, Norcroß solle die nötigen Wechsel ziehen, er werde sie akzeptieren und honorieren. Dieser Brief war, ehe er Norcroß ausgehändigt wurde, erbrochen gewesen, und seine Feinde hatten daraus zu ihrem Ärger gesehen, dass der gefürchtete Kaperkapitän noch Mittel habe, sich Geld zu verschaffen.

Norcroß ging wieder frohen Mutes zur Reede. Während er mit dem Eigentümer des Schiffes eben handelseinig werden wollte, kam wie von ungefähr der Kanzleirat Bredal daher.

»Ei, sieh da!«, rief er. »Kapitän Norcroß auch wieder hier? Vergeblich habe ich Euch in Kopenhagen gesucht. Wo habt Ihr die Tage über amtiert?«

»Ich machte eine kleine Reise«, versetzte diefer kurz.

»Aha, ich weiß schon. Ihr macht dem schönen Fräulein von Gabel den Hof.«

»Und wenn auch. Wer könnte etwas dagegen haben?«

»Bei Leibe nicht. Ich wollte Euch nur raten, Kapitän, Euch zeitig aus Kopenhagen fortzumachen. In allem Ernst, Ihr habt hier vielfältigen Anstoß gegeben, und es sind Euch viel Prügel zugedacht. Vorzüglich soll es der hannoversche Gesandte, Herr Baron von Botmar, auf Euch abgesehen haben. Macht Euch fort. Ihr rate es Euch.«

»Ihr begreife Euch nicht, Herr Kanzleirat. Ihr kenne den Herrn Baron von Botmar nicht und habe ihm nie ein Leid getan. Warum soll er mir ein solches tun? Übrigens habe ich das Versprechen besiegelt mit der Ehre des Königs, dass mir hier nichts geschehen darf. Wer hat die Macht in Dänemark, einen freien Mann prügeln zu lassen? Ich habe gelernt, mich zu wehren, Herr Kanzleirat. Und hier stecken ein Paar Pistolen, deren Kugeln, so viel mir bekannt ist, ihr Ziel noch niemals verfehlt haben.«

»Ihr sage Euch aber, Ihr müsst fort aus Dänemark. Des Königs Masestät will Euch nicht länger dulden. Eure Anschläge haben dem König sehr missfallen.«

»Man wird mich so lange dulden müssen, bis ich Geld habe. Ohne Geld kann man keine Reise machen.«

Bredal ging fort, trotzig und stolz. Norcroß verfügte sich in seine Wohnung. Er war noch nicht lange zu Hause, als Bredals Diener hereintrat und berichtete, dass sein Herr den Kapitän Norcroß zu sprechen begehre. Dieser folgte dem Diener sogleich, wiewohl voll Grimm und Galle, sich so hin- und herjagen lassen zu müssen, ohne irgendeinen Erfolg vor Augen zu sehen.

Als der Kapitän in des Kanzleirats Stube trat, sah er auf einem Tisch eine Menge kleines Silbergeld weitläufig umherliegen, sodass es ihm auf den ersten Blick vorkam, als sei es eine bedeutende Summe. Dabei lag ein beschriebenes Papier.

»Ihr klagtet vorhin, dass es Euch an Reisegeld fehle«, sagte Bredal barsch. »Des Königs Gnade übermacht Euch dort eine Summe, sjedoch mit dem ausdrücklichen Befehl, Kopenhagen und die dänischen Staaten binnen vierundzwanzig Stunden zu verlassen und Euch niemals wieder in denselben betreten zu lassen.«

»Ich erfahre hier eine sonderbare Behandlung«, versetzte Norcroß von dieser Anrede verletzt.

»Keine andere, als Ihr verdient. Nehmt das Geld und unterschreibt die dabei liegende Quittung. Wie? Ihr zaudert noch? So wird man Euch mit Gewalt und ohne Geld auf ein schwedisches oder englisches Schiff bringen und Euch in eines jener Länder führen, deren Untertan Ihr seid, Englands der Geburt, Schwedens Euren Dienstverhältnissen nach.«

Nororoß bebte vor Zorn. Er griff nach der Quittung und las: dreißig Reichstaler.

»Einem Bettler reicht man solch ein Lumpengeld«, sagte er. »Aber ich will sterben, wenn das eines Königs Wille ist. König Friedrich wird an mich und meine Vorschläge denken – wenn es anders der König war, woran ich zweifle – aber dann wird es zu spät sein. Mit diesem Geld werde ich kaum den Mietlakaien bezahlen können, dessen ich mich während meines Aufenthaltes in Kopenhagen bedient habe. Ich merke wohl, man weiß hier nicht mehr, wer Kapitän Norcroß ist.« Und ohne die Quittung weiter durchgelesen zu haben, unterschrieb er sie und übersah demnach die Bedingung, dass er seinen Fuß nie wieder auf dänisches Land setzen solle. Er strich das Geld ein, ging, mietete sich einen Wagen und fuhr sogleich aus der Stadt zum Schiff.

Am anderen Morgen kam die Klage der Frau Kragenlund zum Ausbruch, und Raben wollte bersten vor Verdruss, dass der Vogel ausgeflogen sei. Inzwischen bewirkte er doch so viel, dass Norcroß Name, ohne Verhör und Untersuchung, in Kopenhagen als der eines gemeinen Diebes gebrandmarkt wurde.

Der Kapitän langte in der Hütte seiner Frau an. Ihm war der Trost geblieben, dass sie wenigstens versorgt sei. Da aber trat ihm der Schrecken in ihrer Gestalt entgegen. In der verwichenen Nacht war Friederike von bewaffneten Leuten aus dem Bett gerissen und davongeführt worden. Die anderen Stiftsdamen behaupteten, man werde sie wohl nach Kopenhagen in das Irrenhaus gebracht haben; wenigstens wollte die eine und die endere von ihren Familien schon einige Tage vorher etwas der Art erfahren haben. Auch war mehrere Tage vorher ein Arzt aus der Residenz im Stift gewesen und hatte sich gelegentlich nach den Zufällen befragt, welche Friederike zuweilen gehabt hatte.

Norcroß stand wie vernichtet. »Unsere guten Tage sind vorüber, Dina«, sagte er, »und dem Unglück ist ein Anrecht an uns geworden, das sich immer furchtbarer geltend macht. Komm, wir wollen uns mit unserm Kind nach Frankreich betteln.«

Sie erreichten, mit schwerem Kummer im Herzen und mitleidig unterstützt von den Stiftsdamen, den Hafen von Helsingoer. Mit dem ersten Schiff, welches nach Frankreich ging, eilten sie diesem zu.