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Das Steppenross – Kapitel 3 Teil 1

Das-SteppenrossEduard Wagner
Das Steppenross
Eine Erzählung aus dem Jahr 1865 zu den Zeiten des amerikanisch-mexikanischen Krieges, nach dem Englischen des Kapitän Mayne Reid

Kapitel 3
Die Jagd auf das Steppenross
Teil 1

Ich ritt in übler Laune zurück. Meine düstere Stimmung wurde noch durch die brennende Sonne und die staubige Straße verschlimmert. Ich war durchaus nicht mit dem Betragen meines ersten Lieutenant zufrieden. Es war mir ein Geheimnis und Wheatley konnte es nicht erklären. Es schien eine alte Feindschaft, ein erlittenes Unrecht und Rachedurst dahinter zu stecken.

Holingsworth war ein ganz anderer Mensch als Wheatley. Dieser war ein kecker Mann, der wie jeder Vaqueros ein wildes Pferd reiten und sein Lasso werfen konnte. Als ein echter Texaner hatte er an allen Schicksalen der Republik teilgenommen und alle Grenzkriege mitgemacht, die fast ohne Unterbrechung gegen mexikanische oder indianische Feinde geführt worden waren, seitdem die Republik ihr Banner mit dem einsamen Stern erhoben hatte. Er war, wenngleich jung, doch ein alter Indianerkämpfer und echter Texanerjäger.

Holingsworth dagegen war ein Mann von ganz eigentümlichem seltenem Charakter. Er lebte seit einigen Jahren in Texas, stammte aber aus Tennessee. Nicht zum ersten Mal befand er sich jenseits des Rio Grande. Er hatte an der unglücklichen Expedition nach Mier teilgenommen und gehörte zu den wenigen, welche vom dezimierten Korps übrig geblieben waren. Er war in Ketten nach Mexiko geschleppt und gezwungen worden, bis an die Brust im Schlamm zu arbeiten. Durch solche Erfahrungen war sein Gesicht düster und ernst geworden. Er lächelte nie, sprach selten und nur von Dienstangelegenheiten. Wenn er sich allein glaubte, hörte man ihn Drohungen murmeln, wobei er krampfhaft die Muskeln bewegte, als ob er sich einemTodfeind gegenüber befände. Diese Ausbrüche der Wut hatte ich mehrmals bemerkt, ohne die Ursache zu wissen, denn es nahm sich niemand die Freiheit, ihn über sein Verhalten zu befragen. Dass er die Stelle eines Anführers unter den Texanern bekleidete, bewies seinen Mut und seine Tapferkeit, denn die Texaner, welche ihre Offiziere wählen konnten, hüteten sich wohl, ihre Sache unerfahrenen oder feigen Männern anzuvertrauen.

Während ich mit Wheatley die Sache besprach und das seltsame Betragen Holingsworths zu erklären suchte, kamen wir beide zu dem Schluss, dass hier eine alte Feindschaft, vielleicht eine Begebenheit aus der Miersschen Expedition zugrunde liegen müsse. Zufällig nannte ich den Namen des Mexikaners. Der texanische Lieutenant hatte Ijurra nicht gesehen, da er jenseits des Hügels mit dem Vieh beschäftigt gewesen war. Es hatte auch niemand den Namen desselben in seiner Gegenwart ausgesprochen.

Er hielt sein Pferd an, sah mich mit fragenden Blicken an und fragte: »Ijurra? Meinen Sie Rafael Ijurra?«

»Ja, so heißt er.«

»Ein großer, finsterer, ziemlich hübscher Bursche mit Schnurr- und Backenbart?«

»Es möchte wohl derselbe sein«, antwortete ich.

»Er muss es sein, denn es gibt nicht zwei dieses Namens. Das ist wenigstens unwahrscheinlich. Wenn es der nämliche Rafael Ijurra ist, der früher in San Antonio lebte, so gibt es manchen Texaner, der gern seine Kopfhaut nehmen würde.«

»Was wissen Sie von ihm?«

»Was ich weiß? Ich weiß, dass er der größte Schurke in ganz Mexiko und ganz Texas ist, und das will viel sagen. Es kann kein anderer sein. Er ist es! Und Holingsworth! Ich besinne mich, Harding Holdingsworth hat vor allen Menschen Grund, an ihn zu denken.«

»Erklären Sie mir das!«

Nach einer Pause, während welcher der Texaner seine Erinnerungen zu sammeln schien, erzählte er mir, was er von Rafael Ijurra wusste, wobei er manchen leidenschaftlichen Ausruf einschob.

Rafael Ijurra war ein Texaner von mexikanischer Herkunft und hatte früher eine Hazienda und andere bedeutende Ländereien in der Nähe von San Antonio de Bexar besessen. Diese Besitztümer verschwendete er sämtlich durch Spiel und Ausschweifung, bis er zu einem Spieler von Profession herabsank. Zur Zeit der Mierschen Expedition galt er unter der treuen Regierung für einen texanischen Bürger und heuchelte eine so treue patriotische Anhänglichkeit an die junge Republik, dass er zu einem Offizier bei der Mierschen Expedition gewählt wurde. Bei dem kecken Vordringen gegen Mier war sein Rat besonders gehört worden, da er seine Bekanntschaft mit dem Land geltend machte. Sein Rat war zum Vorteil des Feindes gewesen, mit dem er im geheimen Briefwechsel gestanden hatte.

In der Nacht vor der Schlacht wurde Ijurra vermisst. Die texanische Armee tötete viele Feinde und verteidigte sich tapfer, wurde aber gefangen genommen und unter Bewachung nach der Hauptstadt geführt. Zu ihrem Erstaunen erblickten die texanischen Gefangenen auf ihrem Marsch Rafael Ijurra in der Uniform eines mexikanischen Offiziers. Nur dass ihre Hände gebunden waren, hinderte sie, ihre Wut an dem Verräter zu kühlen.

»Zum Glück«, fuhr der Lieutenant fort, »befand ich mich nicht bei jenen Unglücklichen, denn ich lag am Fieber krank, sonst würde ich, wie die übrigen, meine Bohne habe ziehen müssen.«

Ich wusste, worauf Wheatley mit diesen Worten anspielte. Die durch schlechte Behandlung gereizten Texaner hatten sich nämlich gegen ihre Wache erhoben, sie entwaffnet und überwunden. Da der daraus folgende Fluchtversuch jedoch schlecht geleitet war, so wurden sie eingefangen. Sie sollten nun dezimiert werden, das heißt, jeder zehnte Mann wurde erschossen. Man bestimmte die Opfer durch das Los. Man warf so viel Bohnen, wie Gefangene waren, in einen irdenen Topf – je eine schwarze Bohne auf neun weiße. Derjenige, welcher eine schwarze Bohne zog, musste sterben. Beim Ziehen dieser furchtbaren Lotterie ereigneten sich heldenmütige Vorsätze.

Alle zogen ihre Bohne mit männlicher Ruhe und Festigkeit. Einige scherzten sogar über das schreckliche Trauerspiel. Robert Beard, welcher gefährlich krank lag, rief seinem Bruder William zu: »Wenn du eine schwarze Bohne ziehst, Bruder, so werde ich deine Stelle einnehmen. Ich will sterben.« Darauf antwortete der Bruder im tiefsten Schmerz: »Nein, ich will meine Stelle behalten, denn ich bin stärker und geeigneter zu sterben als du.«

Als Major Cocke die verhängnisvolle Bohne gezogen hatte, hielt er sie mit den Fingern in die Höhe und sagte mit verächtlichem Lächeln: »Habe ich euch nicht gesagt, dass ich noch niemals in meinem Leben verfehlte, einen Gewinn zu ziehen?« Dann setzte er kaltblütig hinzu: »Es werden mir nur vierzig Jahre geraubt.«

Als Henry Whaling, einer der tapfersten Streiter, seine schwarze Bohne zog, sprach er in freudigem Ton: »An mir gewinnen sie nicht viel, ich habe wenigstens fünfundzwanzig der ihren getötet.« Dann verlangte er sein Mittagessen und setzte mit fester Stimme hinzu: »Darum sollen sie mich nicht betrügen.« Er aß tüchtig, rauchte eine Zigarre und erlitt zwanzig Minuten später seinen Tod, wobei die Mexikaner fünfzehn Mal feuerten, ehe er starb.

Der junge Torrey, fast noch ein Knabe, sagte: »Ich bin bereit, mein Schicksal zu erleiden, ich kämpfte für den Ruhm meines Vaterlandes und will auch für seinen Ruhm sterben.«

Man fesselte sie aneinander mit verbundenen Augen und setzte sie auf einen Stamm an der Mauer, den Rücken gegen ihre Mörder gekehrt. Alle baten, der Offizier möge sie von vorn und aus geringer Entfernung erschießen lassen, denn sie fürchteten sich nicht, dem Tod ins Angesicht zu blicken. Der Mexikaner schlug diese Bitte ab und ließ zehn bis zwölf Minuten lang aus weiter Entfernung feuern, sodass die heldenmütigen Amerikaner auf eine entsetzliche Weise verstümmelt wurden.

»Aber wie verhält es sich mit Holingsworth?«, fragte ich.

»Ah, Holingsworth hat guten Grund, sich an Ijurra zu erinnern«, antwortete der Lieutenant. »Ich werde Ihnen die Geschichte erzählen, wobei einem das Blut in den Adern erstarrt und wodurch sich wohl der wilde Hass erklärt, den der Tennesseer gegen Rafael Ijurra hegt.«

Mein Begleiter gab hierauf die Erzählung, wie er sie gehört hatte.

Holingsworth hatte bei der Expedition gegen Mier einen Bruder, der mit ihm gefangen wurde. Dieser war ein zarter Jüngling und konnte nicht die Beschwerden und noch weniger die barbarische Behandlung, welche die Gefangenen unterwegs zu erleiden hatten, ertragen.

Er magerte zu einem Skelett ab und wurde so wund an seinen entblößten und von dornigen Pflanzen zerrissenen Füßen, dass er in Todesqual zur Erde stürzte.

Ijurra befehligte die Wache und Holingsworths Bruder bat ihn nur die Erlaubnis, ein Maultier nehmen zu dürfen. Der junge Mann hatte Ijurra in San Antonio gekannt und ihm sogar Geld geliehen.

»Weiter! Vorwärts!«, antwortete Ijurra.

»Ich kann mich keinen Schritt rühren«, sagte der Jüngling in Verzweiflung.

»Du kannst nicht? Das wollen wir einmal sehen. Hier, gib dem Burschen, der so störrisch ist, die Sporen!«, sagte er zu einem Soldaten.

Der rohe Soldat drang mit aufgestecktem Bajonett auf den Verwundeten heran und beabsichtigte wirklich, den Befehl zu befolgen. Der Kranke erhob sich und machte einen verzweifelten Versuch, weiter zu gehen, konnte aber den gewaltigen Schmerz nicht ertragen. Nachdem er ein paar Schritte vorwärts getaumelt war, verließ ihn die Kraft und er stürzte auf dem Feld nieder mit den Worten: »Ich kann nicht! Ich kann nicht weiter marschieren, lasst mich hier sterben!«

»Vorwärts, oder du sollst hier sterben! Vorwärts oder ich schieße«, rief Ijurra, indem er eine Pistole aus dem Gürtel zog und den Hahn spannte.

»Schieß!«, rief der junge Mann, indem er sein Hemd aufriss und sich aufzurichten versuchte.

»Du bist kaum eine Kugel wert«, sprach das Ungeheuer mit Hohnlachen. Dann richtete er seine Pistole gegen die Brust des Opfers und feuerte. Nachdem sich der Rauch verzogen hatte, sah man die Leiche des jungen Holingsworth am Fuß des Feldes zusammengekrümmt liegen. Die Gefangenen wurden von Schauder ergriffen und selbst der rohe Wächter zeigte sich durch diese ruchlose Grausamkeit gerührt. Man denke sich, was der Bruder des Jünglings empfinden musste, der kaum sechs Schritte von dem Ort gefesselt und Zeuge des ganzen Auftritts war! Es ist also kein Wunder«, fuhr der Texaner fort, »dass Harding Holingsworth keine Umstände macht, wenn er Rafael Ijurra irgendwo ergreifen kann. Ich glaube, selbst die Gegenwart des Oberbefehlshabers würde ihn nicht von seiner Rache abhalten.«

Das Gespräch wurde durch die Hufschläge von Pferden unterbrochen, welche hinter uns herkamen. Es war Holingsworth mit den Jägern, die in der Hazienda zurückgeblieben waren.

»Captain Warfield«, sagte der Tenesseer, als er herankam, »Sie werden durch mein Benehmen überrascht sein. Wenn die Zeit es gestattet, werde ich es Ihnen zu Ihrer Zufriedenheit erklären. Es ist eine lange, schmerzliche Geschichte. Jetzt verlangen Sie nicht mehr von mir! Aber merken Sie sich, dass ich Rafael Ijurra als meinen ärgsten Feind betrachte. Ich kam nach Texas, um diesen Menschen zu töten, und wenn dies mir nicht gelingt, so soll es mir gleichgültig sein, wer mich tötet.«

Ich wollte eine Frage stellen, las aber die Antwort aus den Augen des Tennesseers. Sein Blick zeigte den getäuschten Rachedurst.

Er erriet meine Frage und erwiderte: »Der Schurke ist entkommen.«

Was er weiter sagte, konnte ich nicht verstehen, aber der wilde Blick, der aus seinen Augen zuckte, erklärte nur seinen festen Entschluss. Dann nahm er seinen Platz unter dem Trupp wieder ein und ritt mit gesenktem Kopf weiter. Nur zuweilen flog ein ausdrucksvoller Schimmer über sein dunkles, düsteres Gesicht, welcher bewies, dass er noch immer über das Unrecht, das ihm geschehen, empört war.

Die folgenden beiden Tage verlebte ich in der größten Unruhe. Isolinas Billet hatte ich als eine Einladung betrachtet, die Hazienda wieder zu besuchen, und zwar in einer angenehmeren Gestalt als der eines Flibusteros. Nach dem, was vorgefallen war, konnte ich mich jedoch unter keinem Vorwand dort einfinden. Als Gefährte, als Befehlshaber des Mannes, der dem Neffen und Vetter das Leben rauben wollte, konnte ich unmöglich willkommen sein. Don Ramon hatte viel mehr Strenge erfahren, als er verlangt hatte. Ich war überzeugt, dass man mich nur kalt in der Hazienda empfangen werde.

Da meldete zu meiner Überraschung der wachhabende Sergeant, dass mich ein Mexikaner zu sprechen wünsche. Ich gab den Befehl, den Mann heraufzuschicken, und als er vor mir erschien, erwachte ich aus meiner unangenehmen Träumerei. Ich erkannte einen der Vaqueros des Don Ramon de Vargas, und zwar denselben, den ich bei meiner ersten Zusammenkunft mit Isolina in der Ebene gesehen hatte.

Durch sein ganzes Wesen gab er sich als einen Boten zu erkennen. Nachdem er sich vorsichtig umgeschaut hatte, zog er ein zusammengelegtes Billet unter seinem Wams hervor.

Ich nahm es ihm ab. Es hatte keine Aufschrift. Ich hieß den Mann hinuntergehen und auf eine Antwort warten und las dann Folgendes:

Herr Captain!

Ich hatte ein Lieblingspferd. Wie sehr ich dieses Tier liebte, können Sie wohl verstehen, da sie eine ähnliche Neigung gegen den edlen Moro hegen. Aber ach, ihre sichere Kugel raubte mir zu einer bösen Stunde meinen Liebling. Sie erboten sich, mir Ersatz zu geben und sich selber zu berauben, denn ich weiß recht wohl, dass Ihr Rappe für Sie der liebste Gegenstand auf Erden ist. Ich verstand also das edle Opfer, das Sie mir bringen wollten, Herr Captain, und versagte die Annahme. Ich weiß aber, dass Sie den Wunsch hegen, Ihre Schuld auszugleichen, und dies steht in Ihrer Macht. Hören Sie mich an!«

Ich erwartete, dass eine harte Bedingung folgen werde. Es gab aber kein Opfer, zu welchem ich nicht bereit gewesen wäre. Kein noch so wildes Unternehmen, das ich nicht gewagt haben würde, um mein Unrecht, das ich gegen eine Dame begangen hatte, wieder gut zu machen. Ich las weiter:

»Es gibt ein Pferd, das in unserer Gegend als das weiße Ross der Steppe berühmt ist. Es ist natürlich ein wildes Pferd, von schneeweißer Farbe, schöner Gestalt und schnell wie die Schwalbe. Aber warum soll ich Ihnen das weiße Ross der Steppe beschreiben? Sie sind ein Texaner und werden schon von ihm gehört haben. Nun, Herr Captain, schon lange trage ich ein glühendes Verlangen, dieses Pferd zu besitzen. Es zeigt sich zuweilen auf unseren Ebenen und ich habe den Jägern und unseren eigenen Viehhütern hohe Belohnungen geboten, aber vergebens. Obgleich sie es oft gesehen und gejagt haben, konnte es kein Einziger von ihnen einfangen. Einige meinen, es sei nicht zu fangen, es wäre so flüchtig, dass es in einem Augenblick davongleitet, und noch dazu in der offenen Steppe. Ungläubige Leute wollen das weiße Ross der Steppe für eine Sage halten und gar nicht an sein Vorhandensein glauben. Ich weiß, dass es vorhanden ist und, was für den jetzigen Zweck noch wichtiger ist, dass es sich zehn Meilen von meinem Wohnort befindet oder vor zwei Stunden befunden hat. Einer unserer Vaqueros hat es am Ufer eines schönen Arroyo gesehen, wo es sich gern aufzuhalten pflegt. Aus Gründen, die mir bekannt sind, hat es der Vaquero nicht belästigt, sondern mir nur die Nachricht in aller Eile gebracht.

Nun, großer Captain! Es gibt nur einen, der dieses berühmte Ross fangen kann, und das sind Sie selbst. Ja, Sie können es tun – Sie und Moro!

Bringen Sie mir das weiße Ross der Steppe, dann werde ich aufhören, mich um den armen Mustang zu grämen. Ich werde Ihnen alles verzeihen.

Isolina

Als ich diesen seltsamen Brief las, fühlte ich mich freudig aufgeregt.

Ich hatte freilich von dem weißen Ross der Steppe gehört. Welcher Jäger, Trapper, Hausierer oder Reisender in jenen wilden

Steppengegenden hätte dies nicht? Ich hatte auch manche fabelhafte Geschichte am lodernden Lagerfeuer, manche märchenhafte Erzählung vernommen, wobei das weiße Ross die Heldenrolle spielte. In den Sagen des Steppenjägers spielt es dieselbe Rolle wie die des Fliegenden Holländers oder des Geisterschiffes beim Seemann. Nach diesen Sagen ist das weiße Ross überall. Heute sieht man es über die sandige Ebene stolz dahinfliegen, morgen über die weiten Steppen, tausend Meilen weiter südlich, dahinjagen.

Ich zweifelte keinen Augenblick, dass es unter den zahlreichen Herden wilder Rosse, welche über die großen Ebenen schweifen, einen weißen Hengst von großer Schnelligkeit und herrlichem Bau, ja vielleicht zwanzig oder hundert geben würde. Ich hatte selbst mehr als einen gesehen und gejagt, den man ein herrliches Tier nennen konnte und kaum mit einem gewöhnlichen Pferd einzuholen vermochte. Aber das unter dem Namen des weißen Rosses der Steppe bekannte unterschied sich von allen übrigen durch eine besondere Auszeichnung. Seine Ohren waren schwarz, tiefschwarz, wie die Farbe des Ebenholzes. Der übrige Körper, von der Mähne bis zum Schweif, war weiß wie frisch gefallener Schnee.

Von diesem seltsamen, geheimnisvollen Tier war in dem Brief die Rede. Ich sollte das Ross mit den schwarzen Ohren einfangen.

Der Brief enthielt eine Nachschrift. Dieselbe gab Auskunft, wann, wie und wo das weiße Ross erblickt worden war, und bestimmte, dass der Vaquero, welcher mir den Brief überbrachte und das Ross gesehen hatte, mein Führer sein sollte.

Ich dachte nicht länger über den seltenen Auftrag nach, sondern beschloss, dass, wenn Ross und Mann es vollbringen könnten, so sollte Isolina, noch ehe die Sonne wieder unterginge, die Besitzerin des weißen Rosses der Steppe sein.

Nach einer halben Stunde ritt ich, von dem Vaquero geführt, aus dem Flecken. Ein Dutzend Jäger folgten mir. Nachdem wir den Fluss überschritten hatten, vertieften wir uns in das Gebüsch.

Die Männer, welche ich zu meinen Begleitern erwählte, waren lauter alte Jäger, die zuverlässig spüren und schießen konnten. Ich vertraute ihrer Geschicklichkeit und hoffte, mit ihrer Hilfe das Wild zu finden. Meine Hoffnung wäre jedoch nicht so lebhaft gewesen ohne folgenden Umstand: Wie mir unser Führer mitteilte, hatte sich der Schimmel, als er ihn gesehen, in Gesellschaft einer starken Herde Stuten, einer sogenannten Manada, befunden. Man konnte also nicht erwarten, dass er sich von ihnen trennen werde. Selbst wenn sie seitdem den Ort verlassen hätten, konnten sie bei ihrer großen Anzahl leicht aufgespürt werden. Ohne diesen Umstand würde unsere Jagd viel Ähnlichkeit mit einer Jagd nach wilden Gänsen gehabt haben. Nach dem, was ich vom Schimmel wusste, konnte er heute an den Ufern eines Baches und morgen an den Ufern eines anderen, hundert Meilen davon, gesehen sein. Die Anwesenheit einer Manada bot jedoch eine Bürgschaft, dass er sich sicherlich noch in der Nähe des Ortes befinden werde, wo der Viehhüter ihn gesehen hatte. Fanden wir ihn einmal, so vertraute ich der Schnelligkeit meines Pferdes und meiner Geschicklichkeit im Gebrauch des Lassos.

Während wir weiterritten, teilte ich meinen Begleitern den Zweck unserer Reise mit. Alle kannten den Ruf des weißen Rosses. Einige behaupteten, es schon gesehen zu haben. Die ganze Gesellschaft war über einen solchen Streifzug erfreut und ebenso aufgeregt, als ob ich sie zu einem Scharmützel mit den Guerillas führte.

Die Gegend, welche wir durchzogen, war anfänglich ein dichtes Gehölz, aus zahlreichen, dornigen Sträuchern bestehend. Der größere Teil dieser Pflanzen, welche Mexiko berühmt machen, gehört der Familie der Leguminosen an, – es waren Robinias, Gleditschias und mehrere Arten der texanischen Akazie, welche hier Mesquite genannt wird. Auch die Aloe bildet hier, zum Ärger der Reisenden, einen großen Teil des Unterholzes: – die Art, welche den Namen Lechuguilla oder Pitapflanze führt, deren Mark als Nahrungsmittel gekocht wird und aus deren faserigen Blättern man Bindfaden, Seile oder Tuch anfertigt. Der Saft liefert destilliert den feurigen Mezcal. Hier und da sah man am Weg das starre Blätterbündel einer Baumyucca, gleich dem mit Federn geschmückten Kopf eines indianischen Kriegers. Ich erblickte einige mit essbaren Früchten. Von diesen fruchttragenden Yuccas gibt es in dem Gebiet des Rio Grande mehrere Arten, die dem wissenschaftlichen Pflanzenkundigen bis jetzt unbekannt sind. Ich bemerkte die Palmilla oder Seifpflanze, deren Wurzel ein ausgezeichnetes Ersatzmittel für die Seife liefert. Reichlich wachsen in der Landschaft die verschiedenen Kaktusarten, die man überall auf mexikanischem Boden erblickt. Einen angenehmen Anblick boten dem Auge die scharlachroten Rispen der Fouquieria Splendeas, die damals von den Botanikern noch nicht beschrieben war und ein Liebling der Treibhäuser werden wird. Obgleich ich jetzt nicht die Laune, zu botanisieren, hatte, bewanderte ich doch diese zierlichen Pflanzen, deren hohe Stängel mit den glänzenden Blumenrispen sich wie Fahnen über das angrenzende Dickicht erhoben. Selbst die rauesten meiner Begleiter konnten ihre Bewunderung nicht verhehlen, und ich hörte beim Weiterreiten zu wiederholten Malen Ausrufe des Staunens über die Schönheit der mexikanischen Flora.

Als wir weiterkamen, änderte sich der Anblick infolge von Lichtungen im Gehölz. Je weiter wir ritten, desto größer wurden die Lichtungen. Die mit Holz bewachsenen Flächen nahmen dagegen an Umfang ab und zuweilen stießen die freien Plätze beinahe aneinander.

Wir waren bereits zehn Meilen geritten, ohne anzuhalten, als unser Führer die Fährte der Manada betrat.

Mehrere von den alten Jägern konnten die Spuren, ohne abzusitzen, als Spuren von Stuten erkennen, die sich von denen der Hengste unterschieden. Ihr Urteil zeigte sich richtig, denn kaum waren wir der Fährte noch eine kurze Strecke weiter gefolgt, so erblickten wir die Herde, welche der Vaquero mit Zuversicht für die gesuchte Manada erklärte.

Bis hierher hatten wir den gewünschten Erfolg. Es ist aber ein großer Unterschied, eine Herde wilder Pferde zu sehen und das schnellste Ross davon einzufangen. Dies sagten mir mein klopfendes Herz und mein unruhiger Puls. Die verschiedensten, teils zweifelvollen, teils freudigen Gedanken zogen durch meinen Geist, als ich von Weitem auf die schüchterne Herde blickte, welche unsere Annäherung noch nicht ahnte.

Die Steppe, auf welcher die Stuten weideten, war breiter als eine Meile und ebenso wie diejenigen, durch welche wir geritten waren, von niedrigem Gehölz umgeben. Die Manada hielt sich in der Mitte auf. Einige von den Stuten grasten ruhig, während andere spielend umhersprangen, sich zum Kampf aufbäumten und dann im wilden Galopp davonbrausten, wobei ihre Mähnen und Schweife im Wind flatterten. Das von der Sonne blitzende Fell zeugte von der guten Weide. Selbst aus der Ferme ließ sich die Fülle ihrer Körperformen erkennen. Sie hatten alle bekannte Farben von Pferden. Wir sahen Braune, Rappen und besonders zahlreiche Schimmel, Falben mit weißen Mähnen und Schweifen, maulwurffarbene und viele von den Schecken, welche unter den mexikanischen Mustangs nicht selten vorkommen. Natürlich waren alle mit vollen Mähnen und Schweifen, da die verstümmelnde Schere des Reitknechts sie niemals berührt hatte.

Aber wo befand sich der Herr dieser schönen Manada? Wo war der Hengst? Dieser Gedanke erfüllte uns alle und allen schwebte die Frage auf den Lippen. Wir durchblickten die Herde nach allen Richtungen. Weiße Pferde waren in großer Zahl vorhanden, aber mit einem einzigen Blick sahen wir, dass das Ross der Steppe sich nicht darunter befand.

Wir sahen einander mit mutlosen Blicken an. In mir erwachte ein bitteres Gefühl, als ich die führerlose Herde sah. Hätte ich die ganze Herde einfangen und mitnehmen können, so würde Isolina das Geschenk nicht mit einem einzigen Lächeln belohnt haben. Der Hengst konnte sich noch immer in der Nähe befinden. Oder hatte er vielleicht die Manada ganz verlassen und war weit über die Steppe weggeeilt? Der Vaquero glaubte, er sei nicht fern. Ich vertraute der Meinung dieses Mannes, denn er kannte genau die Gewohnheiten der wilden und halbwilden Pferde, die er sein ganzes Leben lang beobachtet hatte. Es gab also noch eine Hoffnung, dass der Hengst in der Nähe sei. Vielleicht lag er im Schatten des Dickichts oder befand sich mit einem Tier der Manada auf einer nahen Lichtung. In diesem Fall, versicherte unser Führer, würden wir ihn bald zu sehen bekommen. Er wollte den Hengst bald herbeilocken, und zwar dadurch, dass er die Stuten aufscheuchte, sodass ihr erschrockenes Wiehern in der Ferne zu hören sein musste. Der Plan schien nicht schwer auszuführen zu sein. Es war jedoch ratsam, dass wir die Manada umringten, ehe wir sie aufstörten, denn sonst konnten sie, bevor wir uns näherten, in der entgegengesetzten Richtung davongaloppieren. Ohne Zeitverlust wurde die Umschließung ausgeführt.

Das Gehölz war uns günstig, indem es unsere Bewegungen verbarg, und nach Verlauf einer halben Stunde umgaben wir die Prärie in einem Kreis.

Noch immer spielte die weidende Herde. Hätte sie den Argwohn gehabt, dass sich ein Kreis von Jägern um sie aufstelle, so würden sie schon längst davongaloppiert sein. Von allen wilden Geschöpfen ist das Pferd am schüchternsten. Der Hirsch, die Antilope und der Büffel fürchten die Nähe des Menschen viel weniger.

Das Steppenpferd scheint zu wissen, welches Schicksal es in der Gefangenschaft erwartet, und man sollte fast glauben, die Flüchtlinge aus den Ansiedelungen, welche man zuweilen unter ihnen sieht, hätten ihnen die Geschichte von ihren Qualen und Leiden erzählt.

Ich selbst war nach der entgegengesetzten Seite der Steppe geritten, um zu sehen, ob der Kreis geschlossen sei. Meine Gefährten hatte ich am Rande des Waldes in gewissen Zwischenräumen zurückgelassen und befand mich allein. Ich hatte das Horn mitgenommen, in der Absicht, die Stuten durch ein paar Töne zu erschrecken. Eben als ich mich in eine Gruppe von Bäumen gestellt hatte und das Horn an die Lippen setzen wollte, hörte ich einen gellenden Schrei hinter mir. Ich nahm das Instrument herab und wandte mich schnell um. Während ich noch über die Ursache des seltsamen Tons in Zweifel war, hörte ich ihn zum zweiten Mal. Jetzt erkannte ich ihn – es war das Wiehern des Präriehengstes.

Neben mir war das Dickicht durch eine Art Allee unterbrochen, die zu einer anderen Steppe führte. Hier hörte ich die Hufschläge eines galoppierenden Pferdes. So schnell wie das Gehölz es erlaubte, eilte ich vorwärts an den Rand des freien Bodens. Die tiefstehende Sonne, die mir in die Augen schien, behinderte mich aber, deutlich zu sehen. Noch immer vernahm ich den Schall der Hufe und das gellende Wiehern. Nach einiger Zeit waren meine Augen weniger geblendet. Ich hielt die Hand vor die Augen und sah ein herrliches Ross in vollem Galopp die Allee entlang auf die Manada zukommen.

Mit einem halben Dutzend Sätzen war es mir gegenüber, und als es an mir vorübergaloppierte, sah ich das weiße Ross der Steppe vor mir. Die Zeichnung des herrlichen Tieres war genau zu erkennen. Ich sah den schneeweißen Körper, die ebenholzschwarzen Ohren, die bläuliche Schnauze, die roten aufgeblasenen Nüstern, die breiten, runden Schenkel, die vollen ebenmäßigen Beine, alle Eigenschaften eines musterhaften Pferdes!

Es schoss pfeilschnell an mir vorüber und hielt keinen Augenblick inne, sondern galoppierte gerade auf die Herde los.

Sein erstes Zeichen beantworteten die Stuten durch Wiehern und dann richtete die ganze Manada die Köpfe auf und setzte sich in Bewegung. Nach einigen Sekunden stand sie wie ein Zug Kavallerie in gerader Linie und bot ihrem herangaloppierenden Führer die Front. In solchem Fall stehen die wilden Pferde, als ob die Reiter in Schlachtordnung wären, und viele Reisende in den Steppen haben sich oft durch diesen Anblick täuschen lassen.

Da das Wild einmal aufgetrieben war, so war jetzt fernere List unnütz. Die Sache musste jetzt durch das Lasso und durch Schnelligkeit entschieden werden. In dieser Überzeugung gab ich Moro die Sporen und jagte auf die freie Ebene. Als meine Begleiter das Wiehern des Hengstes gehört hatten, waren sie fast gleichzeitig aus dem Holz hervor und schreiend auf die Herde losgejagt.

Ich hatte nur den Schimmel im Auge und stürmte auf ihn los.

Als er der Reihe Stuten nahe genug gekommen war, hielt er mit dem wilden Galopp ein, bäumte sich zweimal auf, stieß dann wieder ein gellendes Wiehern aus und flog in gerader Linie dem Rand der Steppe zu. Sein Naturtrieb schien ihn auf eine breite Allee zu leiten, die dort ihren Anfang nahm. Die Manada folgte ihm anfänglich in gerader Linie. Diese wurde jedoch bald gebrochen, da die schnelleren Tiere den anderen zuvorkamen, und so dehnte sich die Herde über die ganze Steppe aus.

Die Verfolger spornten eifrig, die Verfolgten strengten jeden Muskel zur Flucht an. So brauste die Jagd durch die Lichtung.

Mein wackeres Pferd zeigte seine Vorzüge. Ich überholte einen meiner Gefährten nach dem anderen, und als wir die Allee hinter uns hatten und auf die zweite Steppe gelangten, hatte ich die hintersten von den wilden Stuten erreicht. Es waren sehr zierliche Geschöpfe darunter. Bei jeder anderen Gelegenheit würde ich den Antrieb empfunden haben, das Lasso nach einer auszuwerfen. Jetzt aber dachte ich nur daran, sie aus dem Weg zu schaffen, da sie mich am Galoppieren hinderten. Noch ehe sie die zweite Steppe hinter sich hatten, war ich bereits an den vordersten Reihen. Da die Stuten sahen, dass ich über alle hinweg war, zerstreuten sie sich nach rechts und links. Alle, außer dem weißen Hengst waren jetzt hinter mir. Er allein setzte seinen Lauf fort, indem er von Zeit zu Zeit sein gellendes Wiehern ausstieß. Er war noch weit von mir entfernt. Wie es schien, lief er ohne Anstrengung.

Mein Pferd bedurfte jetzt weder der Sporen noch der Zügel. Es sah den Gegenstand, den ich verfolgte, vor sich und erriet meinen Willen. Gleich einer Meereswelle erhob es sich unter mir. Seine Hufe berührten den Rasen, ohne ihn einzudrücken. Noch ehe wir über die zweite Steppe waren, kamen wir dem Schimmel bedeutend näher. Zu meinem Verdruss sah ich aber, dass der Letztere sich dem Dickicht zuwandte.

Ich fand einen Pfad und folgte demselben. Mein Ohr leitete mich, denn ich hörte die Zweige krachen, als das wilde Ross hindurchstürmte. Zuweilen sah ich seinen weißen Körper durch die grünen Blätter leuchten.

Aus Furcht, ihn aus den Augen zu verlieren, ritt ich entschlossen nach, durchbrach bald das Dickicht, bald folgte ich den verschlungenen Windungen. Ich kümmerte mich ebenso wenig wie mein Pferd um die dornigen Schlinggewächse, aber die großen Bäume von der Gattung der Robinia standen dicht im Wege und hinderten mich mit ihren waagerechten Ästen. Ich musste mich oft flach auf den Sattel legen, um hindurchzukommen. Dadurch wurde die Verfolgung gehindert.

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