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Marshal Crown – Band 35

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Wahrer Erfolg

Hanno-Berg-Wahrer-ErfolgHanno Berg

Wahrer Erfolg

I

Julius Nottebaum grübelte. Er war einfach kein Genie wie Bach oder Beethoven, obwohl er seit seiner frühen Kindheit mit klassischer Musik zu tun gehabt hatte. Sein Vater war Leiter vom Orchester des Stadttheaters gewesen und hatte ihn als Kind zur musikalischen Grundausbildung geschickt. Im Anschluss daran hatte er das Klavierspielen von der Pike auf gelernt. Aber er war kein Klaviervirtuose geworden, wie es sein Vater gern gesehen hätte. Auch dazu hatte es ihm an Talent gefehlt, wie auch schon dem Vater selbst. Der hatte deshalb den großen Traum gehabt, dass seinem Sohn eine solche Karriere vergönnt sein möge. Der Vater hatte getrunken, weil er selbst nicht der begnadete Musiker gewesen war, wie er es sich gewünscht hätte. Zu allem Überfluss hatte er seinen Sohn mit derselben Depression infiziert, denn auch dieser weinte zeit seines Lebens darum, weder ein großer Pianist, noch ein großer Komponist zu sein.

Nein, er war allenfalls dazu in der Lage, Chöre oder ein kleineres Orchester zu leiten und Schülern die Grundzüge des Klavierspiels beizubringen. Dies erforderte zwar durchaus schon weit mehr Musikalität, als achtzig Prozent der Menschheit vorweisen konnten, aber er gehörte leider nicht zu den vielleicht tausend lebenden Musikern der Welt, die ein Ausnahmetalent auf diesem Gebiet besaßen.

Nun hatte er wieder einmal über dieses leidige Thema nachgedacht und war – wie jedes Mal, wenn er solchen Gedanken nachhing – ausgesprochen traurig geworden und den Tränen nahe. Zum Glück fiel ihm jedoch wieder ein, warum er auf den Dachboden gestiegen war und im musikalischen Nachlass seines Vaters herumkramte. Er hatte sich an die Schallplattensammlung seines alten Herrn erinnert. Sie enthielt eine Sammlung der neun Sinfonien Beethovens in einer Aufnahme des Londoner Sinfonieorchesters von 1958. Diese Aufnahme hatte er gesucht. Er wollte sich die Sinfonien des großen Meisters in dieser Fassung, die er schon im Hause seines Vaters oft und gern gehört hatte und die er sehr liebte, gern einmal wieder anhören.

Da! Dort stand die Beethoven-Edition, die er gesucht hatte. Nun musste er nur noch den alten Plattenspieler nebst Boxen reaktivieren, den er ebenfalls von seinem Vater geerbt hatte, und schon konnte es losgehen.

Er packte Schallplatten und Plattenspieler in einen Wäschekorb, den er mitgebracht hatte, und stieg damit vom Dachboden herab in das obere Stockwerk seines Wohnhauses, in dem sich auch das Wohnzimmer befand.

 

II

Nachdem Julius den Plattenspieler angeschlossen hatte, legte er zunächst die Schicksalssinfonie auf, die eines seiner liebsten Stücke überhaupt war. Dann setzte er sich in den Sessel und legte die Beine hoch, um die Klänge der Sinfonie zu genießen.

Kaum aber hatte die Nadel die Schallplatte berührt und die ersten Töne waren zu hören, da traute Julius seinen Ohren nicht. Anstelle der fünften Sinfonie Beethovens erklang nun eine völlig andere Sinfonie. Er kannte sie nicht, obwohl er ein großer Kenner und Liebhaber jeglicher klassischer Musik war und bereits alle Stücke der großen Komponisten in irgendeiner Form gehört hatte.

Nein! Die Töne dieser Sinfonie, die noch dazu klanggewaltig und perfekt daherkam, hatte er zuvor noch nicht vernommen. Sie konnte deshalb eigentlich gar nicht existieren. Er hörte die vier Sätze bis zum Ende und schüttelte dann den Kopf. Hatte er tatsächlich eine völlig neue Sinfonie gehört?

Er beschloss, die Schallplatte noch einmal anzuhören. Wieder vernahm er die neue Musik, die er noch nicht kannte. Als er den dritten Satz zum zweiten Mal hörte, kam ihm die Idee, die ihn von nun an nicht mehr losließ. Wie wäre es, wenn er die Sinfonie aufschrieb und sie seinem Professor von der Musikhochschule als seine eigene vorlegte? Aber was geschah, wenn diesem die Sinfonie und der wahre Komponist bekannt waren? Aber nein! Diese Musik war völlig neu, das wusste er genau. Niemand außer ihm kannte sie bisher. Er würde als Genie in die Geschichte eingehen. Bei diesem Gedanken lief ihm ein Schauer über den Rücken.

Er holte Papier und Stift herbei und spielte das Stück zum dritten Mal, während er begann, die Noten aufzuschreiben. Nachdem er die Sinfonie in einigen Tagen noch zigmal gehört hatte, konnte er alle Noten vom Anfang bis zum Ende notieren. Als er damit fertig war und die Platte zur Sicherheit noch einmal abspielen wollte, war jedoch darauf wieder die Schicksalssinfonie Beethovens zu hören, die sich auch vorher dort befunden hatte.

Da kam Julius eine weitere Idee. Wie, wenn auf allen Schallplatten mit den Sinfonien Beethovens ganz andere Stücke zu hören waren? Er legte die »Eroica« auf. Tatsächlich! Auf der entsprechenden Platte befand sich an ihrer Stelle eine andere Sinfonie, die Julius ebenfalls noch nicht kannte. Er spielte sie sich so häufig vor, dass er auch ihre Noten bis zum Ende aufschreiben konnte. Dann hörte er die übrigen sieben Schallplatten, und siehe da, auf jeder befand sich eine neue Sinfonie, die er noch nie vernommen hatte. Einige Wochen lang notierte er die Noten der Stücke, die sich von ihrer Genialität her mit den schönsten klassischen Kompositionen der Welt messen konnten. Am Ende aber befanden sich auf allen Schallplatten wieder die neun Sinfonien Beethovens, wie es auch auf den Plattencovern angegeben war.

Julius war überglücklich. Sein Name wäre bis in alle Ewigkeit mit dieser wunderbaren Musik verbunden, und er hätte künftig seinen Platz im Olymp der größten Komponisten der Welt inne.

 

III

Julius stieg ins Auto und fuhr zu seinem ehemaligen Musikprofessor. Dieser hatte noch immer großen Einfluss, obwohl er schon seit Jahren emeritiert war. Er bat Hannes Jessen, so hieß der Professor, sich doch einmal seine Kompositionen anzuschauen, die er in den letzten Jahren kreiert habe. Dabei handelte es sich natürlich um die neun Sinfonien, die auf den Schallplatten seines Vaters anstatt der großen Sinfonien Beethovens zu hören gewesen waren.

Jessen schaute sich die Noten an, die Julius mitgebracht hatte, und war anschließend völlig außer sich. Dass er solches noch erleben durfte! Einer seiner ehemaligen Studenten, und zwar einer, der ihm zunächst gar nicht als hochbegabt aufgefallen war, hatte neun geniale Sinfonien komponiert. Phantastisch!

Der Professor sandte Kopien der Noten an die gegenwärtig Großen der Musik in aller Welt, und sie riefen deren Begeisterung hervor. Wenige Monate später spielten alle großen Sinfonieorchester die Sinfonien von Julius Nottebaum. Julius wurde weltbekannt und mit Musikpreisen überhäuft. Natürlich warf seine Musik auch viel Geld für ihn ab, und er konnte künftig am Leben des Jetsets teilhaben. Es war ihm allerdings wesentlich wichtiger, Aufmerksamkeit und Verehrung bei den Menschen zu erregen, als viel Geld zu haben. Endlich schrieb sogar ein namhafter Journalist ein Buch über Julius’ Leben, und dieses wurde verfilmt. Julius befand sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

 

IV

Julius sonnte sich noch einige Zeit in seinem Erfolg, bis er schließlich daran dachte, noch weitere klassische Musik zu schreiben. Sein Weltruhm sollte nachhaltig sein. Er fragte sich deshalb, ob sich dann, wenn er die neun Sinfonien Beethovens auf den Platten seines Vaters erneut auflegte, darauf wieder neue Musikstücke befinden würden. Dann musste er deren Noten wieder nur noch aufschreiben. Also versuchte er, was er sich überlegt hatte. Aber auf diesen Schallplatten waren nun nur noch die Sinfonien des Meisters zu hören, sonst nichts.

Vielleicht waren jedoch auf den anderen Schallplatten aus dem Nachlass seines Vaters neue Musikstücke verborgen, die er dann unter seinem Namen veröffentlichen konnte. Er musste es einfach versuchen. Selbst Musik von der Qualität zu komponieren, wie sie die alten Meister geschrieben hatten, war ihm einfach nicht gegeben.

So stieg er wieder auf den Dachboden seines Hauses hinauf und durchsuchte die Plattensammlung seines Vaters. Er wählte Aufnahmen des Kammerorchesters Stuttgart aus dem Jahr 1962 von den sechs Brandenburgischen Konzerten aus. Diese nahm er mit in sein Wohnzimmer hinab. Dort legte er zunächst das Konzert Nummer 6 auf, das er sehr liebte. Tatsächlich! Kaum hatte die Nadel des Plattenspielers der Schallplatte die ersten Töne entlockt, da merkte Julius, dass es sich um ein ganz neues Stück handelte, das er da hörte.

Sein Herz hüpfte vor Freude. Er hörte das neue Stück so oft, bis er alle seine Noten aufgeschrieben hatte. Kaum hatte er jedoch seine Niederschrift beendet, da befand sich wieder Bachs Konzert auf der Platte. Julius spielte in den nächsten Monaten immer wieder die Schallplatten ab, auf denen die weiteren fünf Brandenburgischen Konzerte aufgenommen waren. Es war genauso wie bei den Sinfonien Beethovens. Statt der Musik, die auf dem jeweiligen Cover angegeben war, erklang ein ganz anderes, völlig neues Stück, das Julius noch nie gehört hatte. Erst als die Noten der Stücke aufgeschrieben waren, befand sich auf den Schallplatten wieder Bachs Musik, die die ganze Welt kannte.

 

V

Die Fachwelt war begeistert. Die neuen Stücke, die Julius wieder unter seinem Namen veröffentlicht hatte, wurden hochgelobt und überall gespielt. Julius wurde von der Presse als Jahrhundertgenie gefeiert. Zeitungen und Fernsehsender rissen sich um Interviews mit ihm, und sein Bild war dort und an Zigtausend verschiedenen Stellen im Internet zu sehen. Was für ein Erfolg!

Julius schwamm auf der Woge seines Triumphes mit und genoss das öffentliche Lob in großen Zügen. Er war in dieser Zeit der glücklichste Mensch der Erde, und er konnte diesen Erfolg wahrscheinlich immer wieder haben. Sein Vater hatte ihm noch Hunderte anderer Klassik-Schallplatten hinterlassen. Er hatte bisher zwar nur noch wenige weitere von ihnen gehört, aber auch diese bargen zunächst völlig neue Musik, die er nur noch niederschreiben musste. Sein Erfolg würde also immer neue Nahrung bekommen. Es war wunderbar!

 

Als Julius eines Tages auf dem Gehweg unterwegs nach Hause war, bemerkte er zwei etwa zehn Jahre alte Jungen, die wenige Meter vor ihm her gingen. Er schnappte ihre Unterhaltung auf.

»Nein, ich werde meiner Mutter nicht das Bild als meins vorzeigen, für das du die Eins in Kunst bekommen hast. Auch wenn ich dann nicht meine Vier vorzeigen müsste und von ihr getadelt würde. Mir wäre nicht gut dabei. Ich habe einmal für ein Referat, das zum großen Teil mein Vater geschrieben hatte, eine Eins bekommen. Damit habe ich mich auch nicht wohlgefühlt. Mein Opa hat mir dazu gesagt, dass man nur dann, wenn man etwas wirklich selbst gemacht hat, stolz darauf sein kann. Mit einer Leistung, die man nicht dem eigenen Kopf oder den eigenen Händen verdankt, wird man nicht glücklich, selbst wenn man dafür sehr gelobt wird. Man verdient nämlich den Ruhm dafür nicht.«

 

Zwei Tage später fand man den großen zeitgenössischen Komponisten Julius Nottebaum tot an seinem Schreibtisch. Er hatte sich mit dem Revolver, den er von seinem Vater geerbt hatte, in den Kopf geschossen.

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