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Paraforce Band 32

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Pamfilius Frohmund Eulenspiegel 13

Pamilius-Frohmut-Eulenspiegel-Band-2Des Erzkalfakters, Quadratschlankels und durchtriebenen Leutvexierers, Pamfilius Frohmut Eulenspiegel, des allbekannten, berüchtigten und weltverrufenen Till Eulenspiegel einzigen Sohnes pfiffigen Streiche, Ränke, Schwänke und lustige Possen als: Hendlschnipfer, Brotschwindler, Rahmkripfer, Fischdieb, Entenangler, Zigeuner-, Schneider- und Schusterlehrbua, Herzogslebensretter, Herold, Schatzgräber, magistratischer Bademeister, Hofnarr, Feldherr, frommer Pilger, glücklich dem Galgen entgangener Spieler usw.

Eine Taufe mit Hindernissen

Ein Ochs und eine Kuh, einige Schweine, ein alter Gockel, mehrere Hennen und Hühner, waren die zufälligen, unmenschlichen Zeugen meiner Geburt, denn ich überraschte meine liebe und fleißige Mutter im Stall, da sie eben angefangen hatte, die Kuh zu melken. Vermutlich wären meine Mutter und ich in dieser hilflosen Lage ohne ein vierfaches Glück zu grunde gegangen. Erstens stand die Stalltür offen, weil es im Monat August war. Zweilens schrie ich so erbärmlich, als ob es mir leid gewesen wäre, auf die Welt gekommen zu sein. Drittens machten die genannten Zeugen mit ihren verschiedenen Stimmen einen höllischen Lärm, und viertens, – und dies war das Hauptglück – saß eben die Dirne auf einem Baum im Garten nebenan mit einem Mehlsack, um Atlasäpfel zu stehlen, um doch etwas von Atlas zu haben, was sie sich schon längst gewünscht hatte. Das erstaunliche Getöse im Stall rührte ihr edles, vieh- und menschenfreundliches Herz. Sie knüpfte den Diebessack zu, um ja von der Gabe Gottes nichts zu verlieren, stieg über die an dem Baum gelehnte Leiter herab, versteckte diese und den Sack hinter einem großen Haufen Holz, rannte in den Stall, und von da zur Dorfhebamme, die sogleich samt ihrem Taufzeugen erschien. Ich wurde vorläufig in die Schürze der Mutter eingewickelt, und ganz sanft auf Jakobifedern gelegt, nämlich auf frisches Stroh, das schon zum Einstreuen für den Ochsen und die Kuh bereitlag, die desshalb höchst verdrießliche Gesichter schnitten.

Meine Mutter stand auf, schüttelte sich nun wie ein nasser Pudel und ging dann in ihr Schlafkämmerlein, um im Bett auszuruhen, wohin auch ich getragen wurde. Es war erst fünf Uhr morgens. Die Dirne musste das Melken fortsetzen, wobei sie sich an den noch immer fortdauernden kräftigen Gesängen des Ochsen und der Kuh sowie meiner übrigen Geburtszeugen ergötzen konnte.

Als ein geborener Feind des Wassers schrie ich im ersten Bad jämmerlich und riss dabei meinen Schnabel sperrangelweit auf. Da bemerkte die Hebamme mit Entsetzen, dass ich schon zwei Zähne im Mund hatte, einen oben, den andern unten, worüber die Mutter gewaltig erschrak, indem sie dies für ein böses Zeichen hielt. Sie beschloss also, dass ich mit Kuhmilch aufgezogen werden solle, wodurch es kam, dass noch bei Lebzeiten meiner ersten Mutter unsere Kuh, die auf den Ruf Blaßl ging, meine zweite Mutter geworden ist, mit der ich aber leider niemals ein vernünftiges Wort sprechen konnte, so dumm war sie, und so unbehilflich drückte sie ihre mütterlichen Gefühle in der Kuhsprache aus.

Nach altem Herkommen musste ich noch am nämlichen Tag getauft werden. Nun hatten wir aber keine Kirche im Dorf, wohl aber ein Wirtshaus, das sich über diesen Mangel einer Kirche oft bitter beklagte, weil sonst, wie an anderen Orten, wo Kirchen sind, vor und nach dem Gottesdienst die meisten Andächtigen einkehren würden. Unser Herr Wirt war jedoch ein recht einfältiger und undankbarer Kerl, denn gerade weil keine Kirche vorhanden war, brachten die Leute auch die Kirchenzeit im Wirtshaus zu. Ja einige recht Andächtige wären lieber gleich darin sitzen geblieben bis zur Erbauung einer Kirche, wenn ihre Weiber nichts dagegen einzuwenden gehabt hätten.

Das nächste Kirchdorf war eine Stunde entfernt. Dorthin musste ich zur Taufe gebracht werden. Mein schon lange voraus erbetener Taufpate war der Müller in unserem Dorf, der zufällig Pamfilius Mühlrad hieß, gleichsam als habe ihn schon die Natur zu einem Müller ausersehen Er besaß zwar ein paar recht kräftige Pferde und ein sechssitziges Wägelchen, auf dem wir alle, samt zwei Nachbarn als Taufzeugen, schnell in das Kirchdorf gekommen wären. Allein es war gebräuchlich, bei einer solchen Gelegenheit zu Fuß zu gehen. Nur ich allein blieb vom Zufußgehen ausgenommen, und zwar aus besonderer Rücksicht auf meine zarte Jugend.

Die Hebamme musste mich tragen, und um sich dies bequem zu machen, hatte sie mich in einen aus Weiden geflochtenen Tragekorb eingepackt, den sie an Achselbändern auf ihrem Rücken befestigte. Nachdem sich die Reisegesellschaft im Haus oder Häuschen meiner Mutter mit g’selchtem Fleisch, Butter, Brot und Schnaps zuvor hinlänglich gestärkt hatte, wurde der Marsch angetreten. Der Tag war bildschön. Da es aber in der Nacht zwar nicht geregnet, doch aber geschüttet hatte wie ein Wolkenbruch, so konnte auf dem grundlosen, samtweichen, einen halben Schuh hohen Kotweg ohne Hühneraugenschmerzen so appetitlich gegangen werden, wie auf nebeneinandergelegten, federvollen Kopfkissen. Seitenwege konnte man nicht betreten, ohne bis auf die Kniescheiben zu versinken. Der Weg führte fortwährend durch einen Wald.

Die Reisegesellschaft war etwa noch 150 Schritte von einem kleinen Waldwirtshaus entfernt, von wo aus noch eine Viertelstunde in das Kirchdorf führte, als das tückische Schicksal ihr einen boshaftigen Streich spielte. Der Reisige eines ehrsamen und gaudiebischen Herrn Ritters kam hinter uns in rasender Eile herangeritten, und die vier bretterbreiten Füßchen seines Rosses bedeckten die Fußwanderer von unten bis obenvmit Kot. Mein Taufpate und die zwei Taufzeugen schimpften den Reisigen, der hohnlachend fortsprengte, aus Leibeskräften und fluchten zugleich so grimmig, dass es kein Wunder gewesen wäre, wenn das Ross aus Entsetzen über die gräulichen Fluchworte seine vier Hufeisen verloren hätte.

Die pfiffige Hebamme, die hinten nachtrollte und das Ross zuerst heranstürmen hörte, wollte noch rechtzeitig links bis zum Rand des Weges ausweichen, brachte ihre Füße untereinander und fiel mit vorgestreckten Händen der Länge nach in den Kot, welcher von beiden Seiten über ihr zusammenschlug, wie die beiden Hälften des Garnes auf einem Vogelherd, wenn es vom Vogelsteller zugezogen wird. Die Heftigkeit des Sturzes meiner Trägerin schleuderte mich vom Kopf bis zum Nabel aus dem Tragekorb heraus, sonst wäre ich im Kot erstickt und würde dies ein großer Verlust für die Menschheit und meine geehrten Leser gewesen sein, weniger für meine Mutter, der ich durch meine tollen Streiche und Possen noch viel Kummer machen konnte.

Das Waldwirtshaus winkte uns freundlich zu. Wir erreichten es bald, und da der Wirt mit meinem Taufpaten Mühlrad immer sehr viele Geschäfte trieb, empfing man uns wie Kinder des Hauses. Auf Anordnung des Wirtes stellte der Hausknecht die vier Personen der Reisegesellschaft im Hof in Reih und Glied und übergoss sie vom Kopf bis zu den Füßen mit Wasser aus einem Pferdetrankzuber, um sie vorläufig vom Gröbsten zu reinigen. Dann brachte man die Kleider in die starkgeheizte Kammer, worin die Wäsche des Hauses getrocknet wurde. Während die drei Männer in Kleidern des Wirtes schnapsten, wusch die Hebamme das Taufzeug, nachdem sie mich zuvor in einen wollenen Unterrock der Wirtin gewickelt hattte. Aber das Taufzeug sah nun abscheulich aus und war unbrauchbar.

Mühlrad bestellte ein gutes Mittagessen, welches wir auf der Rückkehr von der Taufe verzehren wollten, und einen Leiterwagen zur Heimfahrt. Statt des Taufzeuges bekam ich durch die Güte der Wirtin eine Pudelmütze, eine lederne Hose und Juchtenstiefel ihres dreijährigen Söhnleins, in welchem Anzug ich recht possierlich ausgesehen haben muss.

Wir kamen glücklich im Kirchdorf Quirlequitsch an, wo ich in der Taufe den Namen Pamfilius Frohmund erhielt. Von der Kirche weg kehrten wir sogleich wieder zum Waldwirtshaus zurück, wo wir es uns tüchtig schmecken ließen. Ich sage wir, denn ich war auch einer von den Gästen. Als ich nämlich die gebratenen Hühner auftragen sah, schmeckte mir die dargereichte Kuhmilch nicht mehr. Ich spie zur größten Freude der Hebamme, welche ausrieft: »Das ist ein gutes Zeichen, dass der Pamfili speit. Speiende Kinder – bleibende Kinder!«

»Vielleicht frisst der kleine Pamfili a Hendln lieber, als dass er Mili sauft«, sagte der Mühlrad, »weil er schon zwei Zähne im Maul hat«, und tupfte mit einem Hendlviertel auf der Gabel scherzweise an meinen Bund, der recht nett und nicht größer war als der halbgeöffnete lederne Beutel eines Schrannenbauern. Ich aber, nicht faul, verstand den Spaß unrecht, schnappte das Hendlviertel von der Gabel weg, und fiselte es mit meinen zwei Zähnen vollständig ab, ohne dazu meine eingefatschten Hände nötig zu haben. Die Hebamme nahm mir die abgenagten Hendlknochen gerade noch zur rechten Zeit aus dem Mund, sonst hätte ich sie auch noch zermalmt und verschlungen.

»Allen Respekt!«, sagte Mühlrad lachend. »Der Pamfili muss seine übrigen dreißig Zähne schon alle im Magen haben, sonst könnte er eine solche Kost nicht verdauen. Wenn der einmal größer wird, frisst er gewiss ein halbes Dutzend Hendln samt der Hennensteig.

Alle Anwesenden wunderten sich und lachten. Die Hebamme versicherte hoch und teuer, dass ihr ein solches Fresskind noch nie unter die Hände gekommen sei. Auf mich selbst und meinen Geschmack machte das von mir verzehrte Hendlviertel einen so tiefen und wohltätigen Eindruck, dass ich zeitlebens ein großer Verehrer und Liebhaber der Hendln geblieben bin, sogar wenn sie auch nicht gebraten waren, in welchem Zustand ich ihnen auf verschiedenen Bauernhöfen oft recht freundschaftlich meine Hand gereicht und sie auf die wohlfeilste Art so anhänglich gemacht habe, dass sie nicht mehr von mir abließen, und ich sie zuletzt zum Fressen gern hatte.

Als wir auf dem Leiterwagen wieder glücklich heimkamen, war meine Mutter höchlich erstaunt über alles, was die Hebamme mit geläufiger Zunge von unseren Abenteuern erzählte, ganz besonders aber über meine Verspeisung des Hendlviertls, und äußerte gar klug und vorsichtig, dass sie sich von nun an wohl hüten werde, ihre Hendln gebraten im Hof herumlaufen zu lassen.

Abends war der Taufschmaus im Wirtshaus, wohin ich aber nicht mitgehen durfte, Meine Mutter aber nahm gemütlich daran teil, auch die Hebamme. Die Dirne war auf einige Stunden meine Hofmeisterin, was ihr aber keine große Mühe machte, da ich ganz ruhig den Schlaf des Gerechten geschlafen habe.

Alles, was ich hier erzählt habe, erfuhr ich erst in einem Alter von 8 Jahren von meiner Mutter, außerdem hätte ich mich nicht mehr genau daran erinnern können. Übrigens hat es meine Mutter oft bereut, dass sie mich nicht auch zum Kindstaufschmaus mitgenommen hatte, weil sie dann bei meiner Verzehrung eines zweiten Hendlviertels würde gesehen haben, wie geschickt ich mich bei dem ersten benommen hatte.

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