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Das Geheimnis zweier Ozeane 10

Die spanische Karavelle

Der eigenartige Ton des Summers – das Meldezeichen des drahtlosen Telefons – hinderte den Zoologen daran, sein Vorhaben auszuführen. Kaum hatten er und Pawlik ihre Funkgeräte auf die gesuchte Welle eingestellt, als sie Marats aufgeregte Stimme hörten.

»Arsen Dawidowitsch, Genosse Lord! Melden Sie sich doch!«

»Ja, hier spricht Lordkipanidse! Was ist denn los?«

»Kommen Sie schnell hierher, Genosse Lord! Eine außergewöhnliche Sache. Welch interessanter und seltener Fund. Beeilen Sie sich!«

»Was hast du denn?«, fragte der Zoologe. »Was ist passiert? Wo bist du jetzt?«

»Schnell, schnell! Sie werden schon sehen«, drängte Marat. »Schwimmen Sie Nordnordwest. Tiefe – hundertundvier Meter. – Sie werden einer Menge Felsen begegnen … einer davon ist riesengroß und sieht wie ein Dom aus. Dahinter leuchtet meine Laterne. Beeilen Sie sich aber, sonst verliere ich den Verstand!«

»Schon gut! Wir schwimmen gleich los!«, rief der Zoologe, von Marats Erregung angesteckt.

Lordkipanidse und Pawlik sausten in fast horizontaler Lage durch die blaugrüne Dämmerung, das Wasser mit dem Helm und den Schultern zerteilend und ab und zu auf Kompass und Tiefenmesser blickend.

»Was mag dieser komische Kerl denn gefunden haben? Was denkst du, Kleiner?«, fragte der Zoologe. »Sag es doch, Marat. Spann uns nicht auf die Folter!«

»Ich habe keine Zeit, Genosse Lord«, antwortete Marat schnaufend. »Ich muss mich hier hindurchwühlen. Gleich werden Sie es selbst sehen – Zoi und Skworeschnja werden ebenfalls gleich hier sein. Ich habe sie auch hergerufen.«

Unten breitete sich, sanft ansteigend, der Meeresboden aus, bedeckt von dunklen Felsbrocken, dicht bewachsen mit Seelilien, Seefedern, Gorgonien und Kalkalgen. Um nicht gegen die Felsen zu stoßen, mussten die Taucher langsamer schwimmen, im grünlichen Dämmerlicht der Tiefe zeichnete sich ein hoher, turmähnlicher Felsen ab, umgeben von einigen anderen spitz zulaufenden schmalen Felsen.

»Hier wird’s wohl sein«, bemerkte der Zoologe.

Sie bahnten sich ihren Weg zwischen Felsstücken und Tangen; hinter dem großen Felsenturm lag eine kleine Lichtung. Neben einer dunklen Masse im Hintergrund bewegte sich ein heller Schein hin und her.

»Da sind wir!«, sagte der Zoologe und schaltete seine Stirnlaterne ein.

Pawlik tat das Gleiche. Es wurde ziemlich hell. Marat, den funkelnden Stern der Laterne an der Stirn, stand, auf seinen Spaten gestützt, neben einem Berg frisch geschaufelten Sandes. Man sah im durchsichtigen Taucherhelm sein schweißbedecktes Gesicht, die vor Freude funkelnden Augen und eine widerborstige Haarsträhne. Im Taucheranzug konnte Marat diese Haarsträhne nicht bändigen; sie sträubte sich mit frecher Selbstverständlichkeit über der Stirn.

»Nun, was hast du Schönes? Zeig es uns mal!«

Marat stand vor einer seltsamen Erhöhung. Und obwohl diese völlig von Kalkalgen – den einzigen Wasserpflanzen, die sich in diesen fast lichtlosen Tiefen entwickeln konnten, – bewachsen war, genügte dem Zoologen ein Blick, um voller Entzücken auszurufen: »Ein Schiff! Eine spanische Karavelle!«

Er stürzte auf die Überreste dieses längst versunkenen Schiffes zu und begann eifrig die Wasserpflanzen abzureißen.

»Säubert schnell den Schiffsrumpf und achtet darauf, ob ihr vielleicht ein Loch findet, durch das wir in das Innere eindringen können!«, schrie er aufgeregt. »Das ist ja eine tolle Entdeckung, Marat! Du wirst ein berühmter Mann werden!«

»Sehen Sie, ich hab es Ihnen ja gesagt!«, sagte Marat triumphierend und versuchte, mit der Schaufel die Schiffswände freizulegen. »Ich ahnte es doch, dass Sie über meinen Fund begeistert sein werden.«

Pawlik, von der allgemeinen Erregung angesteckt, riss ebenfalls Algen und Seefedern von der Schiffswand ab.

»Warum tobt ihr hier so?«, hörte man plötzlich Skworeschnjas Bassstimme. »Seid ihr übergeschnappt?«

Er war mit Zoi auf den Meeresboden heruntergekommen, und beide schauten voller Verwunderung ihren Freunden zu.

»Was sagst du da, du lange Latte?«, fauchte ihn Marat an, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. »Hilf uns das Schiff säubern. Siehst du denn nicht, was hier los ist?«

»Aha!«, sagte Zoi. »Hier riecht es nach historischen Entdeckungen. Ran an die Arbeit, Andrej Wassiljewitsch.« Und er begann wie der Zoologe von den Schiffswänden die Algen abzureißen.

»Ein Schiff?«, fragte Skworeschnja ungläubig. »Stimmt schon, sieht wie ein Schiff aus. Und was wollen Sie damit anfangen? Warum soll man es von diesem Moder säubern?«

»Schämen Sie sich, Skworeschnja!« entrüstete sich der Zoologe, den Fuß gegen die Schiffswand gestemmt, um ein Büschel festsitzender Seelilien auszureißen. »Das ist doch ein altes spanisches Schiff aus der Zeit des Kolumbus und des Cortez! Vielleicht finden wir in seinem Innern interessantes historisches Material.«

»Warum sagten Sie denn das nicht gleich?«, murmelte der Riese verlegen. »Ein Schiff – aber was für ein Schiff, das sagen Sie einem nicht..

Er schaltete seine Laterne ein und hieb mit dem Buschmesser die Algen los.

»Marat, geh mal aufs Schiffsdeck«, bat der Zoologe. »Vielleicht kann man von dort leichter in das Innere eindringen.«

Marat betätigte den Gewichtsregler und erhob sich vom Meeresboden. Bald stand er auf dem Vordeck. Aber es war unmöglich, hier zu arbeiten. Die Füße versanken in Trümmerstücken, die von Korallen und Algen bedeckt waren und deren Zwischenräume von Quallen, Stachelhäutern und Muscheln wimmelten. Marat versuchte, sich zwischen den Trümmern einen Weg zu bahnen, um in die Kapitänskajüte zu gelangen, die auf Karavellen der damaligen Zeit immer im Vordeck, neben dem Steuer, lag. Unter dem Heck arbeitete Skworesch nja, mittschiffs außen der Zoologe und am Bug Pawlik. Das Heck saß auf einem Felsen, und der Bug hatte sich zum Teil in den Schlamm eingebohrt. Fünf Meter freier Raum war zwischen dem Vordersteven und den Felsen, die sich, von den Laternen der Taucher schwach erhellt, allmählich im dämmrigen Dunkel der Tiefe verloren.

Pawlik warf einen Blick auf die undeutlichen Konturen der Felsen, und es schien ihm, als bewege sich dort etwas Lang gestrecktes, Blassgraues. Er schaute aufmerksamer hin, doch konnte er nichts Genaues erkennen. Man müsste sich die andere Bordwand mal ansehen, dachte er. Vielleicht ist dort ein Leck.

Auf der anderen Seite breitete sich eine kleine unbewachsene Fläche aus, auf der einzelne Felsbrocken und Haufen kleiner Trümmerstücke lagen.

Pawlik bewegte sich vorsichtig an der Schiffswand entlang. Ab und zu schlug er mit seinem Buschmesser gegen die Schiffsplanken, die im Laufe der Jahrhunderte unter der Einwirkung des Seewassers hart wie Stein geworden waren.

So gelangte er, schlüpfrigen Felsstücken ausweichend oder über sie hinwegsteigend, fast bis zum Heck. Seine Hand mit dem Buschmesser stieß plötzlich ohne Widerstand durch den Schiffsleib. Pawliks Atem stockte. Ein Leck, dachte er freudig erregt. Soll ich’s melden? Nein, lieber schau ich erst selber hinein!

Mit dem Buschmesser durchschnitt er ein paar Algengirlanden. Vor ihm gähnte jetzt eine Öffnung, durch die er den Kopf mit der Stirnlaterne steckte. In einem Hohlraum lag ein Haufen viereckiger und runder Gegenstände, von Algen bewachsen und mit Muscheln überkrustet. Pawlik glaubte, Kästen und Fässer vor sich zu sehen. Da das Leck sehr groß war, konnte der Junge durch ein Gewirr von Algen und Seefedern, die gelb und grün flimmerten, ins Innere des Schiffes gelangen. Er stellte sich auf den nächsten Kasten, glitt aber auf dem bräunlichgrünen Teppich aus winzigen, moosartigen Kalkalgen aus und geriet mit dem rechten Fuß in einen Spalt.

Mit Mühe befreite er sich aus der Falle und bemerkte, dass überall, rechts vom Leck und in jedem freien Zwischenraum, am Boden und an der Decke, sich etwas wie lange, dicke Schlangenleiber wand und bewegte. Wahrscheinlich Schiffstaue, dachte Pawlik. Er stieg vom Kasten herunter und tastete sich vorsichtig weiter. Nach zwei Schritten stieß er gegen eine Treppe, die zum Deck führte. Kaum hatte er den Fuß auf die erste Stufe gesetzt, als er Skworeschnjas Stimme hörte.

»Aha! Da ist es ja, das Leck! Kein sehr großes. Der Achtersteven ist zerbrochen.«

»Lassen Sie mal sehen!«, meldete sich die Stimme des Zoologen. »Aber wo steckt denn Pawlik?«

Kaum hatte er gesprochen, als man Marat aufgeregt rufen hörte.

»Achtung, Kraken! Von allen Seiten kommen sie!«

»Nun gut, wir kneifen nicht, unseren Fund geben wir nicht auf«, sagte Lordkipanidse ruhig. »Handschuhe anziehen! Marat, komm herunter! Wir müssen beisammenbleiben. Pawlik! Pawlik! Sofort zu mir! Wo bist du?«

Die Erstarrung, die bei Marats Ausruf Pawlik ergriffen hatte, war schnell gewichen. Er rief laut: »Hier. Gleich bin ich bei euch!«

Pawlik stürzte zum Leck, verfing sich aber in irgendetwas mit dem Fuß und stürzte. Er versuchte mit zitternden Händen, sich zu befreien, und murmelte in einem fort:

»Ich komme schon … sofort … einen Moment noch …«

Gleichzeitig hörte er Skworeschnjas Stimme.

»Teufel noch mal! Ich habe die Handschuhe vergessen! Und diese Viecher krauchen hier gleich dutzendweise herum … Du irrst dich aber, du Bestie! … So geht’s nun auch nicht!«

Endlich hatte Pawlik seinen Fuß befreit. Sich auf die Hände stützend, wollte er gerade aufstehen; da fühlte er plötzlich, dass seine Arme wie von einem Schraubstock umschlossen wurden.

Ohne sich der Gefahr bewusst zu werden, schnellte Pawlik hoch, befreite einen Arm und griff nach dem Buschmesser. Aber etwas Langes und Biegsames umschlang den Arm und presste ihn mit furchtbarer Gewalt gegen die Brust. Ein paar Sekunden lang schien es Pawlik, als kröchen über seinen Bauch Rücken und Beine dicke Schlangenleiber, sich windend und ausstreckend. Blitzschnell war Pawliks ganzer Körper dicht umflochten; er konnte weder Beine noch Arme bewegen. Der Junge hob die Augen und schrie entsetzt: »Ein Krake!«

Über ihm hing inmitten eines Kranzes dicker lederiger Taue ein riesiger schwarzer Hakenschnabel. Darüber funkelten auf dem gewölbten, glänzend braunen Körper zwei untertassengroße grünliche Augen von erschreckender Starrheit. Sie blickten in Pawliks Gesicht, und er fühlte, wie sein Herzschlag stockte und eine tödliche Angst seinen Körper lähmte. Er wollte schreien, um Hilfe rufen, aber er brachte nur heisere, unartikulierte Laute hervor. Dann wurde er zur Schiffsöffnung geschleift.

Während der ganzen Zeit hörte der Junge Skworeschnjas Schnaufen und lautes Schimpfen.

»Ziel in seine Augen, Marat! In die Augen! In den Körper hat es keinen Zweck … Aspik nur in Gelee … So ist’s richtig! Da hast du’s! … Weiche seinen Fangarmen nicht aus! Soll er dich selber an seine Augen heranziehen!«

»Er hat mir einen Arm an den Körper gedrückt«, hörte man Marats erstickte Stimme. »Wie viele es sind … wie viele! … Immer neue! Zoi, hilf mir doch!«

»Aber gern!«, antwortete Zoi ruhig. »Aha! Die netten Tierehen lieben keinen elektrischen Strom. Sie krümmen sich wie Birkenrinde über dem Feuer.«

»Stellt euch mit dem Rücken zur Schiffswand!«, befahl der Zoologe. »Bleibt beisammen! Pawlik! Pawlik! Wo bist du?«

»Arsen Dawidowitsch«, hörte man wieder Zois ruhige Stimme. »Ohne Handschuhe nützt uns hier Skworeschnja wenig … Soll er besser Pawlik …«

Und plötzlich Stille ringsumher. Pawliks Stirnlaterne erlosch. In der Finsternis sah der Junge nur zwei starre grünliche Augen und den flimmernden Funkentanz auf den Seefedern. Der Junge fühlte nur, dass er langsam zum Leck gezogen wurde.

In wilder Angst schrie er mit lauter, verzweifelter Stimme: »Hilfe! … Arsen Dawidowitsch! … Marat!«

Niemand antwortete. – Mein Funkgerät arbeitet nicht. Warum nicht? Auch die Stirnlaterne …, schoss es durch Pawliks Kopf.

Ein winziger Hoffnungsschimmer erhellte sein Bewusstsein. Vielleicht kann der Krake mit dem Taucheranzug nichts machen; der Schwertfisch hat ihn nicht durchlöchern können, auch ein Pottwal könnte es nicht.

Und tatsächlich, erst jetzt wurde es ihm bewusst, dass er keinen Druck und keine Schmerzen von der zweifellos furchtbaren Umklammerung des riesigen Kopffüßers spürte. Neue Hoffnung beseelte Pawlik. Seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, und er sah, dass der Krake, der sich wie ein zwei Meter hoher Hügel über ihm türmte, ihn mit drei Fangarmen umschlungen hatte und mit den anderen sich gegen den Schiffsboden stemmte und zum Ausgang kroch. Er schob sich leicht mit seiner Beute durchs Leck.

Außen war es heller. Pawlik schaute nach oben und bemerke über dem Schiff einen silbrigen Lichtschimmer.

Sie sind noch dort …‚ dachte er. Sie kämpfen!

Wieder packte ihn Angst. Wenn seine Kameraden umkommen sollten? Marat hatte doch gesagt, dass es hier so viele von diesen Ungeheuern gäbe – und wer könnte ihm da zu Hilfe kommen? Was wird der Krake machen, wenn er mit dem Taucheranzug nicht fertig werden sollte? Vielleicht wird er ihn doch aufreißen können? Pawlik blickte angstvoll auf den riesigen scharfen Schnabel des Kopffüßers. Arsen Dawidowitsch hatte vor Kurzem erzählt, dass Kraken die härtesten Muscheln zermalmen können! Aber das Metall seines Taucheranzuges war doch noch härter.

Der Krake kroch noch zehn Meter weiter. Anscheinend war er sehr hungrig. Die riesigen Fangarme wild schlängelnd, zog er Pawlik an seine Mundöffnung heran. Zweifellos wollte er erst die Hülle dieser seltsamen Beute zerdrücken, bevor er sie zu fressen begann. Aber alle seine Anstrengungen waren vergeblich. Das reizte das Tier ungemein. Seine Augenkugeln erglänzten in grünlichen und gelblichen Silberreflexen, der Körper zeigte einen fortwährenden Wechsel brillanter Färbungen. Trotz seiner schrecklichen Lage bezauberte dies märchenhafte Farbenspiel Pawlik für einen Augenblick.

Plötzlich fühlte er, wie sich seine Beine in den Kniegelenken bogen und immer näher an den Körper herangezogen wurden. Es tat sehr weh. Mit jeder Sekunde wurde der Schmerz heftiger. Gleichzeitig drehten die Fangarme des Kraken Pawliks Körper um und begannen den Kopf an den Bauch zu drücken. Das, worauf Krepin bei seinem Taucheranzug so stolz war, die Gelenkigkeit, verwandelte sich jetzt in die Achillesferse der Erfindung und konnte Pawliks Tod herbeiführen. Der Krake rollte Pawlik zusammen, indem er ihm die Beine an den Rücken und den Kopf bis zum Bauch drückte.

Pawlik schrie auf vor grässlichen Schmerzen. Und als habe sich der Krake erschrocken, lockerte er seine furchtbare Umschlingung und hob seine riesigen Fangarme über seinen Körper empor. Pawlik fiel auf den Sand und begriff nicht gleich, was geschehen war. Aber schon im nächsten Augenblick sah er ganz nahe vor sich den Schatten eines unwahrscheinlich großen Fisches. Der Fisch bewegte seine Schwanzflosse, die so groß wie ein Scheunentor war, und allein durch den Druck des Wassers wurde Pawlik zur Bresche in der Schiffswand zurückgeschleudert. Der Junge fiel nach hinten und blieb mit dem Rücken zum Schiff sitzen.

»Ein Pottwal!«, stammelte er, seinen plötzlich aufgetauchten Retter anstarrend.

Es war ein prächtiger Vertreter der streitbaren Walfamilie, nicht weniger als fünfundzwanzig Meter lang. Sein riesiger abgestumpfter, vorn rechteckiger Kopf – ein Drittel seiner Gesamtlänge – hatte fast zwei Meter im Durchmesser. Der untere schmale Kiefer starrte von großen, kegelförmigen Zähnen. Die kleinen Ochsenaugen funkelten wütend. Der Kopf des Wals war schon ganz von den dicken Fangarmen des Kraken umwunden. Sie lösten sich manchmal, und an ihnen hafteten Hautstücke, die von den Saugnäpfen aus dem Kopf des Pottwals herausgerissen worden waren. Ein Fangarm des Kraken geriet in den geöffneten Rachen des Pottwals und wurde von ihm glatt abgebissen. Krampfhaft zuckend glitt der Fangarm zum Meeresboden.

Der Pottwal war anscheinend ein alter, erfahrener Räuber. Seine schwarze, seidig glänzende Haut war von großen Narben übersät, Spuren der Saugnäpfe riesiger Kopffüßer. Einige Schrammen von den Harpunen der Walfangschiffe zogen sich über seinen breiten Rücken und über die Bauchseiten. Am Kopf ragte noch der Stiel einer abgebrochenen Harpune heraus. Ein anderer steckte seitlich in der Nähe der Schwanzflosse.

Diesmal schien der Pottwal auf einen ebenbürtigen Gegner gestoßen zu sein. Nachdem der Krake einen seiner Fangarme verloren hatte, stieß er einen mächtigen Wasserstrahl aus seinem Trichter, lockerte seine Umschlingung und schob sich unter den Bauch des Pottwals. Hier war er vor den schrecklichen Kiefern seines Gegners einigermaßen sicher. Seine restlichen sieben Fangarme wand er um den Körper des Feindes und presste ihn zusammen. Die Fangarme schnellten wie Stahlspiralen nach oben, jedes Mal aus dem Körper des Wales Hautfetzen herausreißend, und umschlangen ihn wieder. Die wütenden, starren Augen des Kraken funkelten, die Hautringe um die Augenhöhlen schwollen an. Er atmete schwer, ließ Wasser in seinen Mantelsack einfließen und stieß es aus dem Trichter mit solcher Gewalt heraus, dass kleine Seetiere, Muschelschalen und Algenreste, Sand und Schlamm umherwirbelten.

Der ratlose Pottwal klappte die Unterkiefer auf und zu, warf sich hin und her und peitschte wie rasend mit der Schwanzflosse das Wasser. Er schlug gegen die Schiffswand und löste einen ganzen Algenteppich los. Der Wasserwirbel warf Pawlik um, aber er setzte sich sofort wieder auf und presste sich unbeweglich gegen den Kiel. Im gleichen Augenblick senkte sich der Pottwal auf den Grund und drückte den Kraken mit seinem ganzen Gewicht gegen den Meeresboden. Aber der Krake hielt ihn weiter umklammert und zerfetzte seine Haut. Jetzt schwamm der Pottwal rückwärts und schleifte seinen Peiniger über die auf dem Meeresgrund verstreuten scharfkantigen Felstrümmer. Bald fühlte der Krake die Folgen dieses Manövers. Sein weicher, gallertartiger Körper wurde aufgerissen, er musste seine günstige Kampfposition aufgeben und kam wieder in den Bereich der schrecklichen Zähne des Pottwals.

Die langsame Rückwärtsbewegung des Wals verlief gerade zu der Stelle hin, von der aus Pawlik in tödlicher Angst die Schlacht der Meeresungeheuer beobachtete. Der lebende Berg kam seitlich auf ihn zu und drohte, ihn an die Schiffswand zu, drücken. Er wollte zum Bug laufen; doch fürchtete er, die Aufmerksamkeit der rasenden Kämpfer auf sich zu lenken. Er schaute sich um, in der Hoffnung, ins Leck schlüpfen zu können. Aber es war weit von ihm entfernt. Noch einen Augenblick, und der furchtbare Rachen des Pottwals und die schrecklichen Fangarme des Kraken würden ganz in seiner Nähe auftauchen.

Da hielt es Pawlik nicht mehr aus und sprang verzweifelt auf. Er versuchte, an Algen und Seelilien die Schiffswand emporzuklettern. Er klammerte sich an die Muscheln, die an den Schiffsplanken festsaßen. In tödlicher Angst, abgleitend und schwankend, kämpfte er sich Zentimeter um Zentimeter nach oben. Er hatte schon fast die Hälfte der Schiffswand erklet tert, als der Berg ihn erreichte. Mit furchtbarer Gewalt prallten die Kämpfenden gegen seine Beine. Pawlik verlor den Halt, seinen Händen entglitt ein Büschel Algen, er wurde herumgewirbelt und fiel auf den schlüpfrigen Rücken des Wales. Im Fallen konnte er noch sehen, dass einige Fangarme des Kraken von den riesigen Kiefern des Pottwals erfasst waren und dass der Kopffüßer wie ein Sack aus dem Maul des Riesen heraushing. Pawlik rutschte zur Seite, blieb aber dann an irgendetwas hängen. Im gleichen Augenblick warf sich der Pottwal nach oben, schleuderte aus seinem Rachen den verstümmelten, noch zuckenden Körper des Kraken und kreiste mit dem an seiner Seite hängenden Jungen über dem Schiff.

Was war geschehen? Wie im Traum versuchte Pawlik, sich am glatten Rücken des Pottwals festzuklammern; nur ein Gedanke beherrschte ihn: Nicht abzugleiten, um nicht von der Schwanzflosse getroffen zu werden, die ganz nahe mit furchtbarer Gewalt das Wasser peitschte.

Der Pottwal schoss nach oben, kam wieder herunter, jagte wie ein Torpedo über das gesunkene Schiff dahin und verschwand in den dunkeln Tiefen des Ozeans. Das letzte, was Pawlik noch bemerken konnte, waren die hellen Strahlen von vier Laternen und vier menschliche Gestalten inmitten eines Knäuels sich windender Fangarme. Dann versank alles um ihn. Eine undurchdringliche Finsternis umgab Pawlik und lastete wie Blei auf seiner Brust und seinem Kopf … Der Junge lehnte den Kopf an den Rücken des Wals und schloss in tödlicher Erschöpfung die Augen.

Fortsetzung folgt …