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Des Teufels Sohn

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Des Teufels Sohn

Des Teufels Sohn

I

»Mama, wann besuchen wir wieder einmal die Großmutter?«, fragten die beiden Mädchen Nara und Vara ihre Mutter Lina.

Sie lebten zusammen mit Bork, dem Vater der Mädchen, im Lande Monn. Dort gab es grasreiche Ebenen, einige kleine Seen und wenige, dichte Wälder, und viele Menschen konnten von den Erträgen ihres Viehs und der Äcker leben.

Lina aber war bei ihren Eltern im Lande Kusien, dem Land hinter den Bergen im Osten, geboren und aufgewachsen und besuchte diese öfter mit Mann und Kindern.

Bork kam aus dem Land, in dem die Familie jetzt lebte, hatte im Nachbarland studiert und in seiner Studienstadt Lina kennen und lieben gelernt. Sie hatten in derselben Stadt, die den Namen Passara trug, geheiratet und waren dann in Borks Heimatland gezogen, da diesem dort ein Posten als Stadtschreiber von Kentera, der zweitgrößten Stadt des Landes, angeboten worden war.

Lina antwortete ihren Töchtern, der Vater habe ab der nächsten Woche einige Tage lang nicht zu arbeiten, und dann würden sie gemeinsam mit dem Wagen zur Großmutter fahren.

Zehn Tage später, nachdem Bork tatsächlich Ferien bekommen hatte, spannte er die Pferde vor den Wagen, lud das Gepäck ein, und sie fuhren los.

II

Als sie alle am ersten Abend bei Linas Eltern in Passara zusammensaßen, erzählte Linas Mutter ihren Lieben, es liege seit etwa einem Jahr über den Frauen ihrer Heimat ein furchtbarer Fluch, und keiner wisse, was man dagegen tun könne.

Lina und Bork fragten natürlich sofort, was das für ein Fluch sei. Linas Mutter entgegnete, dass im Lande zwar nach wie vor die übliche Anzahl an alten und kranken Leuten sterbe, dass aber im letzten Jahr dort nicht ein einziges Kind das Licht der Welt erblickt habe.

Lina und Bork waren betroffen. Sie fragten, ob man denn nichts dagegen tun könne. Linas Mutter erwiderte, es wisse nicht einer, wie man diesen Fluch aufheben könne.

Sie saßen noch eine Weile beim Wein und unterhielten sich über die Zukunft. Schließlich aber wurden alle müde und gingen zu Bett.

Lina aber, die sofort einschlief, hatte einen außergewöhnlichen Traum. Ihr erschien ein Engel des Herrn, der ihr das Folgende erzählte: Jedes Land der Erde habe seinen eigenen Obstbaum im Garten des Herrn. Für jedes Blatt, das der Baum eines Landes im Herbst verliere, sterbe ein alter oder kranker Bewohner des Landes. Für jede Frucht eines Jahres aber, deren Anzahl genauso groß sei wie die der Blätter des Baumes, werde im Land ein Kind geboren. Der Obstbaum Kusiens aber habe im letzten Jahr zwar Blätter bekommen und verloren, aber keine Früchte, sodass dort keine Kinder geboren worden seien. Das Schicksal des Landes liege nun in Linas Hand. Sie solle ihre Lieben bei ihren Eltern zurücklassen und allein zur Marienstatue in der Grotte von Lixa ziehen. Wenn sie dort eine Kerze anzünde, werde sie erfahren, was sie tun müsse, damit in ihrem Heimatland wieder Kinder geboren würden.

Als der Engel des Herrn dies verkündet hatte, verschwand er wieder, und Lina erwachte …

III

Nachdem Bork und die anderen ebenfalls erwacht und aufgestanden waren, erzählte Lina ihnen allen von dem Engel des Herrn, seiner Botschaft und ihrem eigenen Wunsch, zu tun, was er verlangt hatte. Die anderen wollten sie zunächst nicht allein nach Lixa ziehen lassen, doch sie bestand darauf, wie der Engel es gefordert hatte. Schließlich gaben die anderen nach, und Lina schnürte ihr Bündel und fuhr mit der Kutsche davon.

In Lixa angekommen, begab sie sich sofort zu der Grotte, in welcher die Statue der Mutter Gottes stand. Als sie hineinging, befanden sich außer ihr nur noch eine alte Frau und zwei junge Mädchen in der Grotte. An ihrem Ende stand die Statue. Davor hatten einige Besucher brennende Kerzen aufgestellt. Lina ergriff eine der Kerzen, die der Pfarrer zu diesem Zweck dort gelagert hatte, und warf dafür eine Münze in den eisernen Kasten, der an der Wand hing. Dann entzündete sie die Kerze, stellte sie zu den anderen und betete stumm zur Jungfrau Maria.

Nichts geschah!

Lina wartete einige Minuten, doch sie sah und hörte nichts und niemanden, der ihr sagte, was sie tun musste, um ihrem Heimatland zu helfen. Am Ende machte sie sich auf den Weg nach draußen und war fest davon überzeugt, sie werde wohl keinen Erfolg haben. Als sie aber an der alten Frau vorbeiging, die etwas weiter hinten gestanden hatte, klopfte ihr diese auf die Schulter und sagte: »Einen Moment, junge Frau! Ich kann Euch erzählen, was Ihr wissen wollt!«

Lina war zunächst sehr überrascht. Dann aber fragte sie die Alte, was sie wisse. Diese gab zur Antwort: »Ich weiß, dass Kusiens Baum im Garten des Herrn seit einem Jahr keine Früchte getragen hat. Dies hat den folgenden Grund: Dereinst zeugte der Teufel mit der Hexe Saka einen Sohn, der heute erwachsen ist. Er ist ein musikalisches Genie. Er zieht durch die Länder und trägt in den großen Konzerthäusern Musik, die er selbst geschrieben hat, den Herrschern der Länder und ihren Frauen vor. Immer dann, wenn die Herrschenden eine Tochter haben, die noch Jungfrau ist, betört er diese durch seine Musik derart, dass sie ihn anschließend in seiner Garderobe aufsucht und dort einen Kuss von ihm fordert. Gibt der Satanssohn der Herrschertochter jedoch diesen Kuss, so kann diese künftig keine Kinder mehr bekommen und alle anderen Frauen des Landes ebenfalls nicht. So ist es auch in deinem Heimatland geschehen, und deshalb trägt der Baum des Landes im Garten des Herrn keine Früchte mehr. Nur dann, wenn der Sohn des Teufels einmal eine Frau küsst, die bereits Kinder geboren hat, muss er zur Hölle fahren, und alle Bäume im Garten des Herrn werden wieder Früchte tragen.«

»Habt Dank für Eure Auskunft!«, sagte Lina zu der alten Frau. »Aber sagt, wisst Ihr vielleicht auch noch, in welchem Land der Sohn des Satans das nächste Mal auftreten wird?«

»Soweit ich weiß, kommt er im September nach Monn, denn der Herrscher dieses Landes, König Sonos, soll eine Tochter haben, die noch Jungfrau ist«, antwortete die Alte.

Lina dankte noch einmal und gab ihr zum Abschied die Hand. Dann machte sie sich eilig auf den Rückweg zu ihren Lieben.

IV

Wenige Stunden, nachdem Lina wieder in Passara angekommen war, lud Bork die Sachen seiner Familie auf den Wagen, ließ Nara, Vara und Lina einsteigen und setzte sich auf den Kutschbock.

»Viel Erfolg, ihr Lieben!«, riefen Großvater und Großmutter und winkten, während Bork die Pferde antrieb.

Wieder in Kentera angekommen, verfasste Lina sofort einen Brief an den König des Landes. Einige Tage später hielt sein Wagen vor der Tür, um sie abzuholen. Ihr Plan hatte ihm offensichtlich gefallen.

Als sie am Hof des Sonos eintraf, wurde sie mit königlichen Ehren empfangen und bekam ein fürstliches Zimmer zugeteilt, wo sie sich nach einem langen Gespräch mit dem Landesherrn noch zwei Tage aufhielt, bis endlich der große Abend gekommen war.

Die Königin hatte ihr eines ihrer prunkvollen Gewänder geschickt, in dem Lina wie eine Prinzessin aussah. Schließlich stieg sie zusammen mit dem Herrscherpaar in deren Wagen und sie fuhren zum Opernhaus der Stadt. Dort nahmen sie in der königlichen Loge Platz und lauschten der Musik, die Orgos, der Sohn des Satans, am Piano zum Besten gab. –

Während die Gäste im Saal am Ende stehend applaudierten, verließ Orgos die Bühne und ging zu seiner Garderobe, wo Lina schon auf ihn wartete.

»Ich bin des Königs Tochter«, sagte sie zum Sohn des Satans. »Und ich bin Euch verfallen! Küsst mich auf der Stelle!«

Orgos lächelte böse und gab Lina einen Kuss. Da aber verzerrten sich seine Gesichtszüge. Er röchelte, stöhnte und fiel zu Boden. Sekunden später hatte er sein Leben ausgehaucht und sein Körper zerfiel im Nu zu Staub.

Lina bekam von König Sonos tausend Dukaten zur Belohnung, da sie sein Land vor einem furchtbaren Schicksal bewahrt hatte. Sie reiste sofort nach Hause zurück. Die Bäume im Garten des Herrn aber trugen in diesem Jahr alle wieder Früchte, und es geht das Gerücht um, dass sie immer einige Früchte mehr trugen, als sie Blätter hatten.

(hb)

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