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Sherlock Holmes und das Ungeheuer von Ulmen

Franziska Franke
Sherlock Holmes und das Ungeheuer von Ulmen

Krimi, Taschenbuch, KBV Verlag, Hillesheim, Oktober 2013, 284 Seiten, 9,90 Euro, ISBN 9783942446907, Titelillustration von Fritz von Wille, Umschlaggestaltung von Ralf Kramp
www.kbv-verlag.de

Sherlock Holmes bekommt von einem ehemaligen Klienten aus Trier, Doktor Peeters den Brief eines früheren Studienkollegen ausgehändigt, mit der Bitte diesem zu helfen. Herbert Becher berichtet von einem Ungeheuer, einem Fischsaurier, der in dem Maar unweit des Eifeldorfes Ulmen sein Unwesen treibt. Der Legende nach muss jemand sterben, wenn sich der Saurier zeigt. Obwohl Holmes wenig Verständnis für solcherlei Legenden hat und nicht an übersinnliche Phänomene glaubt, begibt er sich mit seinem treuen Gefährten David Tristram nach Deutschland. Doch bedauerlicherweise können sie nicht mehr mit Herbert Becher sprechen, denn der Lehrer ist brutal ermordet worden, und sein Leichnam wurde direkt an den Ufern des Maars gefunden. Für viele Einwohner Ulmens steht fest, dass Becher selbst zum Opfer des Ungeheuers wurde. Holmes jedoch ist anderer Ansicht, obwohl die Leiche bereits beigesetzt wurde und auch am Fundort der Leiche mittlerweile alle brauchbaren Spuren verwischt sind. Die Bewohner begegnen dem englischen Detektiv, der sich als norwegischer Ermittler Sven Sigerson ausgibt, und seinem Begleiter David Tristram bestenfalls mit Misstrauen, schlimmstenfalls mit offener Ablehnung. So ist auch von der örtlichen Polizei nicht viel Hilfe zu erwarten. Doch Sherlock Holmes bleibt hartnäckig, und seine Ermittlungen führen ihn und David Tristram sogar bis nach Frankfurt. Des Rätsels Lösung verbirgt sich aber hinter den dichten Nebelschleiern des Ulmener Maars.

Zum fünften Mal bereits darf David Tristram an der Seite von Sherlock Holmes dessen Ermittlungen beiwohnen und zugleich als sein Chronist fungieren, während Dr. Watson im fernen London der festen Überzeugung ist, dass sein Freund beim Kampf mit Professor Moriarty an den Reichenbachfällen den Tod fand. Nach Italien, Frankreich und Belgien führt Holmes’ Weg endlich auch mal nach Deutschland in die wunderschöne Eifel. Hier darf sich der Meisterdetektiv wieder als kühler Rationalist beweisen und eine uralte Legende entmystifizieren. Natürlich weckt ein sagenumwobenes Ungeheuer sofort Assoziationen mit dem legendären Hund der Baskervilles, doch bei dem vorliegenden Werk ist schnell klar, dass es sich bei dem titelgebenden Ungeheuer lediglich um eine Finte handeln muss. Tatsächlich entpuppt sich Das Ungeheuer von Ulmen als herrlich altmodische Mörderjagd, bei der Holmes schon tief in die Trickkiste greifen muss, um den Täter dieses Mal zu überführen. Der Plot der Geschichte ist gut durchdacht und die Autorin hat überdies auch glänzend recherchiert. Lediglich in puncto Spannung und Dramaturgie müssen Abstriche gemacht werden. Überraschende Wendungen hat die Handlung überhaupt nicht zu bieten, glänzt dafür aber mit jeder Menge Lokalkolorit im historischen Gewand. Sherlock Holmes zeigt sich abermals als Hans-Dampf-in-allen-Gassen, was bisweilen der Charakterisierung von Sir Arthur Conan Doyle widerspricht, denn ursprünglich hat der Meisterdetektiv keineswegs Interesse daran gehabt, in allerlei Wissensgebieten viele Details aufzuschnappen. Ganz im Gegenteil, was nichts mit seiner Arbeit zu tun hatte oder für einen Fall von Belang war, hat Holmes stets als überflüssig erachtet und sich beispielsweise bemüht so rasch wie möglich zu vergessen, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Hier wird Holmes als unfehlbarer Tausendsassa doch etwas zu perfekt dargestellt. Selbst sein exzentrisches Verhalten hält sich in Grenzen, ebenso wie seine deduktiven Fähigkeiten. Für einen Sherlock-Holmes-Roman ist Das Ungeheuer von Ulmen mit knapp 300 Seiten Umfang schon fast etwas zu lang geraten. Obwohl die Lösung des Falles gekonnt in Szene gesetzt worden ist, hätte man angesichts von Holmes Raffinesse durchaus erwarten können, dass er den Täter ein wenig schneller entlarvt. Nichtsdestotrotz hat Franziska Franke wieder einen literarischen Leckerbissen für Liebhaber historischer Krimis zu Papier gebracht, der ohne Hektik und billige Effekthascherei prima funktioniert.
Das Taschenbuch besitzt eine erstklassige Qualität und liegt wunderbar in der Hand. Hier stimmt einfach alles, angefangen bei dem Lektorat bis hin zum Satzspiegel. Das Titelbild zeigt dieses Mal ein Gemälde von Fritz von Wille, nämlich Burg und Maar von Ulmen. Besser konnte man es gar nicht treffen.

Fazit:
Herrlich altmodischer Krimi ohne Hektik und Effekthascherei. Die Charakterisierung von Holmes ist bisweilen etwas zu trocken und unfehlbar, doch hat Franziska Franke gerade bei der Recherche und der Atmosphärenarbeit ein feines Gespür bewiesen.

(fh)