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Einsendeschluss 31.05.2021

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Realitäten

Es kommt nicht oft vor, dass mich ein Thema des Zauberspiegels animiert, darüber zu reflektieren und meine ganz eigenen Gedanken zu Papier – oder besser, auf den Bildschirm – zu bringen.
Der aktuelle Leitartikel des Zauberspiegels ist jedoch ein solches Thema, denn es geht um Realitäten im Heftroman.

Beginnen wir mit einer Betrachtung über das Medium!
Der Heftroman hatte seine Höhen und Tiefen. Abgesehen von einigen Serien, die sich gut verkaufen, ist das Medium ziemlich am Ende.
Zumindest in der klassischen Form, also auf dünnem Papier gedruckt und am Kiosk im Drehständer verkauft.
Das E-Book könnte dieser Romanform zu neuem Leben verhelfen. Die Produktion eines E-Books ist relativ günstig und die Länge des Romans eignet sich gut, um auf dem iPhone, iPad oder Toledo auf dem Weg zur Arbeit, zur Uni oder zur Schule gelesen zu werden.
Natürlich nur, sofern man nicht am Steuer eines Wagens sitzt!
Eigentlich müssten sich digitale Heftromane relativ gut verkaufen, denn Smartphones und Tablets sind weit verbreitet.
Dennoch tut sich das Medium auch hier schwer. Ein Heftroman ist wohl nicht cool genug, um von Schülern gelesen zu werden – es würde wohl zu sehr von Facebook, WhatsApp und belanglosen Spielchen ablenken – und die Erwachsenen haben mit dem Thema abgeschlossen, als sich das Leben, ihre Interessen und der Heftroman an sich immer weiter voneinander entfernten.
Denn seien wir ehrlich – wirklich modern ist der Heftroman nicht. Dabei könnte er sein, was die TV-Serie für unzählige Menschen ist; die kleine, kurze Unterhaltung zwischendurch.
Das gesagt, komme ich nun zum eigentlichen Thema – Realitäten im Heftroman.
Hier gilt es natürlich zu unterscheiden, von welchen Realitäten wir sprechen. Jene, die mit der Realität des täglichen Lebens korrelieren und solche, die in der jeweiligen Serie gültig sind, nicht aber im Leben des Lesers vorkommen.
Meiner Meinung nach sind beide Punkte wichtig, um einen guten, spannenden Roman zu erstellen.

Fangen wir mit der zweiten Variante an – die Realität innerhalb der Storyline.
Dass die Realität im Heftroman nicht mit der Lebenswirklichkeit übereinstimmt, wissen wir. Im wahren Leben gibt es keine Werwölfe oder Vampire, Dämonen bemächtigen sich nicht den Seelen unschuldiger Jungfrauen und Satan regiert nicht die dunklen Gefilde der Hölle.
Okay, sollten Sie Katholik sein, streichen Sie die letzten beiden Punkte, alle anderen werden mir wohl zustimmen.
Im Heftroman sieht all das anders aus. Sinclair und Zamorra, aber auch Christoph Schwarz und Alan Demore werden dort regelmäßig mit paranormalen und teils monströsen Dingen konfrontiert. Die Leser tauchen mit der Lektüre besagter Romane in die jeweiligen Welten ein und akzeptieren die dortigen Geschehnisse als real im Bezug auf die Serie.
Gleichzeitig wissen sie natürlich, dass sie gefahrlos bei offenem Fenster schlafen können; die Vampirin aus dem Roman wird nicht in ihre Lebenswirklichkeit wechseln und sie heimsuchen; auch wenn sich dies manch ein Leser wünschen mag – je nachdem, wie erotisch oder attraktiv die jeweilige Blutsaugerin beschrieben wurde.
In der Romanwelt ist der Autor jener, der die Regeln und damit auch die Realitäten bestimmt. Wobei er jedoch heute nicht mehr so frei ist, wie er das einst war.
Als Beispiel möchte ich an dieser Stelle Larry Brent Band 70 ­– Die Mordfalter nehmen. Dan Shocker beschreibt darin, dass Motten mit winzigen Saugrüsseln den Menschen das Knochenmark aussaugen, ohne dass es diese merken. Sie brechen einfach tot zusammen.
Damals, als Shocker diesen Band schrieb, konnte er eine solche Szene bringen. Sie passte in die Realität des Romans und wenige Leser wussten, wie denn das Rückenmark eines Menschen beschaffen ist. Es war eine gruselige Idee, die im Rahmen des Bandes funktionierte. Wer sich davon überzeugen möchte, kann dies tun – der Roman erschien im Blitz-Verlag als Band 23 der Larry Brent-Classic-Reihe mit dem Titel Die Mordleiche1

Heute würde ein solcher Plot nicht mehr funktionieren; Realität des Heftromans hin oder her. Das Wissen der Menschen ist heute sehr viel höher; und das hat nicht einmal etwas mit einer besseren Schulbildung zu tun. Nein, auch Serien wie CSI tragen dazu bei, dass ein gewisses Maß an Wissen vorhanden ist. Webseiten wie Wikipedia tun ihr Übriges.
Leser wissen, dass man einem Menschen nicht mit einem dünnen Rüssel das Rückenmark aussaugen kann, ohne dass dieser etwas davon merkt.
Es gibt also einen Unterschied im Bezug auf die Roman-Realitäten. Während der Leser weiß, dass es keine Vampire gibt, diese aber im Rahmen des Settings akzeptiert, akzeptiert er eindeutig falsche oder widersinnige Fakten im Rahmen der Handlung kaum. Die Realitäten des Heftromans dürfen also nur an bestimmten Stellen von denen des realen Lebens abweichen.
Noch ein Beispiel: Vor einiger Zeit hatte ich eine recht lebhafte Debatte mit einem Kollegen, ob es wandelnde kopflose Zombies geben kann oder nicht.
Er vertrat die Meinung, dass dies seine Story sei und er dort eben kopflose Zombies auftreten lassen könne.
Ich hingegen wies ihn darauf hin, dass auch dem Autor Grenzen gesetzt sind und er hier eine solche Grenze überschreite. Dies lag nicht an den kopflosen Zombies generell, denn diese kann es geben. Es lag an dem Setting. In seiner Romanwelt war es durch einen Erreger zu einer Zombie-Apokalypse gekommen.
Leser (und TV-Zuschauer) haben dieses Setting längst als Realität in unzähligen Filmen, Büchern, Computerspielen und Comics akzeptiert. Ein Erreger lässt den Menschen sterben und als Zombies neu erwachen.
Zu dieser Realität gehört es aber auch, dass man Zombies durch einen Schuss in den Kopf ausschalten kann. Alternativ kann man ihnen auch die Birne einschlagen oder sie enthaupten. All das vernichtet einen Zombie, denn der Erreger nutzt das Hirn, um den Körper zu steuern. Es sind also Basis-Funktionen vorhanden, wie etwa die Bewegungen, das Sehen, Hören und vor allem das Fressen.
Diese Realität ist den Lesern dieser Romane vertraut; sie kennen und akzeptieren sie ab der ersten Seite.
Ein kopfloser Zombie würde dieser akzeptierten Realität hingegen zuwiderlaufen und hat darum keinen Platz in diesem Kontext.
Anders sähe es aus, würden wir nicht von einer Zombie-Apokalypse aufgrund eines Erregers sprechen, sondern von Nekromantie; also Magie, die tote Körper wiederbelebt.
Voodoo ist hier ein beliebtes Sujet, und in diesem Zusammenhang würden Leser, welche die Realität eines existierenden Rituals zur Reanimation von Toten akzeptiert haben, auch einen kopflosen Zombie akzeptieren.
Verschiedene Kategorien der Horror-Literatur haben also verschiedene Realitäten geschaffen, in denen sich die jeweiligen Autoren bewegen. Der Versuch, diese Bahnen zu verlassen, kann als innovativ gelten, er kann aber auch Leser vor den Kopf stoßen, denn sie gehen mit Vorwissen und nicht selten mit der Erwartung an den Stoff heran, dieses Wissen bestätigt zu bekommen.
Gleichzeitig wird aber auch hier bereits klar, dass die Realität eines Romans, einer Serie oder eines Genres mit der Realität unseres Lebens zusammenhängt. Wenn ein Autor heute Mordfalter einbringen würde, käme ihm die Realität des Lebens dazwischen, denn die Leser wissen heute, dass dies unmöglich ist. Dadurch käme es wohl zu einer Ablehnung der Roman-Realität, da die Lebens-Realität zu stark interveniert. In Zeiten, in denen medizinische Fakten wie Rückenmarktransplantationen selbst auf RTL gezeigt werden, wird der Autor bei der Schaffung seiner Roman-Realität in einem hohen Maße eingeschränkt. Er ist gezwungen, das reale Leben stärker als einst zu beachten, damit seine Roman-Realität glaubhaft bleibt und von den Lesern akzeptiert wird.

Wie aber sieht es mit der Wirklichkeit des Lesers aus, also dem, was er jeden Tag erlebt, sieht und hört?
Wie sieht es mit der Realität aus, die ihm dank Push-Technik sogar aufs Smartphone gebeamt wird – so er sich nicht gänzlich von allem abschottet?
Schaut man sich die klassischen Heftromane an, findet die Wirklichkeit des Lesers kaum Niederschlag in den Heften. Es mag Ausnahmen geben, aber diese sind vernachlässigbar. Der Heftroman soll heute noch als Fluchtpunkt dienen, als Mittel, die Realität des Lebens zu vergessen. Daher findet sich in den Heften nichts, was die Menschen beschäftigt.
Damit hinkt der Heftroman der Entwicklung der Unterhaltungsbranche weit hinterher, denn gerade Serien, die sich mit der Realität befassen, die wichtige Ereignisse thematisieren, haben Erfolg.
Ob wir nun von Homeland sprechen oder von Spooks – der Terror und seine Bedrohungen sind dort das Thema. Gleichzeitig ist es auch das Thema, das viele Menschen ängstigen dürfte.
Der Heftroman ist noch immer klinisch rein und frei von Realitäts-Keimen jedweder Art.
Ist das gut?
Will der Leser einen solchen Fluchtpunkt, in dem eine – abgesehen von den Roman-Problemen – heile Welt präsentiert wird, in der die bedrohlichen Dinge des Lebens nicht stattfinden, der Autor keine Meinung zu Lebens-Realitäten hat und Dinge wie 9/11 nie stattfanden?
Ich glaube nicht, dass dem so ist! Okay, es mag Leute geben, die auf diese Weise vor der Wirklichkeit fliehen wollen. Aber meiner Meinung nach ist dies nicht die Regel – und darum wird der Heftroman heute weder ernst genommen noch kann er sich behaupten; weder im E-Book-Sektor noch als gedrucktes Werk.
Das Leben findet auch dann statt, während man einen Roman liest, und viele Leser möchten, dass sich die großen Themen unserer Zeit auch in fiktionalen Werken widerspiegeln. Nicht nur, weil sie eine andere Sichtweise auf die Ereignisse bieten können, sondern auch, weil es das Eintauchen in die fiktionale Wirklichkeit intensiver gestaltet.
Wenn Jaqueline Berger sprachlos auf das TV-Gerät schaut, während die Twin-Towers in Rauch aufgehen, wird sich der Leser daran erinnern, was er an diesem Tag, in diesem Moment, als es geschah, tat. Er wird die Emotionen von einst spüren und sie mit in die Lektüre nehmen.
Und seine wir ehrlich – jedes fiktionale Werk lebt von Emotionen. Eine Welt, in der unsere täglichen Sorgen keine Rolle spielen, wirkt sehr viel steriler als eine, in der wir unsere Sorgen und Ängste, aber auch unsere Freuden widergespiegelt sehen.
Die Realität des Lebens hilft, eine fiktive Welt mit Gefühlen zu füllen. Und sie kann helfen, andere, positive Gefühle damit zu verknüpfen.
Schauen wir kurz hinüber zu den USA. Je schlechter es den Menschen geht, je größer die Sorgen, umso mehr Superhelden-Filme kommen ins Kino. Und nicht selten greifen sie genau das Thema auf, das die Menschen gerade bewegt. In den Filmen obsiegen die Superhelden über das Böse, die Zuschauer gehen befreit nach Hause.
Weder hat der Film versucht, die Lebens-Realität auszublenden, noch wurde eben diese Lebens-Realität durch den Film geändert. Dennoch hat ein solcher Film auch etwas Befreiendes.
Dass es nicht immer Superhelden im klassischen Sinn sein müssen, und dass diese Art des Filmemachens keine Erfindung unserer Zeit ist, beweisen die Streifen, die während des Zweiten Weltkriegs entstanden. Hier möchte ich die Sherlock Holmes-Filme mit Basil Rathbone erwähnen, die in den 1940er Jahren entstanden und in denen Holmes nicht selten gegen die Nazis antrat. Die Realität der Menschen, es tobte ja gerade der Zweite Weltkrieg, wurde also nicht ausgeblendet, sondern verarbeitet. Keine Flucht in eine belanglose heile Welt, sondern eine Auseinandersetzung mit der Lebens-Realität.
Und dies ist nur eines von vielen Beispielen.
Meiner Meinung nach wollen Leser und Zuschauer nicht ständig flüchten. Gewiss, ständig mit den Schrecken unserer Zeit konfrontiert zu werden, ist ebenfalls nicht angebracht. Eine gesunde Mischung jedoch, in der die Lebensrealität mit der Roman-Realität Hand in Hand geht, ist meiner Ansicht nach angezeigt und vor allem das, was man als modern bezeichnet. Eine Literaturgattung rein als Fluchtpunkt zu nutzen, ist verfehlt und alles andere als zeitgemäß.
Bringt man besagte Mischung ein, ergibt sich allerdings ein Problem – die Meinung des Autors.
Schaut man sich die Heftromane an, so ist eines klar – der Autor hat keine eigene Meinung. Oder anders, er hat sicherlich eine – nur darf er sie im Roman nicht ausdrücken. Schließlich könnte seine Meinung manche Leser abstoßen. Also ist der Autor und damit seine Hauptfigur eine glattgebürstete Immer-Gut-Figur, die für alles und jeden Verständnis aufbringt, keine Partei ergreift und sich edel, gut und wohlgesinnt verhält.
Der nette Held von nebenan eben. Einer, der sich keine Gedanken um den Nahost-Konflikt oder islamischen Terror macht, der sich nicht zu Freiheitsbestrebungen der Iren oder Schotten äußert und der weder CDU noch SPD wählt.
Keinesfalls darf man einen Leser erschrecken. Ein Autor mit Meinung – das geht nicht. Zumindest nicht im Heftroman.
In der guten Literatur, in den anspruchsvollen Romanen, da ja. Wer einen Grass zur Hand nimmt, der weiß, was er erwarten darf.
Somit verfestigt diese Einstellung gleichzeitig das Triviale, den Schund-Charakter und den Unterschied zwischen anspruchsvoller Literatur und U-Literatur.
Können Leser von Schundheften wirklich nicht mit der Meinung des Autors umgehen? Boykottieren sie eine Serie, weil der Autor seinen Helden die SPD wählen lässt, sie selbst aber CDU-Leser sind?
Wahrscheinlich nicht. Ich glaube sogar, dass die Leser heute durchaus damit umgehen können. Nur darf man dann keinen glattgebürsteten Helden erwarten, der nach allen möglichen Richtungen nett und freundlich erscheint.
Aber den wollen ohnehin die meisten Leser nicht, wie ich vermute.
Erlauben Sie mir einen Ausflug zu den Comics – bei einer Sondersendung von Insert Coin, einem Video-Podcast zum Thema Computer- und Konsolenspiele, ging es um Superhelden. In der Redaktion wurde gefragt, welcher Superheld beliebt und welcher unbeliebt ist.
Erstaunlich viele sagten, dass sie Superman nicht mögen; er ist zu glatt, zu gut und zu fehlerfrei. Dabei ist der Mann aus Stahl doch das Vorbild für all die strahlenden Heftromanhelden, die wie er über den Dingen stehen, gut und edel handeln und keine Fehler haben.
Die Zeiten der Strahlemänner sind vorbei; zumindest wenn es um Unterhaltung geht. Heute werden Protagonisten mit Fehlern, Schwächen und Stärken gesucht, die ihren Job erledigen und dabei eben nicht edel, gut und über allem stehend dargestellt werden.
Diese Helden dürfen eine Meinung haben, sie dürfen sie sogar sagen! Der Leser kann damit umgehen. Er kann damit umgehen, wenn der Held einen über den Durst trinkt, raucht und die bibeltreuen Christen wählt, weil er die Politiker der großen Parteien für korrupte, schleimige Wichser hält und ihnen eine Lektion erteilen will.
Die Meinung des Autors und die Meinung des Protagonisten auf diese Weise zu zeigen, bedeutet aber auch, die Lebens-Realität mit der Roman-Realität zu verknüpfen.
Und damit schließt sich der Kreis!

Fazit:
Meiner Meinung nach würde mehr Realität dem Heftroman sehr gut tun. Die Zeiten haben sich geändert – gerade mit den E-Books könnte diese Form der Unterhaltung neue Erfolge feiern. Sofern sie sich ebenfalls wandelt und den heutigen Bedürfnissen der Leser Rechnung trägt!

Bilder:

  1. Cover des Romans Paraforce – Band 1: Aller Anfang ist schwer!
  2. Cover des Romans Die Türen der Unterwelt
  3. Basil Rathbone als Sherlock Holmes. Das Bild ist Public Domain, das Urheberrecht abgelaufen.
  4. Cover des Romans Paraforce – Band 5: Ihr Part, Amanda Harris

(ga)