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Schattenwolf Band 3

Blutfrevel

»Íosa Crìosd!«1

Lieu­ten­ant Ro­nan Ker­ry starr­te er­schüt­tert auf das Bild, das sich ihm bot. Wäre er nicht schon seit Jah­ren bei Cleve­lands Ho­mi­ci­de Di­vi­si­on ge­we­sen und hät­te nicht schon im Rah­men sei­ner Tä­tig­keit wirk­lich schlim­me Din­ge ge­se­hen, ihm wäre es wohl er­gan­gen wie den bei­den Of­fi­cers, die als Ers­te am Tat­ort ge­we­sen wa­ren und die sich im­mer noch drau­ßen im Vor­gar­ten die Ein­ge­wei­de aus dem Leib kotz­ten.

Zwei Frau­en la­gen im Ober­ge­schoss des Hau­ses 1794 East 87th Street im Stadt­teil Hough. Dra­piert auf dem Bett die eine, die Arme und Bei­ne an die Pfos­ten des al­ter­tüm­li­chen Ge­stells ge­fes­selt. Ihr Un­ter­leib war zer­fetzt wor­den und nur noch eine form­lo­se, un­kennt­li­che Mas­se. Die an­de­re Frau lag auf ei­nem Tisch, Hän­de und Füße an des­sen Bei­ne ge­fes­selt. Ihr hat­te man das Herz aus der Brust ge­schnit­ten. Blut war über­all ver­teilt, und der Raum stank nicht nur da­nach, son­dern auch nach Urin und Ex­kre­men­ten.

Dem blu­ti­gen Cha­os stand als Kon­trast die Ord­nung im Zim­mer ent­ge­gen. Nichts deu­te­te auf ei­nen Kampf hin; kei­ne um­ge­wor­fe­nen Mö­bel­stü­cke, kei­ne zer­bro­che­nen Ge­gen­stän­de oder sol­che, die am Bo­den la­gen, ob­wohl sie dort nicht hin­ge­hör­ten. Da­für gab es deut­li­che In­di­zi­en für et­was ganz an­de­res. Auf den Fenster­bän­ken wa­ren schwar­ze Ker­zen ver­teilt, zwi­schen den Schen­keln der Frau auf dem Tisch stand eben­falls eine, wei­te­re be­fan­den sich ne­ben je­dem Bett­pfos­ten. Ins­ge­samt wa­ren es drei­zehn. So­weit er nicht von dem Blut­ge­ruch über­deckt wur­de, roch der Raum nach ver­brann­tem Räu­cher­werk, von dem noch ein Rest in ei­ner Scha­le auf dem Nacht­tisch glomm.

Ro­nan zuck­te zu­sam­men, als je­mand ne­ben ihm nies­te. Sein Part­ner, De­tec­ti­ve Ke­vin »Vin« Ben­nett, nies­te noch ein­mal und rümpf­te die Nase.

»Das Räu­cher­zeug«, ent­schul­dig­te er sich. »Es sticht ganz fürch­ter­lich in mei­ner Nase.«

Ro­nan nick­te und schenk­te ihm ei­nen mit­füh­len­den Blick. »Darf ich hof­fen, dass dir dei­ne Nase noch an­de­re Din­ge ver­rät, au­ßer, dass das Zeug stinkt?«

Sein Part­ner nick­te. »Dass wir ein Prob­lem ha­ben«, sag­te er so lei­se, dass die Of­fi­cers vor der Tür es nicht hö­ren konn­ten. »Ich rie­che, dass ein Vam­pir hier war. Ein Mensch auch, ein Mann, aber eben auch ein Vam­pir. Bei­de un­ge­fähr zur sel­ben Zeit.«

»Cac!«2, fluch­te Ro­nan. Wie im­mer, wenn er emo­ti­o­nal an­ge­spannt war oder nicht woll­te, dass je­mand ver­stand, was er sag­te, nahm er zu der gä­li­schen Spra­che sei­ner iri­schen Vor­fah­ren Zu­flucht, die er per­fekt be­herrsch­te. »Sagt dir dei­ne Nase sonst noch was?«

Vin sog noch ein­mal die Luft ein und muss­te prompt zum drit­ten Mal nie­sen. »Au­ßer dass der Blut­ge­ruch mich hung­rig macht – nichts, was von Be­deu­tung wäre. Ich den­ke, wir kön­nen die Tat­ort­er­mitt­ler rein­las­sen.«

Ro­nan nick­te und be­deu­te­te Vin, ihm nach drau­ßen zu fol­gen. Sein Part­ner kam der Auf­for­de­rung nur zu ger­ne nach. Ein Blick in des­sen brau­ne Au­gen, die gelb­lich glüh­ten, sag­te ihm war­um – zu­sätz­lich zu Vins Hin­weis, dass das Blut sei­nen Hun­ger weck­te. Vin Ben­nett war ein Wer­wolf, der zu­sam­men mit sie­ben jun­gen Stu­den­ten erst vor ei­nem hal­ben Jahr un­frei­wil­lig ver­wan­delt wor­den war. Zwar hat­ten sich er­fah­re­ne Wer­wöl­fe so­fort um das jun­ge Ru­del ge­küm­mert und ih­nen al­les bei­ge­bracht, was sie wis­sen muss­ten, um un­auf­fäl­lig un­ter Men­schen le­ben zu kön­nen, aber das war nicht so ein­fach.

Vor al­lem reich­ten sechs Mo­na­te nicht aus, um die Ne­ben­wir­kun­gen vollstän­dig in den Griff zu be­kom­men, von de­nen die un­ge­woll­te Ver­wand­lung in Wöl­fe je­den Mo­nat an den drei Ta­gen des Voll­mon­des das ge­rings­te Prob­lem war. Vins Ge­hör litt un­ter der Laut­stär­ke der nor­ma­len Ge­räusch­ku­lis­se ei­ner Groß­stadt, sein Ge­ruchs­sinn wur­de stän­dig über­for­dert von den Aus­dünstun­gen des Ver­kehrs, un­zäh­li­ger Restau­rants, Müll­ton­nen und Tau­sen­den von Men­schen. Und der Ge­ruch von Blut weck­te sei­ne wöl­fi­schen In­stink­te. Doch ge­ra­de mit dem wur­de er in sei­ner Ei­gen­schaft als Ho­mi­ci­de Cop na­he­zu täg­lich kon­fron­tiert.

Vin hat­te Ro­nan ge­beich­tet, dass er manch­mal ver­sucht war, wenn er von der Un­ter­su­chung ei­ner Lei­che am Tat­ort Blut an den Ein­weg­hand­schu­hen hat­te, sich das ab­zu­le­cken, weil der Ge­ruch so le­cker und ver­füh­re­risch war. Ro­nan hat­te mit ihm ver­ein­bart, dass er sich, wenn ihn sol­che Ge­lüs­te über­ka­men, je­der­zeit un­ter ei­nem Vor­wand vom Tat­ort ent­fer­nen soll­te, bis er die An­wand­lung über­wun­den hat­te. Vin war ihm zu­tiefst dank­bar da­für. Ro­nan wag­te nicht sich aus­zu­ma­len, wie es Vin er­gin­ge, wenn er ei­nen an­de­ren Part­ner hät­te, ei­nen, der nichts von der Exis­tenz der An­de­ren wuss­te oder ihn trotz­dem voll­kom­men ak­zep­tier­te. An­de­rer­seits war auch Ro­nan nur zur Hälf­te ein Mensch, denn sei­ne Mut­ter war eine Drya­de ge­we­sen.

»Sie ge­hö­ren euch«, sag­te er zu den Fo­ren­si­kern und Tat­ort­er­mitt­lern, als er drau­ßen an ih­nen vor­bei­ging.

Vin at­me­te auf. Die bei­den Of­fi­cers, die zu­erst am Tat­ort ge­we­sen wa­ren, hat­ten sich in­zwi­schen aus­ge­kotzt und be­gon­nen, die Nach­barn zu be­fra­gen, die sich na­he­zu voll­zäh­lig vor dem Ab­sperr­band ver­sam­melt hat­ten und neu­gie­rig gaff­ten. Ob­wohl es elf Uhr abends, dun­kel und ent­spre­chend den Tem­pe­ra­tu­ren Ende März recht kühl war.

Ei­ner der bei­den Of­fi­cers, Tim Sel­kirk, kam zu Ro­nan. »Sir, die bei­den To­ten hei­ßen Ra­chel und Joan Cal­houn. Schwes­tern. Ra­chel Cal­houn ist die Ei­gen­tü­me­rin des Hau­ses, aber ihre Schwes­ter wohnt seit zwei Jah­ren mit ihr zu­sam­men. Ist nach der Schei­dung von ih­rem ge­walt­tä­ti­gen Ehe­mann her­ge­zo­gen.«

»Ha­ben die Nach­barn ir­gend­was da­von mit­be­kom­men, dass hier Schwar­ze Mes­sen ge­fei­ert wur­den?«

»Nein, Sir. Bei­de gal­ten als so­li­de, ob­wohl sie laut Aus­sa­gen ih­rer di­rek­ten Nach­barn wohl ein son­ni­ges Ge­müt hat­ten.«

»Soll hei­ßen?«, frag­te Vin.

Sel­kirk blick­te auf sei­ne No­ti­zen. »Sie sol­len im­mer fröh­lich ge­grüßt und oft ge­sun­gen ha­ben. Wa­ren aus­ge­las­sen bei Nach­bar­schafts­par­tys und hat­ten wohl auch ein ziem­lich gro­ßes Herz für den männ­li­chen Teil der Nach­bar­schaft.«

Ro­nan zog die Au­gen­brau­en hoch. »Prosti­tu­ti­on?«

»Nein, Sir. Zu­min­dest deu­ten die bis­he­ri­gen Aus­sa­gen nicht da­rauf hin. Sie schei­nen bei­de nur gern ge­flir­tet zu ha­ben. Eine Aus­sa­ge er­scheint mir aber wich­tig.« Sel­kirk deu­te­te auf ei­nen Mann, der von ei­nem Bein aufs an­de­re trat, die Hän­de in den Ho­sen­ta­schen ver­gra­ben hat­te und un­si­cher zu ih­nen he­rü­ber­blick­te. »Der Zeu­ge dort be­haup­tet, dass Miss Ra­chel Cal­houn seit ei­ni­ger Zeit ei­nen fes­ten Freund hat­te, ei­nen ha­ge­ren, blei­chen Ty­pen. Den hat er vor ei­ner hal­ben Stun­de aus dem Haus ren­nen ge­se­hen.«

Ro­nan und Vin blick­ten ei­nan­der an.

»Gute Ar­beit, Tim«, lob­te Ro­nan. »Wir hö­ren uns an, was er sonst noch zu sa­gen hat. Wie heißt er?«

»Zane Colfax. Er wohnt im Haus ge­gen­über.« Sel­kirk deu­te­te auf das Haus mit der Num­mer 1791 auf der ge­gen­über­lie­gen­den Stra­ßen­sei­te.

Ro­nan und Vin gin­gen zu Colfax, der ih­nen mit ei­nem Ge­sichts­aus­druck ent­ge­gen­sah, als wäre er am liebs­ten vor ih­nen da­von­ge­lau­fen.

»Mr. Colfax, gu­ten Abend«, sag­te Ro­nan. »Sie ha­ben Of­fi­cer Sel­kirk ge­sagt, Sie hät­ten ei­nen Mann aus dem Haus der Cal­houn-Schwes­tern lau­fen ge­se­hen. Wann ge­nau war das?«

Colfax sah auf die Uhr. »Kurz nach zehn. Ich bin noch mit mei­nem Hund raus­ge­gan­gen. Da kam Mr. Han­nay …«

»Sie ken­nen sei­nen Na­men?«

Colfax nick­te. »Ich habe ge­hört, dass er sich Joan mit die­sem Na­men vor­ge­stellt hat, als Ra­chel ihn wohl beim ers­ten Mal mit nach Hau­se brach­te; Callum Han­nay. Das war vor un­ge­fähr zwei Wo­chen.«

»Ha­ben Sie die Po­li­zei an­ge­ru­fen, Mr. Colfax?«, woll­te Vin wis­sen, denn der An­ruf, der den Mord ge­mel­det hat­te, war ano­nym ge­we­sen.

Colfax schüt­tel­te den Kopf. »Hat mich zwar ge­wun­dert, dass der Typ es so ei­lig hat­te, aber ich habe mir nichts wei­ter da­bei ge­dacht. Au­ßer dass er sich wohl mit Ra­chel ge­strit­ten hat. Er ist zu sei­nem Wa­gen ge­lau­fen«, Colfax deu­te­te ein Stück die Stra­ße hi­nun­ter, »ein­ges­tie­gen und weg­ge­fah­ren. Mehr weiß ich nicht.«

»Ha­ben Sie noch eine zwei­te Per­son be­merkt?«, frag­te Vin.

»Nein.« Colfax blick­te ihn er­schro­cken an. »War da noch je­mand?«

Ro­nan und Vin gin­gen nicht da­rauf ein. »Dan­ke, Mr. Colfax, das ge­nügt uns im Mo­ment. Falls wir noch wei­te­re Fra­gen ha­ben, wis­sen wir, wo wir Sie fin­den.«

»Man hilft ger­ne, wenn man kann«, sag­te Colfax und troll­te sich in sein Haus, weil es ihm wohl drau­ßen zu kalt ge­wor­den war.

Vin sah ihm nach.

»Was ist, Vin?«

»Ich bin mir nicht si­cher. Colfax hat­te die gan­ze Zeit über Angst. Ich konn­te sie rie­chen. Ich fra­ge mich, wel­chen Grund er da­für ha­ben soll­te, wenn er wirk­lich nicht der ano­ny­me An­ru­fer war.«

»Du glaubst, er hat was mit dem Mord zu tun?«

Vin schüt­tel­te den Kopf. »Ich habe kein Blut an ihm ge­ro­chen, kei­ne Rück­stän­de von dem Räu­cher­zeugs, und er ist auch nicht der Mensch, der mit dem Vam­pir zu­sam­men im Haus der Schwes­tern war.«

»Was Mr. Colfax zu ver­ber­gen hat, falls er was zu ver­ber­gen hat, wer­den wir schon raus­fin­den. Viel­leicht war sei­ne Angst nur die ty­pi­sche ir­ra­ti­o­na­le Angst, in was rein­ge­zo­gen zu wer­den, mit dem er nichts zu tun ha­ben will.«

»Könn­te sein«, stimm­te Vin ihm zu. »Ap­ro­pos Vam­pir. Sei­ne Be­schrei­bung von die­sem Callum Han­nay als je­man­den mit blei­cher Haut könn­te zu dem Vam­pir pas­sen. So oder so, es ist bes­ser, wenn ich den hie­si­gen Prä­fek­ten der Vam­pir­ko­lo­nie in­for­mie­re. Er ist gleich­zei­tig auch de­ren Wäch­ter.«

Ro­nan nick­te. »Gute Idee.«

Wie Shi­va Ra­ma­jeetha, der Wäch­ter – Vam­pir­po­li­zist – Vin ver­si­chert hat­te, lie­ßen sich Vam­pi­re nor­ma­ler­wei­se nie dort nie­der, wo ein Ter­ri­to­ri­um be­reits von Wer­wöl­fen be­setzt war und um­ge­kehrt. Zu groß wa­ren die seit Jahr­tau­sen­den zwi­schen bei­den Spe­zi­es bes­te­hen­den Res­sen­ti­ments, denn der letz­te Krieg zwi­schen ih­nen war erst seit zwei­hun­dert Jah­ren vo­rü­ber. Man trau­te ei­nan­der im­mer noch nicht. Und hät­ten die Wäch­ter der Vam­pi­re ge­wusst, dass es in Cleve­land ein Wer­wol­fru­del gab, hät­ten sie nie­mals ge­dul­det, dass hier eine Vam­pir­ko­lo­nie entstand. Doch die Ko­lo­nie war nach dem Kon­zert ei­nes Vam­pirs in der Stadt spon­tan entstan­den, das zu ei­nem Zeit­punkt statt­ge­fun­den hat­te, als Vins Ru­del ge­ra­de erst zwei Wo­chen alt war. Zu kurz, als dass die Vam­pi­re Zeit ge­habt hät­ten, vor dem Ent­ste­hen ih­rer Ko­lo­nie da­von zu er­fah­ren und Cleve­land als Ort für eine Ko­lo­nie zum Tabu zu er­klä­ren.

Da sie aber nun mal entstan­den war, muss­ten bei­de Par­tei­en mit­ei­nan­der aus­kom­men. Vin hat­te sein Ru­del da­rauf ein­ge­schwo­ren, den Vam­pi­ren nach Mög­lich­keit aus dem Weg zu ge­hen und jede trotz­dem statt­fin­den­de Be­geg­nung ab­so­lut fried­lich zu ge­stal­ten. Der Wäch­ter der Vam­pi­re hat­te sei­nen Leu­ten das­sel­be be­foh­len. In den fünf Mo­na­ten, die seit­her ver­gan­gen wa­ren, hat­ten sich kei­ne ne­ga­ti­ven Zwi­schen­fäl­le er­eig­net.

»Un­ter Um­stän­den wer­den wir wie­der mal mit Sams Hil­fe trick­sen müs­sen, um den Fall für die Men­schen plau­si­bel zu ma­chen«, riss Ro­nans Stim­me ihn aus sei­nen Ge­dan­ken.

Sam war ih­rer bei­der Freun­din und ein Suk­ku­bus, eine Dä­mo­nin, die sich vom Sex er­nähr­te. Seit Ro­nan glück­lich ver­hei­ra­tet war – in­zwi­schen seit vier Jah­ren – und Va­ter ei­ner sü­ßen Toch­ter so­wie ei­ner nicht min­der sü­ßen Adop­tiv­toch­ter, war sei­ne Freund­schaft mit Sam rein pla­to­nisch. Vin ge­noss je­doch nur all­zu gern ihre Ver­füh­rungs­küns­te, wann im­mer sie bei­de Zeit dazu hat­ten. Da­von ab­ge­se­hen be­saß Sam un­glaub­li­che ma­gi­sche Kräf­te. Sie hat­te ei­nen Teil da­von vo­rü­ber­ge­hend ver­lo­ren, ihn aber kürz­lich zu­rück­er­langt und war nun un­ter an­de­rem wie­der in der Lage, le­ben­di­ge Eben­bil­der je­des be­lie­bi­gen We­sens zu er­schaf­fen, die den­ken, spre­chen und ent­spre­chend han­deln konn­ten wie ihre Ori­gi­na­le. Mit die­ser Fä­hig­keit half sie Ro­nan und Vin in Fäl­len, in de­nen dem mensch­li­chen Vers­tand un­er­klär­li­che Din­ge im Raum stan­den und plau­si­bel ge­macht wer­den muss­ten.

Au­ßer­dem gab sie Vin Rü­cken­de­ckung mit »Ope­ra­ti­on Ge­mi­ni«, wenn er die brauch­te. Sam hat­te ei­nen Die­ner­geist rek­ru­tiert, ein We­sen, das jede be­lie­bi­ge Ge­stalt an­neh­men konn­te und sei­ne Le­bens­ener­gie da­raus be­zog, dass es für an­de­re We­sen – Dä­mo­nen, Men­schen oder An­ders­we­sen – Diens­te ver­rich­te­te. Die reich­ten vom Haus­putz bis zum Ab­sit­zen von Ge­fäng­nis­stra­fen und not­falls so­gar da­mit ver­bun­de­nen Hin­rich­tun­gen für ih­ren Auf­trag­ge­ber in des­sen Ge­stalt. Je schwie­ri­ger die Auf­ga­be war, des­to grö­ßer war die Ener­gie, die sie dem Die­ner­geist lie­fer­te und auch sein ku­li­na­ri­scher Ge­nuss.

In Vins Fall nahm der Die­ner­geist sei­ne Ge­stalt an und ver­trat ihn auf der Ar­beit, wenn Vin au­ßer­plan­mä­ßig in ei­ner Voll­mond­nacht zum Dienst er­schei­nen muss­te, aber un­ab­kömm­lich war, weil er sich als Wolf im Wald be­fand. Mit ei­nem Zau­ber über­nahm das We­sen in dem Mo­ment, da es Vins Ge­stalt an­nahm, sei­ne Er­in­ne­run­gen und gab ihm die, die es selbst an sei­ner Stel­le ge­macht hat­te, an ihn zu­rück, wenn es nach der Ak­ti­on wie­der ver­schwand. Die­sen Part emp­fand Vin als ver­dammt un­an­ge­nehm, wes­halb er sich zu­nächst ge­wei­gert hat­te, von die­ser Mög­lich­keit Ge­brauch zu ma­chen, bis er vor drei Mo­na­ten doch da­rauf hat­te zu­rück­grei­fen müs­sen. Nicht dass der Vor­gang als sol­cher un­an­ge­nehm ge­we­sen wäre oder schmerz­haf­te Be­glei­ter­schei­nun­gen ge­habt hät­te. Aber das Be­wusst­sein, dass die­ses nicht­mensch­li­che We­sen sei­ne ge­sam­ten Er­in­ne­run­gen kann­te, ver­ur­sach­te ihm ge­wal­ti­ges Un­be­ha­gen. Zum Glück hat­te er »Ge­mi­ni« erst zwei­mal in An­spruch neh­men müs­sen, weil Ro­nan Vin ge­gen­über ih­rem Vor­ge­setz­ten deck­te.

Vin griff zum Smart­pho­ne und wähl­te die Mo­bil­num­mer von Shi­va Ra­ma­jeetha, dem Wäch­ter der Vam­pi­re. Der aus In­di­en stam­men­de Mann war be­reits der zwei­te Wäch­ter der zwölf­köp­fi­gen Cleve­lan­der Ko­lo­nie. Der ers­te Wäch­ter, Vin­cent Cro­nos, hat­te Vin zu ei­nem Ge­spräch ein­ge­la­den, um ihm zu ver­si­chern, dass die Vam­pi­re sich vom Ter­ri­to­ri­um des Ru­dels fern­hal­ten wür­den. Cro­nos war nicht nur ein ver­nünf­ti­ger Mann, der in der ge­ge­be­nen Si­tu­a­ti­on eine Chan­ce sah, ak­tiv et­was für die »Völ­ker­verstän­di­gung« zwi­schen Wer­wöl­fen und Vam­pi­ren zu tun. Da­durch, dass sie in Cleve­land eine fried­li­che Ko­e­xis­tenz pfleg­ten, be­wie­sen sie al­len Skep­ti­kern, dass Vam­pi­re und Wer­wöl­fe ei­nan­der nicht zwangs­läu­fig spin­ne­feind sein muss­ten. Cro­nos war zwar nach nur zwei Mo­na­ten von sei­nem Pos­ten als Wäch­ter ab­be­ru­fen wor­den, aber auch Shi­va Ra­ma­jeetha hat­te das Ge­spräch mit Vin ge­sucht, um ihm zu ver­si­chern, dass er als Wäch­ter streng da­rauf ach­ten wür­de, dass es zu kei­nen Über­grif­fen von Vam­pi­ren auf Wer­wöl­fe käme.

Ra­ma­jeetha mel­de­te sich nach dem drit­ten Frei­zei­chen. »Mr. Ben­nett, was kann ich für Sie tun?«

»Ge­hört ein Mann na­mens Callum Han­nay zu Ih­ren Leu­ten?«

»Ja. Es gibt, so hof­fe ich, kei­ne Prob­le­me?«

»Nicht in Be­zug auf mei­ne Leu­te. Aber wir – die Ho­mi­ci­de Di­vi­si­on – ha­ben zwei scheuß­lich zu­ge­rich­te­te Lei­chen in Hough ge­fun­den, und ein Zeu­ge will Mr. Han­nay vom Tat­ort flüch­ten ge­se­hen ha­ben. Nach des­sen Aus­sa­gen war er wohl mit ei­nem der Op­fer be­kannt.«

Vin glaub­te förm­lich zu se­hen, wie Ra­ma­jeetha den Kopf schüt­tel­te, als er sag­te: »Ich will nicht be­haup­ten, dass Callum un­schul­dig ist, ohne dass ich ihn dazu be­fragt habe, aber er war bis­her nie auf­fäl­lig. Egal wo er ge­lebt hat, es hat nie Prob­le­me ge­ge­ben. Bis auf ein­mal, aber da­ran war er un­schul­dig. In je­dem Fall ist er kein Kil­ler. Des­halb gibt es mir zu den­ken, dass er vom Tat­ort ge­flüch­tet sein soll und mich noch nicht über den Vor­fall in­for­miert hat. Ich ver­mu­te, Sie müs­sen ihn ver­neh­men.«

»All­er­dings. Das wer­de ich per­sön­lich mit mei­nem Part­ner Lieu­ten­ant Ker­ry über­neh­men. Er weiß über uns Be­scheid. Und wenn es nicht ab­so­lut not­wen­dig ist, wer­de ich Mr. Han­nay nicht aufs Re­vier schlei­fen.«

»Vie­len Dank. Sei­ne Ad­res­se ist 1736 West 32nd Street am Fair­view Park. Ich wer­de in mei­ner Ei­gen­schaft als sein An­walt hin­fah­ren, so­bald ich die Kanz­lei ver­las­sen kann. Dan­ke, dass Sie mich in­for­miert ha­ben.«

Der In­der un­ter­brach das Ge­spräch. Vin steck­te sein Pho­ne ein und nick­te Ro­nan zu. »Ich habe Han­nays Ad­res­se. Fah­ren wir hin.«


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  1. Gälisch: Jesus Christus (gesprochen: iasa kriist)
  2. Gälisch: Scheiße (gesprochen: kachk)

3 Antworten auf Schattenwolf Band 3

  • Andi sagt:

    Endlich der lang ersehnte 3. Band, ich freu mich schon total und werd mich gleich reinstürzen.

    Vielen Dank dafür, dass dies kein Aprilscherz ist und auf eine spannende Geschichte!

  • Paule sagt:

    Danke schön!

  • Vaclav sagt:

    Vielen Dank für den dritten Band.
    Ich freue mich schon auf den nächsten.
    Schön fand ich, daß in diesem Band die Probleme – ohne großen Rückgriff auf Sam – selbst gelöst wurden.

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