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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 6 – 6. Kapitel

Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs
Band 6
Der verschwundene Bräutigam
6. Kapitel

In der Diebesschule

In der Rockstreet, im entferntesten Westen Londons, stand in einem ganz verwahrlosten Garten ein elendes Haus. Niemand wusste, ob es bewohnt war; niemand kümmerte sich um das anscheinend dem Verfall anheim­gegebene Gebäude. Und doch hätte ein scharfer Be­obachter zu später Nachtstunde darin überraschende Ent­deckungen machen können.

Langsam schlenderten auf dem Trottoir mehrere frag­würdige Gestalten umher, auffallend viel junge Burschen zwischen 14 und 18 Jahren. Manchmal blieben sie stehen und blickten sich vorsichtig um, um, wenn die Luft rein war, entweder durch die durch kein Schloss geschützte Gartentür jenes Grundstücks hindurchzuschlüpfen oder mit einem Sprung über den Zaun zu setzen.

Wo blieben sie nur? Verschwunden waren sie, als hätte der Erdboden sie verschluckt.

Hin und wieder bewies ein leises Knarren, dass eine Tür vorsichtig geöffnet wurde; aber kein Lichtschimmer drang aus den geschlossenen Fensterladen nach außen,

der von dem, was im Inneren v0rging, etwas hätte ver­raten können.

Treten wir in das Haus und folgen wir einem Knaben, dem soeben von unsichtbarer Hand die Tür geöffnet wurde. Ein dunkler, mit Mauersteinen ge­pflasterter Korridor nimmt uns auf. Der Knabe tappt an der Wand entlang bis zu einer Tür, durch welche gedämpftes Gemurmel dringt. Im nächsten Augenblick ist er hineingeschlüpft; nun steht er in einem gut erhellten Zimmer, dessen Fensterladen fast luftdicht schließen. Acht bis zehn junge Burschen sind bereits anwesend; sie hocken auf Stühlen, deren Sitz ehemals aus Binsen geflochten war; nun hängen diese zerrissen hernieder. Einige der Burschen haben sich eine Lagerstatt aus Lumpen zurechtgemacht und sind eingeschlafen.

Seltsam ist das Äußere dieser jugendlichen Per­sonen. Während die einen nur Lumpen auf dem Leib haben, sind die anderen bedeutend besser, einige sogar mit einer gewissen Eleganz gekleidet.

Schnell überflog der neue Ankömmling die Zahl der Anwesenden.

»Wo ist Bob?«, fragte er mit gedämpfter Stimme.

»Alle geworden«, lautete die Antwort.

»Ich dachte es mir«, versetzte jener, »ich hatte ihn in der Oxfordstreet auf einen Augenblick aus den Augen verloren; später bemerkte ich einen Auflauf und hörte, dass ein Drucker abgefasst worden sei. Der arme Kerl hat viel Pech.«

»Es wird überhaupt nichts aus ihm«, warf ein an­derer ein, »er hat eine zu schwere Hand, sollte lieber ganz und gar vom Geschäft abgehen.«

»War der Meister schon da?«, fragte der zuletzt Angekommene.

»Wir erwarten ihn jede Minute.«

In diesem Augenblick ertönten auf dem Korridor Tritte.

»Der Meister.«

Auf diesen Ruf sprangen sämtliche Anwesenden auf.

Ein Mann in den mittleren Jahren trat ein, ein­fach aber gut gekleidet; er setzte sich auf den besterhaltenen der Stühle und blickte sich im Kreis um.

»Alles hier?«, fragte er.

»Bob fehlt.«

»Abgefasst?«

»Ohne Zweifel.«

»Nicht weiter schade um ihn; er wird doch stets ungeschickt bleiben; nun legt ab.«

Alle drängten sich um einen Tisch und leerten auf ihn ihre Taschen aus. Im Nu sah es auf ihm aus wie in einem Kramladen: Portemonnaies der verschiedensten Form und Größe, Taschenuhren, mit und ohne Ketten, silberne Taschenbürsten, Busennadeln, Ringe, Brieflaschen, Taschentücher, kurz alle möglichen Gegenstände, welche ein gewandter Taschendieb nur erlangen kann.

Der Meister warf prüfende Blicke auf den Erlös des Tages.

»Es geht an«, sagte er mit gleichgültiger Miene, »ich werde nachher alles taxieren; zuerst die tägliche Übung.«

Einer der Knaben hatte ein Kleidergestell in die Mitte des Zimmers gestellt, das mit einem alten Rock und einer Weste bekleidet war. Ringsum an diesen Sachen hingen kleine Glöckchen, die bei der geringsten Bewegung der Kleidungsstücke hell aufschlugen.

Der Meister steckte in die Weste eine Uhr und in die Tasche des Rockes ein Taschentuch.

»Chedles, fange an«, wandte er sich an den Knaben, der das Gestell herbeigeschafft hatte.

Schon näherte dieser sich vorsichtig dem Rock, als alle wie erstarrt stehen blieben.

Ein greller Pfiff war von der Straße herein­gedrungen. Ein zweiter, ein dritter, ein vierter folgte, aber alle in verschiedenen Abständen.

»Ein Eingeweihter«, murmelte der Alte, während alle erleichtert aufatmeten. »Bill, geh und öffne.«

Während der Knabe hinausschlüpfte, versteckte der Meister die im Laufe des Tages von seiner Schule zu­sammengestohlenen Gegenstände. Man konnte nicht wissen, ob nicht einer seiner früheren Schüler zum Ver­räter geworden war und die Kriminalpolizei draußen stand.

Erwartungsvoll blickten alle nach der Tür. Nun erklangen auf dem harten Korridor feste Tritte. Die Tür tat sich auf, und eine hohe, hagere Gestalt wurde in ihrem Rahmen sichtbar.

»Mr. Holmes«, rief der Meister bestürzt und erstaunt, »Sie hier?«

»Ich muss doch einmal von Ihrer gütigen Er­laubnis, Sie zu besuchen, Gebrauch machen. Sie ent­sinnen sich doch der Veranlassung?«

»O, ob ich mich erinnere; wenn Sie nicht so nach­sichtig mit mir damals gewesen wären, befände ich mich wohl noch in …«

»Lassen Sie gut sein; Sie wissen, dass Sie von mir nichts zu befürchten haben.«

»Gewiss nicht, würde ich Sie sonst in unsere Ge­schäftsgeheimnisse eingeweiht haben? Wollen Sie ein­mal unsere Kunststücke sehen?«

»Darum eben kam ich zu Ihnen. Ich verfolge dabei nämlich einen bestimmten Zweck.«

»Das habe ich mir gleich gedacht, als Sie eintraten. Man sagt von Ihnen, dass Sie aus den geringsten Spuren auf die Ausführung der Tat und den Täter schließen können; soll ich Ihnen einmal ins Handwerk pfuschen

und Ihnen sagen, was mir Ihr Aussehen verriet, als Sie eintraten?«

Holmes überblickte mit müdem Lächeln die Versammlung, die sich vor dem berühmten Detektiv scheu zurück­gezogen hatte.

»Nur zu«, erwiderte er, »sprechen Sie nur dreist.«

»Ich sagte mir, Mr. Holmes hat eine große Sache vor, in der ein gewöhnlicher Mensch ihm nicht helfen kann, in der er vielmehr eines gewandten Taschendiebes bedarf.«

»Sie haben nicht ganz unrecht; damit Sie sich aber nicht ein falsches Bild von mir und meinem Vorhaben machen, will ich Ihnen sagen, dass es sich um die Ent­larvung eines Mörders handelt.«

»Also, wie ich erraten habe, eine große Sache«, warf der Meister ein.

»Ja, es kann wenigstens eine solche werden, vor­läufig muss ich, selbst wenn ich den Verbrecher in Händen hätte, erst beweisen, dass er ein solcher ist. Ich muss weiter beweisen, dass er gar nicht die Persönlichkeit ist, für welche er sich ausgibt, und gerade hierzu fehlen mir bisher alle Mittel. Ich muss sagen, dass ich mich mit meiner Ehre als Detektiv schon für die Richtigkeit meiner Mutmaßungen verbürgt habe und deshalb gezwungen bin, zu außerordentlichen Maßregeln zu greifen.«

»Ich verstehe; was verlangen Sie von mir? Ich stehe Ihnen mit meiner ganzen Schule zur Verfügung. Ich weiß, Sie würden uns nicht schonen, wenn Sie einen von uns bei der Arbeit fänden, aber trotzdem rechnen wir es uns zur Ehre, auch einmal bei einem guten Werk mitzuhelfen.«

»Schön, so hören Sie.«

Der Detektiv zog den Meister zu einer Zimmerecke, wo sie ungestört von der Schule verhandeln konnten.

»Es handelt sich darum, einem gefährlichen Men­schen, der vielleicht schon ahnt, dass er verfolgt wird, die Brieftasche aus der Innentasche seines Rockes zu stehlen. Wüsste ich seine Wohnung, würde ich ihn dort aufsuchen und ihn stellen, aber ich kenne seinen Aufenthaltsort nicht. Es ist auch keine Zeit zu langwierigen Beobach­tungen, denn der Kerl kann jeden Tag auf und davon sein.«

»Wird gemacht, Mr. Holmes. Ich habe einen Schüler­ in meiner Bande, dem der Titel Professor beigelegt wer­den müsste wegen seiner beispiellosen Geschicklichkeit.«

Sherlock Holmes zog die Stirn kraus, wie er es stets tat, wenn er mit einer Sache noch nicht ganz zu­frieden war.

»Mit der Geschichtlichkeit ist es in diesem Fall nicht allein gemacht«, sagte er.

»Was verlangen Sie noch?«

»Der Mann, den Sie mir empfehlen, muss durchaus ehrlich sein.«

Der Meister lachte laut auf.

»Für alles andere könnte ich mich bei meinen Leuten verbürgen, diesen Artikel kennen sie allerdings nicht.«

»Dann nutzt mir Ihre Hilfe nichts, leben Sie wohl.«

»Halt, ich bitte Sie, Mr. Holmes, vielleicht einigen wir uns doch noch. Ich habe Sie vorhin nicht richtig ver­standen. Sagen Sie mir ausführlich, was der Mann tun soll.«

»Sowie er die Brieftasche hat, muss er sie mir un­gesäumt übergeben«, antwortete der Detektiv in strengem Ton.

»Ich werde es ihm einschärfen.«

»Er darf unter keinen Umständen einen Blick ins Innere tun.«

»Ich verstehe«, versetzte der Meister, »der Bursche könnte eine so große Summe Geldes darin finden, dass er die Besinnung verlöre und mit der ganzen Brieftasche auf und davon ginge, nicht wahr?«

»Das ist der Hauptgrund; nebenbei könnte er aber auch in der Hast bei der Flucht irgendetwas aus der Brieftasche verlieren, und ich muss jedes Flickchen Papier, das jener Mensch bei sich trägt, haben.«

Der Meister sann einen Augenblick nach.

»Ich glaube, die Sache wird sich noch machen; was für eine Belohnung setzen Sie für den Fall des Gelingens aus?«

Sherlock Holmes sann einen Augenblick nach.

»Glückt die Sache, dann könnte die Belohnung nicht hoch genug sein. Da aber alles noch in der Schwebe ist, ist es das Beste, Sie bestimmen selbst die Höhe der Summe.«

»Gut.«

Der Meister wandte sich der Schule zu.

»Tom«, rief er einem schlanken Jüngling von un­gefähr 18 Jahren zu, der sich durch seine elegante Klei­dung vor den anderen Taschendieben auszeichnete.

»Tom«, sagte er leise zu dem Herangekommenen, »ich weiß, du möchtest je eher desto lieber fort von uns.«

Der Taschendieb zuckte die Achseln.

»Ich komme hier zu nichts«, sagte er, »bei all meinem Glück habe ich doch noch keinen großen Schlag tun können und dabei stets die Aussicht auf Hallgate.«

»Wenn dir nun eine gute Gelegenheit geboten würde?«, forschte der Meister, »was würdest du tun?«

Tom blickte erwartungsvoll den Detektiv an.

»Wenn ich 1OO £ (2000 Mark) besäße«, sagte er, zu diesem gewandt, »dann würde ich mit Vergnügen dieses elende Leben aufgeben und zu meinem erlernten Gewerbe zurückkehren, ja, Herr, das können Sie sicher sein.«

»Gut, Tom«, versetzte Holmes, »die 100 £ sind so gut wie dein, wenn du alles genau so ausführst, wie ich dir befehle.«

In wenigen Worten informierte der Detektiv den Taschendieb, um was es sich handelte.

»Ein gemeiner Stümper will ich sein, wenn ich Ihnen nicht die Brieftasche bringe«, rief er mit leuchtenden Augen, »doch gewiss wollen Sie eine Probe meiner Geschicklichkeit sehen?«

»Der Meister hat dich selbst als den Gewandtesten seiner Schule bezeichnet«, erwiderte Holmes lächelnd, »aber immerhin kann es nicht schaden, wenn ich dich zuvor in deinem Handwerk arbeiten sehe.«

»Gestatten Sie zuvor, mein Herr, Ihnen Feuer zu Ihrer Zigarette zu geben, damit Sie sehen, dass ich mich auch in der Gesellschaft zu bewegen verstehe.«

Mit elegantem Schwung zog er eine silberne Streich­holzschachtel hervor und übergab dem Detektiv das bren­nende Streichholz.

»Und nun folgen Sie mir zu jenem Glockengestell. Sie sehen, dass sich in der Weste eine Uhr nebst Kette befindet. In weniger als einer Minute soll die Uhr in meinem Besitz sein, ohne dass Sie etwas merken, und ohne dass sich auch nur eine Glocke bewegt. Sehen Sie sich die Uhr genau an, überzeugen Sie sich, dass die Kette genauso in der Weste befestigt ist, wie alle Welt sie trägt.«

Holmes beugte sich vor und überzeugte sich von der Wahrheit des Gesagten.

»Es ist richtig«, sagte er.

Tom ging einmal an dem Gestell vorbei; unmittel­bar darauf sah der Detektiv, dass die Uhrkette an der Übungspuppe herunterhing.

Nun schlenderte Tom zum zweiten Mal an dem Gestell vorüber und im Nu hatte er die Uhr, ohne dass Holmes auch nur den Griff gesehen hätte, in der Hand. Triumphierend hielt er sie hoch.

»Sind Sie zufrieden, Mr. Holmes?«, fragte er mit blitzenden Augen.

»Ich sehe, dass der Meister mich gut bedient hat«, meinte jener, »aber ich meine, es ist zweierlei, ob ein Taschendieb an einer toten Puppe oder an einer lebenden Person arbeitet, die auf sich im Straßengedränge achtgibt.«

Tom lachte heimlich vor sich hin.

»Freilich ist es ein anderes Ding; der Unterschied ist nämlich der, das Ersteres viel schwerer ist wegen der Glocken als Letzteres.«

»Unmöglich«, rief Holmes überrascht.

Der Taschendieb trat näher an den Detektiv heran.

»Mr. Holmes«, sagte er, »Sie halten sich zweifellos für einen sehr klugen und vorsichtigen Mann.«

»Man hat es mir wenigstens öfter gesagt«, erwiderte jener lächelnd.

»Sie knöpfen sich sogar den Rock zu, weil Sie ganz richtig vermuten, dass ich Sie zu bestehlen beabsichtige.«

»Allerdings, mein Lieber.«

»Nun denn, Ihre Vorsicht ist ganz unnötig, denn ich habe Ihnen bereits damals, als ich Ihnen Feuer gab, die Uhr nebst Kette und als Sie sich zur Puppe niederbeugten, Ihre Brieftasche gestohlen.»

Bestürzt griff Holmes in die Westentasche und die innere Brusttasche: Uhr nebst Kette und Brieftasche waren verschwunden.

»Donnerwetter«, rief er lebhafter als es sonst seine Gewohnheit war, »eine solche Gewandtheit ist mir noch nicht vorgekommen; wahrhaftig, der Meister hat recht, du hast den Titel Professor deiner Zunft verdient.«

Der Taschendieb verbeugte sich geschmeichelt.

»Nun aber sei so gut und gib mir mein Eigentum wieder; ich will es gern mit diesem halben Pfundstück auslösen.«

Tom steckte das Goldstück in die Tasche.

»wollen Sie gefälligst in Ihre rechte Hosentasche greifen? Als ich zum zweiten Mal an dem Gestell vorüberging und Sie so interessiert nach der baumelnden Uhrkette blickten, ließ ich Ihre Sachen in Ihre Hosen­tasche gleiten.«

»Weiß Gott«, rief der Detektiv, »du bist der ge­eignete Mann für mich. Hole mich morgen Vormittag 11 Uhr aus meiner Wohnung ab.«

»Ich werde pünktlich sein, mein Herr; ich bitte nur, die 100 £ nicht zu vergessen.«

Fortsetzung folgt …