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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 6 – 3. Kapitel

Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs
Band 6
Der verschwundene Bräutigam
3. Kapitel

Ein neuer Liebhaber

Sherlock Holmes mochte noch 20 Meter von dem Haus entfernt sein, in welchem Edith Sommerfields Wohnung lag, als ihm ein Mann entgegenkam, der aufmerk­sam die Nummern der Däuser musterte. Die Hände auf den Rücken gelegt, schlenderte er langsam die Straße hinab. Nun, als der Detektiv gerade seine Gesichtszüge mustern wollte, drehte er sich um und ging die Straße wieder hinauf.

»Der Teufel soll mich holen«, murmelte Holmes, »wenn der Kerl nicht der von mir gesuchte falsche Norton ist, der zweifellos noch die 20.000 £ in der Tasche hat. Donnerwetter, wäre das ein Fang. Aber vorsichtig muss ich sein, um ihn nicht argwöhnisch zu machen, bis ich einen Haftbefehl gegen ihn in der Tasche habe.«

Der Fremde hatte seinen Hut so tief hinabgezogen, dass der Detektiv, als er eilig bei ihm vorbeiging, die Gesichtszüge nicht sehen konnte. Schon wollte er zum zweiten Mal an ihm vorüberschreiten, als er anderen Sinnes wurde.

»Ich will erst feststellen, was der Mensch vorhat. Vielleicht ist er so frech und stattet Miss Edith einen Besuch ab. Oder sollte er …«, fügte er in seinem Selbstgespräch zögernd hinzu, »der wirkliche Norton, und meine Kom­binationen tatsächlich nur Hirngespinste und Fantasiegebilde sein?«

Ohne den Fremden aus den Augen zu lassen, schritt er quer über den Fahrdamm zu dem gegenüberliegenden Trottoir.

»Es ist kein Zweifel«, flüsterte er, »der Kerl hat es auf das Haus Nr. 3 abgesehen. Jetzt bleibt er davor stehen und liest die Namen, welche neben den Druckknöpfen der elektrischen Klingeln angebracht sind. Es bleibt mir keine Wahl mehr.«

Indem er sich unter die Passanten mischte, die den Fahrdamm überschreiten wollten, bemerkte er, wie der Verdächtige am Haus hinaufblickte. Rasch ging er ihm entgegen, und indem er die unsichere Haltung eines Trun­kenen annahm, rempelte er jenen derartig an, dass diesem der Hut vom Kopf fiel.

»Verdammter Schuft«, rief der Fremde wütend, und statt sich nach seinem im Straßenschmutz liegenden Eigentum zu bücken, wie Holmes erwartet hatte, holte er aus und schlug den unglücklichen Detektiv mit der vollen Faust so stark an die Schläfe, dass dieser bewusstlos zusammenbrach.

Mehrere Minuten vergingen, bis Holmes wieder zu sich kam. Mitleidige Menschen hatten ihn beiseite geschleppt und an einen Hausvorsprung gelehnt, damit er in dem Straßengetümmel der Wallstreet nicht zu Schaden käme.

»All right«, sagte der Detektiv sich emporraffend und nach allen Seiten umsehend, »das sind die Geschäftsunkosten, aber sie haben sich gelohnt. Erstens habe ich das Gesicht des Menschen gesehen und zweitens an seiner Aussprache erkannt, dass er ein Ausländer ist. Ein an­derer wie ich würde wohl kaum den Unterschied bemerkt haben. Für mich aber, der ich alle englischen Dialekte kenne, ist es kein Zweifel, dass jener Mann kein Eng­länder war.«

Bei einer Straßenlaterne unterzog er die ihm von Edith Sommerfield übergebene Fotografie noch einmal einer gründlichen Besichtigung, von allen Seiten be­trachtete er sie aufs Genaueste, dann lachte er leise vor sich hin.

»Sehr gut gemacht«, sagte er dann, »aber mein Wild ist auf dem besten Weg, Fehler zu machen. Den größten hat er schon gemacht: Er ist noch hier in London, anstatt den Vorsprung von einem halben Tag auszunutzen. Du wirst wohl eine Nummer mehr in meinem Buch In­teressante Kriminalfälle ausmachen, mein Freund, und dich deines Vermögens nicht lange mehr erfreuen.«

Armer Sherlock Holmes, hättest dir in die Zukunft sehen können! Du wärest nicht so wohlgemut und sicher jetzt die Treppe zur Wohnung Edith Sommerfields hinaufgestiegen.

Schon legte der Detektiv die Hand auf den Klingelknopf, als er sich eines anderen besann. Der Verfolgte konnte in diesem Moment gerade der Dame in die Arme sinken, und er, der Verfolger, hätte ihm in diesem Augenblick ohne Haftbefehl nichts anhaben können. Nein, er durfte den vermeintlichen Bräutigam jetzt nicht überraschen; wenn noch dazu Edith selbst ihn womöglich als ihren wirklichen Geliebten anerkannte? Hatte sie doch Robert Norton seit vier Jahren nicht gesehen und konnte sie sich ebenso leicht täuschen, wie der Bankier sich heute angesichts der Fotografie getäuscht hatte.

Denn nach Meinung des Detektivs musste entschieden eine Täuschung vorliegen; der Mann, der den Scheck bei Barrow & Co. präsentiert und die 20.000 £ abge­hoben hatte, musste nach allen Vorgängen, die Miss Sommerfield ihm mitgeteilt hatte, ein Betrüger sein, mochte sich der Polizeiinspektor Wilson auch immerhin über seinen Freund lustig machen.

Einen Moment hatte Holmes unschlüssig an der Kor­ridortür gestanden, dann zog er ein kleines Bund äußerst sorgfältig gearbeiteter Dietriche hervor, traf seine Auswahl und öffnete in wenigen Minuten geräuschlos das Schloss. Er musste sich wenigstens überzeugen, ob der Verdächtige hier einen Besuch abgestattet hatte.

Nun stand er in dem dunklen Korridor, wohin sollte er sich wenden, um sich ungesehen und ungestört Gewissheit zu verschaffen? Da – laute Stimmen schlugen an sein Ohr, aus denen eine kräftige Männerstimme hervorklang. Aber kein Wort war zu verstehen. Die Unter­haltung konnte unmöglich in dem Zimmer stattfinden, dessen Tür dort, wo der Detektiv stand, mündete; sehr wahrscheinlich befanden sich die beiden Personen in einem Raum hinter diesem Zimmer.

»Ich muss es wagen«, flüsterte Sherlock Holmes, »mein altes Glück wird mir hoffentlich auch in diesem Fall beistehen.«

Mit einer Sicherheit und Lautlosigkeit, die jedem Verbrecher Ehre gemacht hätte, drückte er den Drücker nieder. Regungslos verharrte er einen Augenblick mit der Klinke in der Hand. Er musste sich erst überzeugen, ob er durch das Öffnen der Tür irgendwelchen Verdacht erregt hatte; doch ohne Unterbrechung tönte das Gespräch zu ihm herüber. Nun stand er in einem großen, dunklen Gemach; die Tür zum Nebenzimmer war nur angelehnt. Der Lauscher, der sich hinter eine Portiere versteckt hätte, konnte durch die Türspalte das bleiche, erregte Gesicht Ediths erkennen.

»Glaubst du, du wirst dadurch etwas an der Tat­sache ändern?«, hörte Holmes die Stimme des Mannes.

»Mr. Holmes hat doch den Ruf, der beste Detektiv zu sein, und ich habe die Hoffnung, dass er Licht in die dunkle Sache bringen wird«, erwiderte die junge Dame.

»Dieser Holmes ist ein ebenso großer Esel, wie alle übrigen Detektive und Policemen von London«, meinte der Mann. »Ich habe die feste Überzeugung, dass Robert Norton, gleichviel, ob er nun verunglückt ist oder nicht, dich einfach im Stich gelassen hat, liebe Edith.«

»Du glaubst also«, versetzte die Dame mit bebender

Stimme, »dass mir Robert untreu geworden ist.«

»Allerdings«, hörte Holmes den Herrn sagen.

»O, Walter«, rief das junge Mädchen erregt, »wie schlecht du von Robert denkst; nein, ich kann an seine Untreue nicht glauben. Solange du mir keine Beweise dafür bringst, sollst du mir den Glauben an Robert nicht rauben.«

Sherlock Holmes, dem nun kein Zweifel mehr war, dass er in dem Gast der Dame nicht den von ihm hier erwarteten Betrüger, sondern Walter Wortmann, den Sohn des Vormundes von Miss Sommerfield, vor sich hatte, lauschte.

»Und wenn ich dir nun die Beweise bringe?«, stieß Wortmann hervor.

Das Mädchen stieß einen leisen Schrei aus.

»Das kannst du sicher nicht, Walter; du willst mich nur peinigen, mich noch verwirrter machen, wie ich schon bin.«

Der junge Advokat musste nun dicht vor der jungen Dame stehen, wie Holmes aus den Schatten der beiden Personen entnehmen konnte.

»Edith«, hörte der Detektiv ihn mit leiser, eindring­licher Stimme sagen, »ich muss dir zuvor ein Geständnis machen.«

»Nicht doch, Walter, ich will nichts hören.«

»Doch, Edith, du musst mich anhören. Sieh, seit mehr denn zehn Jahren sind wir beide zusammen er­zogen worden. Wie Geschwister haben wir zusammen ge­lebt und uns als solche, ich bin dessen sicher, geliebt.«

Das junge Mädchen stieß einen Seufzer aus.

»Hast du nicht gemerkt, dass meine Gefühle für dich wärmer wurden, meine Blicke feuriger und leidenschaft­licher? Fühltest du nicht, wie die Gefühle des Bruders sich in die des Liebhabers verwandelten?«

»Nein, Walter«, versetzte Edith mit fester Stimme, »ich habe nichts bemerkt. Du warst mir stets der alte, liebe Spielgefährte, mein jugendlicher Beschützer, zu dem ich mit der Liebe der vertrauenden Schwester emporblickte. Wie hätte ich sonst den Bewerbungen Robert Nortons Gehör schenken können?«

»Ha«, rief Walter Wortman mit überlauter Stimme, »dieser Robert Norton! Er ist der Räuber meines Glückes, meiner Liebe. Wäre er nicht zwischen uns getreten, so wärest du längst die meine. Ich weiß, dass ich deine Neigung gewonnen hätte, dass du meine Braut und jetzt vielleicht schon meine Frau geworden wärest. Ha, wie ich ihn hasse, wie ich ihn hasse.«

»Um Gotteswillen, Walter«, schrie Edith auf, »deine Worte erfüllen mich mit Entsetzen; o, hätte ich eine Ahnung von deiner Liebe gehabt. Nun wird mir manches, was mir bis dahin unerklärlich war, offenbar.«

Der Detektiv hörte den jungen Mann spöttisch auflachen.

»Das will ich glauben«, sagte dieser, heftig einen Stuhl beiseitestoßend, »da uns aber jetzt kein Dritter hört und sieht, sollst du alles erfahren, damit du die Heftigkeit meiner Leidenschaft, die Tiefe meiner Gefühle für dich endlich erkennst.«

Edith ließ sich in einen Sessel fallen.

»Mein Gott«, stieß sie an allen Gliedern zitternd hervor, »was werde ich hören müssen.«

»Du weißt«, fuhr Walter Wortmann fort, »dass mein Vater anfänglich die Werbung Robert Nortons um deine Hand begünstigte.«

»So ist es«, hauchte das Mädchen, »umso unbegreiflicher war mir seine Weigerung, die Zustimmung zur Hochzeit zu geben.«

»Nun denn«, rief der junge Advokat, »ich war es, der meinen Vater gegen deinen Bräutigam aufhetzte; ich war es, der ihn zwang, über das Meer zu gehen und dort jahrelang zu arbeiten; ich war es, der meinen Vater dazu bestimmte, den Hochzeitstermin immer weiter hinauszuschieben. Und … und …«

»Und du bist es«, schrie Edith außer sich, »der das Wiedersehen Robert Nortons mit mir vereitelt hat, du bist sein Mörder! Ja, blicke mich nicht so entsetzt an, es ist kein Zweifel, du bist sein Mörder, wer außer dir hat sonst ein Interesse an dem Tod meines Bräutigams? O, warum sind mir erst jetzt die Augen geöffnet worden, jetzt, wo es zu spät ist, den Unglücklichen zu warnen. Ja, jetzt zweifle ich keinen Augenblick mehr an den Worten Sherlock Holmes’, dass Robert Norton tot, ermordet ist, und zwar ermordet von dir. Doch auch du sollst jetzt die Geheimnisse meines Herzens erfahren. So höre denn: Auch ich hatte dich in den letzten Jahren liebgewonnen. Meine Schwesterliebe zu dir kam in argen Konflikt mit meiner Liebe zu meinem Bräutigam. Doch von diesem Augenblick an gibt es keine Gemeinschaft mehr zwischen uns. Ich mag mit keinem Mörder mehr Verkehr pflegen, und wenn ich die Gerichte gegen dich nicht anrufe, Walter Wortmann, so hast du es nur der Rücksicht zu verdanken, welche ich auf deinen alten Vater, meinen bisherigen Vormund, nehme.«

Sherlock Holmes hörte das stürmische, stoßweise Atmen des jungen Mannes, der sich in fruchtbarer Er­regung befinden musste.

»Edith«, rief er, »bei Gott, du irrst dich. Wie kannst du nur denken, dass ich …«

»Genug«, versetzte das Mädchen, »ich will dich nicht mehr anhören; befreie mich jetzt von deiner Gegenwart.«

»Du wirst deine Heftigkeit sicherlich bereuen; ich gebe zu, dass meine leidenschaftliche, schrankenlose Liebe zu dir mich irregeführt hat, aber ich bin kein Mörder; ich kam zu dir, um dir zu beweisen …«

»Spare deine Worte, ich glaube dir doch nicht mehr.«

»Nun denn, so gehe ich, aber ich bin überzeugt, dass du mich noch einmal rufen wirst. Ich bitte dich, Edith, sei nicht ungerecht gegen mich, sondern denke stets daran, dass meine Liebe an allem schuld gewesen ist.«

Die Tür zu dem Zimmer, in welchem sich der De­tektiv versteckt hielt, wurde aufgerissen, und der junge Advokat stürmte hinaus. Das junge Mädchen stand, wie Holmes deutlich bemerkte, erst eine Zeit wie erstarrt da, dann warf sie sich laut weinend in einen Sessel.

Fortsetzung folgt …