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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 6 – 1. Kapitel

Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs
Band 6
Der verschwundene Bräutigam
1. Kapitel

Eine verzweifelte Braut

»Wirklich, mein lieber Burns, ich habe keine Auf­träge für Sie.«

»Ich kann mir nicht denken«, erwiderte der unter­setzte Herr mit dem freundlichen Gesicht, »dass es für Sherlock Holmes, den gewieftesten Detektiv Englands, eine Zeit gibt, in welcher er nicht in Anspruch genom­men ist.«

»Und doch verhält es sich in der Tat so«, versetzte Holmes, sich behaglich in seinem Sessel streckend, »vielleicht ziehe ich mich ganz vom Geschäft zurück.«

Der andere lachte laut auf.

»Solange Sie nicht auf dem Totenbett liegen, glaube ich nicht daran; Sie können ja gar nicht anders, Mr. Holmes, das Nachspüren der dunklen Fäden bei den Verbrechen, die Jagd nach dem ermittelten Täter, die Gefahr, der Ehrgeiz, all das reizt Sie immer wieder.«

Der Detektiv wollte etwas erwidern, als Harry, sein Gehilfe, eintrat und eine Dame meldete.

»Ich will nicht stören«, sagte Burns, der Inhaber eines kleinen Detektivbüros, »sicher tritt jetzt eine grö­ßere Sache an Sie heran, und wenn Sie dabei in ge­eigneten Fällen an mich denken wollten …«

Er schlüpfte diskret zu einer Seitentür hinaus.

Ein Wink des Detektivs und der Gehilfe öffnete die Tür.

Die Dame, welche nun eintrat, war tief verschleiert, sodass es dem Detektiv nicht möglich war, ihre Gesichts­züge zu erkennen.

»Sie sind Mr. Sherlock Holmes?«, fragte die Fremde mit bebender Stimme.

Der Detektiv verneigte sich und schob seinem ge­heimnisvollen Gast einen Sessel zu.

»Womit kann ich Ihnen dienen, Mylady?«

Mit einer raschen Bewegung schlug diese den Schleier zurück, und Holmes blickte nun in ein junges, reizendes Gesicht mit großen dunklen Augen, denen man es ansah, dass sie geweint hatten.

»Sie werden mir helfen, Mr. Holmes«, rief die Fremde, die Hände des Detektivs ergreifend, »o, Sie werden mir meine Ruhe wiedergeben; mein Gott, mein Gott, wie unglücklich ich bin!«

Unaufhörlich strömten die mühsam zurückgehaltenen Tränen über das blasse Gesichtchen.

»Fassen Sie Mut, Miss«, versetzte der Detektiv in mitleidigem Ton, »seien Sie überzeugt, dass ich mit meinem ganzen Können und meiner ganzen Energie mich Ihres Falles annehmen werde; doch zunächst beruhigen Sie sich, damit Sie mir Ihre Sache verständig vortragen können.«

Die Dame trocknete die Tränen und zog dann einen Brief aus der Tasche.

»Lesen Sie«, wandte sie sich an Holmes.

Der Brief lautete:

Geliebte Edith.
Verzeih mir, wenn ich nicht so schnell zu dir zurückkehre. Ich habe einen Unfall erlitten und sehe mich genötigt, einige Wochen länger hier zu bleiben. Lebe wohl. Dein unglücklicher Robert Norton.«

»Und nun lesen Sie diesen Brief«, wandte sich die junge Dame von Neuem an den Detektiv.

Geliebte Edith.
Die Zeit des Wartens hat nun ein Ende; nach vierjähriger Abwesenheit kehre ich zu dir zurück, ein gereifter, vermögender Mann. Ich habe alles zu Geld gemacht und fahre mit dem nächsten Schiff nach Eng­land ab. Mein Glück ist nicht auszudenken, wie selig werde ich sein, dich endlich mein nennen zu können. Richte alles zur Hochzeit, denn ich denke nicht lange mehr zu warten. Auf baldiges Wiedersehen.

Dein glücklicher Robert Norton.«

Langsam hatte Holmes die wenigen Zeilen gelesen.

»Diese sich widersprechenden Mitteilungen haben an sich nichts Merkwürdiges, wenn Sie nicht eine besondere Erklärung dazu geben«, sagte er, die Dame durchdringend anblickend, die sich allmählich gefasst hatte.

»Robert Norton ist, wie Sie entnommen haben wer­den, mein Bräutigam, wir verlobten uns, als ich kaum 17 Jahre alt war. Mein Vormund wollte die Heirat nicht zugeben, teils meiner Jugend wegen, teils weil er Robert noch nicht für gereift genug hielt, eine Familie zu grün­den. Mein Bräutigam, der nur wenig vermögen hatte, ging nach Amerika, um so viel zu erwerben, dass er sich von meinem Vormund und meinem Vermögen, das die­ser verwaltete, unabhängig machen könnte. Ich lebte hier mit einer Verwandten zusammen in eigener Häus­lichkeit.«

Das junge Mädchen unterbrach seine Erzählung, als ob es ihm schwerfalle, fortzufahren.

»Unsere Trennung hat vier Jahre gedauert«, nahm sie den Faden der Erzählung wieder auf. »Wir hatten höchstens auf zwei gerechnet, aber Robert konnte, wie er schrieb, nicht eher aus dem Geschäft, an dem er be­teiligt war, loskommen.«

»Er hat doch seiner Braut hoffentlich oft geschrie­ben?«, warf der Detektiv ein.

»Nicht allzu oft«, erwiderte jene leise, »manchmal fürchtete ich schon, er habe mich vergessen; aber seine Briefe beruhigten mich immer wieder, und nun, da ich auf seine Rückkehr hoffen durfte, erhalte ich diese beiden Briefe.«

»An einem Tag?«, fragte Holmes gespannt.

»Zu ein und derselben Stunde; auch sind beide Briefe in New York zu gleicher Zeit aufgegeben.«

Schnell trat der Detektiv aus Fenster und hielt die Briefe gegen das Licht. In demselben Moment, als er den Brief, welchen er zuerst gelesen hatte, öffnete, flat­terte ein Stück Zeitungspapier heraus.

»Ein Stück eines Bilderrätsels wahrscheinlich; hat­ten Sie es noch nicht bemerkt?«

Mit verwunderten Augen blickte die Dame auf den Papierfetzen.

»Nein«, sagte sie, »ich habe nur die Zeilen gelesen; ich war so zerschmettert und niedergeschlagen, dass ich mich nicht darum kümmerte, ob sich eine Einlage in dem Briefbogen befand.«

Vorsichtig legte Holmes die beiden Briefe überein­ander, und zwar Zeile auf Zeile, und dann die gleichen Worte. Seine Mienen verdüsterten sich, je mehr er die Schriftzüge prüfte.

Mit ängstlichen Augen beobachtete die Dame sein Tun. Endlich wandte sich Holmes ihr wieder zu.

»Was halten Sie von der seltsamen Geschichte?«

»Ich, mein Gott …«, versetzte das junge Mädchen verwirrt, »ich weiß ja nicht, was ich davon denken soll. Vielleicht kann er nicht nach England zurückfahren, vielleicht hat er wirklich Schaden genommen, nur der furchtbare Zweifel peinigt mich Tag und Nacht.«

»Sie glauben also, dass beide Briefe von ihm herrühren?«

»Ich habe mich bemüht, nicht daran zu zweifeln«, erwiderte die Dame, »aber heute überkam mich plötzlich eine unerklärliche Angst, die mich zu Ihnen trieb.«

Holmes betrachtete sie aufmerksam.

»Haben Sie jemals die Briefe Ihres Bräutigams einer dritten Person gezeigt?«, fragte er in ernstem Ton.

»Niemals.«

»Wissen dritte Personen von der bevorstehenden Rückkehr des Mr. Norton?«

»Nur mein Vormund und …«, sie stockte einen Mo­ment, »… sein Sohn. Aber warum sehen Sie plötzlich so ernst aus?«

»Weil ein sehr gefährlicher Schuft seine Hände hier im Spiel hat«, erwiderte der Detektiv.

Edith stieß einen Schrei des Entsetzens aus.

»Fassen Sie sich, mein Fräulein«, versuchte Holmes das Mädchen zu beruhigen, »Sie müssen Ihre ganze Willenskraft zusammennehmen, da ich auf Ihre Hilfe zur Er­mittlung des Verbrechers angewiesen bin.«

»Ein Verbrechen – es liegt also ein Verbrechen vor, das an meinem armen Robert begangen ist? O, mein Gott, wie unglücklich bin ich! Sicher ist er schon tot, denn alle Schiffe, welche seit jener Zeit, aus der der Brief datiert ist, New York verlassen, sind seit Wochen schon hier, und bisher ist keine Nachricht von ihm eingetroffen.«

»Sie müssen sich auf das Schlimmste gefasst machen. Nehmen Sie die Lupe und verfolgen Sie die Schriftzüge des ersten Briefes. Sie sind an den Rändern uneben, ein Beweis, dass sie nachgezogen worden sind, wahr­scheinlich hat sogar der zweite Brief als Unterlage ge­dient. Sie sehen, wie sich die Worte Robert Norton genau decken.«

An allen Gliedern zitternd war die junge Dame den Ausführungen des berühmten Detektivs gefolgt.

»Es ist kein Zweifel mehr«, stieß sie mit bebender Stimme hervor, »es liegt sicher ein Verbrechen vor. O, Mr. Holmes«, rief sie wieder in Tränen ausbrechend, »stehen Sie mir bei, es aufzuklären. Mein ganzes Ver­mögen steht Ihnen zur Verfügung. Glauben Sie nicht, dass ich schwach bin; es ist nur … der augenblickliche Schmerz … der mich überwältigt.«

Holmes reichte ihr ein Glas Wein.

»Trinken Sie, Miss Edith«, ermunterte er sie. »So, und nun sagen Sie, hatte Ihr Bräutigam in irgendeinem Brief von seinem Vermögen Erwähnung getan?«

»Ja, im vorletzten Brief, der allerdings um Monate zurückliegt. Er wollte das Geld irgendeiner Londoner Bank überweisen lassen, um es nicht bar bei sich zu tragen.«

»Und Sie haben keinem Menschen den Brief ge­zeigt?«

»Keinem, nicht einmal Mr. Wortmann, meinem Vor­mund.«

»Aber dessen Sohn?«

Die Dame schlug die Augen nieder.

»Nein«, sagte sie endlich, »auch ihm nicht, wie ich denn zu Walter Wortmann überhaupt selten von meinem Bräutigam gesprochen habe.«

Der Detektiv hatte die Sprechende genau betrachtet.

»Sie haben sicherlich eine Fotografie von Mr. Norton bei sich«, wandte er sich an das junge Mädchen.

»Hier«, sagte sie leise, aus ihrer Tasche das Bild hervorziehend.

»Stammt es aus neuerer Zeit?«, fragte Holmes, aufmerksam die Züge des jungen Mannes studierend.

»Mein Bräutigam sandte mir das Bild vor mehreren Monaten, es muss ihm also noch ähnlich sein; aber was kann Ihnen die Fotografie noch nutzen, wenn Sie annehmen, dass ein Verbrechen an Robert Norton verübt worden ist?«

Der berühmte Detektiv lächelte eigentümlich.

»Meine liebe Miss Edith«, sagte er dann, »ich kann Ihnen leider nicht die Vorgänge so, wie sie sich abgespielt haben, darlegen. Dazu müsste ich allwissend sein. Aber ich müsste mich sehr irren, wenn heute nicht noch dies Bild eine große Rolle spielen wird. Und nun noch eine Bitte.«

Erwartungsvoll blickte das Mädchen den Detektiv an.

»Kümmern Sie sich in der nächsten Zeit nicht im Geringsten mehr um die Sache. Sprechen Sie mit niemand über sie; Ihr Leben könnte auf dem Spiel stehen, wenn aber einmal Robert Norton bei Ihnen vorsprechen und seine Rechte an Ihnen geltend machen sollte, dann seien Sie recht liebens­würdig zu ihm und geben Sie mir ohne sein Wissen auf dem schnellsten Wege Nachricht.«

Fortsetzung folgt …