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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 3 – 7. Kapitel

Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs
Band 3
Das Rätsel am Spieltisch
7. Kapitel

Die Verhaftung

»Ich komme, Monsieur, mich bei Ihnen zu entschuldigen. Es ist sonst nicht meine Gewohnheit, das geistige Gleichgewicht zu verlieren, aber in diesem Fall habe ich mich hinreißen lassen, das zu sagen, was ich lieber nur hätten denken sollen.«

Mit diesen Worten trat Sherlock Holmes eine halbe Stunde später in das Arbeitszimmer des Polizeipräfekten von Monte-Carlo.

Der hohe Beamte, der vor seinem Schreibtische saß, blickte ziemlich verdrießlich auf den Mann, der sich durchaus nicht hatte abweisen lassen und sich den Eintritt in sein Kabinett förmlich erzwungen hatte.

»Monsieur«, antwortete der Polizei­präfekt, »dass Sie sich in meine Amts­handlung eingemischt und eine seltsame Kritik gefällt haben, dafür sollte ich Sie eigentlich mit einer Strafe belegen, aber ich verzeihe Ihnen. Dass Sie aber jetzt noch mitten in der Nacht herkommen, um mich zu stören, und zwar in einer sehr wichtigen Arbeit, das finde ich unverzeihlich.«

»Es ist meine Pflicht, zu Ihnen zu kommen, Herr Polizeipräfekt«, ant­wortete Sherlock Holmes, »denn wir beide sind von demselben Wunsch durchdrungen, Sie und ich: Sie wol­len den Mörder Lord Woodvilles entdecken – und ich auch.«

»Den Mörder Lord Woodvilles? Der ist bereits entdeckt«, gab der Polizei­präfekt zur Antwort, »und wenn Sie, was ich glaube, einer von den neugie­rigen Journalisten sind, die man niemals loswird, so sage ich Ihnen, dass der Mörder Lord Woodvilles sich bereits in unseren Händen befindet – oder vielmehr die Mörderin, wenn ich Ihnen das alles sagen will. Niemand anders als Mademoiselle Nancy Elliot, die Geliebte des Lords, hat ihn getötet.«

»Die arme Miss Elliot«, antwortete Sherlock Holmes vollkommen ruhig, »es gibt auf der ganzen Welt kein Geschöpf, das den Tod des Lords mehr betrauert als sie.«

»Ich bedaure, mein Herr, mich mit Ihnen nicht in eine Kontroverse einlassen zu können, und deshalb möchte ich …«

»Wollen Sie mir nicht wenigstens gestatten, Ihnen meinen Namen zu nennen? Ich heiße Sherlock Holmes.«

»Sherlock Holmes? Der berühmte englische Detektiv? Ah, das ist etwas anderes – gestatten Sie, dass ich Ihnen die Hand drücke; bitte, nehmen Sie Platz.«

»Ich bin sehr erfreut, Sie kennen­zulernen, Herr Polizeipräfekt«, sagte Sherlock Holmes, den Händedruck herzlich erwidernd, »und nun brauche ich Ihnen nicht erst zu erklären, dass ich eigens zur Entwirrung dieses krimi­nalistischen Rätsels nach Monte-Carlo gekommen bin. Ich füge noch hinzu, dass Lord Frederic Woodville mein Freund gewesen ist, und dass mir viel daran gelegen ist, den Mörder dingfest zu machen.«

»Nun, dann können Sie wieder abreisen, Mr. Sherlock Holmes«, ant­wortete der Polizeipräfekt mit viel­sagendem Lächeln, »und die Gewiss­heit mitnehmen, dass das an Ihrem Freund verübte Verbrechen gesühnt werden wird. Mademoiselle Nancy Elliot …«

»Ist vollkommen unschuldig; ich bür­ge Ihnen dafür, Herr Polizeipräfekt.«

»Sie – bürgen mir dafür? Wenn mir das nicht Sherlock Holmes sagte, wür­de ich lachen.«

»Es ist leider keine Veranlassung zum Lachen da«, sagte Sherlock Holmes, »denn der Mörder ist Ihnen in dem Moment entkommen, in welchem Sie nur Hand an ihn zu legen brauchten. Es war der Mann, der sich in Begleitung Miss Elliots befand.«

»Das war vielleicht ihr Helfershelfer, aber der intellektuelle Urheber des Mordes ist das Weib.«

»Das Weib – keineswegs. Haben Sie die Güte, Miss Elliot rufen zu lassen und sie zu hören. Ich will Ihnen aber schon im Voraus sagen, was sie uns berichten wird.«

»Hat sie Ihnen etwa Angaben ge­macht, Mr. Sherlock Holmes, über die Persönlichkeit des Mannes, mit dem wir sie im Rondell des Parkes ange­troffen haben?«

»Ganz und gar nicht – aber ich weiß, dass der Mann, in dessen Gesellschaft Sie Miss Elliot überraschten, ihr Bruder ist. Ich weiß ferner, dass der Bruder Miss Elliots soeben aus einem Zuchthaus gekommen ist, und zwar wahrscheinlich aus einem französischen Zuchthaus. Ich weiß endlich, dass dieser verkommene Mensch Miss Elliot mit Geldforderungen behelligt hat, und dass sie bestrebt war, ihn so schnell wie möglich aus ihrer Nähe fortzubringen, was angesichts der Vergangenheit eines solchen Subjekts selbst einer Schwester nicht übelzunehmen ist.«

»Woher wissen Sie das alles?«

»Folgerungen und Schlüsse, Herr Polizeipräfekt. Dass die beiden Bruder und Schwester sind, hat mir ihre Ähn­lichkeit verraten; dass der Mann aus einem Pariser Zuchthaus gekommen ist, habe ich an seiner Aussprache des Französischen gehört, denn er kennt eine Menge Wörter, die man nur in Patynolles, der verrufenen Vorstadt von Paris, hört. Offenbar war der Mensch mit Pariser Verbrechern im Zuchthaus zusammen und hat sich ihr Rotwelsch dort angewöhnt, wenigstens sich ihre Phrasen angeeignet, die dem Pariser Verbrecher ganz eigentümlich sind. Dass der Mann Geldforderungen an Miss Elliot gestellt hat, das habe ich mit meinen eigenen Ohren gehört, denn ich habe ihr ganzes Gespräch im Rondell belauscht. Und nun, Herr Polizeipräfekt, haben Sie die Güte, Miss Elliot sofort aus ihrem Gefängnis holen zu lassen und unter meiner Bürg­schaft auf freiem Fuß zu setzen.«

»Das ist leider nicht möglich, Mr. Sherlock Holmes«, sagte der Polizei­präfekt, »da Miss Elliot in einer tiefen Ohnmacht liegt und der Gefängnisarzt, den wir sofort rufen ließen, jedes Ver­hör mit ihr auf das Strengste verboten hat.«

»Hm, das ist traurig; aber in diesem Fall nützt es natürlich nichts; dann muss Miss Elliot, bis sie wieder er­wacht und transportfällig ist, unter Ihrer Obhut bleiben. Ich hoffe, Herr Polizeipräfekt, dass Sie der Dame die mildeste Behandlung angedeihen las­sen.«

»Jetzt, nachdem ich Sie gehört habe, Mr. Sherlock Holmes«, entgegnete der Polizeipräfekt, »bin ich Mademoiselle Elliot gegenüber zu jeder Genugtuung bereit, denn ich glaube und weiß, dass Sherlock Holmes niemals irrt.«

»Leider nur zu oft«, gab Sherlock Holmes bescheiden zur Antwort, »und im Übrigen, wenn ich auch auf guter Fährte bin, kann mir das Wild immer noch entwischen. Das ist gerade im vorliegenden Fall geschehen. Ich bin nämlich der Meinung, Herr Polizei­präfekt, dass der Bruder Miss Elliots wirklich der Mörder des Lords ist, aber ohne, dass seine Schwester davon eine Ahnung hatte.«

»Wie wollen Sie diese Behauptung beweisen, Mr. Sherlock Holmes?«

»Für diese Behauptung habe ich aller­dings vorläufig nur einige Beweise, welche erst halb und halb genügen. Ich stand dabei, als der Mann fünf­unddreißigtausend Franc in Scheinen an der Spielbank verausgabte. Fünfund­dreißigtausend Franc aber sind dem Lord Woodville gestohlen worden, nachdem er sie einige Stunden vorher an der Spielbank gewonnen hatte.«

»Ah, das ist schon ein ziemlich starker Beweis für die Schuld des Burschen!«

»Dann hatte er an der linken Hand, wie ich beobachtete, eine Risswunde«, fuhr Sherlock Holmes fort.

»Wo kann er sich dieselbe zugefügt haben?«

»Bei einer ungewohnten Arbeit, die er im Hotel de Paris verrichtet hat. Er hat sich nämlich dort als Telefon­arbeiter eingeführt. Er hat eine Stun­de lang dort in der Telefonzelle ge­arbeitet. Er hat die Decke derselben durchbrochen und ist auf diesem Weg in das Toilettenzimmer Miss Elliots hinaufgestiegen. Von da führt eine Tapetentür in die Gemächer des Lords. Wenn der Mörder seine Stiefel abgestreift hatte, konnte er leise auf den Socken den Salon durchschreiten, in das Arbeitszimmer Woodvilles hineingelangen, da nur eine Tür dieses Zimmers, die nach dem Korridor führende, verschlossen war. So ist der Elende hinter den Sessel am Schreibtisch gelangt und hat dem Lord rücklings den Dolch in das Herz gestoßen.«

»Und das alles haben Sie schon herausgefunden, Mr. Sherlock Holmes? Ach, da haben Sie wieder einmal be­wiesen, dass Sie ein Meister und wir Stümper sind.«

»Es war ziemlich leicht, Herr Polizei­präfekt, und dann wissen Sie, wir haben in unserem Geschäft auch gewöhnlich Glück. Sagen wir also, ich war vom Glück begünstigt.«

»Sie sind außerordentlich bescheiden, Mr. Sherlock Holmes.«

Sherlock Holmes ließ vergnügt seine Finger knacken. »Ich habe vorläufig noch guten Grund, in dieser Angele­genheit bescheiden zu sein. Ich kenne zwar den Mörder, aber ich habe ihn noch nicht, doch ich hoffe, ihn noch heute Nacht zu verhaften.«

»Wo ist der Mann geblieben, als wir ihn im Park aufstöberten?«

»Vorläufig hat er sich in das Meer gestürzt.«

»In das Meer gestürzt? Dann ist er ertrunken!«

»Ah, beileibe nicht. Das hatte der Mann gar nicht nötig; wenn er nur ein passabler Schwimmer war, so ist er an einer anderen Stelle, vielleicht schon nach wenigen Minuten, an Land gestiegen und hat seinen Weg fort­gesetzt. Aber gerade darin hegt unsere Chance, ihn heute Nacht noch dingfest machen zu können, Herr Polizeipräfekt. Der Mann kann sich unbedingt nicht in seinen nassen Kleidern in sein Hotel zurückgetrauen, denn er hat ein böses Gewissen und müsste annehmen, dass die Kleider ihn verraten würden. Er muss sich irgendwo verborgen halten, wo er ein ganz sicheres Asyl zu haben glaubt.«

»Aber wo könnte das sein?«, forschte der Polizeipräfekt kopfschüttelnd.

»Ich will es Ihnen sagen: in der Kammer der Mary Tillon, des Stubenmädchens im Hotel de Paris.«

»Ah, das ist das Mädchen, welches das Dolchmesser, die Uhr und die Krawattennadel in der Kammer des Kellners gefunden hat.«

»Gefunden haben will, Herr Polizei­präfekt. Die Person ist an dem Ver­brechen beteiligt und hat mit ihrer An­gabe absichtlich den Verdacht auf einen Unschuldigen lenken wollen. Hierbei hat sie noch eine kleine Privatrache befriedigt, denn sie hatte früher mit dem Kellner Baptiste ein Verhältnis, und dieser hat es einseitig gelöst.«

»In diesem Fall scheint mir Ihre Kombination doch zu weit zu gehen, Mr. Sherlock Holmes«, wandte der Polizeipräfekt ein.

»Durchaus nicht, Herr Polizeipräfekt. Ich will sofort sagen, worauf ich meine Vermutung basiere. Ich sagte Ihnen, dass der Mörder als Telefonarbeiter zu dem Hotel de Paris gekommen war, dass er von der Telefonzelle aus in das Stockwerk hinaufgestiegen sei. Wollen Sie die Güte haben, Herr Polizeipräfekt, mir zu erklären, woher denn der Mann die Lokalitäten so genau kannte, um zu wissen, dass über der Telefonzelle das Toilettenzimmer der Miss Elliot liege?«

»Vielleicht hat es ihm seine Schwester selbst gesagt.«

»Das ist ausgeschlossen – ebenso, dass er jemals die Gemächer Miss Elliots betreten hat. Von dieser Seite kam ihm seine Wissenschaft nicht. Mary Tillon hat es ihm verraten, die seit zwei Jahren im Hotel des Paris bedienstet ist und die Räume und deren Lage im Haus ganz genau kannte.«

»Auf welche Weise soll er mit Mary Tillon zusammengekommen sein?«, warf der Polizeipräfekt ein.

»Da haben wir scheinbar eine Lücke«, erwiderte Sherlock Holmes, »aber auch nur scheinbar. Geben Sie Acht, Herr Polizeipräfekt, es wird sich Folgendes herausstellen: Miss Elliot musste einen Boten haben, den sie hin und wieder mit Briefen und Geldsendungen an ihren Bruder schickte. Wen braucht eine Dame für solche diskreten Dienste anders – als nur ihr Kammermädchen. Da nun Miss Elliot keine Zofe nach Monte-Carlo mitge­bracht hat, so hat sie sich der Dienste Mary Tillons versichert, ebenso wie der Lord den armen Baptiste Hillard als seinen provisorischen Diener anstellte. Mary Tillon ist also mit den Briefen zu dem Bruder Nancys gekommen. Er hat durchschaut, dass der dieses Mädchen für seine Zwecke benutzen könnte, hat eine Liebschaft mit ihr angefangen und ihr schließlich mitgeteilt, dass er den Lord berauben wolle, um dann mit ihr nach Amerika zu entfliehen. Auf diesen schlechten Handel hat Mary Tillon sich eingelassen. Sie wird dafür ihr Strafe empfangen müssen, obwohl auch sie eigentlich die Betro­gene ist; denn sie glaubte, es handle sich bei ihrem Geliebten nur darum, den Lord zu bestehlen, während der Mörder mit dem festen Auftrag, Frederic Woodville zu ermorden, nach Monte-Carlo gekommen ist.«

»Ah, das ist ja wieder etwas ganz Neues, was Sie jetzt vorbringen, Mr. Sherlock Holmes. Er sollte den Mord in irgendjemandes Auftrag vollbracht haben?«

»Ganz gewiss«, gab Sherlock Hol­mes ernst und entschlossen dem Po­lizeipräfekten entgegen. »Wir werden es noch wahrscheinlich aus dem Mund des Mörders selbst erfahren, wer ihm diesen Auftrag gegeben hat. Dass er den Lord noch obendrein beraubte, hat er nur getan, um sein Einkommen aus dem Verbrechen zu erhöhen. Nach der Bluttat ist der Mörder geflüchtet. In der Telefonzelle hat er das Ihnen bekannte Gespräch mit dem Direktor des Hotels geführt und traf dann mit Mary Tillon zusammen. Dieser hat er den blutigen Dolch und die geraubten Preziosen gegeben, um diese Beweise seiner Schuld vorläufig zu beseitigen. Er hat sich nur das bare Geld behalten, die fünfunddreißigtausend Franc, die er dem Lord gestohlen hatte.

Ich glaube, Herr Polizeipräfekt, ich habe ihnen jetzt eine Beweiskette ge­zeigt, in der kein Glied fehlt.«

»Kein Glied, Mr. Sherlock Holmes«, rief der Polizeipräfekt sich erhebend und mit einer Verbeugung dem Detek­tiv die Hand reichend, »und ich stehe nicht an, in das Urteil der ganzen Welt mit einzustimmen, welches lautet: Sherlock Holmes ist der größte Detektiv unserer Zeit.«

»Ich danke, bestens«, versetzte Sherlock Holmes lachend. »Jetzt aber werden wir so schnell wie möglich ans Werk gehen müssen. Haben Sie die Güte, Herr Polizeipräfekt, und geben Sie mir vier von Ihren Detektiven mit, die den Burschen in Empfang nehmen sollen.«

Der Polizeipräfekt erteilte sogleich die nötigen Befehle, und wenige Minuten später verließ Sherlock Holmes mit seinen Begleitern das Palais der Polizei und schritt mit ihnen dem Hotel des Paris zu.

 

»Wir müssen sehr vorsichtig zu Wer­ke gehen«, sagte Sherlock Holmes, »denn ich muss ihn unbedingt lebendig in meine Hände bekommen, und wenn wir ihn nicht überraschen, so steht zu befürchten, dass er Selbstmord ver­übt. Aber da das Gerücht von der Verhaftung Miss Elliots noch nicht in das Hotel gedrungen sein kann, so denke ich, wird sich die Geschichte ziemlich leicht erledigen.«

Sie betraten das Hotel. Sherlock Hol­mes verständigte den Direktor, der noch an seinem Schreibtisch saß, mit einigen Worten von dem Vorgefallenen und bat ihn dann, sich mit ihm in die Gemächer Miss Elliots zu begeben.

Die vier Detektive blieben indessen am Fuße der Treppe stehen.

»Was wollen Sie jetzt tun, Mr. Sher­lock Holmes?«, fragte der Direktor, als der Detektiv mit ihm den Salon Nancys betrat.

»Vor allen Dingen im Schlafzimmer Licht machen«, antwortete der De­tektiv, »dann haben Sie die Güte, hier zu bleiben, Herr Direktor, und durch die elektrische Glocke das Kammer­mädchen herbeizurufen. Betritt sie dieses Zimmer, so sagen Sie ihr, Miss Elliot sei plötzlich schwer erkrankt und sie solle sich zu ihrem Lager begeben.«

»Glücklicherweise hat Mary Tillon heute Nachtdienst«, antwortete der Direktor, »sonst würde sie auf das Glockenzeichen nicht kommen.«

Sherlock Holmes hörte diese Worte kaum noch, denn er war hinter der Tür des Schlafzimmers verschwunden.

Der Direktor drückte zweimal auf den Knopf der elektrischen Glocke. Es dauerte lange, bis an der Tür geklopft wurde. Der Direktor rief: »Herein!«

Die Tür öffnete sich, und Mary Tillon trat ein. Sie war völlig angekleidet und war nicht wenig erstaunt, den Direktor hier anzutreffen.

»Verzeihen Sie«, stieß Mary hervor, »aber ich glaubte, Miss Elliot hätte mich gerufen.«

»Miss Elliot ist schwer erkrankt«, entgegnete der Direktor, »ich fürchte das Schlimmste. Sie müssen heute Nacht an ihrem Bett wachen – bege­ben Sie sich in das Schlafzimmer der Dame!«

»O, mein Gott«, klagte Mary, »Miss Elliot ist eine so liebe Dame. Es wäre schrecklich, wenn auch sie – gewiss will ich alles tun für die Kranke, was in meinen Kräften steht. Aber hat man schon den Arzt geholt?«

»Er ist bereits drinnen«, antwortete der Direktor.

Mary eilte an ihm vorüber, öffnete die Tür und trat schnell ein.

Im nächsten Augenblick klappte die Tür hinter ihr in das Schloss, und das Stubenmädchen sah sich – Sherlock Holmes gegenüber.

»Was ist das?«, stieß Mary betroffen hervor. »Mr. Smith – wie kommen Sie hierher?«

»Ich bin der Arzt, den man gerufen hat«, antwortete Sherlock Holmes lächelnd, »aber nicht zu Miss Elliot, die sich gar nicht hier befindet, hat man mich gerufen, sondern zu Ihnen, Mary Tillon, und, wenn Sie nur halbwegs ein kluges Mädchen sind, und Sie werden ja hoffentlich unserer Landsmannschaft in dieser Beziehung nicht Schande machen, so werden Sie dem Mann, der das Schlimmste von Ihnen abwenden will, ein wenig entgegenkommen.«

»Ich verstehe Sie nicht«, presste das Mädchen erbleichend hervor. »Ihre Worte sind so seltsam, Mr. Smith.«

»Nennen Sie mich nicht Smith, nen­nen Sie mich ruhig Sherlock Holmes. Ich bin der Detektiv.«

Mary zuckte zusammen, als wenn der Blitz in sie hineingefahren wäre, dann begann sie am ganzen Körper heftig zu zittern und brach in einem Sessel nieder.

»Umso besser«, sagte Sherlock Hol­mes, »setzen wir uns. Und nun, mein liebes Kind, wer befindet sich in Ihrer Kammer?«

»Nie … niemand«, erwiderte das Mäd­chen stockend.

»Leugnen Sie nicht – ein Mann befin­det sich in Ihrer Kammer. Er ist mit sehr nassen Kleidern zu Ihnen gekommen; sehen Sie, man muss vorsichtig sein, Sie hätten sich nicht von ihm umarmen lassen sollen, hier ist noch ein nasser Fleck auf Ihrer Schürze.«

»O, mein Gott, welche Schande!«,

jammerte Mary. »Man hat mich immer für anständig gehalten und jetzt – was wird der Herr Direktor sagen, wenn er hört, dass ich einen Mann in meine Kammer eingelassen habe?«

»Ach, wenn es sich nur darum handelte«, versetzte Sherlock Holmes, »so wäre der Direktor wahrlich nicht ein solcher Unmensch und würde ein Auge zudrücken. Aber Sie wissen ganz gut, wer dieser Mann ist.«

»Wer ist es?«

»Der Telefonarbeiter.«

»Welcher Telefonarbeiter?«

»Der die Decke des Telefonzimmers durchbrochen hat und dann in das Toilettenzimmer Miss Elliots hinaufge­stiegen ist.«

»Sir, ich schwöre Ihnen, ich weiß …«

»Alles«, unterbrach sie Sherlock Hol­mes mit scharfer Stimme, »und wenn Sie länger leugnen, werde ich Ihnen Fesseln anlegen und Sie sofort in das Gefängnis transportieren lassen. Also heraus jetzt mit der Sprache: Was hat Ihnen der Mörder Lord Frederic Woodvilles anvertraut, weshalb wollte er den Mord begeben?«

Mary begann krampfhaft zu schluch­zen.

Der Detektiv, der bisher an der Stelle gestanden hatte, trat vor sie hin und rief ihr zu: »Gestehen Sie, Unglückliche, das allein kann Ihre Strafe mildern!«

Mary Tillon gestand. Sie sagte genau dasselbe, was Sherlock Holmes dem Polizeipräfekten prophetisch voraus­gesagt hatte: Miss Elliot habe sie als Botin zwischen sich und diesem Fremden verwendet. Sie habe Briefe und kleinere Summen Geldes zu ihm gebracht; der Mann habe ihr gefallen und, als er ihr den Antrag machte, mit ihm ein Liebesverhältnis einzugehen, habe sie Ja und Amen dazu gesagt. Später habe er ihr eröffnet, dass er mit ihr fliehen wolle, aber nicht die Mittel dazu besitze. Da sie heftig in ihm verliebt gewesen sei, habe er sie in seinen Plan eingeweiht. Sie habe ihm mitgeteilt, dass man vom Telefonzimmer aus, wenn man die Holzdecke abheben könnte, in das Toilettenzimmer Miss Elliots gelangen müsse. Und so sei der Mann, der sich ihr gegenüber Emilie Berlioz genannt hätte, in die Gemächer des Lords gelangt.

»Aber ich schwöre Ihnen, Mr. Sherlock Holmes«, rief das Mädchen wimmernd, »ich wusste nicht, dass er ihn ermorden würde.«

»Das glaube ich Ihnen«, antwortete der Detektiv, »und das wird Ihnen wahr­scheinlich auch das Gericht glauben. Erbärmlich schlecht war es aber von Ihnen, dass Sie den Verdacht auf den armen Baptiste lenken wollten!«

»Das war nur eine momentane Ein­gebung – ich hasste Baptiste, weil er sein Spiel mit mir getrieben hatte.«

»Herr Direktor«, rief Sherlock Hol­mes, »haben Sie die Güte und holen Sie jetzt die Detektive herauf. Dann führen Sie mich und zwei von den Leuten zu der Kammer des Mädchens.«

Bald befand sich Sherlock Holmes mit dem Direktor und zwei Detektiven auf dem Weg über die Treppe in das oberste Stockwerk des Hotels, während die beiden anderen Polizeiagenten Mary Tillon bewachten.

»Dort ist die Tür«, flüsterte der Direktor, »sie ist jedenfalls verschlos­sen.«

»Sie wird geöffnet werden«, gab ihm Sherlock Holmes ebenso leise zur Antwort. »Ihre Revolver bereit, meine Herren, wir haben es mit einem schweren Jungen zu tun.«

Damit zog der Detektiv seinen eigenen Revolver aus der Tasche und machte ihn schussfertig. Er klopfte an die Tür.

»Mary – Mary, bist du es?«, rief es von drinnen.

»Mach auf, Emile«, antwortete Sher­lock Holmes, indem er eine Frauen­stimme täuschend ähnlich nachahmte, »mach auf – ich bin’s, mein Schatz.«

Von innen wurde ein Riegel zurück­geschoben, dann öffnete sich die Tür.

»Keinen Schritt, Bursche, oder dein Körper ist von Kugeln durchsiebt«, donnerte Sherlock Holmes dem hoch­gewachsenen Mann zu, der nur in seiner Unterwäsche stand, während über einen Sessel sein nasser Mantel, Rock und Hose zum Trocknen auf­gehängt waren, »du siehst, dass du in unseren Händen bist – ergib dich, denn ich verhafte dich als den Mörder Lord Frederic Woodvilles.«

Der Überlistete knirschte mit den Zähnen, rollte mit den Augen, aber er ergab sich in sein Schicksal. Er konnte auch nichts anderes tun, denn schon hatten die Detektive ihn ge­packt, und Sherlock Holmes presste ihm mit einem Paar soliden, englischen Stahlfesseln die Hände so aneinander, dass er sie nicht mehr rühren konnte.

»Und jetzt, meine Herren«, wandte sich Sherlock Holmes an den Direktor und die beiden Detektive, »haben Sie die Güte, mich mit diesem Herrn einige Minuten allein zu lassen. Den Mörder haben wir, aber noch nicht seinen Auftraggeber. Eine kurze Unterredung unter vier Augen zwischen ihm und mir – und wir werden alles wissen.«

Der Direktor und seine Begleiter zogen sich zurück. Sherlock Holmes war mit dem Verbrecher allein.

»Bitte, nehmen Sie Platz«, sagte er verbindlich, indem er einen Sessel herbeiholte, »wir beide werden ein we­nig miteinander plaudern.«

 

Mit dem Morgenschnellzug, der Monte-Carlo verließ, reisten Sherlock Holmes und Harry Taxon ab; ihr Reise­ziel war, wie ihre Billette sagten, Paris.

Vorher hatte Sherlock Holmes noch eine Unterredung mit Nancy gehabt, die er mit Gewalt davon abhalten musste, ihm die Hand zu küssen – sie nannte ihn ihren Retter, ihren Schutzengel.

Auch der arme Baptiste Hillard wurde am selben Morgen in Freiheit gesetzt. Er erhielt sowohl von Nancy als auch von dem Hoteldirektor ein namhaftes Geldgeschenk und wurde im Hotel de Paris wieder in Ehren aufgenommen.

Fortsetzung folgt …