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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 3 – 4. Kapitel

Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs
Band 3
Das Rätsel am Spieltisch
4. Kapitel

Sherlock Holmes arbeitet

»Erschrecken Sie nicht, Miss Elliot – ich bin es, Sherlock Holmes, den Sie gerufen haben.«

Mit diesen Worten schob sich der Detektiv, nachdem er leise an der Tür angeklopft hatte, ohne dass ein Herein! gerufen worden war, durch eine schmale Spalte, die er sich selbst geöffnet hatte.

»Mr. Sherlock Holmes? Ah, Sie? Zu spät – zu spät!«

Nancy Elliot war vom Rand des Lagers, auf dem der Tote ruhte, aufge­fahren, wie abwehrend hatte sie die Hände emporgehoben, doch ließ sie dieselben nun langsam sinken.

Das herrliche, schöne, junge Weib,

welches dem Detektiv im Abglanz ihres Schmerzes noch schöner und reizvoller erschien, als er es jemals auf der Bühne gesehen hatte, glich in diesem Moment in ihrer regungslosen Verzweiflung einer Marmorstatue, die ein großer Künstler für die Versinnbildlichung menschlicher Trauer geschaffen hatte.

»Zu spät!«, wiederholte sie noch ein­mal, während sich ihr Sherlock Holmes näherte. »Sehen Sie nur, was sie aus ihm gemacht haben. Einen stillen, stummen, kalten, bleichen Leichnam – zu spät!«

»Nicht zu spät, Miss Elliot«, antwor­tete Sherlock Holmes, die Hand der jungen Dame ergreifend, »wenn auch leider zu spät, um ihn zu retten, ihn vor dem Mordstahl zu bewahren, so doch keineswegs zu spät, um ihn zu rächen, das abscheuliche Verbrechen, das man an diesem vortrefflichen Menschen vollbracht hat, zu sühnen. Und nur darauf, Miss Elliot, sollten Sie jetzt vollen Wert und Nachdruck legen. Sie, welche für Lord Frederic die innig Ge­liebte waren, und die von ihm – ich darf es Ihnen ja sagen – geliebt und verehrt worden ist, wie selten ein Weib von einem Mann.«

Nancy drückte ihr Taschentuch vor die überströmenden Augen, sie sank wieder auf den Rand des Lagers zu­rück, und krampfhaft schluchzend erzitterte ihr Körper. Plötzlich aber streckte sie Sherlock Holmes beide Hände entgegen und rief:

»Ja, Mr. Sherlock Holmes, Sie haben recht – ich fühle, dass ich jetzt eine heilige Aufgabe zu erfüllen habe. Das Rätsel muss gelöst werden. Dieser edle Tote darf nicht in das Grab sinken, ohne dass seinen Mörder die gerechte Strafe ereilt. Ich will stark sein – ich will meinen Schmerz dem Wunsch nach Vergeltung unterordnen.«

»Gestatten Sie, dass ich Ihnen mei­ne Bewunderung ausdrücke«, rief Sherlock Holmes. »Das ist zielbewusst gesprochen, und so zu reden ist nicht jeden Weibes Sache.

Und nun, Miss Elliot, lassen Sie mich vor allem einen Blick auf den armen Toten werfen. Ganz recht, er ist von rückwärts ermordet worden – offenbar hatte er keine Ahnung, dass der Mörder hinter ihm stand und den tötenden Stahl zückte. Meiner Meinung nach hat man ein italienisches Stilett dazu gebraucht.«

»Das ist wahr«, versetzte Miss Elliot, »die Mordwaffe befindet sich bereits im Besitz des Polizeipräfekten von Monte-Carlo, ebenso die Uhr und die Brillantnadel, die man Frederic geraubt hat.«

»Geraubt?«, rief Sherlock Holmes betroffen aus. »Man hat also mit dem Mord einen Raub verbunden? Hm! Ganz gut, der Täter wollte also glauben machen, dass es sich hier um einen Raubmord handelte. Aber ich beteure Ihnen, Miss Elliot, dass demjenigen, der den Auftrag zu diesem Verbrechen gab, an den Kleinodien des Lords nicht das Geringste gelegen war!«

»Aber es fehlten auch mehr als fünf­unddreißigtausend Franc, die Frederic am Vormittag an der Spielbank gewon­nen hatte!«

»Das ändert nichts an meiner Auf­fassung. Entweder hat man den Dieb­

stahl begangen, um das Verbrechen zu verschleiern, oder aber, die ausführende Hand war zugleich eine diebische Hand und hat auf eigene Faust das Nützliche mit dem – nun, wie soll ich sagen – Notwendigen verbunden.

Doch jetzt, Miss Elliot, erzählen Sie mir alles. Schildern Sie mir den Verlauf des gestrigen Tages – schildern Sie mir ihn möglichst genau.«

Die junge Künstlerin winkte. Sher­lock Holmes ließ sich auf einen kleinen Sessel nieder, und Miss Elliot begann ihren Bericht.

Sherlock Holmes saß, das Haupt auf die Brust geneigt, fast bewegungslos da, während Nancy beinahe eine halbe Stunde lang mit leiser Stimme sprach.

Sie erzählte gut, pointiert, ohne Über­flüssiges zu erwähnen, und einige Male nickte ihr Sherlock Holmes sogar zu und sagte: »Sehr anschaulich. Weiter. Vortrefflich. Ich verstehe alles!«

»Das ist alles, was ich Ihnen berichten kann«, schloss Nancy. »Ich selbst ver­mag mich aus diesem Labyrinth von Tatsachen nicht herauszufinden, aber Sie, Mr. Sherlock Holmes, besitzen den Faden des Genies, der auch durch das tiefste Dunkel zum Licht führt.«

Der Detektiv hatte sich erhoben. Er schritt im Zimmer umher und ließ seine mageren Hände knacken.

»Nun, vorläufig«, antwortete er, das Gesicht in tausend Falten gelegt, »ist dieser Faden noch an einigen Stellen unterbrochen und muss zusammen­geknüpft werden. Ob mir das gelingen wird? Ich hoffe es zuversichtlich. Haha, das ist gut – das ist famos – das ist eine neue Idee – gar nicht übel gemacht – gar nicht übel!«

Sherlock Holmes hatte plötzlich, ei­nem Einfall folgend, so laut aufgelacht, dass Nancy ihn ganz betroffen, ja, so­gar ein wenig entrüstet ansah.

»Entschuldigen Sie, Miss Elliot«, rief Sherlock Holmes, indem er vor sie hintrat, »ich weiß, dieses Gelächter war in Gegenwart des Toten und im Angesicht Ihres Schmerzes sehr de­platziert, aber in diesem Fall konnte ich nicht an mich halten. Wissen Sie, warum ich gelacht habe, Miss Elliot? Über den ausgezeichneten Einfall des Mörders, sich mit dem Hoteldirektor sogleich nach der Tat telefonisch verbinden zu lassen, um ihm von dem Mord die Anzeige zu machen.«

»Diese Handlungsweise erscheint mir unbegreiflich«, rief Nancy. »Wissen Sie, Mr. Sherlock Holmes, darin liegt eine Art bodenloser Frechheit, dieser blutbefleckte Mörder wollte uns gleich­sam verhöhnen.«

»O, ganz und gar nicht«, antwortete Sherlock Holmes. »Das liegt viel tiefer, und der Bursche hat ganz ausgezeich­net kalkuliert – wird übrigens höchst­wahrscheinlich nicht aus seinem eige­nen Kopf gekommen sein, sondern wahrscheinlich aus dem des anderen.«

»Welches anderen?«

»Ich unterscheide jetzt zwei Leute, die an diesem Verbrechen teilgenommen haben: Der eine, der das Interesse hatte, es begehen zu lassen, und der andere, der es für Geld und gute Worte begangen hat. Und wissen Sie, Miss Elliot, weshalb dieser Zweite an den Hoteldirektor tele­foniert hat, weshalb er den Direktor

geradezu aufgefordert hat, im Zimmer des Lords nachzusehen, um sich zu überzeugen, dass wirklich Lord Fre­deric Woodville ermordet worden sei? Aus keinem andern Grund, als dass die Abendblätter noch die Nachricht von dem Tod des Lords bringen sollten.«

»Aber welches Interesse kann denn dieser verworfene Mensch daran haben, seine abscheuliche Tat noch durch die Zeitungen ausposaunen zu lassen?«

»Er hatte das Interesse daran, sei­nen Auftraggeber, der sich nicht in Monte-Carlo befand, wissen zu lassen, dass er den verabredeten Zeitpunkt eingehalten hat. Er war zu schlau und vorsichtig, ein Telegramm abzu­schicken. Er fürchtete, sich dadurch zu verraten, selbst wenn er das Telegramm chiffriert und an eine Deckadresse gesandt hätte. Aber sehen Sie, Miss Elliot, indem er dafür sorgte, dass die Abendblätter schon Kunde von dem Mord hatten, ermöglichte er es dem Vertreter der TIMES in London oder des FIGARO in Paris oder der anderen großen Zeitun­gen, welche ständig Korrespondenten in Nizza und Monte-Carlo haben, die Nachricht sofort telegrafisch an ihre Blätter abzugeben. Nun konnte er sicher sein, dass man von dem Tod des Lords am nächsten Morgen schon in London und Paris erfahren würde.

Einen anderen Zweck kann dieser telefonische Anruf des Hoteldirek­tors nicht haben. Ich bin dessen gewiss – ich gehe nicht fehl.«

»Ich bewundere Ihr Genie, Mr. Sher­lock Holmes!«

»Ich danke Ihnen, Miss Elliot, aber das ist mehr Routine des Geistes. Es ist ganz einfach, sich jeder Angelegenheit gegenüber zu fragen: Wozu ist es geschehen? Welchen Zweck kann man damit verfolgen? Wenn man dann nach und nach eine Möglichkeit nach der anderen ausscheidet, wird man früher oder später auf das Richtige kommen. Doch jetzt, Miss Elliot, eine wichtige Frage: Ist es möglich, das Zimmer zu betreten, wo der Mord geschehen ist? Ich habe zwar gesehen, dass der Poli­zeipräfekt an die zum Korridor führende Tür das Siegel angelegt hat, aber ich denke mir, Miss Elliot – verzeihen Sie mir ein klein wenig Indiskretion – dass Ihre Gemächer mit denen des Lords in Verbindung ge­standen haben werden.«

Eine zarte Röte bedeckte für einen Moment Nancys Wangen, dann aber erhob sie sich und stieß hervor: »Folgen Sie mir, ich werde Sie trotz des polizeilichen Siegels in das Arbeits­zimmer meines armen Frederic füh­ren.«

»In welchem Gemach befinden wir uns hier?«

»Im Schlafzimmer des Lords. Ich habe seinen Leichnam auf sein Bett bringen lassen. Und hier«, fuhr Nancy fort, indem sie eine Seitentür öffnete, »durchschreiten wir meinen Salon und gelangen dann in mein Schlafzimmer. Hinter demselben liegt mein Badezim­mer, und dann mein Toilettenzimmer. Dieses Letztere stößt aber an den Salon, der zu den Gemächern Lord Frederics gehört.«

»Ah, ich begreife«, stieß Sherlock

Holmes hervor, »wenn Lord Frederic sich zu Ihnen begeben wollte, ohne durch den Korridor zu gehen, durch­schritt er den Salon, Ihr Toilette- und Badezimmer, und befand sich bei Ihnen. Noch einmal bitte ich Sie um Entschuldigung, aber wir Detektive sind nun einmal von einer verletzenden Indiskretion und auch von einer Neu­gierde, welche verletzen könnte, wenn man sich nicht sagen müsste, dass gerade diese Neugierde der menschlichen Gesellschaft zum Segen gereicht. Doch nun sagen Sie mir: Waren Ihre Gemächer verschlossen, als Sie in Begleitung des Obersten und seiner Familie nach Kap Martin fuhren? Konnte man nicht hineingelangen?«

»Unmöglich«, antwortete Nancy, »denn die auf den Korridor führenden Türen waren alle verschlossen. Ich besitze recht wertvolle Brillanten und führe deshalb meine eigenen Sicher­heitsschlösser bei mir, welche mit keinem anderen Schlüssel zu öffnen sind.«

Während Sherlock Holmes und Nancy so sprachen, waren sie zu dem Toilettenzimmer gekommen, ein kleiner Raum, in dessen Mauern tiefe Schränke eingelassen waren.

»Sehen Sie«, sagte Nancy, auf eine Tapetentür deutend, »durch diese ge­langt man in den Salon des Lords.«

»Und diese Tapetentür war niemals verschlossen?«

Nancy verschleierte ihre Augen mit den wunderbaren langen, seidenen Wimpern und antwortete leise: »Niemals!«

»Würden Sie nicht die Güte haben, Miss Elliot«, bat nun Sherlock Holmes, »und mir einmal die Türen dieser Schmuckkästen zu öffnen?«

»Sie werden dann nichts anderes sehen als Kleider«, gab Nancy zur Antwort, »als nur meine Toiletten, die Sie jedoch herzlich wenig interessieren werden. Übrigens sind alle Schränke un­verschlossen, wie Sie sehen. Da dieses Toilettenzimmer nur durch meine Ge­mächer zu erreichen war und diese immer unter Kontrolle gehalten wur­den, hatte ich ja keinen Anlass, einen Dieb zu fürchten.«

»So mache ich mir selbst die Schränke auf und öffne die Flügel.«

Ein berauschendes Parfüm strömte Sherlock Holmes entgegen.

»Ich muss Ihnen einen Schmerz be­reiten, Miss Elliot«, sagte der Detektiv, »ich muss nämlich einige dieser Klei­dungsstücke herausnehmen. Ich werde mir aber Mühe geben, sie nicht zu beschädigen.«

»Verfahren Sie damit ganz nach Belieben«, antwortete die schöne jun­ge Künstlerin. »Solange er lebte, habe ich mich gern voller Stolz damit ge­schmückt, aber jetzt haben diese Klei­der kein Interesse mehr für mich. Meine Farbe wird die Farbe der Witwen sein – keine andere.«

Weinend wandte sich Nancy ab und versuchte, ihres aufs Neue hervor­brechenden Schmerzes Herr zu wer­den.

Sherlock Holmes ging mit großer Ruhe daran, die duftenden Toiletten aus dem besonders breiten Schrank

herauszunehmen und sie über einen Sessel zu werfen. Dann stieg der De­tektiv zum größten Erstaunen Nan­cys selbst in den Schrank, und ver­schwand hinter den Kleidern, die noch darin hingen. Plötzlich hörte Nancy das Knacken von Fingern und dann Sherlock Holmes sagen: »Oha! Das ist von langer Hand vorbereitet worden. Der Mörder hat es wahrhaftig nicht schwer gehabt, sich in die Gemächer Lord Woodvilles hineinzustehlen. Er konnte zu jeder Zeit, wenn es ihm beliebte, hinter dem Sessel des Lords auftauchen.«

Und unmittelbar, nachdem Sherlock Holmes diese Worte gesprochen hatte, schlug er die seidenen Röcke zurück, und sein scharfgeschnittenes Gesicht erschien im Rahmen einer eleganten Robe. Dieses Gesicht sah beinahe ver­gnügt aus. Jedenfalls aber spiegelte sich in den Zügen des Detektivs das Gefühl des Triumphes wider.

»Haben Sie etwas Wichtiges entdeckt, Mr. Sherlock Holmes?«, stieß Nancy betroffen hervor.

»Gewiss, etwas Wichtiges«, gab Sher­lock Holmes zur Antwort, »ich kenne jetzt ganz genau den Weg, den der Mörder genommen hat, um sich in die Gemächer des Lords zu schleichen. Ich muss Sie bitten, Miss Elliot, mich für ein paar Minuten zu entschuldigen, denn ich habe Lust, den Weg entgegen­gesetzter Richtung zu gehen, um dort­hin zu gelangen, woher der Mörder ausgegangen ist. Also erwarten Sie mich hier, Miss Elliot.«

Sherlock Holmes verschwand wieder hinter den seidenen Gewändern, dann vernahm Nancy ein Rascheln, wie es eine große Ratte hören lässt, wenn sie im Schlupfwinkel verschwindet, und dann wurde es wieder still.

Nancy konnte dem Wunsch nicht widerstehen, zu sehen, wohin Sherlock Holmes gegangen sei. Schnell räumte sie auch die übrigen Kleider aus dem Schrank heraus, und nun gewahrte sie eine große, fast kreisrunde Öffnung, welche in die Mauer kunstgerecht hineingebrochen worden war, in die­selbe Mauer, welche die Rückwand des Schrankes bildete.

»Mr. Sherlock Holmes«, rief Nancy durch die Öffnung in die Tiefe hinab, »wo sind sie?«

»Um Gotteswillen, nennen Sie mei­nen Namen nicht«, klang es von unten herauf. »Ich befinde mich auf dem allerbesten Weg. Hier sind nämlich Eisenstäbe in die Mauer eingeschlagen, und ich kann ganz bequem hinabsteigen – so, da bin ich«, fügte der Detektiv nach zwei Minuten hinzu, »ich stehe auf einer Holzverschalung, welche die Form eines Quadrates und die Größe einer großen Tischplatte besitzt – ganz ausgezeichnet. Dieser Holzdeckel ist von unten abzunehmen und ist vom Mörder abgehoben worden, sodass er von dort in die Gemächer des Lords gelangen konnte.«

»Was aber befindet sich unter der Holzverschalung?«, fragte Nancy er­regt.

»Das werden wir sogleich haben«, gab der Detektiv zur Antwort, »die Holzplatte ist aus vier Teilen zusam­mengefügt, und einen derselben werde ich mittels der ausgezeichneten Werk­

zeuge, die ich bei mir führe, beseitigen können. Dann werde ich bequem einen Blick nach unten erlangen.«

Nancy hörte das Klirren eines stäh­lernen Instrumentes, dann einen ganz leisen, dumpfen Knall, und dann ver­nahm sie wieder Sherlock Holmes’ Stimme, die ihr zurief: »Wissen Sie, was ich sehe, Miss Elliot? Absolut nichts, aber rein gar nichts – ich blicke in einen dunklen Raum. Indessen werden wir sogleich Licht ins Dunkel bringen«, fügte der Detektiv hinzu. »Ich habe nämlich meine elektrische Taschenlaterne bei mir, und die wird mir sehr gute Dienste leisten.«

Nancy, welche sich mit halbem Leib durch die Maueröffnung hinausgebeugt hatte, sah unten ein Licht aufblitzen, um nächsten Moment hörte sie das lautlose Lachen Sherlock Holmes, und dann seinen Ausruf: »Eine Telefonzelle! Dort ist der Apparat befestigt, die Wände sind mit Filz ausgeschlagen – drüben ein kleines Pult für das Telefonregister und Gelegenheit zu etwaigen Notizen. Doch das genügt noch nicht. Ich muss auch wissen, zu welchem Raum des Hotels diese Telefonzelle gehört.«

Sherlock Holmes zwängte seinen überschlanken Körper durch die Öff­nung, die er selbst durch das Abheben der Platte gebildet hatte, dann ließ er sich hinabgleiten. Wenige Minuten später stand er in der Telefonzelle, die er mithilfe seiner elektrischen Laterne nochmals gründlich beleuchtete.

»Von hier aus also ist der Bursche emporgestiegen, das war wahrhaftig nicht schwer«, murmelte Sherlock Holmes. »Nachdem er einmal die Vor­arbeiten beendet hatte, die ihn nicht länger als eine Stunde in Anspruch ge­nommen haben können – er hatte ja nur den hölzernen Plafond der Zelle abzuheben – konnte er sich von dem Pult da, auf dem das Telefonregister liegt, bequem hinaufschwingen.

»Doch nun will ich sehen, welche Be­wandtnis es mit dieser Telefonzelle hat, und in welchem Winkel des Hotels sie liegt.«

Sherlock Holmes ließ das Licht der elektrischen Laterne verschwinden, dann diese selbst in seiner Rocktasche, legte das Gesicht in würdevolle Falten und öffnete die mit starkem Filz be­schlagene Tür.

Im nächsten Moment blieb er ein we­nig betroffen stehen. Er befand sich im Lesesaal des Hotels de Paris, der außerordentlich elegant eingerichtete war.

In der Mitte große, grün belegte Tische, um dieselben herum Sessel. In den Winkeln des Saales entzückende Nischen mit bequemen Fauteuils, kurz, alles, um sich einer ungestörten Lektüre widmen zu können. Auch nun befand sich eine ganze Anzahl Her­ren und Damen im Lesesaal, die in illustrierten Journalen oder Zeitungen blätterten und Sherlock Holmes, der langsam über den weichen Teppich dem Ausgang des Saales zuschritt, nicht im Geringsten beachteten.

Sherlock Holmes begab sich, ohne sich aufzuhalten, zum Vestibül. Hier klopfte er an eine Tür, an der auf einem eleganten Glasschilde in

Goldschrift das Wort Hoteldirektion stand.

»Verzeihen Sie«, sagte Sherlock Holmes, indem er sich dem an dem Schreibtisch sitzenden Hoteldirektor näherte, »habe ich das Vergnügen, den Direktor des Hotels zu sprechen?«

»Der bin ich, Monsieur, wollen Sie nicht die Güte haben und Platz neh­men?«

»Thomas Smith ist mein Name«, sagte Sherlock Holmes, »ich bin erst vor etwa zwei Stunden mit meinem Sohn in Monte-Carlo eingetroffen und in Ihrem Hotel abgestiegen.«

»Ich erinnere mich, Monsieur«, gab der Direktor zur Antwort, »hoffentlich sind Sie mit den Zimmern, die man Ihnen eingeräumt hat, zufrieden?«

»Die Zimmer sind gut«, gab Sherlock Holmes zur Antwort, »aber ich muss Ihnen dennoch eine kleine Beschwerde vorbringen.«

»Oh, das täte mir aufrichtig leid.«

»Ich wollte soeben das Telefon des Lesesaales benutzen«, fuhr Sher­lock Holmes fort, »aber dasselbe funktioniert nicht. Der Apparat ist verdorben.«

»Ich bitte um Entschuldigung«, erwiderte der Direktor, »ich werde den Schaden sofort beheben lassen. Indessen muss ich mich sehr wundern, dass gerade dieser Apparat nicht funktionieren sollte, denn erst gestern war ein Angestellter der Telefon­zentrale hier und hat mehr als eine Stun­de lang die Telefonzelle okkupiert, um den Apparat zu reparieren!«

»Ich danke Ihnen für diese Mittei­lung«, antwortete Sherlock Holmes, sich leicht verbeugend, »jetzt, Herr Direktor, will ich Ihnen unter Diskre­tion meinen wirklichen Namen anver­trauen, denn wir werden uns bekannt machen müssen. Ich bin der Detektiv Sherlock Holmes aus London, und der Telefonarbeiter, der eine Stunde lang den Apparat in Ihrem Lesesaal bearbeitet hat, war der Mörder Lord Frederic Woodvilles!«

Fortsetzung folgt …