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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 3 – 2. Kapitel

Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs
Band 3
Das Rätsel am Spieltisch
2. Kapitel

Der Mord im Hotel de Paris

Man behauptet allerdings, dass in Monte-Carlo, dort, wo der Marmor­palast der Spielbank von Rosen und Palmen umkränzt emporragt, ein Men­schenleben weniger Wert hätte als auf einem anderen Platz der Erde, weil die Unglücklichen, die sich am grünen Platz der Erde, weil die Unglücklichen, die sich am grünen Tisch ruiniert haben, in der Verzweiflung oft keinen anderen Ausweg kennen als den Tod durch eigene Hand. Aber trotzdem hatte der an Lord Frederic Woodville im Hotel de Paris verübte Mord ungeheures Aufsehen hervorgerufen.

Lord Woodville war überall, wo er sich zeigte, eine auffallende und beliebte Erscheinung gewesen. Sein hoher Wuchs, seine frische männliche Art, sich zu geben, hatte ihm viele Freunde erworben. Er hatte aber auch als Spieler das Interesse auf sich ge­lenkt, da er mit jener Nonchalance, welche sofort den wirklich reichen Mann verrät, bedeutende Summen auf die Spielfelder des grünen Tisches niedergelegt und nicht einmal eine Miene verzogen hatte, wenn der Crou­pier mit seiner verhängnisvollen Harke dieselben einraffte.

Im Hotel de Paris war der Lord außer­ordentlich beliebt und angesehen ge­wesen, denn nicht nur im Verkehr mit den übrigen Gästen des Hotels, mit de­nen er zur Dejeuner- und Dinerstunde zusammenzutreffen pflegte, sondern auch im Umgang mit dem Personal, vom Direktor bis zum geringsten Liftboy herab, hatte er sich durch seine persönliche Liebenswürdigkeit alle Herzen gewonnen.

Auch die Begleiterin des Lords hatte ungemein interessiert. Miss Nancy Elliot war eine vollendete Schön­heit, ein Weib, ganz geschaffen, so­wohl das Auge der Männer wie der Frauen zu entzücken. Ein hoher, graziöser Wuchs, ihre harmonische Formenfülle, ihr rotblondes Haar, das mit den so lebhaften, großen, dunklen, träumerischen Augen im Kontrast stand, der Ruf, der ihr als Schauspielerin voranging: Das alles hatte wohl in mancher Männerbrust einen gewissen Neid auf Lord Frederic entstehen lassen, der dieses Weib sein Eigen nannte.

Dass Miss Elliot nicht die Gattin, sondern nur die Freundin des Lords war, spielte in Monte-Carlo nur eine untergeordnete Rolle. Man ist dort an das Erscheinen unvermählter Paare, die in den intimsten Beziehungen zueinanderstehen, zu gewöhnt, als dass man der Elliot einen Vorwurf daraus gemacht hätte.

Übrigens wussten die beiden in jeder Weise das Dekorum zu wahren. Der Lord hatte im Hotel de Paris für sich selbst drei Zimmer belegt: ein Schlafzimmer, einen Salon und ein herrliches Zimmer, in welchem er rauchte und arbeitete.

Miss Elliots Gemächer lagen neben denen des Lords, doch so, dass ihr Schlafzimmer an den Salon anstieß. Außerdem verfügte sie noch über ein Toilette- und Badezimmer und über einen reizenden kleinen Damensalon.

Die allgemeine Beliebtheit des Paares war in der letzten Zeit dadurch ganz besonders zum Ausdruck gekommen, dass Fürst Albert von Monaco den Lord eines Tages empfangen hatte, und dass Miss Nancy Elliot in das Damenkomitee eines bevorstehenden Balls zum Besten einer für die Küste Monacos geplanten Rettungsstation berufen worden war.

Man kann sich also vorstellen, welch ungeheurere Sensation es erregte, wie viel Mitleid und Teilnahme es hervor­rief, als sich plötzlich am 18. Februar, nachmittags kurz nach vier Uhr, in Monte-Carlo die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitete: Lord Frederic Woodville ist ermordet worden!

Der Polizeipräfekt von Monte-Carlo begab sich auf diese Nachricht hin sogleich ins Hotel. Begleitet von den gewieftesten Detektiven, an denen es auf der Stätte der Spielbank keinen Mangel gibt, traf er im Hotel de Paris ein und stellte dort folgenden Tatbestand fest:

Lord Frederic Woodville hatte am Vormittag die Spielbank besucht und gerade an diesem Tag eine Summe von etwa fünfunddreißigtausend Franc gewonnen. Nachlässig hatte er die Banknoten in seine Brieftasche gescho­ben, hatte dann ein wenig promeniert und war gegen zwölf Uhr mittags nach Hause gekommen.

Da der Lord auf Anraten Mr. Sherlock Holmes’ Dienerschaft nach Monte- Carlo nicht mitgenommen hatte, so war ihm einer der Kellner des Hotels, ein ungemein gewandter junger Mann, gewöhnlich bei der Toilette behilflich.

Dieser half dem Lord auch jetzt, sich für das Dejeuner anzukleiden, und um halb zwei Uhr erschien Lord Wood­ville mit Nancy Elliot am Arm im Speisesaal, wo beide in heiterster Laune die Mahlzeit einnahmen. Man hörte das Paar beraten, ob man nicht bei dem wunderbar warmen Wetter am Nachmittag einen Ausflug nach Kap Martin machen wollte, doch fiel dem Lord ein, dass er einen Brief zu schreiben hätte, der ihn an sein Zimmer bannte. Nancy Elliot bedauerte lebhaft, dass sie dadurch um einen schönen Ausflug käme, und sogleich erbot sich die Familie des französischen Oberst Legardin, mit welcher sie im Hotel bekannt geworden war, sie nach Kap Martin mitzunehmen. Die Gattin des Obersten versicherte in liebenswürdiger Weise, dass es ihr ein außerordentliches Vergnügen sein würde, in ihrer Gesellschaft die Spa­zierfahrt zu unternehmen. Nancy blickte den Lord fragend an, und dieser nahm für sie mit größtem Dank die Einladung an. Das schöne junge Weib mit dem rotblonden Haar ver­ließ also gegen zwei Uhr das Hotel de Paris und bestieg mit der Familie des Obersten die harrende Equipage, die sich bald mit ihren Insassen nach jener traumhaft schönen, ins blaue Meer sich erstreckenden Halbinsel in Bewegung setzte, auf welcher auch die Exkaiserin Eugenie von Frankreich eine wunderbare Villa besitzt.

Der Lord hatte sich indessen in seine Gemächer zurückgezogen und befand sich an seinem Schreibtisch in dem sogenannten Rauchzimmer.

Um drei Uhr, vierzig Minuten, berief er noch durch die elektrische Klingel den Kellner zu sich und bat ihn um einen schwarzen Kaffee. Dieser wurde ihm gebracht, und als sich der Kellner zurückzog, hörte er deutlich, wie der Lord hinter ihm die Tür abschloss.

Im Hotel de Paris ging indessen alles seinen gewöhnlichen Gang. Man hörte keinen Lärm, kein Schreien, man bemerkte auch keinen fremden Menschen in den Räumen des riesigen Hotels, kein Individuum, das nicht etwa in das vornehme Haus hineingehört hätte.

Um drei Uhr, fünfundfünfzig Minuten begann dann plötzlich im Büro des Hoteldirektors das Telefon zu läu­ten. Der Direktor begab sich an den Apparat und fragte, wer da sei. Hierauf antwortete eine männliche Stimme: »Begeben Sie sich sofort nach dem Arbeitszimmer des Lord Frederic Woodville, Sie werden dort den Lord vor seinem Schreibtisch ermordet auff­inden!«

»Ich verbitte mir solche Scherze«, erwiderte der Direktor, »ich werde übri­gens feststellen lassen, von welcher Station aus Sie gesprochen haben, und werde Sie belangen!«

»Man gibt Ihnen die Versicherung, dass es sich durchaus um keinen Scherz handelt. Lord Woodville ist soeben durch einen Dolchstoß mitten ins Herz hinein getötet worden. Hoffentlich haben Sie jetzt verstanden – Schluss!«

Der telefonische Apparat gab das übliche Schlusszeichen, und der Direktor wandte sich halb erschreckt, halb ärgerlich wieder seinem Schreibtisch zu. Aber das soeben geführte Gespräch ließ ihm doch keine Ruhe und nach einigen Minuten forderte er seinen Sekretär, den Portier des Hotels und den Oberkellner auf, ihm zu folgen. Diese Männer begaben sich in das erste Stockwerk, in welchem die Gemächer des Lords lagen. Der Direktor klopfte an die Tür des Rauchzimmers, er erhielt aber keine Antwort.

Er wurde dringlicher, und als noch immer nicht das gewünschte Entrez! sich hören ließ, probierte er, die Tür selbst zu öffnen, fand dieselbe jedoch von innen verschlossen. Von innen, denn offenbar steckte inwendig der Schlüssel, da es dem Direktor nicht gelang, durch das Schlüsselloch in den Raum hineinzusehen. Der Direktor ließ sofort den Maschinenschlosser des Hotels holen und befahl ihm, die Tür ohne Weiteres aufzumachen. Der Anblick, der sich den Eintretenden darbot, war so fürchterlich, dass selbst die starken Männer minutenlang wie zu Stein erstarrt dastanden, ehe sie das Schreckliche zu fassen und zu begreifen vermochten.

Lord Woodville saß vor einem Schreibtisch. Sein Haupt war auf die Platte desselben gesunken, seine Arme hingen schlaff herab. Über seine Brust hatte sich ein Blutstrom ergossen, der sich über das linke Bein fortsetzte und auf dem Teppich ein dunkles Rinnsal bildete.

Die Kästen des Schreibtisches wa­ren weit geöffnet und verschiedene Gegenstände waren sowohl über den Schreibtisch gestreut als auch auf den Teppich geworfen. Unter anderem blitzten auch einige Louis d’or gold­funkelnd den eintretenden Männern entgegen.

»Barmherziger Gott«, schrie der Di­rektor auf, »es ist wahr – er ist ermordet – tot! Tot!«

Der Direktor war zu dem Sessel vor dem Schreibtisch geeilt, hatte den Körper des Lords umschlungen und denselben sanft zurückgebeugt. Aber ein einziger Blick in die gebrochenen Augen, auf das wachsgelbe Gesicht und in die erschlafften Züge genügte ihm, zu sehen, dass hier keine Hilfe mehr möglich sei.

Der Polizeipräfekt von Monte-Carlo traf so schnell wie möglich, von seinen Detektivs begleitet, ein. Indessen war es fünf Uhr geworden.

Man hatte den Toten in derselben Stellung, in der man ihn gefunden, gelassen, und auf den ausdrücklichen Befehl des Direktors war nichts im Zimmer verrückt worden, und keiner der Gegenstände, die auf dem Schreib­tische oder auf dem Teppich lagen, war von unberufenen Händen berührt worden.

Über die Persönlichkeit Lord Frederic Woodvilles und die seiner Begleiterin brauchte der Direktor des Hotel des Paris dem Präfekten keine Aufschlüsse zu geben, da der Beamte Lord Frederic persönlich gekannt hatte. Der Präfekt wusste sogar, dass Sir Frederic Wood­ville am Vormittag dieses Tages eine größere Summe an der Spielbank ge­wonnen hatte. Davon war er durch einen seiner Geheimagenten, die in allen möglichen Verkleidungen die Spieler beobachten und ihre Verluste und Gewinne annähernd registrieren, benachrichtigt worden.

Der Präfekt, ein Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, groß und schlank, mit einem Henriquatre, ging, nachdem er das Schicksal des Lords tief bedauert hatte, mit allem Eifer an die Aufgabe, den geheimnisvollen Knoten dieses rätselhaften Verbrechens zu lösen. Es war ihm angenehm, dass jetzt gerade ein Arzt eintraf, denn er wünschte von diesem Genaues über die Art der Todeswunde zu hören.

»Es ist klar«, sagte der Doktor, nachdem er die Wunde nur flüchtig in Augenschein genommen hatte, »der Lord ist mit einem schmalen geschmei­digen Dolchmesser getötet worden – wahrscheinlich mit einem sogenannten italienischen Stilett. Der Stoß ist von rückwärts geführt worden. Die Hand des Mörders ist über dem Haupt des Lords hinweg geglitten und hat dann mit großer Sicherheit zugestoßen. Es dürfte eine Herzkammer durchbohrt worden sein.«

»Wenn das der Fall ist, Herr Dok­tor«, wandte der Präfekt ein, »so muss es mich wundern, dass ein so starker Blutverlust erfolgt ist. So viel ich mich erinnere, findet bei derartigen Verwun­dungen eine innere Verblutung statt.«

»Gewiss«, antwortete der Arzt, »wenn aber die Klinge sehr schnell aus der Wunde herausgerissen wird, so schießt das Blut nach, wie wir Ärzte zu sagen pflegen. Hinzu kommt noch, dass der Lord in dem Augenblick, in welchem er starb, nach vorn gestürzt ist, sodass sein Oberkörper eine schräge Lage mit der Wunde angenommen hat, welche dem Blut ermöglichte, einen Ausweg zu finden.«

Der Präfekt stellte dann fest, dass die Kästen des Schreibtisches nicht gewaltsam geöffnet, sondern einfach mithilfe des Schlüssels, den der Lord selbst in seiner Tasche getragen hatte, aufge­schlossen worden waren. Der Mörder musste also den Schlüssel aus der Ta­sche genommen haben.

»Ohne Zweifel ein Raubmord?«, fragte der Arzt den Präfekten, indem er auf die am Boden liegenden Goldstücke deutete.

»Ohne Zweifel«, gab der Polizeipräfekt zur Antwort, »denn sehen Sie, wir können bei dem Lord außer einigen Goldstücken in der Börse, die dem Mörder des Mitnehmens nicht gelohnt haben mögen, keine größere Barschaft entdecken, obwohl feststeht, dass der Lord heute Vormittag fünfund­dreißigtausend Franc beim Roulette gewonnen hat. Unbegreiflich ist nur«, fuhr der Präfekt kopfschüttelnd fort, »auf welche Weise der Mörder in das Zimmer hineingekommen sein kann. Sie behaupten, Herr Direktor, dass die Tür von innen verschlossen war, während der Lord an seinem Schreib­tisch arbeitete?«

»So sagte mir Baptiste«, versetzt der Hoteldirektor, indem er auf einen jungen Burschen mit blassem verlebten Gesicht deutete. »Baptiste hat dem Lord noch vor kurzer Zeit einen schwarzen Kaffee auf das Zimmer gebracht – dort auf dem kleinen Tischchen steht noch die geleerte Tasse.«

»Treten Sie vor, Baptiste«, rief der Präfekt und fasste den jungen Mann scharf ins Auge. »Sie heißen?«

»Baptiste Hillard.«

»Sie sind nicht immer in Monte- Carlo? Nicht immer im Hotel de Paris?«

»Nein, ich bin in diesem Jahr zum ersten Mal hier und nur für die Saison. Ich bin aus Paris gekommen.«

»Wie lange ist es her, dass der Lord Ihnen befahl, Kaffee zu bringen?«

Baptiste überlegte einen Moment, dann sagte er: »Das muss jetzt gerade eine Stunde her sein, vielleicht auch nur dreiviertel Stunden.«

»War die Tür verschlossen, als Sie das Zimmer betreten wollten?«

»Ja, ich klopfte an. Der Lord öffnete, und ich trat ein. Er befahl mir, einen schwarzen Kaffee zu bringen, und zwar schnell.«

»Machte der Lord, als er Ihnen den Befehl gab, den Eindruck eines ruhigen Menschen?«

»Ruhig? Nun, es war keine besondere Unruhe an dem Lord zu bemerken, aber er schärfte mir ein, mit dem Kaf­fee sofort wieder da zu sein.«

»War die Tür abermals verschlossen, als Sie den Kaffee brachten?«

»Sie war wieder verschlossen.«

»Und nachdem Sie den Kaffee ge­bracht hatten und sich wieder ent­fernten – was geschah dann?«

»Da hörte ich draußen deutlich, wie der Lord, der mich bis zur Tür be­gleitet hatte, zweimal den Schlüssel umdrehte.«

»Während Ihres Aufenthaltes im Zimmer haben Sie nichts Auffallendes bemerkt?«

»Gar nichts.«

»Waren die Kästen des Schreibtisches geöffnet?«

»Ich erinnere mich, dass sie nicht geöffnet waren.«

»Was tat der Lord, las er, schrieb er?«

»Es lag ein Brief vor ihm«, berichtete Baptiste, »und als ich dicht hinter dem Lord vorüberging, um den Kaffee auf das Tischchen zu stellen, sah ich, dass die Tinte noch frisch glänzte. Der Lord muss den Brief gerade geschrieben ha­ben.«

Der Polizeipräfekt befahl seinen Leu­ten nachzusehen, ob sie einen ange­fangenen oder frisch geschriebenen Brief finden könnten. Die Detektive suchten eifrig danach, vermochten aber nichts zu entdecken. Wohl war eine Anzahl alter Briefe vorhanden, aber nur solche, die an den Lord gekommen waren und die man ihm offenbar aus England nachgeschickt hatte. Kein Brief aber war von Lord Woodvilles eigener Hand, geschweige einer, den er so kurz vor dem Tode geschrieben hatte.

»Baptiste hat sich geirrt«, sagte der Präfekt, »der Lord wird in einem alten Brief gelesen haben.«

In diesem Augenblick wurde die Tür des Zimmers, welches voll Menschen stand, aufgerissen, und in reizender Toilette, aber totenbleich und mit ver­störten Zügen stürzte Nancy Elliot hinein.

»Barmherziger Gott, was ist denn geschehen?«, schrie sie. »Die Ange­stellten des Hotels wollen mir nicht antworten, aber auf der Straße hörte ich – ein Mord – den Namen Lord Frederic Woodville – Frederic – Frederic – er ist tot!«

Die letzten Worte wurden von einem furchtbaren Aufschrei begleitet, dann warf sich Nancy über die Leiche, die noch im Sessel vor dem Schreibtisch lehnte, umfing sie mit beiden Armen und überflutete das Gesicht des To­ten mit ihren Tränen. Vergebens ver­suchten der Polizeipräfekt und der Hoteldirektor, die trostlos Schluchzende von der Leiche sanft hinwegzuziehen. Nancy stieß die beiden Männer zurück und schrie: »Warum wollt Ihr ihn mir denn entreißen? Er gehört mir! Sein Herz hat mir gehört, und er hat mich geliebt. Wie zärtlich er mich noch in seine Arme schloss, als ich ging, und jetzt?! So haben sich also doch seine Ahnungen erfüllt, der Stahl des Mörders hat ihn erreicht!«

»Wie, Mademoiselle«, fragte der Polizeipräfekt hastig, »Lord Frederic Woodville hat also geahnt, dass er seines Lebens nicht sicher sei, dass man ihn töten wollte?«

»Ja, Monsieur«, antwortete Nancy, welche das Haupt Lord Woodvilles an ihre Brust drückte und ihre weißen Hände durch seine Locken gleiten ließ, »er hat es geahnt, und noch gestern hat er darüber mit mir gesprochen.

›Ich weiß, es ist alles vergeblich‹, sagte er mit trübem Blick und einem wehmütigen Lächeln zu mir, ›man wird mich eines Tages tot – ermordet – auffinden, und doch möchte ich gerade jetzt so gern leben, an deiner Seite leben, Nancy, durch dich glücklich werden, dich glücklich machen, und doch – es kann nicht sein – es wird nicht sein!‹«

Ein neuer Tränenstrom brach aus den Augen Nancys, und ihre Stimme erstickte in demselben.

»Hier stoße ich auf einen Wider­spruch«, sagte der Polizeipräfekt zu seinen Geheimagenten, die ihn umstan­den. »Spricht denn nicht alles dafür, dass man einen Raubmord an dem Lord verübt hat? Der Spielgewinn des heutigen Vormittags fehlt, die Kästen und Läden des Schreibtisches sind geöffnet. Mademoiselle Elliot, würden Sie die Güte haben, uns in einer wichtigen Frage Antwort zu geben?«

»Ich bitte, Monsieur«, antwortete die schöne Schauspielerin mit matter Stimme, »ich vermag kaum meine Gedanken zusammenzunehmen, aber ich will mir Mühe geben, sie zu beherr­schen. Fragen Sie – vielleicht kann ich Ihnen antworten.«

»Betrachten Sie den Toten genau; vermissen Sie vielleicht an ihm Kost­barkeiten, Preziosen?«

Mit tränenerfüllten Augen ließ Nancy ihre Blicke über Lord Frederic dahin­gleiten.

»Die große Brillantnadel aus seiner Krawatte fehlt«, rief sie, »auch seine Uhr hat man ihn geraubt. Man hat ihm auch nichts von den Ringen gelassen, obwohl vier höchst wertvolle Brillant­ringe seine Finger zu schmücken pflegten.«

»Da haben wir es ja«, sagte der Prä­fekt, »es ist mit Gewissheit erwiesen: Der Zweck dieses Mordes war – die Beraubung des Opfers! Aber unbegreif­lich ist es mir, wie der Mörder in das Zimmer hineingekommen ist, das wiederhole ich nochmals. Die beiden Fenster des Gemaches gehen auf den großen Platz hinaus, an welchem das Kasino und das Café de Paris liegt. Von dem Platz aus kann während des ganzen Tages niemand eingestiegen sein, da es auf demselben immer sehr lebhaft zugeht. Ebenso wenig konnte aber auch der Täter durch die Tür in das Gemach hineingelangen, denn wir haben von dem Kellner Baptiste Hillard gehört, dass er jedes Mal die Tür von innen verschlossen fand.«

»Baptiste ist der Mörder!«, rief in diesem Augenblick eine weibliche Stimme, und eine junge Frauensperson von etwa vierundzwanzig Jahren, welche ein elegant gearbeitetes schwar­zes Kleid trug, eine große weiße Schürze und ein Elsässer Häubchen auf dem Kopf, bahnte sich durch die im Gemach befindlichen Leute den Weg bis zum Polizeipräfekten.

In ihrer Hand, welche sie hoch emporgehoben hatte, hielt sie eine Uhr an einer goldenen Kette, eine Brillant­nadel und – ein Dolchmesser!

Fortsetzung folgt …