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Der Detektiv – Band 27 – Die Wahrsagerin von Jorjakara – Teil 3

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 27
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Zweite Geschichte des Bandes
Die Wahrsagerin von Jorjakara

Teil 3

Am späten Abend hielten wir mit unserem Wägelchen unseren Einzug in Jorjakara, die sogenannte Bergperle von Semarang.

Jorjakara liegt am Nordabhang des erloschenen Vulkans gleichen Namens in etwa 1500 Meter Höhe auf einer etwa ein Kilometer breiten Vorterrasse. Da der Mond bereits aufgegangen und die Nacht sehr hell war, konnten wir nach Norden zu in weiter Ferne selbst mit bloßem Auge das Meer unterscheiden.

Wir hatten vereinbart, hier die indischen Gumu Galfar, die ewig Stummen zu spielen, dass heißt Hindu, die das Gelübde ewigen Schweigens getan haben. Man begegnet diesen Gumu Galfar nicht allzu selten, wie ja überhaupt Indien das Land der sonderbaren Heiligen ist.

Jorjakara ist hauptsächlich Solbad. Es hat sehr kräftige Schwefelquellen. Das Eingeborenenviertel des etwa 5000 Einwohner zählenden Ortes liegt nach Osten zu und ist von dem Europäerviertel Weltevreden benannt (wie der berühmte moderne Stadtteil in Batavia), durch eine ungeheure Felsspalte getrennt, über die eine Hängebrücke führt.

Wir stiegen in einem chinesischen Gasthof ab, der dicht an dieser Brücke lag. Unser Wirt verständigte sich sehr leicht mit uns durch Zeichen. Wir nahmen in dem aus Schlammziegeln erbauten, großen Haus ein Zimmer, dessen Fenster auf die Anlagen hinausgingen, die sich längs der Felskluft hinzogen.

Um Mitternacht verließen wir unser Quartier durch das Fenster, überschritten die Hängebrücke, waren plötzlich mitten in einem eleganten Villenort, der ebenso gut irgendwo in der Umgebung Berlins hätte liegen können. Elektrische Bogenlampen erhellten die sauberen, breiten Straßen, die Vorgärten, die meist hell gestrichenen Gebäude, an denen sich vielfach Aufschriften befanden, die sie als Pensionate kennzeichneten.

Hier gab es Cafés mit breiten, überdachten Terrassen, hier tönte uns Walzermusik entgegen, umrauschte uns das bunte Getriebe eines bevorzugten Badeortes.

Jetzt Ende November hatte hier die Saison begonnen, denn von Oktober bis April, wo unten an der Küste der Nordwestmonsun häufige Regenfälle hervorruft, wo in den Küstenstädten dann alles – aber auch alles in der feuchtwarmen Luft sich mit Schimmelpilzen überzieht, wo kein Klavier einen vernünftigen Ton hergibt, wo furchtbare Gewitter sich entladen, flieht der wohlhabende Europäer in die Berge nach Jorjakara.

Bereits in Semarang hatte Harst sich von unserem Landsmann Schliepner ungefähr beschreiben lassen, wo das alte Jagdschloss lag, das Mistress Bellingson von einem eingeborenen Fürsten erworben hatte. Nachdem wir das Europäerviertel durchquert hatten und auf eine ziemlich steil ansteigende Bergstraße gelangt waren, erblickten wir linker Hand inmitten eines Parkes riesiger Bäume einen dicken Turm, hinter dessen kleinen Fenstern Licht schimmerte.

Zehn Minuten darauf standen wir im Schatten eines verfallenen Pavillons und hatten nun diesen düsteren Steinkasten von uraltem Jagdschloss dicht vor uns, nur getrennt davon durch einen vernachlässigten Rasenplatz, aus dem hie und da die Trümmer von allerlei Steinfiguren hervorragten. Das Schloss war nichts als ein zweistöckiges Viereck mit flachem Dach, aus dem in der Mitte der runde Turm herauswuchs.

Ringsum das starke Rauschen der Parkbäume und allerlei Tierlaute von nächtlichen Jägern: das scheußliche Geplärr der großen Baumeidechse, das Kreischen von Affen, die die Obstbäume hinter dem Schloss plünderten, das schrille Pfeifen von Riesenfledermäusen, die auf leuchtende Insekten Jagd machten, von fernher auch das helle Geheul jenes dachsähnlichen Raubtiers, das auf Java etwa den deutschen Meister Reineke darstellt.

Mit Ausnahme von vier Fenstern im Turm war das Gebäude nicht erleuchtet. Erwähnen will ich noch, dass die Parkmauer größtenteils eingestürzt und von Unkraut überwuchert war.

Der Pavillon, dessen Schatten wir ausgesucht hatten, war von der östlichen Parkmauer etwa hundert Schritt entfernt und bestand nur noch aus dem steinernen Unterbau und drei Säulen. Das Dach und die vierte Säule waren nach der Seite umgestürzt und versperrten halb die Treppe, die einst zu dem kleinen Bauwerk emporgeführt hatte.

Ich wunderte mich, dass Harst noch immer regungslos auf demselben Fleck ausharrte und mit einem mir unverständlichen Interesse angestrengt zu dem Steinkasten hinüberspähte. Wir konnten meines Erachtens sehr gut nun umkehren, nachdem wir das Terrain sondiert hatten. Wir wussten hier nun genügend Bescheid. Weshalb also nicht besser zurück in unser Quartier? Müde genug waren wir doch nach der vorigen Nacht!

Ich berührte Harsts Arm.

»Still!«, hauchte er. »Siehst du denn nicht, das …«

Das Weitere verstand ich nicht. Nun, wenn es hier etwas zu sehen gab, dann würde ich es ja wohl auch herausfinden. Ich schaute mir also den verwitterten Bau sehr sorgfältig an. Die eine Hälfte der Front war vom Mond beschienen, die linke; die andere war in Schatten getaucht.

Ah – jetzt sah ich wirklich etwas! Auf dem flachen Dach gerade vor dem Turme hing – ja – es war ein Mensch, ein Mann – an der Mauer, zog sich nun an dem geschweißten Eisengitter eines der dunklen Turmfenster empor und verschwand, weil dort gerade die Schattengrenze begann.

»Die Bellingson scheint noch mehr Verehrer von der Art wie wir zu haben«, flüsterte Harst. »Wollen doch mal feststellen, wie die Kerle auf das Dach gelangt sind.«

»Kerle? Einer war es nur!«

»Nein – zwei, mein Lieber. Der eine stand auf den Schultern des anderen, von dem nur noch der Kopf zu sehen war.«

Wir schlichen stets im Schatten der Bäume und Büsche um das Haus herum. Seitengebäude oder Stallungen gab es hier nicht.

Plötzlich blieb Harst stehen und deutete nach oben. Ich bemerkte eine Leiter, die aus der Krone einer Eiche etwa horizontal zum Dach hinübergelegt war. Die Seitenstangen und Sprossen dieser dünnen Bambusleiter hoben sich scharf gegen den ausgestirnten Himmel ab.

»Warten wir«, flüsterte Harst und zog mich hinter ein paar Riesenfarnkräuter.

Es wurde eine harte Geduldsprobe. Endlich kletterten dann tatsächlich zwei Männer, die dunkle Kniehosen und dunkle Jacken sowie schwarzgefärbte Strohhüte trugen, über die Leiter sehr gewandt hinweg. Die Leiter wurde darauf eingezogen, und die beiden Männer turnten nun an einem Seil zur Erde herab, das sie dann einholten und mit sich nahmen. Sie waren im Nu in der Dunkelheit verschwunden.

»Die Leiter haben sie oben im Baum versteckt«, raunte Harst mir zu. »Wie wäre es, wenn ich mal denselben Weg hinüber auf das Dach machte? Komm, ich muss wissen, was die Kerle hier treiben.«

Ich riet sehr eindringlich davon ab. Es half nichts. Harst packte meinen Arm, zerrte mich zu der Eiche hin und schwang sich auf meine Schultern. Ich durchlebte dann eine sehr unangenehme halbe Stunde. Ich sah die Leiter über mir aus dem Blättergewirr auftauchen, sah Harst hinüberrutschen zu der Dachkante, sah dann nichts mehr von ihm, fühlte nur, wie meine Angst um ihn sich von Minute zu Minute steigerte. Aber er kehrte wohlbehalten zurück, meinte nur: »Schade, ich hätte mir die Anstrengung sparen können. Es gab da oben nichts, was meinen Verdacht bestärkt hätte.«

Erst als wir wieder auf der Straße waren, fragte ich: »Welchen Verdacht? Was hatten die Kerle denn deiner Ansicht nach vor?«

»Fensterln!«, erwiderte er kurz.

Ich verstand. Die Javaner sind ein Volk, das in der Liebe Poesie und Romantik pflegt. Der junge Javaner scheut sich nicht, seiner Angebeteten wegen selbst Gefahren sich auszusetzen und so ein Rendezvous zu ermöglichen. Fensterln ist nun die Bezeichnung für eine heimliche Zusammenkunft eines Liebespaares und spielt in Gebirgsgegenden eine große Rolle.

Gleich darauf bogen wir in die Hauptstraße des Villenortes ein. Es war nun fast 2 Uhr morgens. Trotzdem ging es auf der Terrasse des Musikcafés noch sehr lebhaft zu. Zu meinem Erstaunen schwenkte Harst zum Eingang ab. Wir setzten uns an ein Tischchen unweit der Brüstung. Die Kapelle spielte noch. Der eingeborene Kellner brachte uns den bestellten Mokka und einen Teller mit Zwieback. Wir waren hier wieder die Gumu Galfar, verständigten uns durch Zeichen. Links von uns an der Wand saßen an einem langen Tisch etwa ein Dutzend Herren und Damen, alles Europäer. Harst trank, flüsterte mir mit der Tasse am Mund zu: »Die auf dem Rohrsofa!«

Was er mit diesen Worten meinte, war klar. Auch mir war bereits inmitten der fröhlichen Gesellschaft eine weißhaarige Frau aufgefallen, in deren Ohrläppchen ein Paar riesige Brillanten blitzten. Das schmale, noch immer frische Gesicht dieser Greisin erhielt einen besonderen Reiz durch die großen mandelförmigen, sehr lebhaften Augen, über denen die offenbar künstlich nachgedunkelten Brauen wie schwarze Striche lagen. Die Frau war sehr elegant gekleidet. Kopfhaltung, jede Bewegung, selbst das feine, liebenswürdige Lächeln verrieten ein gewisses Selbstbewusstsein und natürliche Vornehmheit. Mir fiel auf, dass die Greisin als Einzige der Damen Schwarz trug; sogar der Hut war schwarz und mit einem schwarzen Schleier umwunden. Es konnte nur Maria Bellingson sein, die dort an dem langen Tisch so offenbar den Mittelpunkt der Gesellschaft bildete.

Ich beobachtete sie unauffällig. Und ich sagte mir sehr bald, dass Harst hier sehr wahrscheinlich mit seinem Verdacht arg danebengegriffen hätte. Diese Frau sollte die Verbündete einer Mörderbande sein, wie die Thug es doch waren? Ausgeschlossen!

Etwa eine Viertelstunde darauf fuhr ein Ponywagen vor dem Eingang des Cafés vor. Mistress Bellingson brach auf. Die Damen und Herren geleiteten sie bis an den Wagen, der von einem Kutscher gelenkt wurde.

Unter den Herren befand sich ein älterer Herr, den die anderen stets mit Doktor anredeten. Diesem Herrn folgten wir abermals eine Viertelstunde drauf bis zu einer großen Villa, einem Sanatorium, wie ein Schild über dem Gartentor verriet.

»Das ist nämlich der Doktor ten Brinken«, erklärte mir Harst. »Ein dicker Freund van Diemens.«

Der Arzt und Sanatoriumbesitzer schloss nun die Gartenpforte auf. Harst ging auf ihn zu, flüsterte mit ihm. Ich hörte wie ten Brinken leise ausrief: »Wie … Sie sind …«

Da winkte mich Harst schon herbei, stellte mich vor. Der Doktor reichte mir stumm die Hand und führte uns dann in seine Wohnung im Erdgeschoss der Villa. Wir saßen in einem behaglichen Herrenzimmer. Ten Brinken hatte dafür gesorgt, dass wir weder belauscht noch von einem der Diener gesehen werden konnten. Er war Junggeselle und offenbar ein sehr genussfroher Herr, so eine Art von ewigem Jüngling mit fröhlichen Augen und einer recht sorgenlosen Lebensauffassung. Natürlich platzte er nun sofort mit der Frage heraus, was wir hier vorhätten. Van Diemen hätte ihm nachmittags von Semarang telefonisch mitgeteilt, wir beide wären offenbar die Opfer eines Raubmordes im Zug nach Surakarta geworden. Man hätte schon die Umgebung der Bahnstrecke nach unseren Leichen abgesucht, jedoch ohne Erfolg. Inspektor Schliepner wäre nun persönlich an der Arbeit, dieses Verbrechen aufzuklären.

»Ich begreife, ich begreife!«, fügte er schmunzelnd hinzu. »Sie beide haben nur verschwinden wollen! Nun, ich werde schweigen wie das Grab. Und wo ich Ihnen helfen kann, meine Herren – ich stehe Ihnen zur Verfügung. Mir wird es eine Ehre sein, Herr Harst, gerade Ihnen …«

»Sehr liebenswürdig«, fiel ihm Harst ins Wort. »Deswegen haben wir uns Ihnen ja auch zu erkennen gegeben, Herr Doktor. Ich möchte von Ihnen Auskunft über eine Dame haben, die hier bereits längere Zeit ansässig ist, genau wie auch Sie, Herr Doktor.«

»Dame … Dame?! Hm … das kann dann nur Mistress Bellingson sein, schätze ich.«

Harst nickte.

Da lachte der Doktor leise auf, schüttelte den Kopf und meinte: »Oh, mein verehrtester Herr Harst, die Bellingson ist das harmloseste Tierchen von der Welt. So eines jener Frauen mit ein wenig Geist ist es, die gern von sich reden machen. Eitel, putzsüchtig, herrschsüchtig, dabei aber im Grunde ein Kindergemüt. Van Diemen oder Schliepner wird Ihnen wohl von den Wahrsagermätzchen erzählt haben. Na, da kann ich – gerade ich Ihnen die beste Aufklärung geben. Ich habe die Bellingson längst durchschaut, will ihr aber den Spaß nicht verderben. Sehen Sie, sie macht es so. Sie ist ungeheuer reich. Sie unterhält fraglos rein zu ihrem Vergnügen ein Heer von Spionen. Sie spioniert alles aus – alles. Sie weiß über jeden einzelnen Bescheid, mag der Betreffende hier oder sonst wo in Ostindien wohnen. Sie spielt so die Vorsehung. Sie ist klug, sehr klug, auch wohl das was man geistvoll nennt. Kommt jemand zu ihr, den sie noch nicht kennt, dann bestellt sie ihn nach ein oder zwei Wochen wieder zu sich. Inzwischen hat sie dann Material gesammelt, verblüfft nun durch eine besondere Art, mit der sie ganz intime Einzelheiten über des Betreffenden Daseinsführung vorbringt.«

»Das alles habe ich mir gedacht«, sagte Harst gleichgültig. »Sie arbeitet nach einer Methode, die schon berühmtere Vorgängerinnen von ihr angewandt haben. Einige Fragen, Herr Doktor. Die Bellingson hält sich wohl nur Inder als Diener?«

»Ganz recht, ausschließlich Inder, und zwar eine solche Menge, dass die Leute vor Nichtstun sich zu Tode langweilen dürften. Ihr Haus ist das reine Pensionat oder Erholungsheim. Aber sie ist anderseits keine angenehme Herrin. Sie wechselt häufig mit ihren Leuten. Dann wieder tut es ihr leid, dass sie sie entlassen hat, und sie holt sie wieder zurück. Vielleicht sind diese Entlassungen auch nur ein Trick, vielleicht sind diese Gekündigten dann eben als Spione tätig!«

»Letzteres dürfte zutreffen. Nur diese Spionage ist nicht so harmlos, wie Sie annehmen, Herr Doktor«, meinte Harst ernst. »Wissen Sie Genaueres über die Vergangenheit dieser Frau?«

»Hm – das ist ein Punkt, den ich offen gestanden ungern erörtere. Die Bellingson war vor fünf Jahren einmal sehr schwer krank: Lungenentzündung, Herzschwäche. Da hat sie im Fieber so allerhand ausgeplaudert. Und – na – das fällt doch mit unter das ärztliche Berufsgeheimnis, besonders das, was ich … so besonderes an … an ihrem Arm entdeckte. Sie werden dies nicht verstehen, Herr Harst, ich meine, diese Andeutung. Daher nur ließ ich mich so weit darüber aus. Sie können es nicht verstehen. Jedenfalls – die arme Frau hat ein Leben hinter sich, das in gewisser Beziehung grauenvoll gewesen sein muss – grauenvoll!«

Harst schaute ten Brinken voll an.

»Sie irren sich, Herr Doktor«, erklärte er leise. »Ich verstehe alles …! Die Andeutung über den Arm genügte. Sie haben auf der Innenseite des linken Ellenbogengelenks eine Tätowierung gefunden: das Bild der Göttin Chali oder Bhowani, die die Thug anbeten und der zu Ehren sie einst mit geweihten Schlingen unzählige Menschen heimlich erdrosselten.«

Ten Brinken war hochgefahren, stotterte: »Ja … aber woher in aller Welt haben Sie …«

Harst hatte ihm schon die Hand hingestreckt sagte schnell: »Machen Sie sich keine Gewissensbisse, weil Sie mir nun doch etwas verraten haben, was mir wertvoll ist, obwohl es sich lediglich um die Bestätigung eines Verdachtes handelt, der bei mir schon so gut wie Gewissheit war. Frau Bellingson ist durchaus keine harmlose Frau, Herr Doktor. Im Gegenteil: Von ihrem Haus hier wird ein heimlicher Kampf geführt, ein Vernichtungskrieg gegen die Angehörigen einer Familie, gegen die Familie Wolpoore!«

»Herrgott!«, entfuhr es ten Brinken. »Wolpoore … Wolpoore …! Ich kenne das Schicksal des einstigen Vizekönigs von Indien und seiner Nachkommen! Er ist ermordet worden, und alle Träger dieses Namens …«

Harst winkte ab. »Wir haben nicht viel Zeit, Herr Doktor. Es muss sehr bald hell werden. Dann müssen wir in unserem Gasthof sein. Noch eine Frage: Trägt die Bellingson stets Trauer?«

»Nein. Sie hat erst vor zwei Wochen etwa diese schwarzen Gewänder angelegt. Bis dahin …«

»Danke – ob sie Kinder besitzt?«

Der Doktor hob die Schultern. »Sie soll einen Sohn haben … soll! In ihrem Salon ist auffallender Weise ebenfalls seit etwa vierzehn Tagen die fotografische Vergrößerung des Brustbildes eines jungen Inders mit Trauerflor überspannt, wie ich bei einem meiner häufigen Besuche im sogenannten Jorjakara-Schloss feststellen konnte. Als ich – wir sind ja recht gut bekannt miteinander – die Bellingson fragte, weshalb das Bild jetzt schwarz verhüllt wäre, wurde sie ohne jeden Grund leichenblass. Ihre Augen flammten auf. ›Es ist der Sohn einer Freundin!‹, stieß sie hervor. ›Er ist … plötzlich gestorben in Erfüllung einer heiligen Pflicht!‹ Dann sprach sie sofort von etwas anderem.«

Harst erhob sich. »Auch dies ist mir sehr wertvoll, Herr Doktor«, meinte er nachdenklich. »Sehr wertvoll, weil es den Bombendrachen erklärt …« Er sagte das so, als ob er mit seinen Gedanken weit weg wäre.

»Ah, das Feuerwerk im Klub!«, flüsterte ten Brinken erregt. »Eine tolle Geschichte. Van Diemen hat …«

Harst schien gar nicht auf diese Sätze hingehört zu haben.

»Ist Ihnen bekannt«, fiel er dem Doktor unhöflich ins Wort, »wo Mistress Bellingson ihre Juwelen und so weiter aufbewahrt?«

Ten Brinken stutzte, meinte dann zögernd: »Sie soll sie im Turm verborgen haben – soll! Sie bewohnt auch nur die Turmgemächer. Es gibt dort im Ganzen vier Räume, je zwei in den beiden obersten Turmgeschossen. Die Fenster hat sie stark vergittern lassen. Sie scheint sich dort oben wohl am sichersten zu fühlen, nachdem sie vor drei Jahren von ein paar europäischen Gaunern – damals wohnte sie noch im Hauptgebäude – beinahe umgebracht worden wäre. Die beiden Spitzbuben hatten es fraglos auf die Juwelen abgesehen. Die alte, aber noch überaus rüstige Frau verdankte ihre Rettung nur ihren zahmen schwarzen Panthern. Die beiden Schufte entkamen damals. Man ermittelte lediglich, dass es zwei Europäer gewesen waren.«

Harst verabschiedete sich nun, nachdem er sich von ten Brinken noch hatte mitteilen lassen, wann und wie man am besten Zutritt bei der Wahrsagerin erhielte.

Wir gelangten dann ungehindert in unser Quartier zurück. Auf dem Weg dorthin war Harst still und nachdenklich. Nur einmal sagte er zu mir: »Ich glaube, mein Alter, wir sind gerade zur rechten Zeit hierhergekommen.«

Im Übrigen musste ich mich gedulden. Ich hätte so gern gewusst, was er nun eigentlich beabsichtigte. Mir schien, als ob das Attentat im Union-Klub für Harald nun nur noch nebensächliche Bedeutung hätte.