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Der Detektiv – Band 27 – Die Uhrkette des Bill Hamilton – Teil 5

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 27
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Die Uhrkette des Bill Hamilton

Teil 5

»Lassen wir das alles jetzt, Melprove. Hören Sie also: Sie werden zu Montag die zwei Millionen auftreiben. Sie gehorchen in allem. Es wird Ihnen dann ein Fischerboot begegnen, von dem zwei Chinesen rechtzeitig sich ins Wasser gleiten lassen und unbemerkt zu Ihnen an Bord kommen werden. Sorgen Sie dafür, dass dies auch wirklich ganz unauffällig geschehen kann. Dann richten Sie an Schliepner von mir am Montag früh, ebenfalls heimlich, Folgendes aus. Er soll eine Polizeibarkasse als harmlosen Kutter in aller Stille herausstaffieren, soll sechs Beamte mitnehmen und drei Seemeilen westlich von Ihrem Kurs gleichfalls auf die Djawa-Inseln zuhalten, aber so, dass der Kutter keinerlei Verdacht erregt. Alles hängt von Schliepners Geschicklichkeit ab. Seien Sie doch außer Sorge! Wir werden Ihre Töchter befreien. Bei Miss Backerley ist das nicht mehr nötig. Nicht wahr, die Gesellschafterin ist eine sportgeübte Dame, sehr kräftig und groß?«

»Allerdings – das reine Mannweib. Sie reitet, schießt, spielt Tennis, Golf – alles vorzüglich! Aber was haben Sie mit der Backerley?!«

»Davon später. Noch etwas Neues sonst, Melprove?«

»Ja – ich fand heute früh wieder ein Uhrkettenglied in der Serviette.«

»Also Nummer vier! Nun wird die Uhrkette bald verbraucht sein. Haben Sie eine Schreibmaschine hier im Haus?«

»Eine, die nicht mehr benutzt wird. Sie ist nicht in Ordnung.«

»So! Sie war nicht in Ordnung, behaupte ich. Wo befindet sie sich?«

»Hier im Schrank.«

»Dann werden Sie jetzt sofort auf irgendein Stück Papier ein paar Sätze tippen, Melprove. So lange werden Schraut und ich uns hier verbergen. Nachher schalten Sie das Licht wieder aus und geben mir den Zettel. Hat die Backerley vielleicht einen Bruder?«

»Nein. Sie ist das einzige Kind. Ihr Vater war Kapitän der Handelsmarine.«

»Hm …! Also dann bitte – den Zettel tippen!«

Fünf Minuten später waren wir wieder oben in unserer Dachkammer. Harst fesselte mich und setzte sich dann neben mich auf die Dielen.

»Wir können jetzt noch ein wenig plaudern, mein Alter«, meinte er. »Sie schläft nämlich. Wir sind sicher vor ihr.«

Ich hatte mir nun doch schon so allerlei unschwer zusammengereimt, was unseren Fall anbetraf.

»Sie – also die Mutter der Miss Backerley!«, erklärte ich flüsternd.

»Mutter? Wer weiß! Vielleicht ist es auch irgendein anderes Weibsbild. Ein Weib ist es jedenfalls. Das verrieten mir die Hände und der Turban, mit dem sie ihr Haar verbarg. Ich sehe, du bist jetzt so ziemlich im Bilde. Unsere erste Theorie war also falsch. Es kommt nur die zweite in Betracht, bei der Melprove außerhalb jedes Verdachts steht.«

»Und die Tochter, die Gesellschafterin, war die andere zweite Person, die gestern Nacht uns den Streich spielte?«, fragte ich nun.

»Ja. Man muss es annehmen, denn es waren beides Frauen. Als sie mich die Treppe emportrugen, stieß die eine gegen das Geländer, wodurch sie ein wenig in Streit gerieten. Sie flüsterten zwar nur, aber ich hörte doch den Stimmen an, dass es Frauen waren.«

»Nicht zu glauben! Das muss eine nette Sorte von Damen sein! Allerdings – wenn das zarte Geschlecht die Verbrecherlaufbahn ergreift, leistet es darin oft mehr als …«

»Gestatte – hier ist die treibende Kraft fraglos ein Mann. Die Frauen sind nur seine Werkzeuge. Und – recht mangelhafte, denke ich! Unsere Bewachung ist doch sehr fehlerhaft. Damit wir das Theoretische nun gleich erledigen: Ich schöpfte gegen diese kranke, gesichtsleidende Frau Backerley sofort Verdacht, als mir van Diemen die Skizze des Hauses gezeichnet hatte. Mutter und Tochter wohnen hier oben im Dachgeschoss allein. Die Fenster ihrer Zimmer gehen nach vorn heraus, liegen also über dem Eingang und der Haupttreppe zur Veranda. Nur von diesen Fenstern konnte man Melprove und van Diemen belauscht haben. So wurde ich auf die Backerley aufmerksam. Ich fragte dann van Diemen, wie lange die beiden Backerleys hier bei Melprove sind und woher sie kamen. Er erwiderte: ›Die Jane, die Tochter, ein halbes Jahr; die Mutter erst drei Monate etwa. Sie stammen aus London.‹ Und als ich weiter fragte, welchen Eindruck die Jane auf ihn mache, erklärte er: ›Das ist schwer zu sagen. Mir jedenfalls ist die Frau unheimlich. Sie benimmt sich tadellos, aber sie hat etwas im Blick, das mir nicht gefällt.‹ Das war für mich ein weiterer Grund, die Backerleys zu beargwöhnen. Ich halte nun folgenden Zusammenhang für feststehend: Die Jane ist schon mit der Absicht hergekommen, bei dieser Entführung mitzuhelfen. Den Brief des Piraten von Kap Kotaringia und den Zettel in der Serviette hat ihre Mutter dann hier mit Melproves Maschine geschrieben.«

Er breitete das Blatt Papier, das Melprove ihm vorhin gegeben hatte, auf dem Knie aus.

»Bitte – betrachte diese Schriftprobe. Lila Farbband und dazu dieselben Unregelmäßigkeiten bei der Stellung der Buchstaben wie in dem Brief und dem Zettel. Wenn Melprove nur ein wenig Polizeiaugen hätte, würde ihm dies aufgefallen sein.«

»Und der Pirat, natürlich kein Pirat, sondern ein ganz gewöhnlicher europäischer Verbrecher«, meinte ich gespannt.

»Du irrst, mein Alter! Doch ein Pirat! Bei der Heimfahrt vom Klub erzählte Schliepner so allerlei von dem einst so berüchtigten Seeräuber von Kap Kotaringia, auch davon, dass dieser einst den alten Buddha-Tempel von Bandjermasin ausgeplündert hätte. Der Tempel ist berühmt, weil der Altar vollständig mit kostbarem Mosaik bedeckt ist, einem Mosaik aus indischem Plasma, einem dunkelgrünen Halbedelstein. Und – die Steine in den Uhrkettengliedern sind keine Kunststeine, wie du bisher dachtest, nein, es sind eben Plasma-Halbedelsteine, und die vergoldeten Arabesken darauf sind altchinesische Schrift, bedeuten Seele des Weltalls, eine der vielen Bezeichnungen für Buddha. Und weiter: Ich erkannte sofort, dass diese Plasma-Steine erst nachträglich in die Uhrkette, in die Nickeleinfassung, eingefügt waren, erkannte die Steine als Teile des Mosaiks des Altars jenes von dem Piraten geplünderten Tempels wieder, und zwar nach einer Beschreibung in einem Werke über buddhistische Heiligtümer. Der Pirat dürfte also aus Eitelkeit die Mosaiksteine in eine billige Nickelkette eingefügt haben, weil sie dort gerade hineinpassten. Verfolgt man diesen Gedanken weiter, so gelangt man zu dem Schluss: Der Mann, der Melprove um zwei Millionen erleichtern will, ist tatsächlich der einstige Seeräuber von Kotaringia, der nie ein Malaie, sondern ein Europäer gewesen ist und vielleicht der Vater der Jane sein dürfte, der ja Kapitän der Handelsmarine war!«

»Ah – das reiht sich alles sehr gut aneinander!«, meinte ich nachdenklich. »Du meinst also, dass diese Jane jetzt hier in Semarang weilt – natürlich verkleidet.«

»Ganz recht! Das alles wird hoffentlich Montag ans Tageslicht kommen! Jetzt wollen wir uns Gute Nacht sagen.«