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Der Wildschütz – Kapitel 27

Th. Neumeister
Der Wildschütz
oder: Die Verbrechen im Böhmerwald
Raub- und Wilddiebgeschichten
Dresden, ca. 1875

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Wiedersehen

Nachdem Curt die Tür der ärmlichen Wohnung geöffnet hatte, stand er einige Minuten wie am Boden festgewurzelt bei dem An­blick seiner alten Pflegemutter Elisabeth, welche zum zweiten Mal ihre einsame Hütte verlassen hatte und zur Hauptstadt gekommen war, um einige wichtige Angelegenheiten im Auftrag des Grafen Praßlin zu besorgen. Man kann sich denken, dass es bisher ihr eifrigstes Bestreben sein musste, ihren verschollenen Liebling wieder aufzufinden, und wie angenehm musste nun die Überraschung für sie sein, den Verschwundenen plötzlich wiederzusehen.

Die alte Frau, welche sich im Zimmer befand, hatte ihn kaum erkannt, als sie hastig von ihrem harten Sessel aufsprang und dem Eingetretenen mit einer Schnelligkeit entgegeneilte, die in Hinblick auf ihr hohes Alter Bewunderung bei dem jungen Mann erregte.

»Mein Curt, mein teurer Junge!«, rief sie, voll Freude ihre Arme ausbreitend. »Gott sei gelobt, dass dich meine alten, trüben Augen wiedersehen, was mein bangendes Herz fast nicht mehr hoffen durfte; sei mir herzlich willkommen hier, denn der heutige Tag wird und muss ein Tag der Freude werden für mich, für dich – ja, für uns alle.«

Curt hatte sich den Liebkosungen Elisabeths ohne Widerstreben überlassen. Bei ihren letzten Worten umzog jedoch ein bitteres Lächeln seine Lippen, indem er sagte: »Wohl mag es für dich und mich ein Tag der Freude sein, dass wir uns hier wiedersehen, was ich nicht erwartet hätte, obwohl nur auf kurze Zeit, denn hier wird mein Aufenthalt nicht mehr von langer Dauer sein, da mir sonst gewisse Personen großen Nachteil bereiten würden. Ich bin geächtet und meine Feinde versuchen mich zu verderben. Doch sage mir, was führt dich hierher, ich staune über deinen Anblick!«

Elisabeth schwieg einige Minuten, dann erfasste sie die Hand des Wildschützen, indem sie sagte: »Mein Sohn, du bist noch unbekannt mit den Ereignissen, welche zwischen mir und deinem heftigen Gegner, dem Grafen Praß­lin, vorgefallen sind. O glaube es mir, ich habe dem finsteren und gefürchteten Herrn gegenübergestanden und für dich gesprochen. Meine Worte haben Wunderdinge an ihm bewirkt. Es ist sein größter Wunsch, dich zu sehen, mit dir zu sprechen, um dir sagen zu können, dass er keinen Groll mehr gegen dich hegt, dass er dir von ganzem Herzen vergeben hat.«

Der junge Mann vernahm mit Staunen die Mitteilungen der alten Elisabeth. Er, der mit allen Vorgängen der letzten Zeit unbekannt geblieben war, konnte sich ein solches Benehmen des Grafen nicht erklären. Er fing an, in die Erzählung seiner Pflegemutter Zweifel zu setzen.

»Der alte Graf ist ein lauernder Wolf, der dich zu kirren suchte, und mich in seine Höhle locken wollte, um mir das Fell über die Ohren zu ziehen«, sagte Curt. »Er hat schöne Worte gegen dich ge­sprochen, die deine Offenheit für bare Münze annahm – glaube sicher, du wurdest von ihm betrogen, und ich würde es nicht minder sein, wenn ich deinem Beispiel Folge leisten wollte.«

»Nein, nein, mein Sohn!«, entgegnete Elisabeth mit einer Leb­haftigkeit, die den jungen Mann überraschte. »Ich habe mich nicht getäuscht in dem Grafen und weiß es, so wahr die Sonne über uns beiden leuchtet, dass deine Ansicht falsch ist. Curt«, fuhr sie tief ergriffen fort, »ich habe dir viel, sehr viel zu sagen, obwohl ich es jetzt noch nicht darf. Du stehst am Scheideweg höchst wichtiger Ereignisse und dein ferneres Leben wird von dem bisherigen wie Tag und Nacht voneinander verschieden sein. Auf dich wartet ein freundliches Los, denn der Himmel hat mein Gebet erhört und dein trübes Geschick schwindet, um dem reinsten Glück Platz zu machen.«

»Bei Gott, du sprichst in lauter Rätseln zu mir, gute Mutter«, sagte Curt, »ich begreife nicht, was du sagst. Dein ernstes Wesen treibt den Gedanken an jeden Zweifel aus meiner Seele. Ich bitte dich bei meiner Liebe zu dir, erkläre dich deutlicher und lass mich nicht länger in einer Ungewissheit, die mir die drückendste Unruhe verursacht.«

»Du sollst alles erfahren«, sagte Elisabeth, »und zwar soll nach Verlauf von zwei Tagen das Geheimnis vor dir offen liegen. Eher kann und darf ich nichts gegen dich bemerken. Was ich dir gesagt habe, glaube sicher, du hast nichts zu befürchten und kannst frei umher­gehen und niemand wird dich daran verhindern. Doch jetzt sage mir, was dich hierherführt«, fuhr Elisabeth fort, »was bewog dich, hier einzutreten?« Curt erzählte der alten Frau die Umstände, unter welchen er hierherkam, und als er zu Ende gekommen war, wurde die Tür geöffnet, worauf Martha in Be­gleitung ihrer blinden Tochter eintrat. Die Letztere war von ihrem Fall vollkommen hergestellt worden. Man kann sich ihre Freude vorstellen, als sie vernahm, dass ihr Wohltäter – ihr Beschützer – zugegen sei. Er wurde aufgefordert, das Mahl der armen Familie zu teilen, was er auch nicht abschlug. Nach Beendigung desselben beschloss er, in Begleitung Elisabeths einen Gang durch die Stadt zu machen, um das treue Käthchen aufzusuchen, von deren Anwesenheit er durch seine Pflegemutter unterrichtet wurde.

»Mein Sohn!«, sagte die Letztere, als sie sich nach Tisch zurück­gezogen hatte, »ich will dir jetzt eine Frage vorlegen, um deren getreue Beantwortung ich dich dringend bitte. Liebst du Käthchen noch wie bisher?«

Curt richtete sich bei dieser Frage rasch empor. Die Hand seiner Wohltäterin ergreifend, antwortete er in gefühlvollem Ton: »Ja, ich liebe sie so, wie bisher. Sie war mir oft ein Schutzengel in den Nächten eines düsteren Schicksals. Als ich in den Gewölben des schauerlichen Waldschlosses gefangen saß, da näherte sie sich mir in einer Gestalt, worin sie mir – trotz ihren Bemühungen, un­bekannt zu bleiben – dennoch nicht verborgen blieb. Sie befreite mich, und wie könnte ich eine so aufopfernde Liebe mit Undank und Kälte belohnen! Nein, nein, das vermöchte ich nicht, und wenn mir, wie du sagst, wirklich ein Glück je lächeln sollte, so würde ich des Genusses mich nicht freuen können, wenn Käthchen, mein teures Käthchen davon ausgeschlossen sein sollte.«

»Ich bewundere deine Standhaftigkeit in diesem Punkt«, sagte Elisabeth, »und kann deinen Entschluss nicht tadeln. Er entspringt aus einem guten Herzen und es freut mich im Voraus, euch einst miteinander glücklich zu sehen. Zwar kann es wohl geschehen, dass der letzte Sturm noch nicht vorüber ist, bevor du mit deiner Liebe in dem Hafen der Ruhe und eines stillen Glückes landest, doch lassen wir deshalb die Befürchtungen unberührt, denn ich hoffe, es wird noch alles gut werden.«

»Komm, mein Sohn!«, fuhr sie fort, »ich will dich begleiten bis zu der Wohnung des Kapitäns Falkland, wo sich das gute Käthchen befindet. Du wirst sie gewiss dort treffen und dein Er­scheinen wird ihren Kummer verdrängen, welchen sie bisher um deinetwillen erduldete.«

Nach einer langen, jedoch durch Gespräch verkürzten Wanderung kamen sie in der Nähe von Falklands Wohnung an. Hier blieb Elisabeth stehen, indem sie sagte: »Weiter kann und darf ich dich nicht begleiten. Durch jenes Tor, welches am Tage unverschlossen ist, wirst du in den Park gelangen. Geh mit Gott, heute Abend sehen wir uns in Marthas Wohnung wieder.«

Hierauf verabschiedeten sie sich voneinander, und während Eli­sabeth den Rückweg einschlug, näherte sich Curt dem düsteren Ge­bäude, welches nun von dem Kapitän Falkland ausschließlich bewohnt wurde. Größte Ruhe und Einsamkeit herrschten rings umher und das Gebäude schien wie ausgestorben zu sein.

Curt hatte den Torweg erreicht, welcher unverschlossen war. Er trat hindurch und gelangte in den weitläufigen Park, der von einer hohen Umzäunung eingeschlossen wurde. Ohne zu zögern, betrat er einen breiten Sandgang, welcher den Park in zwei Hälften teilte, dessen Buschwerk ihn vor jeder Bemerkung sicherte. Von einer verborgenen Stelle aus lauschte er hier, bis sich irgendein Bewohner des Hauses würde erblicken lassen. Es dauerte auch nicht lange, so erschien ein junges Mädchen auf dem freien Platz vor dem Gebäude. Ihr Gesicht war blass und schien von Kummer oder Krankheit sehr angegriffen zu sein. Sie wandte sich langsamen Schrittes dem erwähnten Hauptgang zu und ging ge­senkten Blickes vorwärts. Da sie sich selten umschaute, so entging der versteckte Lauscher sehr leicht ihrer Entdeckung.

Curt hatte unterdessen den Gegenstand seines Herzens in der weiblichen Erscheinung erkannt. Es war sein geliebtes Käthchen, das sich seinem Versteck immer mehr näherte. Mit jedem zurückgelegten Schritt wuchs seine Sehnsucht und das Verlangen, der Geliebten entgegenzueilen und sie in seine Arme zu schließen.

Nach wenig Minuten hatte sie den Ort erreicht und Curt wurde bei dem Anblick ihres niedergeschlagenen Wesens zum tiefsten Mit­gefühle bewegt.

»Bei Gott!«, murmelte er bei sich selbst, »wenn je Kummer und Gram ihre Merkmale auf das Antlitz eines Menschen eingedrückt haben, so ist es hier geschehen, beim Himmel, ich hätte das arme Kind kaum in dieser Schattengestalt wieder erkannt.«

Und der Versteckte konnte nicht länger in seinem Hinterhalt zurückbleiben. Er trat langsam hervor und stand in dem nächsten Moment der überraschten Jungfrau gegenüber.

Die Letztere hatte ihn kaum erblickt, als sie ihm mit dem lauten Ausruf »Gott, er ist es wirklich!« entgegeneilte, um in seine Arme zu sinken.

»Ja, ja, ich bin es!«, rief Curt, von gleichen Gefühlen ergriffen und in großer Aufregung, »dem Himmel sei Dank, dass ich dich wieder habe; o, wie viel habe ich gelitten, seitdem ich dich nicht mehr gesehen habe.« Er drückte die Geliebte an die Brust, die ihr blasses Gesicht an seinem Busen verbarg.

Nachdem die größte Aufregung vorübergegangen war, sagte Käth­chen, die Hand des Geliebten ergreifend: »Ich muss es dir gestehen, dein unerwartetes Erscheinen hat mich zu heftig ergriffen. Komm, lass uns dort zu jener Laube gehen, um uns niederzusetzen, wir sind dort ungestört. Ach«, fuhr sie mit einem schweren Seufzer fort, »ich habe dir viel, sehr viel zu erzählen und es bedarf eine lange Zeit, um dir das alles mitteilen zu können, was ich erlebte und gelitten habe, seit du das alte, finstere Waldschloss verlassen hast.«

»Du erinnerst mich zu rechter Zeit an jene Ereignisse«, sagte Curt, während er mit Käthchen langsam weiter ging. »Sprich, teures Mädchen, du warst es selbst, die mich befreite aus meinem Kerker, deine Liebe zu mir trieb dich an zu einer Tat, die nicht jedermann zu unternehmen wagt. Sprich, ich habe mich nicht getäuscht, du warst der Engel, der mich aus den Händen meiner Feinde erlöste.«

Das blasse Gesicht Käthchens wurde von einer sanften Röte überhaucht, sie senkte das schöne Auge zur Erde und ein leiser Hände­druck war alles, was sie erwiderte. »Ich muss gestehen«, fuhr Curt fort, »dein Benehmen gegen mich zu einer Zeit, wo ich in der größten Not war, gibt mir den sichersten Beweis deiner aufopfernden Liebe. Du hast um meinet­willen deine eigene Existenz aufs Spiel gesetzt und verloren, um nur mir nützlich zu werden. O Käthchen, wie glücklich würde ich sein, dich jemals dafür belohnen zu können.«

»Ich bin belohnt durch deine treue Liebe«, entgegnete das Mäd­chen, »was bedarf ich weiter zu meinem Erdenglück, als das Bewusst­sein, dass du mich liebst, solange ich in deinem Herzen einen Platz besitze, solange wird mich kein Unfall, kein Missgeschick, sei es noch so traurig, unglücklich zu machen vermögen.«

Während sie dies sagte, traten ihr die Tränen in die Augen und sie sprach nicht weiter. Beide hatten die bezeichnete Laube erreicht, sie traten hinein und setzten sich nebeneinander, um das Gespräch fortzuführen.

Curt erschien sehr bewegt; jene Heiterkeit, die ihn gewöhnlich in der Nähe der Geliebten beseelte, belebte ihn nicht und sein Blick hing zuweilen mit dem Ausdruck eines schweren, inneren Kummers auf den blassen Lippen der Jungfrau. Ihr leidendes Aussehen sowie sein eigenes Missgeschick, das ihn bisher verfolgte, übte in diesem Augen­blick eine heftige Gewalt über ihn aus.

Was soll ich ihr sagen, dachte er bei sich, selbst wenn sie mich fragt, wohin ich nach meiner Befreiung aus dem Waldschloss gegangen bin. Soll ich es ihr gestehen, dass ich ein Gehilfe des Henkers und somit ehrlos vor der Welt wurde? Sie, die bisher stets liebevolle Nachsicht mit allen meinen Fehlern bewiesen, wird sie sich, wenn ich alles vor ihr bekenne, unter diesen Umständen nicht von mir hinwegwenden müssen? Ihre Ehre, ihr guter Name zwingt sie dazu, mich zu verachten und ich darf ihr deshalb nicht zürnen, denn sie hat getan, was sie zu tun imstande gewesen ist, obwohl sie mich nicht von meiner Schande zu befreien vermochte.

Er beschloss indessen bei sich selbst, der Geliebten alles zu entdecken. Wenigstens will ich sie durch ein offenes Geständnis ehren, sie wird hieraus sehen, dass ich aufrichtig bin, und ein aufrichtiges Gemüt kann noch immer auf Verzeihung hoffen. »Liebes Käthchen«, fuhr er laut gegen die Geliebte fort, »ich sehe es ein, dass du für mich zu gut und ich zu schlecht für dich bin. Wenn ich deinen Charakter mit dem meinen zusammenstelle, dann überläuft mich ein Gefühl der Scham, die mich abhält, den schuldigen Blick zu deinem reinen Auge zu erheben. Ich fühle das schwere Gewicht meiner Vergehungen in diesem Augenblick, so wie es noch nie geschah und was kann es nützen, vor dir dasjenige zu verschweigen, was du einmal doch erfahren musst. Ich will daher vor dir ein Bild aus meinen letztverlebten Tagen aufrollen und du wirst, du musst vor demselben zurückschrecken, weil es für dich zu erschütternd ist, als dass dein Herz noch länger ruhig schlagen könnte.«

Und er begann in treuen Farben den letzten Zeitabschnitt seines Lebens zu schildern. Er erzählte ihr sein Zusammentreffen mit dem Scharfrichter John und seiner Verbindung mit demselben; er setzte Käthchen auseinander, dass ihn die Gefahr, gefangen zu werden, zu diesem Entschluss getrieben habe und dass seine Rettung nur allein auf diese Weise hätte herbeigeführt werden können. »Zwar«, fuhr er fort, »ist es im Allgemeinen ein Geheimnis geblieben und nur wenige können es wissen, dass ich als der Gehilfe Johns fungiert habe, allein, und wenn es niemand wüsste, so will ich es doch dir nicht verschweigen. Ich will und mag dein Vertrauen nicht betrügen, es wäre dies für mich ein Vorwurf, den ich niemals aus meinem Inneren verbannen könnte. Du weißt nun alles und an dir ist es jetzt, über mich zu bestimmen. Käthchen«, fuhr er in weh­mütigem Ton fort, »wenn du mich von jetzt an nicht mehr lieben kannst, so sei jedoch versichert, dass ich dennoch nicht aufhören werde, für dich zu leben und zu atmen.«

Das Mädchen hatte ruhig seine Mitteilungen bis zu Ende an­gehört. Sie zeigte keine größere Unruhe und ihr Blick ruhte mit trau­rigem Ernst auf dem von Kummer umwölkten Gesicht des Unglück­lichen. Sie empfand zugleich mit ihm seinen Schmerz, der in diesem Augenblick seine Brust verwundete. Als er endlich schwieg, wischte sie verstohlen eine Träne aus ihren Augen.

»Curt«, sagte sie hierauf, »es ist ein jammervolles Schicksal, das dich verfolgt. Dein Leben ist ein Fluch für dich geworden, der uns beide unglücklich macht. Wollte Gott, dass ich ein Mittel fände, denselben von dir abzuwenden. Glaube mir«, fuhr sie fort, »dein Missgeschick macht mich betrübt, ich möchte dir helfen, und wie könnte ich es über mich gewinnen, einen Unglücklichen zu verachten, den eisernes Missgeschick verfolgte und bis zur Verzweiflung brachte.«

»Ich habe alles das verdient«, sagte Curt, »und welcher Übeltäter kann und mag sich mit Fug und Recht rühmen, er habe un­gestraft gefrevelt. Ja, ja, ich habe es verdient«, wiederholte er, »und ich bin nicht wert, dir noch einmal nahe zu kommen. Meine Gegenwart bringt nur Unheil für dich, darum will ich gehen, und du denkst nicht mehr an einen Menschen zurück, der als ein Opfer seiner Leidenschaft fiel, die er bis auf den Gipfel trieb und dann nicht mehr zu zügeln vermochte. Ich bin gefallen, und zwar zu tief, um hoffen zu dürfen, mich jemals wieder aufzurichten.«

Käthchen wurde durch die Ausbrüche der tiefen Reue ihres Ge­liebten zum größten Mitleid bewogen. Sie versuchte den Trostlosen auf­zurichten durch die Versicherung, dass sie niemals von ihm lassen werde, möge auch über beide kommen, was immer wolle. Diese Versicherungen erhoben den Niedergedrückten aufs Neue, er stand rasch auf und seine Augen leuchteten in freudigem Glanz. Ehe es Käthchen verhindern konnte, war er neben ihr niedergesunken. »Teures Mädchen!«, rief er mit Entzücken, »deine Erklärung gibt mir wieder Mut, an die Hoffnung zu glauben, dass einst der Himmel mein Los wenden wird, und wenn er es um meinetwillen nicht tut, so wird es um deinetwillen geschehen. Er kann nicht wollen, dass die Tugend bis zum letzten Atemzug dulden und leiden soll. Käthchen, mit dir vereint trotze ich allen Gefahren, die mich noch umschweben, und mit deiner Hilfe hoffe ich sie alle zu überwinden.«

»Ich habe einen Plan«, fuhr er fort, sich wieder erhebend. »Wir wollen hinweg aus dieser Gegend, welche Zeuge meiner Vergehungen und meiner erlittenen Schmach war. Wir wollen weit fort von hier ziehen, um in einem fernen Winkel der Erde ein Asyl für unsere Liebe zu suchen. Dort wollen wir unseren Herd gründen und du sollst sehen, wie ich durch Fleiß und Arbeit das gut zu machen bemüht sein werde, was ich hier durch Ausschweifungen verschuldet habe.«

Käthchen vernahm mit beifälligem Lächeln den von ihm ent­worfenen Plan für das fernere Leben, und sie war vollkommen damit einverstanden.

»Ich ziehe mit dir!«, rief sie freudig, »und möge es bald ge­schehen, dass wir dieser Gegend für immer Lebewohl sagen. Ich habe hier genug gelitten und vielleicht gefällt es Gott, meinen bisherigen Kummer in Freude zu verwandeln.«

Diese Angelegenheit machte fast den übrigen Inhalt ihres Ge­spräches aus und beide überließen sich schon im Voraus den Hoff­nungen auf ein bescheidenes Glück, das ihnen die Heimat scheinbar nicht bieten wollte.

»Ich traf meine gute Pflegemutter, ehe ich hierherkam«, sagte Curt am Schluss, »und ich muss gestehen, ihr Benehmen kam mir höchst sonderbar vor. Sie scheint irgendetwas Wichtiges im Werke zu führen, sie spricht fortwährend in Rätseln mit mir, die ich nicht verstehe, und ich glaube, dass es gewiss eine wichtige Angelegenheit ist, die sie beschäftigt. Ich möchte wissen, was sie in der Residenz will, wohin sie wohl seit zwanzig Jahren nicht mehr gekommen ist. Doch ich habe von ihr die Erklärung erhalten, dass ich nach zwei Tagen alles erfahren soll, und wenn es, was ich zu hoffen wage, etwas für mich Vorteilhaftes ist, dann, teures Käthchen, sollst du meine Freude mit mir teilen!«

Käthchen erzählte hierauf dem Geliebten ihr eigenes bisheriges Schicksal seit ihrer Entfernung aus dem Waldschloss, die sie den Launen des alten Grafen Praßlin zuschrieb. Auch teilte sie ihm mit, dass ihr gegenwärtiger Herr, der Kapitän Falkland, mit dem Grafen Praßlin geheime Verbindungen hegte, die niemand näher wisse. »Und denke dir«, fuhr sie fort, »selbst Mutter Elisabeth scheint hierbei eine Rolle zu spielen. Sie kam einige Male in dieses Haus und der Kapitän, der von Charakter ein finsterer Mann ist, gibt ihr Gehör; sie wird niemals entlassen, ohne mit meinem Herrn eine Unterredung zu haben.«

»Das ist sonderbar«, sagte Curt, »nun, ich glaube bestimmt, dass es etwas Wichtiges sein muss, denn um einer geringen Ursache willen verlässt Mutter Elisabeth nicht ihre Hütte, um den weiten Weg zur Hauptstadt zu unternehmen.«

Während dieser Unterredung war eine lange Zeit vergangen. Curt wollte sich wieder entfernen, allein Käthchen hielt ihn zurück.

»Wo gedenkst du zu bleiben?«, fragte sie. »Wenn ich etwas für dich zu tun vermöchte, würde es mit Freuden geschehen.«

Curt senkte den Blick zur Erde. »Du erinnerst mich daran«, sagte er, »dass ich keinen Ort habe, der mir eine freundliche Auf­nahme zusichert. Das Wild hat seine Gruben und der Vogel sein Nest, aber ich … ich habe nicht eine Handbreit Erde, die mich aufnimmt.«

»Sei unbesorgt deshalb«, sagte Käthchen, »ich will dich hier bei uns unterbringen. Dort am Ende des Parks befindet sich ein einsames Gartenhaus, dessen graues Dach du doch von hier aus erblicken kannst. Dort wirst du sicher vor jeder Störung sein. Ich werde dafür Sorge tragen, dass du dasjenige findest, was dir nötig ist. Hier hast du den Schlüssel«, fuhr sie fort. »Ich will jetzt nach dem Haus zurückkehren, unterdessen begib du dich zu dem bezeichneten Ort, und wenn es dunkel geworden ist, werde ich Lebens­mittel herbeischaffen und auch ein erträgliches Lager für dich in Bereitschaft stellen.«

»Ich nehme es mit Dank an«, sagte Curt, »doch zuvor lass mich Mutter Elisabeth noch einmal aufsuchen. Ich möchte sie über mein Verschwinden nicht in Verlegenheit setzen.«

Käthchen war es zufrieden und eilte auf den Ruf einer Glocke, deren Schall durch das ganze Wohngebäude hallte, schnell hinein.

Curt entfernte sich ebenfalls und gelangte unbemerkt aus dem Park; er kehrte zu der Wohnung Marthas zurück, wo sich Elisa­beth befand, die ihn bereits mit Ungeduld erwartete.