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Sagen der mittleren Werra 51

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Von der Flitterbraut und der Brautjungfer in Brotterode

In dem Keller des früheren Gemeindewirthauses ließ sich sonst zu jeder Tageszeit eine gespenstige Jungfrau in dem alten volkstümlichen Schmuck der Flitterbraut sehen. Sie war gutmütiger Natur, und wenn sie auch zuweilen den Leuten im Haus das Licht ausblies, so waren diese doch so an sie gewöhnt, dass sie sich nicht weiter an sie kehrten; allein sie anzureden, hatte doch noch keiner gewagt. Da aber die Wirtsleute immer mehr zurückkamen, so wurde das Haus anderweitig verpachtet. So kam noch eines Abends spät ein Reisender zu dem neuen Wirt, bat um Nachtlager und vor allem um einen frischen Trunk.

Die schöne Wirtstochter eilte sogleich in den Keller und dort trat ihr auch die Flitterbraut alsbald entgegen. Sie hatte das Antlitz und die Gestalt einer am gleichen Tag erst getrauten Freundin des Mädchens angenommen.

Dieses trat verdutzt einen Schritt zurück und fragte verwundert: »Was machst denn du da?«

Nun vertraute ihr die Flitterbraut, sie sei ein seit Jahrhunderten hierher gebannter Geist und habe die Züge ihrer Freundin angenommen, um angeredet zu werden, weil sie sonst nicht reden dürfe. Sie bewache hier im Keller einen großen Schatz, den wolle sie ihr zuwenden. Sie müsse ihn aber noch vor dem Glockenschlag der Mitternachtsstunde von der Stelle rücken, weil sonst der Schatz verschwinden würde und von der Hebung desselben ihre Erlösung abhinge.

Hierauf zeigte sie dem Mädchen den Ort, wo der Schatz verborgen lag und ermahnte zur Eile. Halb tot vor Schrecken teilte die Wirtstochter das eben Erlebte ihren Eltern mit. Diese eilten sofort mit Hacke und Schaufel in den Keller, gruben emsig an jener Stelle nach und hoben bald darauf einen mit blanken Goldstücken gefüllten Kessel heraus. Der Wirt, der auch sonst brav und rührig war, wurde ein reicher Mann, und der Segen erbte in der Familie fort. Die Wirtstochter aber siechte und starb bald darauf. Die Flitterbraut1 hat niemand wieder gesehen.

Zu gleicher Zeit mit der Flitterbraut ließ sich in der Küche jenes Wirtshauses oft eine Brautjungfer oder Züchterin blicken. Sie zupfte immer an einer und derselben Stelle eines alten morschen Balkens und ließ sich durch nichts stören, auch selbst, wenn sie gescholten wurde. Einer, der sie oft dort tätig sah, bemerkte eines Tages, dass aus jenem Balken einige Fäden heraushingen, griff zu und zog ein altes, leinenes Geldbeutelchen mit einigen verschimmelten Silbermünzen hervor. Seitdem blieb die Züchterin verschwunden.

Show 1 footnote

  1. Der Name Flitterbraut kommt von dem mit Flittergold reich verzierten Kopfputz der Bräute. Er wird das Flitter- oder Bruithaid genannt.