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Sagen und alte Geschichten der Mark Brandenburg 22

Wo man Bernauer Bier holt

Vor alten Zeiten braute fast eine jede Stadt in der Mark ihr Bier, größtenteils Gerstenbier; Gardelegen braute seinen Garlei, Brandenburg den alten und jungen Klaus – nach den Brauern so genannt – Kyritz seinen Mord und Todschlag, der diesen Namen empfing, weil er leicht zu Kopf stieg und oft Schlägereien veranlasste. Besonders berühmt war aber das Bernauer Bier.

In einem alten Lied heißt es:

Zerbster, Kroßner und Ruppiner,
Breihan auch von Halberstadt,
Duchstein, Kotbußer, Berliner,
was man sonst für Tränke hat.
Alles sind zwar gute Säfte,
doch Bernauer gibt mehr Kräfte.
Diesem müssen alle weichen
und vor ihm die Segel streichen.

Vom Bernauer Bier wird auch eine besondere Bier­probe erzählt. Sobald es geprüft werden sollte, wurde im Ratssaal etwas davon über die Stühle gegossen. Wenn nun die Ratsherren sich hinsetzten und mit ihren ledernen Büchsen (Hosen) so fest saßen, dass sie beim Aufstehen den Stuhl mit in die Höhe zogen, dann galt es als stark genug und probehaltig.

Von seiner Dauerhaftigkeit und Güte hat man nun in Berlin immer eine alte Geschichte erzählt, die zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges passiert sein soll. Ein Bernauer Junge, heißt es, war bei einem Berliner Schuhmacher in die Lehre gebracht worden, wo ihm nicht gerade goldene Tage blühten. Namentlich führte die Meisterin ein strenges Regiment. Deshalb erschrak er sehr, als dieselbe ihm gleich in den ersten Tagen eines Nachmittags, wie einige Gevattersleute zum Besuch einsprachen, eine zinnerne Kanne gab und ihm auftrug, Bernauer Bier zu holen. Dass es Bernauer Bier in Berlin geben könne, der Gedanke kam ihm nicht in den Sinn, zu fragen getraute er sich weiter auch überhaupt nicht. So wanderte er denn zum dama­ligen Georgen-, jetzigen Neuen-Königstor hinaus, um aus seiner Vaterstadt Bernauer Bier zu holen. Zum großen Erstaunen seiner Eltern kam er spät abends dort an, und dasselbe wuchs noch, als sie den Zusammenhang hörten. Was sollten sie aber mit dem Jungen machen? Nachdem er ausgescholten war, fütterte ihn seine Mutter gehörig auf den weiten Weg und schickte ihn zu Bett, den anderen Morgen sollte er wieder zurück nach Berlin. Am anderen Tag füll­ten sie ihm dann auch den Krug mit Bier und gaben ihm noch Eier, Speck und dergl. an die Frau Meisterin mit, damit er sie etwas besänftigen könne. Je weiter aber der Junge unterwegs kam, desto unheimlicher wurde ihm der Gedanke, vor die Frau Meisterin hinzutreten. Endlich fasste er einen Entschluss. Er vergrub die Kanne in einen Stein­haufen und ging in die weite Welt.

Viele Jahre waren darüber hingegangen. Es waren damals wilde Zeiten, wo man nicht weiter nach einem sol­chen Knaben viel fragte. Da hielt eines Tages ein Reiter vor dem Haus des Schuhmachers. Es war unser Junge, der, inzwischen herangewachsen, Kriegsdienste genommen und es durch Mut und Tapferkeit bis zum Rittmeister gebracht hatte und nun seinen alten Lehrherrn und die Frau Meisterin, vor der er nun sich nicht mehr fürchtete, aufsuchte, als er gerade durch Berlin kam. Die Leute wollten es zuerst gar nicht glauben, dass er der Junge sei, der ihnen mit der zinnernen Kanne, wie die Meisterin sich ausdrückte, durchgegangen wäre. Da bestand er darauf, dass sie alle mit hinauskämen zu dem Steinhaufen auf dem Bernauer Weg, in den er die Kanne vergraben hatte, denn dass der noch da war, davon hatte er sich vorher überzeugt. Da gingen alle und auch die Nachbarn mit hinaus, und wie man nun die Steine wegräumte, stand der Krug noch unversehrt da, als man aber gar den Deckel hob, da hatte sich das Ber­nauer Bier nicht bloß gut gehalten, sondern war wo mög­lich noch duftender und schöner geworden, denn zuvor. So die Sage. Trotz aller Güte wurde aber nichtsdestoweniger allmählich das Bernauer wie alle Gerstenbiere in der Mark durch die Weizenbiere verdrängt, welche nach dem Dreißigjährigen Krieg aufkamen, bis in der Neuzeit wiederum das bayerische Bier sie zu verdrängen anfing.