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Der Kapitän Fracasse – Band 1 – 1. Kapitel

Théophile Gautier
Der Kapitän Fracasse
Ein Mantel-und-Degen-Roman, 1863
Band 1
Erstes Kapitel
Das Schloss der Armut

Am Abhang eines jener kahlen Hügel, welche sich hier und da auf den weitgestreckten Ebenen zwischen Dax und Mont de Marsan erheben, stand unter der Regierung Ludwigs des Dreizehnten eine jener in der Gascogne so häufigen Edelmannswohnungen, welche von den Dorfbe­wohnern mit dem Prädikat Schloss beehrt wurden.

Zwei runde Türme mit Dächern wie Lichthütchen standen an den beiden Ecken eines Gebäudes, an dessen Vorderseite zwei tief in die Mauer gehauene Furchen das frühere Vorhandensein einer Zugbrücke verrieten, welche durch Ausfüllung des Grabens überflüssig geworden waren, und verliehen mit ihren Pfefferbüchsen-Schildhäusern und Schwalbenschwanz-Wetterfahnen dem Gebäude ein ziemlich mittelalterliches Ansehen.

Der einen der Türme zur Hälfte bedeckende Efeu bildete durch sein dunkles Grün einen wohltuenden Gegen­satz zu der grauen Färbung der damals schon alten Steinmauer.

Der Reisende, welcher dieses mit seinen spitzen Dä­chern über das Ginster- und Heidekrautmeer hervorragende Kastell von Weitem gesehen hätte, würde es als eine für einen Krautjunker ganz passende Wohnung betrachtet haben, wäre aber, sobald er näher gekommen war, anderer Mei­nung geworden.

Der Weg, welcher von der Landstraße zum Schloss führte, war durch überwucherndes Moos und Schma­rotzergewächse auf einen schmalen weißen Fußsteig reduziert worden, welcher der verblichenen Tresse auf einem fadenscheinigen Mantel glich.

Zwei mit Regenwasser gefüllte und von Fröschen bewohnte Fahrgeleise bewiesen, dass hier einmal Wagen ihren Weg genommen hatten, und die Dreistigkeit dieser Batrachier1 verriet langen Besitz und Sicherheit vor Störung.

Auf dem durch das Unkraut gebahnten und durch einen kürzlich gefallenen Platzregen aufgeweichten Streifen sah man keine Spur von einem menschlichen Fuß und die mit funkelnden Tröpfchen beladenen Reiser der Gebüsche schie­nen seit langer Zeit nicht auf die Seite gebogen worden zu sein.

Breite Flecken eines gelbfarbigen Aussatzes marmorierten die gebräunten in Unordnung geratenen Ziegel der Dächer, deren verfaulte Sparren hier und da zusammen­gebrochen waren.

Der Rost hinderte die Wetterfahnen sich zu drehen, sodass jede einen anderen Wind anzeigte, und die Dachluken waren mit Läden von rissig gewordenem Holz geschlossen. Steingeröll bedeckte die Söller der Türme; von den zwölf Fenstern der Vorderseite waren zehn mit Brettern vernagelt und die schmutzigen Glasscheiben der beiden an­deren zitterten bei dem geringsten Druck des Luftzuges in ihrem bleiernen Netz.

Zwischen diesen Fenstern machte der wie die Schuppen einer kranken Haut herabgefallene Kalk schlechtgefügte, dem Einfluss der Witterung preisgegebene Mauersteine sichtbar. Über der Tür, deren steinernes Gewände hier und da noch die von der Zeit abgeschliffenen Verzierungen sehen ließ, befand sich ein Wappenschild, welches der geschickteste Heraldiker nicht zu entziffern vermocht hätte und dessen Einfassung durch fantastische, häufig unterbrochene Umrisse gebildet wurde.

Die Türflügel selbst boten nach oben zu noch einige Reste von Ochsenblutanstrich und schienen über ihren ver­fallenen Zustand zu erröten. Nägel mit viereckigen Köpfen hielten die gesprungenen Pfosten zusammen und bilde­ten eine hier und da unterbrochene symmetrische Zeichnung.

Von den beiden Türflügeln konnte nur einer geöffnet werden, genügte aber augenscheinlich für den Verkehr der durchaus nicht zahlreichen Gäste des Schlosses vollkommen, während an dem anderen die Trümmer eines Rades ange­lehnt standen, welches einer schon längst nicht mehr vor­handenen Karosse angehört hatte.

Schwalbennester bedeckten den Rand der Schornsteine und die Fensterecken und ohne eine dünne Rauchsäule, welche aus einem dieser Schornsteine aufstieg, und sich wie auf je­nen Zeichnungen, womit Schulknaben ihre Schreibbücher zu beschmieren pflegen, gen Himmel ringelte, hätte man glauben können, das Haus sei ganz unbewohnt.

Mager musste die Küche sein, welche auf diesem Herd bereitet wurde, denn ein alter Soldat hätte mit seiner Pfeife dichtere Rauchwolken erzeugt.

Es war dies übrigens das einzige Lebenszeichen, wel­ches das Haus von sich gab – gleich jenen Sterbenden, deren Existenz sich nur noch durch den sichtbaren Dunst ihres Atems verrät.

Wenn man den beweglichen Türflügel, der nicht ohne zu protestieren nachgab und sich mit unverkennbar schlechter Laune in seinen rostigen, knarrenden Angeln drehte, aufstieß, sah man sich in einer Art Kreuzgewölbe, welches älter war als die übrigen Gebäude und durch vier Pfeiler von bläulichem Granit geteilt wurde, welche an ihrem Kreuzungs­punkt an einem hervorragenden Stein zusammenstießen, an welchem man das draußen über der Tür angebrachte aus­gehauene Wappen etwas deutlicher sehen und sich überzeu­gen konnte, dass es aus drei goldenen Störchen im blauen Feld oder so etwas Ähnlichem bestand, denn die in dem Gewölbe herrschende Dunkelheit gestattete keine genaue Un­tersuchung.

In der Mauer waren von den Fackeln geschwärzte blecherne Lichtschirme und eiserne Ringe angebracht, an wel­chen früher die Pferde der Gäste angebunden wurden, ein nach dem Staub, der sie bedeckte, zu urteilen, jetzt höchst selten vorkommendes Ereignis.

Aus dieser Vorhalle, von welcher zwei Türen, die eine nach den Zimmern des Erdgeschosses, die andere in einen Raum, welcher früher wahrscheinlich als Wachtsaal gedient hatte, führten, trat man in einen traurigen, kahlen und kal­ten Hof, von hohen Mauern umgeben, die durch die Win­terregengüsse von langen schwarzen Streifen durchfurcht waren.

In den Winkeln des Hofes unter dem von den Simsen herabgefallenen Geröll wucherten Brennnesseln, tauber Hafer und Schierling und das Pflaster war von grünem Gras eingefasst.

Im Hintergrund führte eine mit einem steinernen Ge­länder, welches mit Kugeln und eisernen Spitzen geschmückt war, versehene Rampe zu einem hinter dem Hof gelege­nen Garten.

Die zerbrochenen, aus den Fugen gegangenen Stufen schaukelten, wenn man darauf trat, und wurden nur durch die Fasern des Mooses und des Unkrauts festgehalten. Auf der Fläche dieser Rampe oder Terrasse wuchsen Hauslaub, gelbe Violen und wilde Artischocken.

Was den Garten selbst betraf, so kehrte er allmählich und gemächlich in den Zustand eines Dickichts oder Urwal­des zurück. Mit Ausnahme eines viereckigen Platzes, wo man einige Kohlstauden mit ihren geäderten Blättern und einige Sonnenrosen mit schwarzem Zentrum sah, sodass man auf einen gewissen Grad von Kultur schließen konnte, eroberte die Natur in diesem verlassenen Raum überall ihre Rechte zurück und verwischte die Spuren der menschlichen Arbeit, welche sie überhaupt gern verschwinden zu lassen scheint.

Die nicht beschnittenen Bäume streckten ihre Äste nach allen Richtungen hin. Aus dem Buchsbaum, welcher die Einfassung der Beete und der Gänge bilden sollte, waren ganze Sträucher geworden, die schon seit langen Jahren nicht mehr die Bekanntschaft der Schere gemacht hatten.

Vom Wind herbeigetragene Samenkörner waren aufs Geratewohl gekeimt und entwickelten sich mit jener lebhaften Rüstigkeit, welche dem Unkraut eigen zu sein pflegt, an der Stelle, wo früher schöne Blumen und seltene Pflanzen gestanden haben. Dorngestrüpp kreuzte sich von einen Rand der Gänge zum anderen und hielt den Vorübergehen­den fest, damit er nicht weitergehen und dieses Geheimnis trauriger Verödung seinen Blicken entzogen bleiben möge. Die Einsamkeit lässt sich nicht im Negligé überraschen und umgibt sich daher mit allen Arten von Hindernissen.

Hätte man jedoch, ohne die Ritzwunden von Sträuchern und ohne die Ohrfeigen von Baumästen zu scheuen, den alten Gartenweg, welcher schwieriger zu begehen geworden war als ein Waldsteig, bis ans Ende verfolgt, so wäre man an eine Art Felsennische gelangt, welche eine ländliche Grotte vor­stellte. Zu den anfänglich zwischen den Felsblöcken gesäten Pflanzen hatten sich andere, wildere gesellt, welche wie Bärte herabhingen und zur Hälfte eine Marmorstatue verschleier­ten, welche eine mythologische Gottheit, Flora oder Po­mona, vorstellte, die zu ihrer Zeit sicherlich sehr schön gewe­sen war und ihrem Verfertiger zur Ehre gereicht hatte, jetzt aber aussah wie der Tod, denn man hatte ihr die Nase ein­geschlagen.

Die arme Göttin trug in ihrem Korb anstatt der Blu­men modrige Pilze von giftigem Aussehen und schien selbst vergiftet zu sein, denn Flecken von braunem Moos tigerten ihren sonst so weißen Körper.

Zu ihren Füßen lag unter einer dichten Schicht von Wasserlinsen in einer Steinmuschel eine braune, vom Regen­wasser gefüllte Pfütze, denn der Löwenrachen, welchen man zur Not noch unterscheiden konnte, spie kein Wasser mehr, weil ihm durch die verstopften oder zerstörten Röhren keines mehr zugeführt wurde.

Diese Grotte verriet trotz ihres beklagenswerten Verfalles einen gewissen früher vorhanden gewesenen Wohl­stand und Kunstgeschmack vonseiten der ehemaligen Be­sitzer des alten Schlosses.

Hätte man die Statue in angemessener Weise von Schmutz gereinigt und restauriert, so hätte man an ihr jenen florentinischen Stil wahrgenommen, welcher den italienischen Bildhauern eigen war, die mit Meister Roux oder Primaticcio zu der Zeit nach Frankreich kamen, welche die wahrscheinliche Glanzepoche der nun herabgekommenen Fa­milie gewesen war.

Die Grotte lehnte sich an eine grün gewordene, mit Salpeterausschlag bedeckte Mauer, wo sich noch die Überreste zerbrochener Spaliere kreuzten, die ohne Zweifel frü­her bestimmt gewesen waren, diese Mauer selbst hinter einem Vorhang laubreicher Schlingpflanzen zu verdecken.

Diese zwischen den Baumzweigen hindurch jetzt kaum noch sichtbare Mauer schloss den Garten nach dieser Seite. Jenseits erstreckte sich die Ebene mit ihrem eintönigen niedrigen Horizont.

Wenn man zum Schloss zurückkehrte, sah man, dass die Hinterseite einen noch öderen und verfalleneren An­blick darbot, als die vorhin beschriebene Vorderseite, denn die letzten Besitzer hatten sich bemüht, wenigstens den Schein zu wahren, und daher ihre schwachen Hilfsmittel für diese Seite konzentriert.

Im Stall, in welchem bequem zwanzig Pferde Platz gehabt hätten, zog ein magerer Gaul, dem die Kno­chen überall hervorstanden, mit seinen gelben wackeligen Zähnen einige Strohhalme aus der leeren Raufe und wen­dete von Zeit zu Zeit ein Auge, in dessen Höhle die Ratten von Montfaucon nicht das geringste Atom Fett gefunden haben würden, zur Tür.

Auf der Schwelle des Hundezwingers schlummerte ein einziger Hund in seiner zu weiter Haut schlotternd, auf der die Muskeln sich in schlaffen Linien zeigten, die Schnauze auf dem eben nicht sonderlich gepolsterten Kissen seiner Pfoten ruhen lassend. Er schien an die Einsamkeit des Ortes so sehr gewöhnt, dass er auf alle Wachsamkeit verzichtet zu haben schien und sich nicht, wie die Hunde doch sonst, selbst wenn sie schlafen, zu tun pflegen, um das geringste Geräusch küm­merte, welches sich hören ließ.

Wollte man in das Wohnhaus eintreten, so stieß man auf eine ungeheure Treppe mit einem hölzernen Geländer. Diese Treppe hatte nur zwei Absätze, denn das Haus hatte nicht mehr als zwei Etagen. Bis an die erste war das Haus von Stein und von da an von Backstein und von Holz.

An den Mauern schienen von der Feuchtigkeit erzeugte graue Flecken das Relief einer reichverzierten Architektur mit den Hilfsmitteln des Helldunkels und der Perspektive nach­ahmen zu wollen.

Eine grüne Tür, deren Beschlag gelb geworden war und nur noch durch einige früher einmal vergoldete Nägel fest­gehalten wurde, bildete den Zugang zu einem Raum, wel­cher in den fabelhaften Zeiten, wo man in dieser verödeten Wohnung wirklich gegessen, vielleicht als Speisesaal gedient hatte.

Ein dicker Balken teilte die Decke in zwei Abteilun­gen, welche ursprünglich blau gemalt gewesen waren, deren Farbe aber jetzt durch den Staub und die Spinnweben verdeckt wurde, welche in dieser Höhe durch den Kehrbesen niemals beunruhigt wurden.

Über dem Kamin von antiker Form prangte ein stattliches Hirschgeweih und längs der Wände grinsten auf braun gewordener Leinwand räucherige Bildnisse, welche gepanzerte Ritter darstellten, deren Helm neben ihnen stand oder von einem Pagen gehalten wurde, und die ihre tief­schwarzen Augen auf den Beschauer hefteten.

Einige dieser von Sudlern in der Provinz gemalten Bildnisse waren ohne Rahmen, andere mit dergleichen von vergoldetem, nun schwarz oder rot gewordenem Holz ver­sehen. Alle trugen an der Ecke das Familienwappen und das Alter der Person, welche sie darstellten.

Mochte diese Zahl aber nun eine hohe oder eine nied­rige sein, so bestand zwischen allen diesen Köpfen kein be­merkenswerter Unterschied. Zwei oder drei davon, welche mit förmlichem Moder überzogen waren, sahen fast aus wie verwesende Leichname und verrieten vonseiten des letzten Nachkommen dieser tapferen Ritter eine vollständige Gleichgültigkeit in Bezug auf die Bildnisse seiner edlen Vor­fahren.

Abends, beim unsicheren Schein der Lampen, musste diese stumme und bewegliche Galerie sich in eine Reihe gleichzeitig furchtbarer und lächerlicher Phantome verwandeln.

Nichts ist trauriger als diese vergessenen Bildnisse in diesen verlassenen Zimmern, diese halb verwischten Nach­bildungen von Gestalten, welche längst unter der Erde der Auflösung und Vernichtung alles Irdischen anheimgefal­len sind.

Dennoch aber waren diese gemalten Spukgestalten ganz geeignete Gäste für die Einsamkeit dieser Räume. Wirkliche Bewohner wären für dieses tote Haus allzu lebendig erschienen.

In der Mitte dieses Saales stand ein Tisch von schwarz gewordenem Birnbaumholz, mit spiralförmig ge­drehten Füßen wie salomonische Säulen, welche die Holz­würmer mit tausenden von Löchern gespickt, ohne je in ihrer stummen Arbeit gestört worden zu sein. Eine feine graue Schicht, auf welcher der Finger Buchstaben zeichnen konnte, bedeckte die Oberfläche und verriet, dass dieser Tisch nicht oft gedeckt wurde.

Zwei Anricht- oder Kredenztische mit einigen Schnitze­reien verziert und wahrscheinlich zu derselben Zeit wie der Tisch in einer glücklicheren Epoche gekauft, standen an den beiden Enden des Saales und trugen auf ihren halbleeren Gestellen defektes Geschirr von Ton oder Glas.

Fünf oder sechs mit Samt, der früher einmal dun­kelrot gewesen war, aber nun gelblich aussah, überzogene Stühle ließen ihr Polsterwerk durch die Ritzen des Überzugs her­vorquellen und hinkten auf ihren ungleichen Füßen wie aus einem Kampf nach Hause zurückkehrende Söldner.

Nur ein Geist konnte es riskieren, auf diesen Stühlen Platz zu nehmen, und ohne Zweifel wurden dieselben jetzt auch nur dann benutzt, wenn die aus ihrem Rahmen von der Wand herabgestiegenen Ahnen sich an die leere Tafel setzten und vor einem imaginären Souper sich miteinander während der langen, gespenstischen Gastmählern so günstigen Win­ternächte über den Verfall der Familie unterhielten.

Aus diesem Zimmer gelangte man in ein anderes, etwas weniger großes.

Flämische Tapeten bedeckten die Wände, aber das Wort Tapeten darf in der Fantasie des Lesers durchaus keinen Gedanken an übertriebenen Luxus erwecken. Die hier fragliche Tapete war vielmehr abgenutzt und verschossen, die aufgegangenen Nähte zeigten hundert Lücken und hiel­ten nur noch durch einige wenige Fäden und die Macht der Gewohnheit zusammen.

Die Luft strich zwischen der Wand und dem schlaff ge­wordenen Gewebe hindurch und teilte Letzterem eine ver­dächtige wellenförmige Bewegung mit. Hamlet, Prinz von Dänemark, hätte, wenn er in diesem Zimmer philosophiert, seinen Degen gezogen und Polonius mit dem Ruf Eine­ Ratte! hinter der Tapete erstochen.

Tausend kleine Geräusche, das fast unhörbare Geflüster der Einsamkeit, welches das Schweigen umso fühlba­rer macht, beunruhigten das Ohr und das Gemüt des Besuchers, welcher kühn genug gewesen wäre, bis hierher zu dringen. Die Mäuse knabberten hungrig an einigen auf der Rückseite der gewebten Tapete herabhängenden Wollfä­den, die Würmer bohrten mit dem Geräusch einer gedämpften Feile in dem Holz der Balken und die Totenuhr schlug auf dem Wandgetäfel die Stunde.

Zuweilen knackte unvermutet eines der Möbel, als ob die gelangweilte Einsamkeit sich die Glieder dehnte, sodass der, welcher es hörte, unwillkürlich zusammenfuhr. Ein Bett mit gedrehten Säulen und gelblich gewordenen Vorhängen nahm die eine Ecke des Zimmers ein und man hätte nicht gewagt, diese Vorhänge aufzuheben, aus Furcht dahinter im Schatten eine zusammengeduckte Spukgestalt oder unter der weißen Bettdecke die Umrisse einer spitzen Nase, hervorstehender Backenknochen, gefalteter Hände und emporgerichteter Füße zu sehen, wie die steinernen, auf Grabmälern liegenden Bildsäulen – so schnell gewinnen die für den Menschen gemachten Dinge, von welchen der Mensch abwesend ist, ein übernatürliches Ansehen.

Man hätte auch annehmen können, dass eine verzau­berte junge Prinzessin hier in einem hundertjährigen Schlaf läge, wenn nicht die Falten der Vorhänge eine zu unheim­liche und geheimnisvolle Starrheit besessen und dadurch jede galante Idee im Keim erstickt hätten.

Ein Tisch von schwarzem Holz mit Verzierungen von eingelegtem Messing, ein trüber schielender Spiegel, dessen Zinn, müde, kein menschliches Antlitz zurückwerfen zu kön­nen, abgegangen war, ein Sessel mit gesticktem Polster, worauf aber nur noch einige Silberfäden unter der verschossenen Seide und Wolle zu sehen waren, vervollständigten das Meublement dieses Zimmers, welches für einen Menschen, welcher weder Geister noch Gespenster fürchtete, zur Not noch bewohnbar gewesen wäre.

Diese beiden Zimmer entsprachen den beiden Fenstern, die, wie wir oben erwähnt, nicht vernagelt waren. Ein fah­les grünliches Licht fiel hier durch die Glasscheiben, deren letzte Säuberung vor länger als hundert Jahren stattge­funden hatte und welche von außen verzinnt zu sein schienen.

Große Vorhänge, welche zerrissen wären, wenn man sie an ihren von Rost zerfressenen Stäben hätte hin- und herschieben wollen, verminderten noch dieses Dämmerlicht und erhöhten die Melancholie der Umgebung.

Wenn man die im Hintergrund dieses letzten Zim­mers befindliche Tür öffnete, stand man mit einem Mal an der Grenze der Leere, der Finsternis, des Unbekannten.

Allmählich jedoch gewöhnte sich das Auge an dieses Dunkel, welches von den durch die Ritzen der Fensterver­schläge brechenden Lichtstrahlen gemindert wurde, und entdeckte eine Reihe verfallener Zimmer mit aus den Fugen gegangenen, mit Glasscherben bedeckten Dielen, kahlen Wänden und durchlöcherten Decken, welche die Dachsparren sichtbar werden und das Wasser des Himmels hereindringen ließen, sodass diese Räume sich für die Volksversammlungen der Ratten und die Generalstaaten der Fledermäuse ganz vor­trefflich eignen mussten.

An einigen Stellen wäre es nicht ungefährlich gewesen, weiterzugehen, denn die Diele schwankte und bog sich un­ter dem Tritt, aber niemals wagte sich jemand in dieses Labyrinth von Finsternis, Staub und Spinnweben.

Schon an der Schwelle kam dem Eintretenden ein kal­ter, feuchter Moderduft entgegen, wie wenn man den Stein eines unterirdischen Raumes aufhebt und sich über das eisige Dunkel neigt.

Oben in den Dachböden wohnten den Tag über die Nachteulen und Uhus mit ihren gefiederten Ohren, ihren Katzenköpfen und ihren phosphoreszierenden runden Augen. Das an zwanzig Stellen durchbrochene Dach gestattete diesen liebenswürdigen Vögeln freien Ein- und Ausgang. Jeden Abend flog der staubige Schwarm mit einem Geschrei, welches Abergläubische erschreckt haben würde, davon, um in der Ferne Nahrung zu suchen, welche er in diesem Hunger­turm nicht gefunden hätte.

Die Zimmer des Erdgeschosses enthielten weiter nichts als ein halbes Dutzend Bündel Stroh und einige Gärtner­gerätschaften. In dem einen sah man auch einen mit trocke­nem Laub gestopften Strohsack mit einer wollenen Decke, welche das Bett des einzigen dienstbaren Geistes des Schlos­ses zu sein schien.

Da der Leser dieses Spazierganges durch die Räume der Einsamkeit, des Mangels und des Verfalles nun müde sein wird, so wollen wir ihn in das einzige nicht ganz ver­ödete Gemach des Schlosses, nämlich in die Küche, führen, deren Schornstein jene in der äußeren Beschreibung des Schlos­ses erwähnte leichte Rauchwolke gen Himmel steigen ließ.

Ein mageres Feuer leckte mit seinen gelben Zungen die Eisenplatte des Kamins und erreichte von Zeit zu Zeit den Boden eines darüber hängenden Kessels, während es sich zu­gleich auf dem Bauch der an der Wand hängenden zwei oder drei kupfernen Pfannen spiegelte.

Das Tageslicht, welches durch das weite, gerade bis auf das Dach hinausragende Rohr hereinfiel, ließ das Feuer noch bleicher erscheinen, sodass auf diesem kalten Herd selbst die Flamme zu gefrieren schien. Ohne den vorsichti­gerweise auf den Kessel gelegten Deckel hätte es hineinge­regnet und die Fleischbrühe noch ein wenig länger gemacht.

Das langsam erwärmte Wasser fing endlich an zu summen und der Kessel röchelte in dem ringsum herrschen­den Schweigen wie ein engbrüstiger Mensch. Einige mit dem Schaum aufwallende Kohlblätter verrieten, dass der kultivierte Teil des Gartens für dieses mehr als spartanische Gericht in Kontribution gesetzt worden war.

Eine alte magere schwarze Katze, deren Fell einem al­ten abgenutzten Muff glich und deren ausgefallenes Haar hier und da die bläuliche Haut zum Vorschein kommen ließ, saß so nahe am Feuer, als ihr dies möglich war, ohne sich den Bart zu versengen, und heftete ihre grünen Augen, deren Pupille einen dünnen Strich bildete, mit eigennütziger Wach­samkeit auf den Kessel. Ihre Ohren waren bis auf den Kopf herunter und ihr Schwanz bis auf das Rückgrat ge­stutzt, was ihr das Ansehen eines jener kleinen japa­nischen Ungeheuer, welche man unter anderen Kuriositäten in den Kabinetten sieht, oder eines jener fantastischen Tiere gab, welchen die Hexen, wenn sie auf den Sabbat gehen, das Abschäumen des Kessels übertragen, worin sie ihre Lie­bestränke kochen.

In der Tat schien es, als ob die in dieser Küche ganz allein anwesende Katze die Suppe für sich selbst kochte, und ohne Zweifel war auch sie es, welche auf dem Tisch von Eichenholz einen Teller mit grünen und rohen Blumen, einen, zinnernen Becher, der von ihren Krallen zerkratzt zu sein schien und einen Krug zurechtgestellt hatte, auf dessen Bauch man in plumper Malerei mit blauer Farbe das Wappen der Vorhalle und des Schlusssteins im Kreuzgewölbe sah.

Wer sollte sich in diesem unbewohnten Schloss an diese bescheidene Tafel setzen? Vielleicht der vertraute Geist des Hauses, der genius loci, der der einmal gewählten Woh­nung treue Kobold; und die schwarze Katze mit den so tief geheimnisvollen Augen erwartete seine Ankunft, um ihn mit der Serviette auf der Pfote zu bedienen.

Der Kessel kochte immerfort und die Katze blieb unbe­weglich auf ihrem Posten wie eine Schildwache, welche man vergessen hat, abzulösen.

Endlich ließ ein Tritt sich hören, ein schwerer, wuchti­ger Tritt, der einer bejahrten Person; ein kurzer anmelden­der Husten wurde gleichzeitig vernehmbar, die Klinke der Tür knarrte und ein Mann, halb Bauer, halb Diener, trat in die Küche.

Bei dem Erscheinen des Mannes verließ die schwarze Katze, welche schon seit langer Zeit auf vertrautem Fuß mit ihm zu stehen schien, ihren Platz am Herd und rieb sich freundschaftlich an seinen Beinen, indem sie den Rücken krümmte, ihre Krallen öffnete und schloss und jenes heisere Schnurren hören ließ, welches bei dem Katzengeschlecht der höchste Ausdruck von Wohlbehagen ist.

»Schon gut, schon gut, Beelzebub!«, sagte der alte Mann, indem er sich bückte, um der Katze mit seiner harten, schwieligen Hand zwei- oder dreimal über den haarigen Rücken zu fahren und auf diese Weise in der Höflichkeit nicht hinter einem Tier zurückzubleiben. »Ich weiß, dass du mich liebst und wir, mein armer Herr und ich, sind hier allein, um nicht unempfindlich gegen die Liebkosungen eines Tieres zu sein, welches keine Seele besitzt, aber dennoch den Menschen zu verstehen scheint.«

Nachdem diese wechselseitigen Höflichkeiten beendet waren, begann die Katze vor dem Mann herzumarschieren und ihn zum Kamin zu führen, wie um ihm die Aufsicht über den Kessel zu übertragen, den sie immer noch mit rührend hungriger Begier betrachtete, denn sie begann alt zu werden, ihr Gehör war weniger leise, ihr Gesicht weniger scharf, ihre Kralle weniger flink als früher und die Hilfs­quellen, welche ihr sonst die Jagd auf Vögel und Fleder­mäuse darbot, minderten sich merkbar. Deshalb wendete sie auch kein Auge von diesem Gericht ab, von welchem sie ihren Anteil zu erhalten hoffte und nach welchem sie im Voraus sich den Bart leckte.

Pierre, so hieß der alte Diener, nahm eine Handvoll Rei­fer und warf sie auf das halb erloschene Feuer. Die Reiser knisterten und wanden sich, und es dauerte nicht lange, so loderte die Flamme, eine Rauchwolke vor sich her stoßend, hell und klar unter einem lustigen Kleingewehrfeuer von sprü­henden Funken empor. Es war, als ob Salamander in dem Feuer herumtanzten.

Ein armes lungensüchtiges Heimchen versuchte, ganz erfreut über diese Wärme und diesen hellen Schein, sogar durch sein Zirpen den Takt zu schlagen. Es gelang ihm je­doch nicht, sondern es brachte nur einen heiseren Ton hervor.

Pierre setzte sich unter dem Mantel des Kamins auf einen hölzernen Schemel und Beelzebub nahm neben ihm auf dem Fußboden Platz.

Der Wiederschein des Feuers beleuchtete das Gesicht des Mannes, welches die Jahre, die Sonne, die freie Luft und die Einwirkung der Jahreszeiten mehr gebräunt hatten als das eines Indianers. Einige Büschel weißen Haares, die unter der blauen, glatt über den Kopf gezogenen Mütze her­vorquollen, machten die dunkelbraune Farbe des Gesichtes umso auffälliger und die schwarzen Augenbrauen bildeten zu dem Schnee des Haupthaares einen grellen Gegensatz.

Wie die Leute von baskischer Abstammung hatte er ein langes Gesicht und eine Nase, welche gekrümmt war wie der Schnabel eines Raubvogels, große senkrechte Falten, welche von Säbelhieben herzurühren schienen, durchfurchten seine Wangen von oben bis unten.

Eine Art Livree mit verschossenen Tressen und von einer Farbe, welche ein Maler von Profession Mühe ge­habt hätte zu bestimmen, bedeckte zur Hälfte seine hier und da von dem Panzer blankgeriebene oder geschwärzte lederne Weste, denn Pierre war Soldat gewesen und behielt noch einige Bestandteile seiner kriegerischen Ausrüstung in seiner bürgerlichen Toilette bei.

Von seinen kahlen Beinkleidern war jede Spur von Haar oder Wolle schon längst verschwunden und ziemlich sichtbare Reparaturen von einer Hand, welche geübter war, den Degen als die Nadel zu führen, bewiesen, dass der Besitzer dieses Kleidungsstückes bemüht war, die Dauer des­selben bis auf die äußersten Grenzen auszudehnen.

Stricksohlen mit blauen Schnüren an einem wollenen Strumpf, dessen Fuß abgeschnitten war, befestigt, dienten Pierre als Fußbekleidung und erinnerten an die spanischen Alpargatas.

Diese plumpen Kothurne waren ohne Zweifel gewählt, weil sie wohlfeiler waren als lederne Schuhe oder Stiefel, denn eine strenge, kalte, saubere Armut verriet sich in den geringsten Einzelheiten der Bekleidung des Mannes, ja sogar in seiner düsteren, resignierten Haltung.

Den Rücken an die innere Fläche des Kamins lehnend, kreuzte er seine plumpen roten Hände, welche hier und da violett aussahen wie die Blätter des Weinstockes zu Ende des Herbstes, über den Knien und bildete ein unbewegliches Seitenstück zu der Katze.

Diese, welche sich ihm gegenüber in die Asche nieder­geduckt hatte, verfolgte immer noch mit hungriger Aufmerksamkeit das asthmatische Sieden des Kessels.

»Der junge Herr bleibt heute recht lange«, murmelte Pierre, indem er durch die räucherigen, gelben Glasscheiben des einzigen Fensters, welches die Küche erleuchtete, den letzten Lichtstreifen an dem mit schweren Regenwolken be­deckten westlichen Himmel erlöschen sah. »Was für ein Ver­gnügen kann er nur daran finden, so allein auf der Heide umherzustreichen! Freilich ist dieses Schloss so traurig, dass man sich außerhalb desselben schwerlich noch mehr langwei­len kann.«

Ein lustiges heiseres Gebell ließ sich hören, das Pferd stampfte in seinem Stall mit den Hufen und klirrte mit seiner Kette an dem Rand der Krippe. Die schwarze Katze unterbrach sich in der kleinen Toilette, die sie machte, indem sie mit ihrer vorher mit Speichel befeuchteten Pfote sich über die Backen und die gestutzten Ohren fuhr, und näherte sich, wie ein liebreiches höfliches Tier, welches seine Pflich­ten kennt und dieselben erfüllt, der Tür.

Diese öffnete sich. Pierre stand auf, nahm ehrerbietig seine Mütze ab und der Neuangekommene trat in das Zim­mer, während der alte Hund, von welchem wir schon ge­sprochen hatten, ihm voraneilte, einige Sprünge versuchte, aber altersschwach sich sofort auf den Boden niederstreckte.

Die Katze verriet gegen Miraut durchaus nicht die Antipathie, welche ihresgleichen gewöhnlich gegen das Hundegeschlecht an den Tag legen. Sie betrachtete ihn im Gegenteil mit sehr freundschaftlichem Blick, indem sie ihre grünen Augen hin und her rollte und den Rücken krümmte. Man sah, dass sie einander schon längst kannten und in der Einsamkeit des Schlosses sich oft Gesellschaft leisteten.

Der Baron von Sigognac – denn es war wirklich der Herr dieses verfallenen Schlosses, welcher nun in die Küche trat – war ein junger Mann von fünf- oder sechs­undzwanzig Jahren, obschon man ihn auf den ersten An­blick vielleicht für älter gehalten hätte, so ernst und gesetzt erschien er.

Das Gefühl der Ohnmacht, welches eine Folge der Armut ist, hatte die Heiterkeit aus seinen Zügen ver­scheucht und jene Frühlingsblüte getötet, welche sonst jugendlichen Gesichtern eigen zu sein pflegt.

Dunkle Ringe umgaben schon seine eingesunkenen Augen und seine hohlen Wangen ließen die Backenknochen ziemlich stark hervortreten. Sein Schnurrbart hing, anstatt flott und mutig die Spitzen emporzurecken, tief herab und schien ne­ben dem schwermütigen Mund zu weinen.

Sein nachlässig gekämmtes Haar hing lang und schwarz an seinem bleichen Gesicht herab und verriet einen Mangel an Koketterie, der bei einem jungen Mann, welcher fast für schön gelten konnte, notwendig auffallen musste, weil er auf eine absolute Verzichtleistung auf jede Idee, zu gefallen, schließen ließ.

Die Gewohnheit eines geheimen Kummers hatte be­reits schmerzliche Falten in seinem Antlitz entstehen lassen, welches durch ein wenig Glück reizend liebenswürdig gewor­den wäre. Die einem so jugendlichen Alter sonst eigen­tümliche Entschlossenheit schien sich vor einem vergeblich bekämpften Schicksal zu beugen.

Obschon behände und mit einer mehr rüstigen als schwachen Konstitution ausgestattet, bewegte der junge Baron sich doch mit einer apathischen Langsamkeit wie jemand, der vom Leben Abschied genommen hatte. Sein Gebärdenspiel war schläfrig und tot, seine Haltung träge und man sah ihm an, dass es ihm vollkommen gleich war, ob er hier oder dort wäre, ob er ginge oder käme.

Auf dem Kopf trug er einen alten grauen Filzhut, der ihm viel zu weit war und bis auf die Augenbrauen herabfiel, sodass der junge Mann, um zu sehen, die Nase emporheben musste. Eine Feder, welche infolge ihrer Kahlheit mehr einer Fischgräte glich, fiel schlaff hinten vom Hut herab, als ob sie sich vor sich selbst schämte.

Ein antiker Spitzenkragen, dessen Durchsichtigkeit nicht alle von der Geschicklichkeit des Arbeiters herrührten, war über den Halsausschnitt des Wamses herabgeschlagen, dessen weite Falten verrieten, dass es für einen Mann zugeschnitten worden, welcher größer und stärker war als der schlanke junge Baron.

Die Ärmel dieses Wamses bedeckten die Hände wie Manschetten und die großen, mit eisernen Sporen bewaffne­ten Stiefel reichten ihm bis an den Leib herauf.

Dieses wunderliche Kostüm war das seines vor mehre­ren Jahren verstorbenen Vaters, dessen Kleider er vollends abtrug, obwohl sie bereits zur Zeit des Ablebens ihres ersten Besitzers für den Trödler reif waren.

In dieser Weise ausstaffiert, bot der junge Baron einen gleichzeitig lächerlichen und rührenden Anblick dar. Man hätte ihn für seinen eigenen Großvater halten können.

Obwohl er gegen das Andenken seines Vaters eine vollkommen kindliche Verehrung an den Tag legte und ihm oft die Tränen in die Augen traten, wenn er diese teuren Reliquien anlegte, welche in ihren Falten die Gebärden und Stellungen des alten seligen Barons zu bewahren schienen, so machte der junge Sigognac doch von der väterlichen Garderobe nicht etwa deshalb Gebrauch, weil er Geschmack daran gefunden hätte. Er hatte einfach keine anderen Kleider und war sehr froh gewesen, als er in einem alten Koffer diesen Teil seiner Erbschaft gefunden hatte.

Seine Jünglingskleider waren zu klein und zu eng ge­worden. Die seines Vaters waren ihm wenigstens bequem.

Die Bauern, welche daran gewöhnt gewesen waren, sie auf dem Rücken des alten Barons zu ehren, fanden sie auf dem des Sohnes nicht lächerlich und verneigten sich mit demsel­ben Respekt davor, während sie die Risse des Wamses ebenso wenig gewahrten wie die Sprünge in den Mauern des alten Schlosses.

Sigognac, wie arm er auch sein mochte, war in ihren Augen immer der Herr, und der Verfall dieser Familie war ihnen nicht so auffällig, wie er fremden Leuten gewesen wäre.

Dennoch aber war es ein ziemlich grotesk melancholi­scher Anblick, den jungen Baron in seinen alten Kleidern, auf seinem alten Pferd, von seinem alten Hund begleitet wie den Tod auf Albrecht Dürers bekanntem Bild vorüber­reiten zu sehen.

Der Baron setzte sich schweigend an den kleinen Tisch, nachdem er Pierres ehrerbietigen Gruß durch eine wohl­wollende Handbewegung erwiderte.

Pierre hob den Kessel vom Feuer und goss den Inhalt desselben auf das schon vorher geschnittene Brot in einen gewöhnlichen irdenen Napf, den er dem Baron vorsetzte.

Es war dies die gewöhnliche Suppe, wie man sie jetzt noch in der Gascogne zu essen pflegt.

Dann nahm er aus dem Schrank ein großes Stück Speck auf einem Holzteller, welcher mit einer mit Mais­mehl bestreuten Serviette bedeckt war, und setzte es auf den Tisch. Dies war das frugale Mal des Barons, welcher mit zerstreuter Miene aß, während der Hund und die Katze rechts und links neben ihm die Schnauzen in die Luft em­porreckten und warteten, dass auch ihnen einige Brotsamen von dem Schmaus zufielen.

Von Zeit zu Zeit warf der Baron einen Bissen Brot, welchen er vorher an dem Speck gerieben hatte, um ihm wenig­stens einen Fleischgeruch mitzuteilen, dem Hund zu, der den Bissen nicht erst auf den Boden fallen ließ, sondern geschickt aufschnappte.

Die Speckschwarte fiel der Katze zu, deren Befriedi­gung sich durch dumpfes Schnurren und die ausgestreckte Pfote verriet, indem sie zugleich alle Krallen ausstreckte, wie um sich zur Verteidigung ihrer Beute bereitzuhalten.

Nachdem dieses magere Mahl beendet war, schien der Baron in schmerzliche Betrachtungen oder wenigstens in eine Zerstreutheit zu versinken, deren Gegenstand nichts An­genehmes hatte.

Miraut, der Hund, hatte seinen Kopf auf das Knie seines Herrn gelegt und heftete auf ihn seine von Alter bläulich umschleierten Augen, obwohl aus denselben ein Funke beinahe menschlicher Intelligenz zu leuchten schien. Es war, als ob er die Gedanken des Barons verstünde und ihm seine Sympathie zu erkennen zu geben suchte.

Die Katze schnurrte so geräuschvoll als möglich und ließ von Zeit zu Zeit ein leises, klägliches Miauen hören, um die anderwärts weilende Aufmerksamkeit des Barons auf sich zu lenken.

Pierre stand in einiger Entfernung unbeweglich wie jene langen steifen Granitbildsäulen, welche man an den Vorhallen der Kathedralen sieht. Das Nachdenken seines Herrn respektierend, wartete er stumm, bis dieser ihm einen Befehl erteilen würde.

Mittlerweile war es Nacht geworden und große Schat­ten sammelten sich in den Winkeln der Küche gleich den Fledermäusen, welche sich mit den Fingern ihrer Flügel­häute an den Mauerrändern festkrallen. Das von einem Windstoß, der sich im Schorn­stein verfangen hatte, wieder angefachte Feuer kolorierte mit seltsamem Widerschein die mit einem gewissen Grad weh­mütiger Vertraulichkeit, welche die melancholische Ver­ödung des Schlosses noch mehr hervortreten ließ, um den Tisch versammelte Gruppe.

Von einer früher mächtigen und reichen Familie war nur noch ein vereinzelter Sprössling übrig, der wie ein Schatten in diesem, von seinen Ahnen bevölkerten Herrensitz umherirrte.

Von den zahlreichen Dienern war nur noch ein Einzi­ger vorhanden, der bloß aus treuer Anhänglichkeit blieb und nicht wieder ersetzt werden konnte.

Von einer Meute von dreißig Jagdhunden lebte nur noch ein Einziger, beinahe blind und altersgrau, und eine schwarze Katze musste Leben in die verödete Wohnung bringen helfen.

Der Baron gab Pierre durch einen Wink zu verstehen, dass er sich zur Ruhe begeben wolle.

Pierre bückte sich, zündete einen Kienspan, wie die armen Landleute sich deren als Licht bedienen, an und be­gann dem jungen Herrn voranzuschreiten. Miraut und Beel­zebub bildeten den Nachtrab.

Der räucherige Schein der Fackel ließ die verblichenen Freskogemälde an den Wänden der Treppe hin- und her­schwanken und verlieh den Bildnissen im Speisesaal, deren schwarze starre Augen einen Blick schmerzlichen Mitleids auf ihren Nachkommen zu werfen schienen, einen Anschein von Leben.

In dem eben beschriebenen gespenstischen Schlafzimmer angelangt, zündete Pierre eine kleine Messinglampe an, deren Docht sich in dem Öl krümmte wie ein Bandwurm im Spiritus am Schaufenster eines Apothekers, und zog sich dann mit Miraut zurück.

Die Katze, welche sich größerer Vorrechte erfreute, lagerte sich auf einem der Sessel.

Der Baron sank, niedergedrückt durch Einsamkeit, Be­schäftigungslosigkeit und Langweile, auf den anderen nieder.

Wenn das Zimmer schon am Tage ein gespenstisches Ansehen hatte, so war dies abends beim zweifelhaften Schein der Lampe noch weit mehr der Fall.

Die von der feuchten Atmosphäre umgebene Flamme des Lichtes begann zu knistern und zu flackern, der Wind er­zeugte draußen in den engen Gängen Töne, welche denen einer Orgel glichen, und in den öden Zimmern ringsumher ließ sich ein eigentümliches, furchteinjagendes Geräusch hören.

Das Wetter war schlecht geworden und große von dem Wind gepeitschte Regentropfen schlugen an die in ihren bleiernen Maschen gerüttelten Glasscheiben. Zuweilen schien die Verglasung sich öffnen zu wollen, als ob von draußen eine Hand daran herumarbeitete. Es war das Knie des Sturmes, welcher auf das zerbrechliche Hindernis drückte.

Manchmal stieß, um das Konzert durch eine neue Stimme zu vermehren, eine der unter dem Dach nistenden Eulen einen kläglichen Schrei aus, welcher dem eines erdros­selt werdenden Kindes glich, und streifte mit schwerem Flü­gelschlag am Fenster vorbei.

Der Herr dieser traurigen Räume war an diese un­heimliche Musik gewöhnt und achtete weiter nicht darauf. Nur die Katze bewegte mit der den Tieren ihrer Gattung angeborenen Unruhe bei jedem Geräusch die Wurzeln ihrer verschnittenen Ohren und blickte starr in die finsteren Winkel, als ob sie mit ihren im Dunkel sehenden Augen etwas für das menschliche Auge Unsichtbares wahrgenommen hätte.

Sigognac nahm vom Tisch ein kleines Buch, dessen abgerissener Einband das Wappen der Familie trug, und begann nachlässig darin herumzublättern.

Wenn auch seine Augen genau den Zeilen folgten, so waren doch seine Gedanken anderwärts oder fanden an den Liebesgedichten Ronsards trotz ihrer schönen Reime und ihrer gelehrten Anspielungen ein nur mäßiges Interesse.

Es dauerte nicht lange, so warf er das Buch wieder von sich und begann sein Wams langsam aufzuknöpfen wie ein Mensch, der nicht Luft hat, zu schlafen, und sich bloß niederlegt, weil er nicht weiß, was er sonst beginnen soll, und die Langweile in den Schlaf zu versenken sucht. Die Sandkörner fallen gar so langsam in einer schwarzen, reg­nerischen Nacht im Inneren eines verfallenen Schlosses, wel­ches von einem Ozean von Heidekraut ohne ein einziges lebendes Wesen zehn Meilen in der Runde umgeben ist.

Der junge Baron, der einzige noch lebende Sprössling der Familie Sigognac, hatte in der Tat viele Beweggründe zur Melancholie.

Seine Vorfahren hatten sich auf verschiedene Weise ruiniert, teils durch das Spiel, teils durch den Krieg oder durch die eitle Begier zu glänzen, sodass jede Generation der nachfolgenden ein immer kleineres Erbteil hinter­lassen hatte.

Die Lehengüter, die Meiereien, die Pachthöfe und die Ländereien, welche zum Schloss gehörten, waren eins nach dem anderen in fremde Hände übergegangen und der letzte Sigognac hatte nach unerhörten Anstrengungen, um das Vermögen der Familie wiederherzustellen – An­strengungen, welche erfolglos bleiben mussten, weil es zu spät ist, das Leck eines Schiffes erst dann zu verstopfen, wenn es schon untergeht – seinem Sohn weiter nichts hin­terlassen als dieses alte verfallene Schloss und die wenigen Äcker unfruchtbaren Bodens, welche die nächste Umgebung bildeten. Alles andere hatte den Gläubigern und den Ju­den überlassen werden müssen.

Die Armut hatte daher den Knaben in ihren ma­geren Händen gewiegt und seine Lippen hatten an einer un­ergiebigen Brust gesogen. Schon in der frühesten Jugend seiner Mutter beraubt, welche vor Schwermut in diesem verfallenen Schloss gestorben war, weil sie an das Elend dachte, welches später auf ihrem Sohn lasten und ihm jede Laufbahn verschließen musste, kannte er nicht die süßen Liebko­sungen und die zärtliche Fürsorge, von welcher die Jugend selbst in den weniger glücklichen Familien umgeben ist.

Die Liebe seines Vaters, den er gleichwohl betrauerte, hatte sich in der Regel nur durch einige Fußtritte oder An­drohung der Peitsche zu erkennen gegeben.

In diesem Augenblick langweilte er sich so sehr, dass er sich glücklich geschätzt haben würde, eine dieser väter­lichen Zurechtweisungen zu erhalten, bei deren Erinnerung ihm die Tränen in die Augen traten, denn ein Fußtritt, welchen der Vater dem Sohn gibt, ist doch eine menschliche Kundgebung, und seit den vier Jahren, während der Baron ausgestreckt unter der Steinplatte in der Gruft der Fa­milie Sigognac schlief, lebte der Sohn in der tiefsten Ein­samkeit.

Seinem jugendlichen Stolz widerstrebte es, bei den Festen und den Jagden unter dem Adel der Provinz ohne den seinem Stand zukommenden Glanz zu erscheinen.

Was würde man in der Tat gesagt haben, wenn man den Baron von Sigognac in dem Kostüm eines Bettlers oder Apfelpflückers gesehen hätte!

Diese Erwägung hatte ihn auch abgehalten, irgendeinem Fürsten seine Dienste anzubieten.

Viele Leute glaubten daher, die Sigognac seien voll­kommen ausgestorben und die Vergessenheit, welche über den Toten noch schneller sprosst als das Gras, verwischte diese früher angesehene und reiche Familie. Nur wenige Leute wussten, dass von diesem herabgekommenen Geschlecht noch ein Sprössling existierte.

Seit einigen Augenblicken schien die Katze unruhig zu werden. Sie hob den Kopf, als ob sie etwas Befremdendes witterte. Sie richtete sich an dem Fenster empor und stemmte die Pfoten an die Glasscheiben, als ob sie die schwarze Re­gennacht durchdringen wollte. Ihre Nase zuckte und be­wegte sich.

Es dauerte nicht lange, so wurden diese Pantomimen durch ein langanhaltendes Geheul des Hundes draußen unterstützt. Ganz bestimmt ging in der gewöhnlich so ruhi­gen Umgebung des Schlosses etwas ganz Besonderes vor.

Miraut fuhr fort, mit der ganzen Energie zu bellen, welche seine chronische Heiserkeit ihm gestattete.

Der Baron knüpfte, um auf jedes Ereignis gefasst zu sein, das Wams, welches er auszuziehen im Begriff ge­standen war, wieder z, und richtete sich auf seine Füße empor.

»Was hat denn Miraut, der sonst, sobald die Sonne untergegangen ist, auf dem Stroh seiner Hütte schnarcht, wie der Hund der Siebenschläfer, dass er einen solchen Lärm macht? Sollte vielleicht ein Wolf um das Haus herum­schleichen?« ,sagte der junge Mann, indem er einen Degen mit schwerer eiserner Glocke umgürtete, den er von der Mauer herabnahm und dessen Riemen er in das allerletzte Loch schnallte, denn der für die Taille des alten Barons zugeschnittene Lederstreifen wäre um die des Sohnes zwei­mal herumgegangen.

Drei heftige Schläge, die an das Tor des Schlosses getan wurden, hallten in gemessenen Zwischen­räumen und weckten das Echo in den leeren Zimmern.

Wer konnte zu dieser Stunde die Einsamkeit des Schlosses und das Schweigen der Nacht stören? Pochte vielleicht ein schlecht unterrichteter Reisender an dieses Tor, welches sich seit so langer Zeit keinem Gast geöffnet hatte, nicht aus Mangel von Gastfreundschaft vonseiten des Wirtes, sondern aus Mangel an Besuchen? Wer verlangte in diese Herberge des Hungers, in diesen Hof des Fastens, in dieses Haus der Entbehrung und der schmalen Bissen aufgenom­men zu werden?

Show 1 footnote

  1. froschartige Amphibien