Download-Tipp
Band 4

Heftroman der Woche

Archive
Folgt uns auch auf

Fort Wayne – Band 2 – Kapitel 5

F. Randolph Jones
Fort Wayne
Eine Erzählung aus Tennessee
Zweiter Band
Verlag von Christian Ernst Kollmann. Leipzig. 1854

Fünftes Kapitel

Wir verließen Doktor Littlewood, die Blume der Ärzte Carolinas, in der unbehaglichen und wenig beneidenswerten Lage eines Gefangenen der Cherokee, wie er, angetrieben von einem entschlossenen und an Hilfsmitteln reichen Geist, die vier Wände seines finsteren Aufenthaltes tastend untersuchte, um irgendeinen schwachen, dem Versuch zur Flucht günstigen Punkt zu entdecken. Leider sah er sich in seinen Wün­schen bitter getäuscht. Das Holzwerk war überall stark genug, um selbst den Angriffen eines stärkeren und mit geeigneteren Werkzeugen ausgerüsteten Man­nes zu widerstehen, als Doktor Littlewood, der, nachdem er die Taschen seines Rockes und seiner Bein­kleider sorgfältig durchsucht hatte, die Entdeckung machte, dass dieses Geschäft bereits von den Indianern mit bewunderungswürdiger Gründlichkeit verrichtet worden war, sodass es ihm durchaus nicht gelang, etwas anderes und Besseres zutage zu fördern, als eine Zahnbürste und ein durchweichtes, zum Teil bereits in seine Ur­bestandteile aufgelöstes Exemplar des Charleston Observers – ­traurige Reliquien einer schönen Vergangenheit, deren Andenken des Doktors Herz mit Sehnsucht und tiefer, aufrichtiger Reue ob seiner leicht­sinnigen Einmischung in die Angelegenheit anderer erfüllte.

Niedergedrückt von derartigen traurigen Betrach­tungen, welche durch ein gewisses, von dem langen Entbehren einer guten Mahlzeit herrührendes Nagen in den Eingeweiden wesentlich vermehrt wurden, fühlte Littlewood bereits seine Philosophie, wie seinen Mut schwinden, als ein leichtes Geräusch an der Tür seine ganze Aufmerksamkeit fesselte. Er hörte, wie draußen der schwere, aus einem mächtigen Balken bestehende Riegel zurückgeschoben und leise flüsternde Worte aus­getauscht wurden, in welche sich bisweilen ein kläg­liches Ächzen und Röcheln mischte. Bald darauf wurde die Tür ein wenig geöffnet. Es erschien ein bronzefarbiges, von einem dichten mit Federn und Bändern durchflochtenen Haarwulst gekröntes Gesicht, dessen Besitzer noch nicht mit sich einig zu sein schien, ob er bei dem gefangenen großen Medizinmann eintreten solle oder nicht. Durch das ungeduldige Drängen einer zweiten Person wurde es jedoch ohne Weiteres hereingeschoben oder vielmehr gestoßen. Nun sah sich der Doktor mit Befremden einer hübschen, jungen Indianersquaw gegenüber, welche ein mit Fellen und Baststreifen umhülltes Paket auf dem Arm trug, und deren große, von Tränen glänzende Augen sich mit einem so lebhaften Ausdruck von Angst und Hoffnung auf den Doktor hefteten, dass dieser, ehe sie noch das Bündel gelöst hatte, überzeugt war, eine Mutter vor sich zu sehen, welche ihn um das Leben ihres kranken Kindes anflehte. Ohne ein Wort zu sprechen, entfernte sie sorgfältig und doch mit fiebernder Hast die weichen Fellchen und Bänder von dem kranken Liebling und reichte ihn Littlewood hin, bei dem das Interesse an seiner Kunst nicht minder als die angeborene Herzensgüte in diesem Augenblick alle anderen Gedanken und selbst das Bewusstsein seiner Lage in den Hintergrund drängten.

Durch die halb geöffnete Tür, vor welcher der Indianer, augenscheinlich ein unter dem Pantoffelregiment seiner Venus schmachtender Mars, auf der Erde hockte, drang voll und klar die sanfte Lichtflut des Mondes herein und gestattete dem Doktor, den Zustand des wimmernden Patienten zu untersuchen. Das Gesicht des kleinen Burschen war unnatürlich aufgedunsen, die Augen quollen aus ihren Höhlen hervor, und die Händchen fuhren konvulsivisch, wie im Gefühl des höchsten Schmerzes, zum dick angeschwollenen Hals. Kopfschüttelnd betrachtete Littlewood einen Augenblick das Kind.

Dann sich rasch zu der in angstvoller Spannung harrenden Mutter wen­dend, sagte er: »Was habt Ihr mit dem armen Wurm ange­fangen, Frau? Bei meiner Perücke, die jetzt leider als Trophäe an Takannahs Gürtel baumelt – das Jüngelchen hat einen Knochen oder dergleichen im Schlund!«

»Die Bleichgesichter sind sehr klug, sie wissen alles wie Wahkondah!«, flüsterte die Indianerin, »kleiner Chig-ha-bag Fisch gegessen, guter Fisch …«

»Sancta simplicitas!«, rief der Doktor, »das Ding ist kein Vierteljahr alt und Ihr füttert es mit Forellen und Schleien? Natürlich hat es ein ganzes Rückgrat in der Kehle stecken und den soll ich nun herausholen ohne Instrumente, ohne …«

»Chig-ha-bag sterben, wenn weißer Medizinmann nicht helfen!«, schluchzte die unglückliche Mutter. »Hier ist Otochee …« Damit deutete sie auf ihren Gatten, der nun gleichfalls in lautes Stöhnen ausbrach. »Otochee wird reiche Gaben spenden, alles spenden, wenn sein Kind am Leben bleibt!«

»Hm!«, sagte der Doktor und warf einen scharfen, giftigen Blick auf den Indianer, »warst auch einer von denen, die mich am Tennessee einbündelten. Ich kenne dich wohl, und du ver­dienst wahrhaftig nicht, dass ich etwas für dich tue. Indes …«

Das Übrige verlor sich in einen brummenden Monolog, währenddessen Littlewood fortfuhr, den Zustand des Kindes zu prüfen und sich vollends über­zeugte, dass der Kleine in der Tat eine Fischgräte im Schlund sitzen habe. Noch war Rettung möglich und das Entfernen des fremden Körpers sogar verhältnismäßig leicht; aber wo ein geeignetes Instru­ment zum Erfassen des Hindernisses hernehmen? Suchend schweifte sein Auge in dem Gemach umher. Da durchblitzte ihn ein genialer Gedanke, eine jener plötzlichen Inspirationen, die den Feldherren im entscheidenden Augenblicke die Schlacht gewinnen, den Politiker eine Revolution zustande bringen, die einem Cäsar, einem Kolumbus, einem Newton den Gipfel des Weltruhmes erringen lassen! Littlewoods Hände begruben sich aufs Neue in die Taschen seines Leibrockes und förderten wiederum die verhängnisvolle Zahnbürste zutage; aber diesmal betrachtete er sie nicht mit trauernder Resignation, sondern mit Blicken, wie Held Roland sein gefeites Schwert und Tasso seine göttliche Feder. Während die Linke den Kopf des in den Armen der Mutter immer schwerer röchelnden Kin­des sorgfältig unterstützte, praktizierte er mit der Rech­ten den glatten, schaufelförmigen Stiel des wunder­samen Instruments in den Mund desselben, sondierte die Kehle mit kunstgeübter, fester Hand und beförderte, den kleinen Finger zu Hilfe nehmend, nach einer Minute unter gewaltigem Husten und Schlucken des Patienten das Korpus delicti, eine kurze, aber starke Gräte, triumphierend ans Licht.

Sofort stellte sich auch die gesegnete Wirkung der Operation ein; die unnatürliche Röte verschwand aus dem Gesicht des Kindes, und sein helles, gellendes Schreien kontrastierte so süß und trostreich mit dem dumpfen Röcheln vorher, dass die von einer Zentnerlast befreite Mutter mit lautem Jauchzen bald den Knaben, bald Hände, Rock und Füße des glorreichen Doktors mit Küssen bedeckte – ein Gefühlserguss, in welchem sie ihr gehorsamer und nicht minder erfreuter Gatte so stürmisch und nachdrücklich unterstützte, dass Littlewood beinahe umgeworfen wurde.

»Enough! Are you mad? Genug seid Ihr toll, Leute?«, rief er, indem er mit beiden Händen das dankbare Ehepaar abwehrte, »ja, was eine Zahnbürste nicht alles leisten kann, natürlich in den Händen eines Arztes! Aber jetzt geht endlich Eurer Wege oder nein! Halt! Wahrhaftig, mir dünkt, ich habe mein Honorar ehrlich verdient und darf meine Rechnung machen!« Ein Blick zu der stillen, vom Mond erglänzten Rasenfläche und zu dem in der Ferne lodernden Wacht­feuer seiner Kerkermeister hatte plötzlich das jedem Amerikaner angeborene praktische Element geweckt – jenes Element, vermöge dessen der Yankee sich berechtigt, ja verpflichtet glaubt, aus jeder guten Handlung, sie sei auch noch so uneigennützig motiviert und ausgeführt, dennoch irgendeinen Nutzen, einen reellen Gewinn zu ziehen. Draußen lag die Freiheit, ganz nahe der dunkle Wald, einladend zur Flucht und Rettung aus schmählicher Gefangenschaft. Drüben schnarchten seine Dränger, barbarische Idioten, die seiner heiligen Kunst keinen anderen Tribut als heid­nischen Aberglauben zu spenden wussten. Vor ihm, im wörtlichen Sinne anbetend auf den Knien, lagen zwei Menschen, denen er mit dem Leben des geliebten Kindes das höchste Glück beschert hatte, welches selbst der roheste Naturmensch hoch über alle Güter der Erde stellt. War es also unbillig, wenn Littlewood mit Feuer den Gedanken ergriff, sich seinen Dienst durch die Zurückgabe der Freiheit bezahlen zu lassen? Handelte er unrecht, wenn er von dem Indianerpaar Leben für Leben, Glück für Glück verlangte?

»Was hilft mir Euer Umhalsen und Lobpreisen?«, sagte er daher rasch, »damit bin ich unten in Charleston oft genug geplagt worden und verdammt – wenig Münze gab es gewöhnlich hinterdrein. Ich habe Euer Kind vom Tode gerettet, helft mir jetzt gleichfalls aus der Patsche und lasst mich heraus aus diesem abscheulichen Loch. In fünf Minuten bin ich im Busch, Ihr verriegelt wieder die Tür und niemand kann Euch zur Rechenschaft ziehen, dass Ihr eine christliche Handlung verrichtet habt!« Wohl eine Minute lang starrten ihn die beiden mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens an, besonders der Mann schien durch das Verlangen des Doktors ganz und gar außer Fassung gesetzt. Aber im Herzen der Indianerin weckte die Mutterliebe schnell das Verständnis für die Bitte des weißen Mannes, und mit einem holden Lächeln – einem Lächeln, welches auf dem Antlitz der schönsten Europäerin wie ein Strahl des Himmels geglänzt haben würde – legte sie einen Finger der rechten Hand auf die Lippen, während die Linke verstohlen zu der halb ­offenen Tür deutete. Mehr bedurfte es nicht, um Littlewoods volle Energie zu wecken. Mit einem Sprung hatte er über den Indianer hinweg, der sich überkugelte, das Freie erreicht. Ein Blick auf das Dorf überzeugte ihn, dass er von dort aus nicht bemerkt werde. Nun spannte er seine erschöpften Kräfte zu einem wilden Rennen an, als ob eine heu­lende Jagdmeute ihm auf den Fersen sei. Bald war der Waldsaum erreicht; noch einige Schritte wankte er in das Dickicht hinein, dann aber machte die erschöpfte Natur ihre Rechte geltend und atemlos, einer Ohnmacht nahe, sank Littlewood am Stamm einer alten Platane nieder, unfähig weiterzugehen, hätte es ihm auch zehn Leben gekostet.

Desto größer war sein Entsetzen, als er nach einer Viertelstunde, eben im Begriff, mit wankenden Knien aufzustehen und die Flucht fortzusetzen, ein Rascheln im Gebüsch vernahm und ein braunes, indianisches Antlitz lauschend und still aus den Zweigen auftauchte. Mit einem lauten Schreckensruf sprang er zurück – aber wie dankbar, wie himmelsfroh er­glänzten seine Züge, als er die Mutter des kleinen Chig-ha-bag erkannte, die mit freundlichem Lächeln, ein beträchtliches Bündel in der Hand, sich ihm näherte.

»Guter, weißer Mann Hunger haben und Durst!«, sagte die Frau leise, »der Weg ist weit durch die Wälder und das Wild schneller als der Fuß des Jägers, der ohne Waffen geht. Nimm und Wahkondah führe dich glücklich in das Land der Bleichgesichter zurück.«

Das Päckchen vorsichtig zu des erstaunten Doktors Füßen auf die Erde legend, verschwand sie wieder im Schatten der Nacht, gleich der wohltätigen Fee eines Zaubermärchens, für die sie Littlewood auch zu halten geneigt war, besonders als er mit freude­trunkenen Blicken die Gegenstände musterte, welche das feine Mattengeflecht enthielt. Da waren fünf oder sechs jener schmackhaften gelben Maiskuchen, die niemand besser zubereiten weiß, als eine indianische Hausfrau, ferner ein Bündel getrockneter Fische, ein mächtiges Stück im Boden zwischen heißen Steinen geröstetes Hirschfleisch, endlich die Krone und das Kostbarste des reichen Segensgeschenkes: ein kurzer, trefflich gehaltener Karabiner, ohne Zweifel der Stolz und das höchste Besitztum des Gatten der Spenderin, welches sicherlich ohne dessen Wissen in das Bündel gewandert war. Ein ledernes Beutelchen vervollstän­digte den köstlichen Schatz, für dessen Geberin gewiss niemals so inbrünstig und aus so tief ergriffenem Herzen gebetet wurde, als es nun von Littlewood geschah. Alle Müdigkeit, jede Spur von Erschöpfung war aus seinen Gliedern geschwunden; kaum nahm er sich Zeit, einen Maiskuchen und ein Stück Fleisch zu genießen, dann lud er sorgsam das Gewehr, riss einige trockene Schlingpflanzen vom Stamm des nächsten Baumes und drehte daraus ein haltbares Seil zusammen, mit dessen Hilfe er das Paket auf seinem Rücken befestigte und schritt nun, das vollendete Bild eines hinterwäldlerischen Streifschützen, frisch und wohlgemut in die Tiefe des Forstes, mit der lebhaften Hoffnung, die Spur seiner Gefährten wieder zu finden.

Wir übergehen zwei Tage in der Pilgerfahrt unseres Flüchtlings, da dieselben zwar voll Mühe, Anstrengung und Beschwerde, aber leer an Abenteuern waren – ein Umstand, zu dem sich Littlewood von Herzen Glück wünschte, als er beim Anbruch des dritten Morgens aus dem Wald in eine Lichtung heraustrat und mit freudigem Cheer! die Fenz einer Farm übersprang, welche nebst einigen anderen Blockhäusern freundlich und sonnenbeglänzt am linken Ufer des Duck River lag. Lautes Hundegebell empfing den wundersam derangiert ausschauenden Fremdling; zwei Männer, die an der Tür des Hauses lehnten, sahen auf und unterbrachen ihr Gespräch. Plötzlich eilte der eine mit einem lauten Ausruf freudigen Erstaunens dem Ankömmling entgegen, der nach dem schmerzlich betrauerten Verlust seiner Brille sich anfangs nicht zu erklären vermochte, wer ihn mitten in der Wildnis so kräftig mit seinem Namen bewillkommnen konnte.

»Littlewood! Doktor Littlewood! Was in des Himmels Namen bringt Euch hierher? Kennt Ihr Euren dankbaren Freund und Schützling nicht mehr?«, rief der Fremde, dem Doktor mit inniger Herzlichkeit die Hand schüttelnd.

»Richard Morris! Bei der Seele meines Vaters, seid Ihr es wirklich?«, schrie nun Littlewood. Sein wohlwollendes Antlitz verklärte sich im Son­nenschein der Freude. »Hätte ich doch eher geglaubt, dem großen Mogul zu begegnen, als Euch, den ich längst jenseits des Ohio dachte! Und Euer Weibchen, he? Die schöne Edista? Nun? Was ist Euch denn? Ich will nicht hoffen …«

Richards Züge verwandelten sich so plötzlich, das frohe Lächeln des Willkomms verschwand so rasch unter den Wolkenschatten tiefen Schmerzes, dass der Doktor in teilnehmender Angst erbebte.

»Um Christi Willen«, fragte er mit zitternder Stimme, »ist Eurem Weib ein Unglück begegnet? Redet! Sprecht! Sie ist doch nicht …?«

»Schlimmer als tot!«, versetzte Morris mit dumpfem Ton, »sie ist mir geraubt worden, ist in den Händen der Indianer und ich bin ausgezogen, sie zu suchen oder zu rächen. O, Doktor! Doktor! Welch schreckliches Geschick!«

Die Stimme versagte Morris, helle Tränen liefen über seine gebräunten Wangen herab. Nichts wirkt erschütternder, als der Schmerz des starken Mannes; so wurde auch Littlewood so tief er­griffen von der schrecklichen Nachricht, dass er vergeblich ein dumpfes Schluchzen zu unterdrücken strebte.

»Das ist furchtbar, Richard!«, sagte er nach einer Weile in langen Absätzen und mit gepresster Stimme. »Ihr habt recht, lieber möchte ich Edista tot wissen, als in den Händen dieser heulen­den Barbaren. Aber ich bitte Euch, verliert den Mut nicht! Ihr sagt, Ihr seid aus, sie zu suchen; wohlan, ich gehe mit Euch; Gott wird uns bei­stehen und wir werden sie finden! Erzählt mir jetzt zuvörderst, wie dies alles gekommen ist; dann wollen wir Rat halten und mit vereinten Kräften ans Werk gehen.«

»Kommt ins Haus, Doktor!«, versetzte Morris, sich ermannend, »mein wackerer Wirt kennt bereits mein Unglück. Ihr findet auch Pompey drinnen, der geschworen hat, Edistas Räuber aufzuspüren oder zu sterben.«

Die beiden Männer traten in die dunkle, enge Blockhütte und setzten sich am Feuer nieder, wo der schwarze Diener mit dem Reinigen seiner und seines Herren Büchse beschäftigt war. Er begrüßte den Doktor mit lärmender Freude und begleitete die Erzählung Richards mit so ausdrucksvollen Pantomimen und Gesten, dass sein Gebaren bei einer minder traurigen Veranlassung ohne Zweifel lautes Gelächter erregt haben würde. Der ehrliche Farmer bereitete inzwischen ein Frühstück, während er kräftige Flüche und die nachdrücklichsten Verwünschungen des indianischen Gezüchts vor sich hinmurmelte.

Littlewood folgte der Erzählung Richards mit äußerster Spannung; obwohl dieser die schwere Schuld seines Vaters an Edistas Unglück nur leise andeutete – ach, leider durfte er selbst nach dem, was ihm sein getreuer Pompey, der ungesehene Zuschauer des abscheulichen Verrates, mitgeteilt hatte, keinen Zweifel mehr hegen – so durchschaute der Doktor doch alsbald das dunkle Gewebe so klar, als sei er Zeuge der berührten Tatsachen gewesen. Aber merkwürdig genug – und fast verdross es Morris – zeigte sich in seinen Zügen gegen das Ende des Berichtes nicht sowohl die Erregtheit des tiefen, schmerzlichen Mitgefühls, als vielmehr eine gewisse kombinierende und Schlüsse ziehende Aufmerksamkeit, die es nicht erwarten zu können schien, die gewonnenen Resultate preiszugeben. Als nun Richard Morris schließlich er­wähnte, dass die Indianer allem Anschein nach sich in südlicher Richtung zum Tennessee zurückgewendet haben müssten, da er seit vier Tagen ihre Spur gänzlich verloren hatte, da sprang der Doktor von der Bank auf.

Sein Gesicht glänzte von Intelligenz und freudiger Zuversicht, als er mit emphatischer Stimme ausrief: »Nun » und ich, Frank Ephraim Littlewood, sage Euch und wette fünf gegen hundert, dass Edista Beaufort oder vielmehr Mrs. Morris in diesem Augen­blick so wenig in dem Wigwam eines Indianerdorfes steckt, wie wir auf der gesegneten Manhattaninsel! Jetzt erst verstehe ich, was der Erznarr, der Takannah, damit sagen wollte, dass unsere Reisegesellschaft ihm eine seinem Schutz übergebene Weiße entführt habe. Ja, ja, Richard, unten am Tennessee haben wir Euer Weib den Spitzbuben abgejagt, und ich will keinen Tropfen Toddy mehr auf die Zunge nehmen, wenn Chevalier de Raucourt und die anderen ihr nicht in diesem Augenblick innerhalb der Palisaden von Fort Wayne den Hof machen!«

Richard Morris war bei dieser unerwarteten Mit­teilung außer sich vor Bewegung, deren Veranlassung einerseits die zuversichtliche Freudenbotschaft des Dok­tors, andererseits aber die Erwähnung eines Namens war, den er als den Zerstörer seines Glückes, als die eigentliche Ursache der verhängnisvollen Flucht durch die Wildnis fürchten und hassen gelernt hatte. Er bestürmte daher den Doktor mit einer Flut von Fra­gen, und es dauerte lange, ehe er in seiner Aufregung Littlewood zu einer geordneten Erzählung der Ereignisse kommen ließ, welche sich an Chevalier de Raucourts abenteuerliche Expedition zur Aufsuchung Edistas knüpften. Obwohl der Doktor die Beweg­gründe des Chevaliers möglichst zu mildern und in ein gutes Licht zu stellen suchte, entging es ihm nicht, dass Morris, der finster und mit eifersüchtigem Groll zuhörte, keineswegs die wahren oder geheuchelten optimistischen Ansichten des Berichterstatters teilte. Er schloss daher mit der Versicherung, dass, wie sehr auch de Raucourt sich durch die Vereitelung seiner Hoff­nungen gekränkt fühlen möge, er dennoch unter allen Umständen die Ehre Edistas und ihre Frauenwürde respektieren werde, und dass der Schuss eines ritterlichen und gebildeten Mannes jedenfalls einer Gefangenschaft unter den Wilden tausend Mal vorzuziehen sei.

»Ich weiß nicht, Doktor!«, sagte Morris mit einem schweren Seufzer, »ob ich Eure Ansicht teilen darf und nicht Edista lieber unter den In­dianern, als …«

»Seid Ihr rasend, Morris?«, schrie der Dok­tor erzürnt, »Ihr versündigt Euch gegen Gottes Vorsehung, die Euer Weib so wunderbar beschützt hat. Eure Eifersucht macht Euch undankbar! Geht, Herr! Noch ein solches Wort und ich kehre augenblicklich nach Charleston zurück, das ich, beim Himmel, nur verlassen habe, weil ich glaubte, bei einem Zusammentreffen mit de Raucourt Euch meine freundschaftlichen Dienste anbieten zu können. Aber ich sehe, Ihr seid toll geworden! Ihr seid schlimmer, viel schlimmer als de Raucourt, der sich zehn Mal braten und spießen lassen würde, um Edista und jede andere europäische Frau aus den Krallen einer schmutzigen Indianerhorde zu befreien!«

Diese heftige Explosion des wackeren Doktors führte Richard Morris zu sich selbst zurück und weckte seine besseren Gefühle. Obwohl er seiner Herzensangst nicht völlig Herr werden und allerlei finstere Besorgnisse und Ahnungen nicht unterdrücken konnte, schüttelte er dennoch versöhnend und einigermaßen beschämt dem erzürnten Freund die Hand und erklärte sich bereit, augenblicklich nach Fort Wayne aufzubrechen. Der Doktor war bald besänftigt. Nach einer kräftigen Mahlzeit verließen daher die drei Männer, Littlewood, Morris und Pompey, welcher Letztere außer seiner Flinte aus kluger Fürsorge einen Sack mit Nahrungs­mitteln und eine Art Geschenke des Farmers auf dem Rücken trug, das Blockhaus, ein Stück Weges begleitet von ihrem ehrlichen Wirt, der sich an der Grenze des Settlements mit den herzlichsten Segens­wünschen für ihre glückliche Ankunft im Fort verabschiedete. Die Unterhaltung unserer Reisenden während des beschwerlichen Marsches durch den Wald war eine sehr fragmentarische und wurde größtenteils von Doktor Littlewood bestritten, da Morris nur einsilbige Ant­worten gab und für alles, was sich nicht auf Edista bezog, durchaus ohne Interesse und Teilnahme blieb. Desto freigebiger machte der Diener von der Erlaubnis, zu schwatzen, Gebrauch. Durch ihn erfuhr Little­wood erst im Zusammenhang die einzelnen Momente der jüngsten Vergangenheit und den verhängnisvollen Einfluss des alten Morris auf das Schicksal der armen Edista. Denn Pompey hatte in jener Nacht nahe genug bei dem Wagen gelegen, um zu sehen, wie David durch das Erscheinen der beiden indianischen Räuber keineswegs überrascht worden war, vielmehr selbst die Hände und Füße zum Binden dargereicht und leise Worte mit Takannah gewechselt hatte. Als er diesen Verrat seinem Herrn mittheilte, verdoppelte sich dessen Schmerz und erhielt eine Bitterkeit, die ihn für im­mer zum finsteren Menschenfeind gemacht haben würde, wenn nicht der große Zweck, Edista zu befreien, all seine Gedanken erfüllt und seine Energie aufrechterhalten hätte.

Den ganzen Tag hindurch setzten die drei Abenteurer ihren beschwerlichen Weg fort und befanden sich beim Einbruch der Nacht auf demselben Lager­platz, wo Edista geraubt worden war. Richard warf sich, von seinem Jammer übermannt, stöhnend auf das feuchte Gras und verhüllte sein Haupt, während Littlewood, von Pompey geführt, mit sorgfältigem Interesse das Terrain untersuchte und sich nochmals alle Einzelheiten des Überfalls berichten ließ. Aber so notwendig diesen beiden das Bedürfnis der Ruhe und eine frugale Abendmahlzeit erscheinen mochte – die brennende Ungeduld Richards, den es mit tausend Gewalten nach Fort Wayne zog, gönnte ihnen nur eine kurze Rast. Obwohl der Himmel sich immer finsterer umzog und bereits schwere Regentropfen prasselnd auf das dichte Laubdach des Waldes nieder­fielen, brachen sie doch bald wieder auf und setzten ihre Reise fort. Etwa zwei Meilen weiter wurde dieselbe auf unangenehme Weise unterbrochen. Pompey, der, mit den scharfen Sinnen und dem Instinkt eines Natursohnes begabt, als Kundschafter stets eine Strecke voraus war, kehrte plötzlich in größter Hast zurück und machte im leisen Flüsterton die Meldung, dass Fort Wayne von den Indianern bereits eingeschlossen und allem Anschein nach keine Möglichkeit vorhanden sei, das ersehnte Ziel ihrer Pilgerfahrt zu erreichen.

»Massas nicht weiter gehen!«, schloss Pompey seinen Bericht, »alles voll von Indianern, viele, viele Hütten zwischen Fort und Wald! Massas sind tapfer, aber was können Massas tun wider viel Tausend?«

Morris brach in eine Verwünschung aus und stieß den Gewehrkolben wütend auf den Boden. »Bei den Mächten der Hölle, die gegen mich im Bunde zu sein scheinen, wir müssen hindurch! Sollen wir feigherzig umkehren und warten, bis der Feind abgezogen oder das Fort genommen ist?«

»Beruhigt Euch doch, Mr. Morris!« sagte der Doktor phlegmatisch »vielleicht gibt es einen anderen Ausweg. Wo die Gewalt nichts vermag, müssen Klugheit und Überlegung zum Ziel führen. Ich höre das Rauschen des Cumberlands; lasst uns sehen, ob der Fluss frei ist und ob wir, wenn nicht auf dem trockenen, doch auf dem nassen Weg in das Fort gelangen.«

»Wir müssten Schwimmer sein, rüstiger als Lean­der, der über den Hellespont schwamm!«, sagte Morris mit ungeduldigem Kopfschütteln. »Der Fluss ist reißend, die Nacht stockfinster und selbst wenn wir den Fuß des Festungshügels erreichen, wie dann hinaufkommen? Die Schildwache würde uns mit einer Kugel begrüßen, ehe wir noch einen Fuß an Land gesetzt hätten.«

»Ich denke nicht daran, die Rolle des Leander zu spielen!«, erwiderte der Doktor achselzuckend, »sintemalen wohl Ihr, aber nicht ich, eine Hero in Fort Wayne zu finden hofft. Aber Pompey soll nicht um­sonst die Axt des braven Farmers durch den Wald geschleppt haben; was meint Ihr zur Erbauung eines kleinen Floßes? Stämme und Stricke bieten uns der Wald und seine Schlingpflanzen, und wenn wir einander fleißig ablösen und unsere Kräfte zusammenneh­men, können wir in ein paar Stunden ein Ding zu­sammengezimmert haben, das uns sicher bis zum Fort hinunterträgt. Dort angelangt, rekognoszieren wir und richten unsere ferneren Bewegungen und Entschlüsse nach den Umständen ein.«

Dieser lichtvolle und kühne Plan fand sofort lebhaften Beifall und die drei Männer gingen mit jener Schnelligkeit und praktischen Entschlossenheit ans Werk, die der berühmte amerikanische Wahlspruch Go ahead! charakterisiert – die Zauberformel, welche zwischen den Gestaden des Atlantischen und Stillen Ozeans auf Tau­senden von Meilen so unbegreifliche Wunder vollbracht hat. In einem weiten Bogen um das schweigende Indianerlager herumgehend, dessen Wachtposten der in Strömen herabstürzende Regen verscheucht hatte, gelangten sie an den Fluss. In schwarzen Umrissen erhob sich links in der Entfernung einer halben Meile der Festungshügel mit seinen langen niedrigen Ge­bäuden, seinem Turm und der doppelten Palisadenreihe. Totenstille ruhte auf der ganzen Gegend, nur unterbrochen von dem momentanen Plätschern des Re­gens und dem Rauschen des Stromes, dessen Oberfläche Blasen und weiße Schaumstreifen in die Höhe warf. Als unter den kräftig geführten Streichen Pompeys der erste schlanke Baumstamm zur Erde stürzte, horchten die drei, den Atem anhaltend, ob der Schall sie verraten habe; aber als alles still blieb, gingen sie mit verdoppelter Hast an die Arbeit. Littlewood riss mit kundiger Hand jene festen, unentwirrbaren Seile von Schlingpflanzen herab, welche wie Girlanden und Festons von den Ästen der Bäume hängen; Morris knüpfte damit die Stämme zusammen, die er, sobald sie unter des Schwarzen Axt gefallen waren, dicht an das Wasser auf einen schlüpfrigen Abhang brachte. So geschah es denn, dass kaum drei Stunden verstrichen waren, als schon ein hübsches, freilich sehr schmales und leichtes, aber doch zur Not für mehr als drei Personen Raum bietendes Floß fix und fertig vor ihnen lag.

»Well! That will do! Denke ich«, sagte der Doktor, der Pompey zuletzt bei dessen harter Arbeit abgelöst hatte, und trocknete sich den Schweiß mit den Flügeln seines triefend nassen Leibrocks vom Gesicht, »so wird es gehen und wir brauchen nur noch ein paar Ruderstangen, um vom Stapel zu laufen. Aber – gütiger Himmel! Was ist das? Seht doch, Mor­ris! Seht doch!«

Die Blicke der Arbeitenden folgten dem in der Richtung zum Fort ausgestreckten Arm des Dok­tors und sahen mit Entsetzen eine Flammensäule vom Gipfel des Hügels aufsteigen und immer mehr anwachsend die dunkle Nacht und die Gebäude des Forts mit einem hellen Glutschein übergießen. Dicke Rauchwolken wälzten sich schwerfällig in die feuchte Luft empor, Girandolen von Funken und flackernden Feuerbränden wirbelten stoßweise auf, weiter und immer weiter dehnte sich eine düstere Röte über den finsteren, von keinem Stern erhellten Horizont.

Eine geraume Weile standen die drei Zeugen des schrecklich schönen Schauspiels regungslos und wie gelähmt; aber der gleichzeitig sie durchzuckende Gedanke an Edista, die sie im Fort glaubten, riss sie aus der Lethargie des Schreckens und ermannte sie zur verdoppelten Tätigkeit. Ohne mehr als einige halblaute Worte zu wechseln, vervollständigten sie den Bau und die Ausrüstung des Fahrzeugs, während von der Festung aus der dumpfe Schall der Trommel zugleich mit dem eigentümlichen Sausen der Feuersbrunst durch den Wind zu ihnen herübergetragen wurde.

»Gott selbst hat uns den Gedanken eingegeben, dieses Floß zu bauen!«, sagte der Doktor, während er das Steuerruder, ein junges, unten abgeplattetes Platanenstämmchen von den Zweigen befreite, »wir werden nun, falls es nötig sein sollte und der Brand das ganze Fort ergriffe, Eure Frau, Mr. Morris, zu Wasser nach dem Westen transportieren können. Möchte doch wissen, wie es mit dem Feuer drüben zusammen­hängt! Kalkuliere, irgendeine Teufelslist dieser roten Hunde, die den alten Fuchs Murchinson aus seinem Bau zu räuchern gedenken.«

Richard atmete schwer unter der Doppellast der beschleunigten Arbeit und der Sorge um Edista und verfolgte mit qualvoller Spannung den Fortschritt des Brandes, während seiner erregten Fantasie die schreck­haftesten Bilder vorschwebten. Endlich waren Floß und Ruder fertig. Mit vereinten Kräften schoben die drei Männer den gebrechlichen Bau ins Wasser und vertrauten sich und ihr Glück dem Fluss an, dessen rasche Strömung die kühnen Abenteurer bald in den düstern Schatten der Nacht verschwinden ließ.