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Sagen und alte Geschichten der Mark Brandenburg 9

Der letzte Wendenkönig

An verschiedenen Punkten der Mark spukt noch die Sage vom letzten Wendenkönig. So erzählt man bei Pichelsdorf in der Nähe von Spandau von ihm, dass er dort auf der Flucht beinahe gefangen genommen worden wäre und sich nur gerettet habe, indem er kühn mit seinem Pferd in die Havel hineingesetzt sei und glücklich hindurchgekommen wäre. Andererseits zeigt man hier oder dort noch sein Grab. So liegt zum Beispiel bei Seeben unweit Salzwedels ein gewaltiges Hünenbett. Dort soll, heißt es, der letzte Wendenkönig begraben sein. In der Lausitz scheint fast mehr als die bloße Erinnerung im Stillen fortgelebt zu haben. Und da wendische Bevölkerung sich dort erhalten hat, so ist das auch nicht ganz undenkbar. Bis zu den Zeiten Albrechts des Bären hatten nämlich bekanntlich wendische Fürsten ihre Herrschaft bis zur Elbe ausgedehnt und die heidnischen Deutschen, die namentlich im westlichen Teil der Mark aus den Zeiten der Völkerwanderung zurückgeblieben waren, sich unterworfen. Als nun aber Albrecht der Bär das Land an der Havel erwarb und die Mark Brandenburg gründete, wurde durch den Zuzug deutschen Adels aus dem alten Sachsenland jenseits der Elbe und deutscher Kolonisten aus Flamland und Brabant die deutsche Bevölkerung bald wieder so gestärkt, dass man die Dörfer, in denen noch Wenden saßen, bald mit dem Zusatz Wendisch zu bezeichnen anfing, zum Beispiel Wendisch Beuthen neben Deutsch Beuthen, und in den Städten in den Innungen Wenden gar nicht aufnahm. So verschwanden denn diese immer mehr, wo sie nicht in so dichter Masse beisammen saßen wie in der Lausitz, in welcher Gegend sie bis auf die neuesten Zeiten ihre Eigentümlichkeiten bewahrt haben. Dort also tauchte noch einmal im 17. Jahrhundert die Sage vom alten Wendenkönig auf, und zwar soll der Große Kurfürst selbst davon erzählt haben. Als er nämlich den Schwiebuser Kreis vom Kaiser als Abfindung für seine schlesischen Ansprüche, wenn auch nicht unter der aufrichtigen Absicht dauernder Überweisung, abgetreten erhielt, wollte er selbst das neu erworbene Land in Augenschein nehmen und bereiste es. Der Kurfürst, heißt es, kannte das Gerücht, dass die Wenden noch immer in aller Stille ihren König wählten, und derselbe dann, wenn er auch in gewöhnlicher Tracht einherging und wie alle lebte, doch in seinem Haus die Zeichen der wendischen Königswürde bewahrte. Da soll ihm denn in einem großen Haufen von Menschen, der sich, um den Kurfürsten zu sehen, eingefunden hatte, ein junger Wende durch seine auffallende Erscheinung so aufgefallen sein, dass ihm jenes Gerücht einfiel. Aber ein alter Wende soll die Entdeckung verhütet haben, denn als er sah, dass der große Kurfürst auf jenen aufmerksam wurde, gab er dem jungen Mann einen derben Schlag und trieb ihn wie einen unbefugt dastehenden Müßiggänger fort. So blieb die Sache verborgen; seit der Zeit hat man aber nicht wieder davon gehört.