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Casparino – 4. Kapitel

Casparino
genannt der Bluthund, der furchtbare Räuberhauptmann, und seine verruchten Mordgesellen, der Schrecken zwischen Rom und Neapel
Ein Schauerblick in das italienische Banditenleben
Verlag von J. Lutzenberger in Burghausen

IV.

Nach nicht langer Zeit hatte sich Casparino mit Gusto und Juras in Pisa eingefunden und im Gasthaus Zum römischen Kaiser das Absteigquartier genommen. Ersterer erschien in der Gesellschaft als Graf Maroni und gab Juras für seinen Leibarzt, den Doktor Camillus aus. Gusto wurde als Marchese de la Alferi vorgestellt. Sie hatten sämtlich als Dienerschaft mehrere verkappte Räuber bei sich. Unter diesen noblen Titeln wurden sie sowohl von dem Gasthofbesitzer als auch von den mit ihnen in dem Hotel wohnenden Gästen bei Tisch und beim Besuch der Bäder auf das Zuvorkommende behandelt. In ihrer Gesellschaft kam zunächst ein gewisser Graf Romeli, der mit seiner noch im blühenden Alter stehenden Gattin und seiner einzigen liebenswürdigen Tochter, namens Klara, im Bad zu Pisa anwesend war. In Letztere hatte sich Casparino bereits sterblich verliebt und für den Besitz der Gräfin erklärte Juras ein Wagestück unternehmen zu wollen. Gusto dagegen vermeinte, sich an die vollen Börsen der anwesenden Herren halten zu wollen, wobei sein Herz in Ruhe bleibe und nur sein Dolch nötigenfalls Beschäftigung finde. So wurde denn beschlossen, die Familie zu einer Gondelfahrt auf dem Arno zu veranlassen und bei dieser Gelegenheit die Damen zu entführen.

Auf einer Promenade kam Casparino und Gusto eine alte Zigeunerin in den Weg. Sie sahen von Weitem, dass dieselbe jungen Damen wahrsagte. Bei der Ankunft der beiden Männer entfernten sich diese und die Alte schritt nun mit den Worten »Nur näher, Ihr Freunde aus dem Gebirge. Ich habe mit Euch auch ein Wörtchen zu reden!« auf die beiden zu. Als diese sie verwundert ansahen und ihr Begehren mit einigen Schmähworten zurückwiesen, sprach sie mit leiser Stimme: »Nur näher ohne Zögern; Eure Namen darf ich nicht nennen, Ihr Herren. Die Bäume haben Augen und die Erde hat Ohren.«

Darüber verdutzt und stutzend entgegnete Casparino: »Nun altes Fegeisen, weil du denn so viel Geheimnisvolles weist, entrolle mir denn auch mein künftiges Geschick.«

Die Alte ergriff Casparinos Hand, besah sie und sagte: »Fürchterliche Klippen treten dir auf dem Weg deines Lebens entgegen; furchtbar verworren ist dein Schicksal und das Ende deiner Laufbahn ist ein blutiger Tod. Doch zum Trost kann ich dir sagen: Du fällst nicht durch Henkershand, sondern durch die Hand deines leiblichen Bruders.«

Da mehrere Spa­ziergänger nahten, ließ sie schnell Casparinos Hand fahren und verschwand in dem nahen Gebüsch. Sprachlos starrte Casparino der Alten nach, denn ihm war es unbegreiflich, wie sie seine Verhältnisse und das Dasein seines Bruders wusste, von dem er seit seiner Flucht aus der Vaterstadt nichts mehr gehört hatte.

Gusto bemühte sich, den Vorfall als Posse darzustellen, doch in Casparinos aufgeregtem Gemüt schien trotzdem eine böse Ahnung aufzutauchen. Es kostete ihn Mühe, sich zu zerstreuen. Die beabsichtigte Gondelfahrt kam zur Ausführung. Nichts Arges ahnend hatte der Graf Romeli, nebst Frau und Tochter der Einladung Caparinos Folge geleistet und sie fuhren an einem schönen Abend noch etwas spät den Arno hinauf. Juras befand sich bei Casparino; Gusto dagegen hatte mit drei der übrigen Räuber eine zweite Gondel bemannt, welche der gräflichen entgegenfuhr und sie anzugreifen Miene machte. Graf Romeli zog sogleich seinen Degen und forderte seine Begleiter auf, ein Gleiches zu tun. Casparino folgte seinem Beispiel. Doch anstatt gegen die andringenden Feinde sich zu wehren, durchbohrte sein Stahl den Grafen; auch die beiden Gondoliere wurden ermordet.

Nachdem man die jammernden und laut kreischenden Damen ergriffen und ihnen Mund und Augen verbunden hatte, steuerte man dem Land zu, wo bereits ein Wagen ihrer harrte. Die beiden Opfer teuflischer Bosheit wurden hierauf in denselben gehoben. Nachdem Casparino den schlauen Räubern Fiesko und Friederiko die Leitung des Wagens zum Gebirge übertragen hatte, rollte dieser schnell davon. Die Übrigen kehrten, um keinen Verdacht zu erregen, in das noch von heiteren Gästen wimmelnde Bad zurück.

Am folgenden Tag wurde gleichwohl die Familie des Grafen Romeli vermisst. Auch der angebliche Graf Maroni und seine Gefährten erkundigten sich angelegentlich nach derselben; doch ihr Verschwinden blieb ein Rätsel.

Casparino und Juras sehnten sich bereits nach ihren entführten Opfern; daher beschleunigte Ersterer ihre Abreise. Nachdem sie heimlich das Zimmer des Grafen Romeli geöffnet und dessen Barschaft und wertvolle Pretiosen zu sich genommen hatten, befahl Casparino, einen Wagen zu besorgen und verlangte vom Hotelbesitzer seine Rechnung. Inzwischen wurden die Effekten zum Wagen gebracht. Mit der Miene größter Redlichkeit überreichte der Wirt eine bogenlange Rechnung und Juras, der dieselbe durchsah, geriet außer sich, als er die unverschämte Prel­lerei darin wahrnahm. Auf ein von Casparino gegebenes Zeichen wurde dem Wirt der Mund ver­stopft und die Hände auf den Rücken gebunden. Casparino nagelte denselben mit beiden Ohren auf den Tisch und daneben schrieb er mit Kreide die Worte: So bestraft der große Casparino die Prellereien unverschämter Wirte! Schnell eilten nun die Räuber aus dem Haus, warfen sich in den mit geraubten Schätzen schwer beladenen Wagen und jagten davon.

Die unglücklichen Opfer räuberischer Bosheit, die Gräfin Romeli und ihre Tochter Klara schmachteten bereits seit ein paar Tagen in den Räuberhöhlen. Obwohl sie der nagende Hunger und der brennendste Durst quälte, konnten sie sich dennoch nicht überwinden, von den dargebotenen Speisen und Getränken etwas zu genießen. Kein Trost, keine Teilnahme wurde den Verlassenen zuteil, denn die verworfenen Gesellen, die sie umgaben, spotteten ihres Kummers und lachten ihrer Tränen.

Nun kam Casparino mit seinen Schandgenossen; mit aller Freundlichkeit und den geschmeidigsten Worten forderte er die Bekümmerten auf, aus Liebe für ihn ihr teures Leben zu erhalten und das Dargebotene anzunehmen. Auch versuchte Juras sie darauf hinzuweisen, da die Lage der Dinge einmal nicht anders sei, sich ruhig in ihr Schicksal zu ergeben. Die Gräfin erniedrigte sich, vor dem furchtbaren Casparino auf die Knie zu sinken und um ihre und ihrer Tochter Freiheit zu bitten. Mit schamlosen Blicken die schönen Formen ihres Körpers betrachtend, hob er die Gräfin empor und legte sie in die Arme des schon harrenden Juras mit den Worten »Dieser, meine Schöne, hat über Ihr ferneres Schicksal zu gebieten. An ihn mögen Sie Ihre lieblichen Worte richten!”

Casparino dagegen wandte sich nun an Klara und versuchte sie mit den zärtlichsten Worten für sich zu gewinnen. Doch gleich wie Juras von der Gräfin, so wurde auch er von Klara mit der entschiedensten Versachtung zurückgewiesen. Er erachtete nun vorderhand als das Geeignetste, die Damen für sich zu lassen. Es wurde ihnen eine eigene kleinere Höhle eingeräumt und eines von den Frauen der Band, genannt die listige Hummel zu ihrer Bedienung dahin bestimmt; überdies aber auch ein Wachtposten vor der Höhle aufgestellt.

Wohl nur ein einziges Herz mochte sich unter dem ganzen Haufen dieser verworfenen Bande befinden, das einer menschlichen Rührung fähig war und von dem Anblick der in Staub gedrückten Unschuld unwiderstehlich hingerissen, den Entschluss fasste, diese mit Gefahr seines eigenen Lebens zu retten. Dies war ein junger Deutscher, der noch vor einem Jahr auf einer der Universitäten seines Vaterlandes studierte und durch einen unglücklichen Zweikampf der Mörder eines ausländischen Prinzen geworden war. In Italien, wohin er seine Flucht gewendet hatte, versuchte er sich durch verschiedene erworbene Kunstgriffe im Spielen seinen Unterhalt zu verschaffen. Er wurde aber bei einer solchen Gelegenheit des Betruges überführt, musste flüchten und geriet so in die Hände Gustos, der ihm das freie Leben in den Gebirgen von der besten Seite schilderte. Noch war er nicht Zeuge von Blutszenen der höllischen Gesellschaft gewesen, der er sich durch einen furchtbaren Eid verbunden hatte; doch wenn die älteren Raubgesellen ihre schwarzen Taten erzählten, schauderte er sichtbar zusammen. Dafür wurde ihm meist der rohe Spott der Übrigen und man nannte ihn nicht anders als die deutsche Memme. Die beiden Damen waren ein Gegenstand seines tiefsten Bedauerns und er hatte es bei sich gelobt, wenn irgend ihre Rettung möglich sein sollte, ihnen zu dieser behilflich zu sein. Glücklicherweise traf es sich noch an demselben Abend, da Casparino zurückkehrte und den beiden Gefangenen eine eigene Höhle anwies, dass Hugo, dies war der Name des Deutschen, beordert wurde, den Posten vor der Höhle der Frauen abzulösen. Er war über diesen Befehl in seinem Inneren höchlich erfreut und wünschte nichts sehnlicher, als dass sich ihm eine Gelegenheit darbieten möchte, den Unglücklichen seinen Beistand zur Rettung anbieten zu können und sie mit der Hoffnung einer Möglichkeit hierzu aufzurichten. Bald nach dem Antritt seines Postens nötigte ihn ein heftiger Regen unter dem Eingang der Höhle Schutz gegen denselben zu suchen. Leise und mit forschendem Blick näherte er sich und bemerkte beim schwachen Licht einer Lampe, dass die listige Hummel bereits in tiefem Schlaf lag, während die beiden Damen noch leise miteinander sprachen. Obwohl er sich sachte näherte, flogen doch beider Blicke schnell nach ihm. Er legte den Finger auf den Mund und gab damit das Zeichen, sich ruhig zu verhalten.

Kaum hatte er sich ihnen genähert, flüsterte er ihnen leise zu: »Vertrauen Sie auf Gott und fassen Sie Mut, denn bei der ersten Gelegenheit, die vielleicht sich schon in der nächsten Nacht darbieten kann, rette ich Sie oder sterbe mit Ihnen.«

Seine wenigen Worte hatten die Herzen der beiden Gefangenen aufgerichtet und der redliche Ausdruck seines Gesichtes ihnen Vertrauen eingeflößt. Sie folgten deshalb auch dem Drang der Natur und genossen von den ihnen reichlich vorgesetzten Speisen und Getränken, um den arg quälenden Hunger und Durst zu stillen. Nach Verlauf einiger Stunden wurde Hugo von seinem Posten abgelöst; die listige Hummel aber brachte am Morgen Casparino und Juras die erfreuliche Nachricht, dass die Gefangenen Speise und Trank zu sich genommen haben. Man schmeichelte sich nun mit der Hoffnung, dass dieselben bald ganz kirre werden würden.

Den nächsten Abend wurde unter Gustos Anführung ein Streifzug nach einem in der Nähe befindlichen Kloster beabsichtigt und auch Hugo erhielt den Befehl, denselben mitzumachen. Dies war jedoch ganz gegen seine Absicht. Unter dem Vorwand eines ihn befallenen heftigen Unwohlseins versuchte er sich davon freizumachen.

»Hölle und Teufel!«, fuhr ihn Casparino an, »solche Lumpereien muss ein Räuber nicht achten. Nur hinaus mit dir zu den Glatzköpfen. Bohre den Dickwänsten ein Loch in den Leib, damit ihre Seelen eine bequeme Himmelfahrt halten können. Dabei wirst du wieder gesund werden.«

Hugo schauderte bei Anhörung dieser frechen Worte zusammen. Dennoch musste er sich trotz seines Widerstrebens zu dem baldigen Abzug rüsten. Gusto musterte die ihm zugewiesene Schar, empfing vom Hauptmann noch die nötigen Verhaltungsbefehle. Unter Anstimmen eines rohen Gaunerliedes wurde der Marsch über den Rücken der Felsen angetreten.

Hugo, der zuletzt ging, blieb an einer schwer zu passierenden Stelle etwas zurück. Da er sich bemühte, dem Zug nachzukommen, fiel er mit solcher Gewalt über ein im Wege liegendes Felsstück, dass er besinnungslos liegen blieb. Die Letzten im Zuge ver­nahmen seinen schweren Fall. Da durch denselben ein losgerissener Stein mit großem Getöse in die zur Seite befindliche Schlucht hinabrollte, so glaubte man, er selbst sei hinuntergestürzt. Man teilte den Voranziehenden und Gusto das vermeintliche Schicksal Hugos mit. Diese Nachricht wurde mit allgemeinem Spottgelächter aufgenommen.

Der aufsteigende Mond kämpfte noch mit dem finsteren Gewölk, als Hugo aus seiner Betäubung erwachte und sich von einer fremden Hand berührt fühlte. Er blickte empor und wer malt sein Erstaunen, als eine geisterartige Gestalt in weißem Gewand neben ihm kniete und eben im Begriff war, die Wunde an seiner Stirn zu verbinden. In seiner ersten Bestürzung glaubte er ein himmlisches Wesen vor sich zu erblicken, doch bald wurde er über seinen Irrtum belehrt, da die Gestalt ihn mit sanften Worten anredete.

»Fürchte nichts von mir, braver Jüngling. Ich bin ein Mensch wie du und bin nur gekommen, dir Hilfe zu bringen.«

Die Hand des freundlichen Sprechers ergreifend, fragte Hugo: »Wer bist du, Freund in der Not, und wie kamst du in diese grause Gegend?«

»Frage jetzt nicht nach diesem, sondern vorerst lass uns die Rettung der unglücklichen Gräfin Romeli und ihrer Tochter vollführen; dann sollst du noch mehr erfahren!«

»Wunderbarer!«, sprach Hugo überrascht, »auch von diesen Unglücklichen hast du Kunde?

»Ich weiß auch«, entgegnete der Vermummte, »das du dieselben zu retten beschlossen und ihnen schon Hoffnung dazu gemacht hast!«

Der höchlich erstaunte Hugo wollte wiederholt um Aufschluss fragen, da warf die Gestalt, als eben der Mond aus den Wolken hervortrat, die weiße Hülle von sich und ein junger, rüstiger Mann stand vor ihm.

»Gott! Du bist Thurno, mein Freund! Ich erkenne dich. Ist es nicht so?«, fragte Hugo erstaunt.

»Ja, ich bin es und habe dich längst erkannt!«, entgegnete jener, »doch jetzt nichts mehr davon.»

Entzückt sprang Hugo nun empor, drückte den erkannten ehemaligen Freund mit Inbrunst an seine Brust und ließ sich nun von diesem den Plan angeben, nach welchem er die Befreiung der beiden unglücklichen Gefangenen vollführen wolle, um sie den Krallen der Auswürflinge zu entreißen.

»Wir haben es, Gott sei Dank!«, fuhr Thurno fort, »nur mit dem einen Wachtposten und der sogenannten listigen Hummel zu tun. Die Bewohner der Räuberhöhle sind zum Teil abwesend und der zurückgebliebene Tiger und seine Teufelsbrut liegen vom Wein berauscht im tiefsten Schlaf. Meine Vermummung wird hinreichend sein, den Posten einzuschüchtern. Damit er nicht zu der Räuberhöhle gelange, werde ich von dieser Seite auf ihn losgehen. Du magst mir in einiger Entfernung folgen. Haben wir unsere Schützlinge im Freien, dann ist mir nicht mehr bange, denn nach einer kurzen Strecke Weges sind sie und wir in Sicherheit.«

Thurno nahm seine am Boden liegende Vermummung auf und warf sie schnell über. Dann traten sie, den Weg zu der Räuberhöhle an. Eben wollte der Räuber, welcher den Posten an der Höhle der Frauen hatte, sich bei seinem Auf- und Abgehen umdrehen, als er die weiße Gestalt in geringer Entfernung gegen sich herkommen sah . Ohne sich zu bedenken, eilte er so schnell als er konnte der entgegengesetzten Seite zu, so zwar, dass er die ihm hier entgegentretende Untiefe in der Hast nicht gewahrte und mit einem Schreckensruf in die tiefe Schlucht hinabstürzte.

Die beiden Freunde näherten sich nun dem Eingang der Höhle. Die mattbrennende Lampe erhellte schwach das Innere derselben; dennoch überzeugten sie sich bald, dass alles darin im festen Schlaf lag. Sie näherten sich mit Vorsicht dem Lager der vor Kummer und Ermattung schlummernden bedräng­ten Gräfin. Hugo berührte sachte die ihm zunächst liegende Mutter, welche sogleich erschreckt empor fuhr; doch da sie Hugos Antlitz erblickte, dessen Züge sich ihrem Geist tief eingeprägt hatten, war sie gefasst und weckte sogleich auf Hugos Wink die neben ihr schlummernde Klara.

Mit leiser Stimme sprach er: »Eilen Sie, edle Signoras, die Stunde Ihrer Befreiung ist gekommen! Dieser hier wird Ihr Schutzengel sein!« Dabei wies er auf seinen Freund, der, um die Frauen nicht zu erschrecken, seine weiße Umhüllung abgenommen hatte.

Kaum hatte Hugo die letzten Worte gesprochen, als auch die listige Hummel erwachte. Thurno streckte ihr sogleich ein Pistol entgegen, worauf sie erschrocken auf ihr Lager zurückfuhr und sich willig von Hugo Hände und Füße binden ließ, der ihr überdies zur Vorsicht auch noch den Mund verstopfte. Nun trieb Thurno seinen Freund und die Befreiten zur schnellsten Flucht an. Zur Abwendung einer allenfalls ihnen begegnenden Gefahr hatte er seine geisterhafte Umhüllung wieder übergelegt und schritt so wacker voraus. Die Sehnsucht nach Freiheit und das Bewusstsein, dem Pfuhl des Verbrechens zu entkommen, hob die gesunkener Kräfte der zarten Frauen, und schneller als ihre Retter es gehofft und sie selbst es sich zugetraut hatten, schritten sie über das raue Gestein hinweg. Thurno lenkte auf einen Weg ein, der zwischen Felsen und Klippen hindurchführend dennoch nicht sehr gefährlich hinabzusteigen war. Nach ein paar Stunden erreichten sie einen ansehnlichen Hochwald. Unter einer Gruppe dichtbelaubter Eichen wurde den Damen kurze Ruhe gestattet und sie erhielten von Thurno, der für alles gesorgt zu haben schien, einige Erfrischungen. Nach kurzer Rast setzten sie ihren Weg wieder fort, ohne dass Hugo Zeit gefunden hätte, an seinen rätselhaften Freund einige Fragen zu stellen.

Schon wurde das Licht des Mondes blasser und die Vorboten des jungen Tages zeigten sich allmählich, als sie an das Ufer der Tiber gelangten. An einer von einem dichten Gebüsch verdeckten Stelle führte Thurno seine Begleiter dem Fluss zu, an dessen Ufer sie bald einen kleinen Nachen entdeckten. Auf sein Geheiß bestiegen sie denselben und glücklich schiffte er sie mit Hugos Hilfe zum jenseitigen Ufer. Dort nahm er die Gräfin an der Hand und führte sie das Ufer hinauf, während Hugo mit Klara am Arm folgte. Im Widerschein der aufgehenden Sonne erblickten sie nach Kurzem einige Fischerhütten, zu welchen Thurno sie führte. An einer derselben, welche durch ihr niedliches und reinliches Äußeres sich besonders auszeichnete, angelangt, trat ihnen ein ehrwürdiger Greis und eine junge blühende Frau entgegen, welche sie herzlich begrüßten.

Zur Gräfin gewendet sprach Thurno: »Hier finden Sie ein sicheres Obdach, zwar arm und gering, doch wohnen redliche Menschen in demselben. Hier mögen Sie einige Zeit verweilen und sich erholen. Wann und wohin Sie dann Ihren Weg weiter fortsetzen wollen, können Sie bestimmen. Mein Freund und ich sind jederzeit bereit, Sie zu begleiten.«

Nachdem den der Ruhe bedürftigen Frauen ein kleines freundliches Gemach zu ihrer Erholung angewiesen war, begaben sich Thurno und Hugo zu der im Garten befindlichen Geisblattlaube.

Letzterer erhielt nun von seinem Freund folgende Aufklärung: »Ich habe dir schon bei unserem Bekanntwer­den in Loretto einen Wink gegeben, welch hartes Schicksal mich stets von einem Ort zum anderen treibt. Ich erzählte dir von der grausamen Ermordung meiner unvergesslichen Franziska durch den Banditenhäuptling Casparino. Ich teilte dir mit, wie seine meuchelmörderische Absicht dahin ging, auch mich zu tö­ten. Allein zu meinem Bedauern war ihm dieses nicht geglückt, und ich nur musste den Tod der Teuersten beweinen. Ich gelobte nach meiner Wiedergenesung mit einem fürchterlichen Eid, den Tod meiner Geliebten an ihm zu rächen. Seit dieser Zeit verfolge ich ihn in einer geisterhaften Vermummung, wodurch ich seine Raubgenossen nicht selten in großen Schrecken versetzte; doch ist es mir bisher noch nicht gelungen, seiner Person schädlich zu sein. Nur einmal traf ihn mein Blei, doch nicht tödlich, und er genas wieder. Daher ist mein Schwur bisher noch nicht gelöst. Doch ich werde ihn treffen und hat das Schicksal ihm für seine schwarzen Taten, welche er vollführt, das Endziel gesetzt, so findet er es bestimmt durch meinen Dolch.«

Auf die Frage Hugos an Thurno, wie er in dieser Gegend so bekannt und bei den schlichten Uferbewohnern so heimisch sei, erwiderte Letzterer: »Auf die einfachste und natürlichste Weise von der Welt, denn die Frau des Besitzers dieser Hütte ist meine leibliche Schwester!«

Die Gräfin und ihre Tochter gingen nach einigen Tagen in Begleitung ihrer Freunde zu ihren in dem Mailändischen gelegenen Besitzungen ab. Hugo, der sich die höchsten Ansprüche auf ihre Dankbarkeit erworben hatte, führte nach zurückgelegter Trauerzeit um den geliebten Vater die schöne Klara zum Altar. Thurno aber verließ alsbald die Glücklichen wieder, um das gegen seinen Feind sich vorgesteckte Ziel unablässig zu verfolgen.

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