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Der Detektiv – Band 22 – Um die Millionenbeute – Teil 3

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 22
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Um die Millionenbeute

Teil 3

Auf dem Zentralbahnhof in Stockholm war vormittags neun Uhr bei Ankunft unseres Zuges ein ganzes Polizeiaufgebot zur Stelle. Niemand durfte aussteigen. Reisende, die sich nicht legitimieren konnten, wurden auf dem Bahnsteig von Kriminalbeamten bewacht.

An der Sperre durften dann die von der Polizei nicht zurückgehaltenen Reisenden ohne Weiteres passieren. Ich nahm eine Droschke und ließ mich zu dem Hotel Gustav Adolf in der Jakobsgatan (Straße) fahren. Es war ein bescheidenes, sehr sauberes Hotel. Im Erdgeschoss befand sich eine Gastwirtschaft, in der viele Schiffskapitäne verkehrten.

Im ersten Stock waren drei Zimmer frei, Nr. 6, 7 und 8. Ich wählte Nr. 7. Eine halbe Stunde später belegte der sächsische Reisende der Textilbranche Müller aus Chemnitz Nr. 6. Ich trug mich als Schriftsteller Markus Scheibeck aus Hamburg in das Fremdenbuch ein. Harst war Herr Müller-Chemnitz.  Eine Stunde darauf lernten wir uns zufällig unten in der Gastwirtschaft kennen, saßen an einem Fenstertisch und speisten zusammen. Es gab hier Kellnerinnen-Bedienung. Die Heben waren sämtlich bereits in respekteinflößendem Alter. Die uns Bedienende fragte, ob wir von Malmö mit dem Nachtzug gekommen seien und ob wir auch wüssten, dass unterwegs ein Passagier ermordet und auf die Strecke geschleudert sei. Messerstich ins Herz … völlig ausgeplündert … bei Station Rahldör hätte der durch den Sturz schrecklich verstümmelte Leichnam gelegen … und so weiter.

Harst beobachtete scharf die Straße. Als wir allein waren und das geschwätzige Fräulein sich zu einigen Seeleuten an den Tisch gesetzt hatte, sagte Harst leise: »Bisher ist niemand hier hinter uns her. Wir können es also wagen, uns nachher an der Kreuzung der Jakobsgatan mit der Hauptgeschäftsstraße der Drottninggatan zu treffen.«

Als unser Frühstück verspeist war, machte mir Harst eine Verbeugung und ging. Ich folgte nach zehn Minuten. Es war nun elf Uhr.

Harst stand an einem Schaufenster und rauchte eine Zigarette. Unsere Begrüßung war förmlich. Er führte mich dann an der Königlichen Oper vorbei zum Hafen, der mit seinen kahlen Felswänden, den steilen, bebauten Felseninseln, dem lebhaften Dampfer- und Bootverkehr ein Bild darbietet, wie man es nicht oft findet, selbst wenn man die halbe Welt bereist hat.

Wir fuhren mit dem kleinen Tourdampfer zum Naturmuseum Skansen hinüber und schlenderten durch die einsamen Wege, genossen eine prächtige Aussicht auf das düstere, gewaltige Königliche Schloss und bewunderten uralte Blockhütten, Wikingerfahrzeuge, ein Lappländer-Lager und anderes.

»Schade!«, meinte Harst. »Schade, dass wir all dies nicht harmlosen Gemüts genießen können. Aber wenn wir es dürften, mein Alter, ob uns dann Stockholm nicht sehr langweilig vorkommen würde? Wir sind zu sehr daran gewöhnt, nur mit einem viertel Auge nach den Sehenswürdigkeiten unserer Schlachtfelder zu schielen und mit dreiviertel nach Leuten, die wie James Palperlon, Doktor Doornblam und Severin Bloomberg interessanter für Leute unseres Schlages sind als ganz Skansen. Bitte – nun explodiere, denn du bist ja mit Fragen zum Platzen gefüllt!«

Ich fragte nur zu gern, und er antwortete: »Weshalb ich dir den Brief zurückließ und nicht mündlich alles erledigte? Ja, da werde ich wohl am besten gleich dort beginnen, wo mein Brief aufhörte, also mit dem zweiten Besuch bei Doornblam, der nun tot ist und deren Ende ich beim besten Willen nicht bedauern kann. Er hat mir zu arg zugesetzt und dabei eine so scheußliche Bosheit bewiesen.

Doch eins nach dem anderen. Als der Pan Mieszeslaw Podgorcz aus Galizien zum ersten Mal bei Doornblam war, taute der millionenschwere Sammler, nachdem ich von altertümlichen Armbändern gesprochen hatte, sehr schnell auf, holte sogar eine Flasche Rheinwein höchstselbst aus dem Keller. Der Wein war vorzüglich. Noch besser war das, was ich auf Doornblams Schreibtisch unter einem Briefbeschwerer fand. Pan Podgorcz war nämlich so unfein, des weißbärtigen Simsons Abwesenheit zu einer gründlichen Besichtigung des Diplomatenschreibtisches zu benutzen. Als der Doktor mit der Flasche Rheinwein zurückkehrte, hatte ich die Depesche unter dem Briefbeschwerer schon auswendig gelernt. Sie war mittags in Stockholm aufgegeben und um sechs Uhr in Kopenhagen gewesen, und zwar an demselben Tag, als ich des Doktors Bekanntschaft machte.

Sie lautete:

Erwarte dich baldigst mit Verfügung über die erste und die sechs Stellen zu gemeinsamer Erledigung hier. Voraussetzung, dass sofort über die Stellen verfügt werden kann – Bloomberg.

Nicht wahr – eine sehr harmlose Depesche! Nun, wenn du wie ich gewusst hättest, dass Firma Schimmelpfeng mir auf dem bewussten Zettel auch einen Herrn Severin Bloomberg in Stockholm als beachtenswert empfohlen hatte, dann würdest du fraglos genau wie ich dich entschlossen haben, diesen offenbaren Geschäftsfreund jenes Stockholmer Bloomberg nochmals aufzusuchen, nachdem du von Gunnar Göllpaart die Geschichte von Palperlons Fahrkarte nach Stockholm gehört hättest. Vielleicht hättest du auch probiert, der Depesche, die doch hinsichtlich der Stellen etwas unklar gehalten war, eine weniger harmlose Deutung zu geben. Was hieß das: mit Verfügung über die erste und die sechs Stellen? Warum telegrafierte Bloomberg nicht: über die sieben Stellen – falls es sich eben um irgendwelche unbesetzten Stellen handelte? Nun, wenn man von Zahlen spricht, sagt man: eine vier- eine fünf- und so weiter stellige Zahl. Mich machte der Ausdruck Stellen stutzig. Ich glaubte das Richtige gefunden zu haben: Die erste und die sechs Stellen bedeutete eine bestimmte Summe, die Doornblam mitbringen sollte, eine Summe, bestehend aus einer ersten Zahl, nämlich eins, und sechs anderen, nämlich sechs Nullen! Füge in die Depesche eine Million statt der verschleiernden Worte ein und du hast einen ganz zwanglosen, vernünftigen Sinn darin, nämlich: Erwarte dich baldigst mit Verfügung über eine Million zu gemeinsamer Erledigung hier. Voraussetzung, dass sofort über die Million verfügt werden kann. Es handelt sich mithin um ein Geschäft, dachte ich, das Bloomberg zusammen mit Doornblam machen will und wozu dieser eine Million bereit haben muss.«

Ich konnte nur zustimmend äußern, dass diese Deutung auch mir als die gegebene erschiene.

Ein Geschäft, zu dem der eine Partner eine runde Million zu sofortiger Verfügung also in bar, mitbringen soll – ein Geschäft, das durch eine so vorsichtige Depesche eingeleitet worden war und das in Stockholm erledigt werden sollte, wo vielleicht unser Palperlon weilte, musste mich notwendig interessieren. Notwendig musste ich auch dabei an das Melville-Armband denken, den so überaus kostbaren Talisman, der sehr wohl zwei dunkle Ehrenmänner reizen konnte, ihn trotz des Blutes, das daran klebte, zu erstehen.

Mein zweiter Besuch bei Doornblam geschah also schon in der festen Absicht, zu ergründen, ob der Doktor inzwischen vielleicht bei seinem Freund Bloomberg telefonisch angefragt hätte, worum es sich bei dem Geschäft handele. Ich ahnte nicht, dass dieser Simson ein so schlauer Patron wäre, ahnte nicht, dass er mich – na – ich will nicht vorgreifen! Du wirst dich wundern, was mir dann zustieß!

Gegen Mitternacht ließ Bloomberg mich ein. Er bewohnt ein eigenes Haus, hält sich nur eine Köchin und einen Diener, der noch älter als er ist. In seinem Studierzimmer stand schon eine Flasche Rheinwein bereit, zwei Römer dazu, Zigarren, Zigaretten und wundervoller Kaviar mit Röstschnittchen.

Ich beachtete all das nicht. Ich spielte den völlig Geknickten.

›Was haben Sie nur?‹, fragte Doornblam sehr bald.

›Herr Doktor, ein Freund hat mich schmählich betrogen, bestohlen. Die Sachen, die ich Ihnen zum Kauf anbot, waren unser gemeinsames Eigentum. Er … er ist damit geflohen.‹

Er machte ein sehr langes Gesicht. ›Wissen Sie denn nicht, wohin der Mensch geflüchtet ist?‹

›Nein – keine Ahnung. Er muss die Sachen schon vorgestern aus dem Versteck …‹, ich hüstelte verlegen, ›aus dem Schrank genommen haben. Aber ich werde den Schuft finden! Und dann … dann soll er merken, mit wem er es zu tun hatte.‹

Lieber Alter, ich glaubte, ich schauspielerte vortrefflich. Ich weigerte mich, Doornblam die Brosche und das Armband genau zu beschreiben. Das hätte jetzt doch keinen Zweck mehr. Ich ließ sehr fein durchblicken, dass sie auf nicht ganz rechtmäßige Weise mein und meines treulosen Genossen Eigentum geworden.

Du verstehst, weshalb ich diese Komödie aufführte. Es sollte so scheinen, als ob mein Gaunerkompagnon vielleicht nach Stockholm geflüchtet war, falls eben das Geschäft das Bloomberg dem Doktor vorgeschlagen hatte, sich wirklich auf dieses Armband bezog. Und ich hoffte, Doornblam würde sich irgendwie verraten, falls er mittlerweile von dem Stockholmer erfahren hatte, welches Objekt von ihnen gemeinsam erworben werden sollte. Ich beobachtete ihn heimlich. Ich merkte nichts – nichts. Dieser weiße Simson, mein Alter, war mir gewachsen, nein, überlegen!

Wir tranken Rheinwein, plauderten über allerlei. Dann meinte der Doktor, ob ich so einiges von mechanischen Spielereien verstände. Er habe da einen sehr alten Kraftmesser in Gestalt eines Ritters in voller Rüstung. Wenn man diesem die gespreizten Finger der Panzerhände zusammendrücke, zeige eine im halb offenen Mund des Ritters erscheinende Zahl die Druckkraft an. Das Ding sei nun letztens in Unordnung geraten.

Ich besann mich, den Ritter bemerkt zu haben, als ich in der vergangenen Nacht des Doktors Sammlungen besichtigt hatte. Wir gingen hinüber in eines der Hinterzimmer. Dieser Kraftmesser war offenbar ein sehr altes Stück. Die Arme waren in Schulterbreite halb vorgestreckt. Doornblam erklärte mir, wie man am besten mit Untergriff die Panzerhände fasse. ›Vielleicht haben Sie mehr Kraft als ich, Herr Podgorcz‹, sagte er weiter. ›Es muss in der Maschinerie eine Feder übergesprungen sein. Möglich, dass sie bei sehr starkem Druck zurückgleitet.‹

Ich war noch immer ahnungslos. Ich fasste zu – mit Unterarmgriff. Doornblam stand dicht neben dem Ritter.

Das heißt: Ich wollte zufassen! Kaum lagen meine Hände unter den Panzerhänden, da geschah das Unerwartete, da bewies der Ritter seine Heimtücke und der Doktor seine raffinierte Bosheit.

Die gepanzerten Hände schnellten vor, schlossen sich blitzschnell um meine Handgelenke, schlossen sich mit solcher Kraft, dass ich vor Schmerz leise aufschrie. Und vor mir stand Doornblam und grinste mich höhnisch an.

›Sehen Sie, Herr Harst«, sagte er ironisch, »es gibt auch Leute, die schlauer sind als Sie. Viel schlauer! Sie kamen mir gleich gestern verdächtig vor. Dass ich Ihnen nachschlich, merkten Sie nicht. Jedenfalls: Sie sind Harald Harst! Leugnen hat keinen Zweck. Und Sie sind ein überaus gefährlicher Mensch! Überaus gefährlich! Ich schätze Sie anders ein als unsere hiesige Presse. Was wollten Sie bei mir, he? Lügen Sie nicht! Es hat keinen Zweck, Doktor Doornblam beschwindeln zu wollen. Gar keinen Zweck! Sie vermuten hier bei mir Arbeit zu finden? Sprechen Sie! Und nur ein einziges unwahres Wort, so drücke ich hier auf die zweite Feder. Sehen Sie dort die drei Löcher im Brustharnisch? Es sind die Öffnungen für drei lange Dolchklingen! Ein Druck und die Arme des Ritters krümmen sich; er reißt Sie an seine Brust. Diese Umarmung ist absolut tödlich, Herr Harst. Nicht wahr, eine reizende mechanische Spielerei. Ich habe sie in Madrid erworben. Sie stammt aus der Zeit der Inquisition, als man die Ketzer zu Ehren Gottes zu tausenden köpfte, verbrannte, marterte, in siedendem Öl schwitzen ließ. Also bitte! Sprechen Sie! Was wollten Sie hier? Was hofften Sie mit Ihrem Spürgenie hier herauszufinden?‹«

Harst hatte mir die Hand schwer auf die Schulter gelegt.

»Ich sage dir, dass ich von dem Menschen kein Mitleid zu erwarten hatte, bewiesen mir seine kalten Mörderaugen. Ein alter Erfahrungssatz: Wenn gebildete Leute heimlich dunkle Wege wandeln, sind sie schlimmer als einer der mit zwölf Jahren schon stahl und mit zwanzig die Zuchthausvorschriften besser kennt als das Vaterunser.

Was sollte ich tun? Alles gestehen: Dass er mir als zweifelhafter Ehrenmann genannt sei, dass ich dem Melville-Armband nachjage, dass ich die Depesche auf seinem Schreibtisch gelesen hätte, dass ich Palperlon in Stockholm vermutete?

Es war ein schwerer Entschluss. Ich gab mich verloren. Niemand wusste, dass ich bei Doornblam gewesen. Sagte ich die Wahrheit, würde er mich schon deshalb beseitigen, weil ich die Depesche kannte und auch wusste, dass er gestohlene Sachen erwarb. Lügen, etwas erfinden? Ja, was? Der Mensch war zu klug für jede Ausrede.

Das überlegte ich mir, während meine Handgelenke in der Umklammerung der eisernen Schraubstöcke brannten und Doornblam den rechten Zeigefinger auf einen aus der rechten Hüfte des Ritters herausragenden Knopf gelegt hatte. Über diesem Knopf befand sich ein zweiter. Meine Blicke hafteten wie gebannt darauf. Mein Gedankengang wurde unmerklich ein doppelter. Ich erwog die Aussichten einer klug erfundenen Lügengeschichte, erwog zugleich die Möglichkeit einer ganz sicheren Rettung, denn zu einem Lügengespinst hatte ich kein rechtes Vertrauen.

Dann – neben mir das halblaute Hohnlachen Doornblams.

›Na, haben Sie schon mit Ihrer unerschöpflichen Fantasie etwas entdeckt, was ich vielleicht glauben könnte?‹, meinte er mit grimmen Spott. ›Geben Sie sich keine Mühe, Verehrtester! Ich sah, dass Sie die Depesche lasen und darauf stierten, als wäre es eine große Offenbarung! Ja, ich sah es, damit Sie auch das wissen, sah es und wickelte Sie dann allgemach so fein ein, dass Sie jetzt verloren sind. Ich bin nicht der Mann, der halbe Arbeit tut. Nur Sie können Bloomberg und mir gefährlich werden. Nur Sie! Die Polizei verlachen wir. Sie werden verschwinden – so spurlos, dass auch Ihr Freund Schraut Sie niemals finden wird! Es gibt nur eine Rettung für Sie: die volle Wahrheit!«

Dass er log, dass er mich nie mehr aus seinem Haus lebend hinauslassen würde, war mir sofort klar. Er wollte die Wahrheit hören, um sein Verhalten danach einrichten zu können.

Und das Bewusstsein, nun dem Tod so nahe gegenüberzustehen, diese Überzeugung, dass nur meine kühlste Ruhe mich befreien könnte, war wie ein Medikament, das die Nerven künstlich wieder für kurze Zeit in Ordnung bringt. Die Umklammerung des teuflischen Mordwerkzeugs hatte mich zu plötzlich betroffen. Ich musste wieder erst ich selbst werden. Und ich war wieder derselbe Harald Harst, der selbst damals in Kingston uns rettete, als wir elektrisch hingerichtet werden sollten.«

Er schwieg, langte in die Tasche, zündete sich eine Zigarette an. Und meine Gedanken eilten derweil zurück zu der »Verschwundenen Million«, wie ich unser damaliges Abenteuer in Band 11 des Detektiv bezeichnet habe. Kingston! Das war der Beginn unseres Kampfes gegen Warbatty-Palperlon gewesen.