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Sir Henry Morgan – Der Bukanier 47

Kapitän Marryat
Sir Henry Morgan – Der Bukanier
Aus dem Englischen von Dr. Carl Kolb
Adolf Krabbe Verlag, Stuttgart 1845

Siebenundvierzigstes Kapitel

Morgans kläglicher Tod. Man lässt ihn katholisch sterben, ohne dass er es weiß. Bericht über unsere anderen Personen und ein summarischer Überblick über den Charakter unseres Helden.

Wir legen kein großes Gewicht auf die Szenen, welche uns die Sterbestunden eines Gerechten oder Ungerechten bieten. Die gebrechliche Hülle ist zu sehr erschüttert, um nicht zu wanken und gewissermaßen in Angst und Schrecken vor dem feierlichen Augenblick zu zittern, welcher sie zu einem empfindungslosen, der Verwesung verfallenen Erdenkloß umwandeln soll. Die Seele hat nur wenig zu schaffen mit dem Ausdruck der natürlichen Leiden des Körpers. Der göttliche Hauch, welcher bereits seine Schwingen angesetzt hat, um seiner künftigen Bestimmung zuzueilen, kann sich nur wenig dafür interessieren oder nicht viel von dem wissen, was in dem mürben, zerschellenden Schiff vorgeht, das er eben verlassen hat oder zu verlassen im Begriff steht. Nur der Körper stöhnt, ächzt und zittert; die unsterbliche Wesenheit hat andere, uns unerforschliche Empfindungen durchzumachen. Mögen sie den Besten unter uns weniger schrecklich sein als die Todesqual des sterblichen Leibes den Schlimmsten!

Die Sterbelager der Gerechten und Unschuldigen sind schon schrecklich gewesen, während die verhärteten Bösewichter gleichgültig, bisweilen sogar in Frieden und freudig dahinschieden. All dies beweist nichts, als dass der Zusammenhang der Fiebern und Nerven mehr oder weniger den Einflüssen des Schmerzes, des Schreckens und einer tödlichen Angst zugänglich sind. Wir haben dies vorausgeschickt, um unsere Leser zu überzeugen, dass wir, während wir die letzten Augenblicke unseres sündigen Helden schildern, nicht einer Schaustellung von Religion das Wort zu reden wünschen. Sie mögen im Gegenteil als eine moralische Lehre und als Warnung für diejenigen dienen, welche sich gern im Pfuhl der Sinnlichkeit wälzen. Es geht da eine Abspannung und ein Zerschellen im menschlichen Nervensysteme vor, während die Seele bereits bei ihrem Schöpfer ist. Der Tiefe seiner ehrfurchtgebietenden Allwissenheit kann allein ein Urteil zustehen, und der Sterbliche enthalte sich, über die unsterbliche Bestimmung seiner Nebenmenschen den Stab zu brechen.

Morgans Sterbestunde war die schrecklichste, welche man sich denken kann. Alle seine Vorstellungen beschäftigten sich nur mit Erdendingen. Seine Delirien waren vollkommen zusammenhängend und es lag Klarheit in seinem Wahnsinn. Während der Tod mit seinem knöchernen Fittich lauernd das Lager des verzweifelnden Elenden umschwebte und ein Düster durch das Gemach verbreitete, erschöpfte sich Morgan mit Verwünschungen und dürstete noch nach mehr Menschenblut. Nur wenn der Paroxysmus der Wut durch das eigene Ungestüm erlahmte, fühlte sich seine Seele von kaltem, unerträglichem, panischem Schrecken erfüllt. Er konnte weinen wie ein Kind und behauptete, das Zimmer sei angefüllt mit den Gestalten und Gesichtern längst Ermordeter. Wie kindisch zitterte dann der Mann, der einst so stark in der Schlacht und so unerbittlich im Gemetzel dagestanden hatte! Seine Hängematte pendelte hin und her unter seinem konvulsivischen Schaudern. Nur wenige wagten es, in solchen Augenblicken auf ihn hinzusehen.

»Was ist anzufangen?«, fragte man sich rings umher. Einige der Schwarzen empfahlen, ihn mit den Kissen zu ersticken; sie meinten es barmherzig.

Als der Herzog von Albemarle erfuhr, dass sich Sir Henry Morgan in articulis mortis befinde, schickte er ihm seinen Jesuiten-Beichtvater. Die römisch-katholische Religion sehnt sich nach Proselyten, namentlich auf dem Totenbette, denn es ist dann keine Aussicht vorhanden, dass sie wieder abfallen könnten. Man durfte es sich wohl zum Ruhm anrechnen, einen Mann von Morgans Ruf bekehrt zu haben. Der Priester trat in pontificalibus, ohne den Apparat zu vergessen, welcher für die letzte Ölung nötig war, mit zwei Ministranten in das Gemach, als eben Morgan von der Halluzination befangen war. Das Zimmer fülle sich mit Geistlichen, die er gefoltert und gemordet hatte.

»Wie, noch mehr … noch immer mehr …«, raste Morgan.

»Aber die Neuangekommenen haben noch kein Blut auf ihren Kleidern. Wie sind sie entkommen? Ich werde bis auf den letzten Augenblick heillos bedient. Wo ist Emerson, wo mein ausgesuchter älterer Brackentwist? Ha, diese heuchlerischen Hunde … ohne Zweifel haben sie viele Schätze verborgen … die Zangen … die Daumenschrauben … sengt ihnen die Gesichter mit brennenden Palmblättern … warum gehorcht man mir nicht? Ach, niemand will mir mehr gehorchen! Ich sage euch, ihr geschorene Glatzen, ihr sollt frei ausgehen … kein Haar auf euren Häuptern soll gekrümmt werden; nur bringt mir jenen Skorpion, jenen Schwärzesten von allen Skorpionen, den Hekattykick.«

Die Geistlichen schauderten, fuhren aber doch in den Förmlichkeiten ihrer Religion so methodisch fort, als sei sich der Sterbende all dessen, was um ihn vorging, klar bewusst, während sich der elende Sünder in ganz anderen und weniger heiligen Szenen umtrieb. Aus seinen nun matten und unterbrochenen Delirien erhellte, dass er sich mit einer der schrecklichsten Szenen seines vergangenen Lebens beschäftigte – auch fehlte es nicht an einigen Ausbrüchen eines grässlichen Triumphes. Das Doppelschauspiel das unbußfertigen Sterbenden und der absolvierenden Priester bot einen schrecklichen Kontrast und sah aus wie ein gottloser Hohn auf die Religion.

Lady Morgan hatte den Anblick längst nicht mehr ertragen können und sich mit einigen ihren Freunde und einem Diener der englischen Kirche nach ihrem Gemach zurückgezogen. Sie beteten innbrünstig miteinander, und obwohl in ihrem Zimmer weniger priesterlicher Prunk zur Schau gestellt war als in dem das Verscheidenden, glauben wir doch nicht, dass ihr aus dem Herzen quellendes Flehen dem hehren Gnadenspender weniger angenehm war.

Alles, was bei solchen Gelegenheiten das Ritual der römischen Kirche vorschreibt, wurde vor und an dem bewusstlosen Morgan regelmäßig geübt. Während des letzten Teiles der Zeremonie erfasste den Sterbenden das wildeste Entsetzen; seine Glieder wurden steif, seine rollenden Augen traten furchtbar aus ihren Höhlen hervor und seine Haare sträubten sich. Etwas namenlos und unbegreiflich Schreckliches musste sich seinen wirren Sinnen vergegenwärtigt haben. Er war nun so schwach, dass er kaum mehr einen Laut hervorbringen konnte. Er hatte gebeichtet – das heißt nach der Deutung, welche der Jesuit etwa nachstehendem Vorgange gab.

»Hast du dich des Mordes schuldig gemacht?«, fragte der Katechet.

Der Kranke stöhnte.

»Er hat sich dazu bekannt, soweit er es imstande war«, nahm der Priester wieder auf.

»Der Notzüchtigung?«

»Die Backbordbreitseite abgefeuert!«, schrie der sterbende Bukanier.

»Ah, so viel ich verstehe, unter mildernden Umständen. Er scheint reuig zu sein, Pater Jacobus. Bereust du ernstlich – diese Gottlosigkeit?«

»Haltet auf sie ab … haltet auf sie ab und gebt mit der andere Breitseite Feuer … doppelte Kugeln!«

»Ich verstehe ihn wahrhaftig nicht. aber dieser Sünder muss gerettet werden. Ist dein Herz reuig, Sir Henry Morgan? Beruhige dich, mein Sohn, und antworte mir mit einem gesammelten Sinn.«

»Ohne Zweifel, ohne Zweifel«, entgegnete Morgan. Dann fuhr er nach einer Pause fort. »Wir legten sie ritterlich nebeneinander.«

»Ja, es ist ihm Ernst, aber er mischt traurigerweise den Jargon seines früheren gottlosen Lebens in seine Beichte. Ich zittre, ihn zu fragen: Hast du, mein Sohn, Kirchenschändung begangen?«

»Stoßt mir diesen Mönch ins Feuer – und bewahrt mir diese Nonne auf – sie ist wunderbar schön.«

Die drei Priester sahen einander an und schüttelten verzweifelnd ihre Köpfe.

»Er redet irre«, sagte der Jesuit. »Wir müssen einen lichten Zwischenraum abwarten.«

Und sie warteten. Da Morgan alles Mögliche heraussprach, so fanden sie bald etwas, was zu ihrem Zweck passte; alles Übrige aber erklärten sie für die Äußerungen des Wahnsinns.

Der letzte Augenblick nahte heran. Morgan hatte gebeichtet, Absolution erhalten, das Sakrament genommen, die letzte Ölung war an ihm geübt worden, und so musste er wohl formell ein guter Katholik sein.

»Er ist im Verscheiden; gebt mir das Kruzifix«, sagte der Jesuit.

Das heilige Symbol wurde Morgans erblindenden Augen vorgehalten. Es war von Gold und mit kostbaren Edelsteinen ausgelegt. Dies weckte noch einmal den erlöschenden Lebensfunken in ihm. Mit sterbenden Atem rief er: »Eine glorreiche Beute! Bringt sie zu der anderen.«

Er umfasste das Sinnbild des gekreuzigten Erlösers, und in dem Versuch, es dem Priester zu entreißen, starb der Sünder.

Man hat sich weithin mit den Ansichten getragen, dass die Jesuiten selbst nicht an ihre Religion gehalten hatten, sondern sich nur als ein Werkzeug zur politischen Vergrößerung ihres Lebens benutzten. Möglich, dass es der Fall war, aber das Benehmen der Priester an Morgans Sterbebett trug wenigstens den unverkennbaren Ausdruck der Aufrichtigkeit. Gleichzeitig, und ohne sich zuvor miteinander zu benehmen, knieten sie nieder und beteten für die gefährdete Seele des Hingeschiedenen – sie beteten lange und mit Inbrunst. An der Schwelle des Sterbegemachs trafen die Priester auf die Chorknaben, welche sich ihnen anschlossen und auf dem Heimweg ein Requiem für den Hingeschiedenen sangen.

Am folgenden Tag wurde die offizielle Nachricht ausgegeben, Sir Henry Morgan sei in den Schoß der heiligen katholischen Kirche aufgenommen worden und als frommer Kommunikant dieses Glaubens gestorben. Da die Ankündigung zu einem großen politischen Zweck dienen sollte und im Einklang mit den Ansichten und der Politik des bigotten Jakobs II. stand, so darf es uns nicht Wunder nehmen, wenn die Jesuiten, welche sich an der Seite des sterbenden bewusstlosen Mannes unschlüssig benahmen, doch nicht zögerten, das weiter zu verbreiten, was, wenn es auch nicht gerade eine direkte Lüge war, doch nahe dabei feil hatte.

Hätten leerer Prunk und Lippenverehrung Morgan etwas nützen können, so wäre er wohl nicht zu bald gestorben. Jede Glocke auf der Insel verkündigte die Nachricht von seinem Tode. Sein Leichenbegängnis war das prachtvollste, dessen man sich auf der Insel erinnern konnte, und hatte den Gouverneur wie auch sämtliche Zivil-, Militär- und Flottenbeamte in seinem Gefolge. Er wurde nach dem Ritus der katholischen Kirche beerdigt, und sowohl der Herzog von Albemarle als auch das ganze Haus der Assembly legte für ihn drei Wochen Trauer vor.

Wir wollen uns nicht über den Gram seiner trostlosen Witwe verbreiten, weil sie sich weder grämte noch trostlos war. Nachdem sich der erste Eindruck des Schreckens gelegt hatte, fühlte sie sich durch die Auflösung ihres Gatten erleichtert. Wenn sie je eine schmerzliche Erregung anwandelte, bestand diese in Besorgnissen wegen seines künftigen Zustandes; aber während sie die Gerechtigkeit des Allmächtigen anerkannte, setzte sie doch auch ein unbegrenztes Vertrauen in seine unerschöpfliche Barmherzigkeit. Die Welt war vor ihr offen mit allen ihren Freuden, und die Hoffnung hatte noch nicht angefangen, ihre schönsten und heitersten Federn zu knicken. Sie war noch jung und vielleicht nie schöner gewesen. Morgan erwies ihr in seinem Tode jene Gerechtigkeit, die er ihr im Leben verweigert hatte. Sein Testament verbreitete sich in hohen und gerechten Lobsprüchen über ihre vielen Tugenden und belohnte sie mit der ganzen Hälfte seines Eigentums, das ihr rückhaltlos zur Verfügung gestellt wurde.

Natürlich wurde nun die bezaubernde Witwe die gesuchteste Partie in Westindien. Sie heiratete bald wieder und zog mit ihrem Gatten, einem jungen Gentleman von alter Familie, welcher mit ihrem Vater verwandt war, obwohl er einen anderen Namen trug, nach England. Dort lebte sie noch lange glücklich, und man hörte sie nie auch nur entfernt auf ihren ersten Gatten anspielen. Erst auf ihrem Sterbebett schloss sie seinen Namen in ihr letztes Gebet ein.

Von dem späteren Leben der Donna Lynia Guzmann wissen wir nichts – es ist daher zweifelhaft, ob sie aus Liebe für Morgan oder aus Ekel vor ihrem Gatten starb. Wir haben sie in einer traurigen Lage verlassen – und gewiss, sie verdiente ein weit besseres Geschick.

Morgans verschiedene Obristen, Kapitäne und andere Genossen, deren in dieser höchst unparteiischen Biografie Erwähnung getan ist, müssen wir in zwei Klassen teilen – in diejenigen, welche bei der Beute von Panama bedacht wurden, und in diejenigen, welche unser Held darum betrog. Beide kamen in Ruf, nur in verschiedener Weise; Erstere wurden notorisch reich und starben als Pflanzer, Kaufleute oder Schiffseigentümer, Letztere aber verdankten ihre Notorietät der Fortsetzung ihres schändlichen Lebenswandels und wurden an verschiedenen Orten als Piraten, Freibeuter und Küstenbrüder gehängt.

Master John Peeke, des Admirals Sekretär und Vertrauter, fand, dass die Klebrigkeit seiner Finger seinen Interessen sehr dienstlich war, denn da er so viel mit Gold und Diamanten umzugehen hatte, so blieb ihm ein recht leidlicher Anteil daran hängen – und er wurde sehr reich. Weil das tropische Klima seiner Gesundheit nicht sehr zusagte, so kehrte er nach Hause zurück, wo er zu seinem großen Erstaunen die angenehme Entdeckung machte, dass er sich in aller Anmut, die einen Gentleman ziert, sehr vervollkommnet hatte – wenigstens sagten ihm dies seine Freunde. Auch hätte er jetzt nicht nur die Dame, die ihn früher so geringschätzig zurückgewiesen hatte, sondern auch ihre drei Schwestern, alle ihre unverheirateten Verwandten und noch obendrein auch einige von den verheirateten haben können. In der Tat wusste jetzt jedermann seinen Wert zu schätzen. Er hatte in Panama ungemein viel Politur gewonnen, aber mit seiner Veredelung war er auch ekel geworden. Er wollte daher nichts mehr von seiner alten Bekanntschaft wissen, ging zu Hofe, erzählte ungeheuerliche Geschichten von seiner militärischen Tapferkeit auf der Landenge von Darien und lebte just lange genug, um seinen Ruf als notorischer Lügner zur Vollkommenheit zu bringen und sein großes Vermögen glorreich in einem Treiben, das ihm nicht behagte, und in Torheiten, die er verachtete, aufgehen zu sehen.

Wir haben bereits angegeben, dass Morgan die eine Hälfte seines Reichtums seiner verdienstvollen Gattin überließ, die andere aber vermachte er seinen beiden Brüdern und ihren Kindern ohne weitere Klausel, als dass sie einen wilden Kuba-Bluthund, den der Bukanier sehr geliebt hatte, bis zu dessen Tod nähren und pflegen sollten. Dieser Bluthund, der von allen, seinen Gebieter ausgenommen, gefürchtet und verabscheut war, hieß Yap, und das Testament verordnete, man solle ihn mit aller Nachsicht behandeln und ihm alle Gemächlichkeit bereiten, die ein Hund von Geschmack wünschen konnte. Trotz seines schwarzgalligen Temperaments hatte der Hund doch Verstand und zeigte in der letzten Krankheit seines Gebieters mehr Unterscheidungsgabe als die meisten Freunde desselben.

Da dieser Hund ein Hund von zartem Ehrgefühl war und es im Punkte der Beleidigung sehr genau nahm, so wurde es als absolut nötig empfunden, ihn an die Kette zu legen, denn er war stets geneigt, mit Menschen oder Tieren Duelle anzufangen. Sir Henry Morgan liebte ihn sehr, und man trug sich mit dem Gerücht, er habe entweder mit Yap oder mit dessen Erzeuger in fremden Landen oft der Menschenjagd obgelegen. Dass Yap in den blauen Bergen Jamaikas oft auf das Erfolgreichste Schwarze gehetzt hatte, war jedenfalls gewiss.

Nun war dieser Yap unter der Hängematte seines Gebieters angekettet gelegen und hatte bei dem Erscheinen des schwarzen Arztes jedes Symptom von Wut und Entrüstung kundgetan. Auch war während der Nacht von Sir Henrys schwerem Schmerzenskampf die Kette kaum stark genug gewesen, um den Hund abzuhalten, dass er nicht augenblicklich Rache an seines Herrn unmenschlichen Quälern nahm. Man achtete jedoch nicht auf seine Unruhe und sein Geheul, denn man glaubte, sie hätten ihren Grund in seiner natürlichen Antipathie gegen die Schwarzen, auf deren Jagd er abgerichtet worden war, nicht aber in seiner natürlichen Überlegenheit über den Scharfsinn der weißen Menschensöhne, denn nur diese durften es wagen, ihn von seinem Herrn ohne dessen spezielle Erlaubnis fortzunehmen.

Die beiden Morgans, welche auf Jamaika Sir Henrys ganzes Vermächtnis in Geld umwandelten, kehrten nach Wales zurück und gaben der Gegend um Penabock bald ein ganz anderes Aussehen. Das alte Farmhaus und der Rasen davor blieben erhalten; dagegen aber wurde ein prachtvolles Familiengebäude aufgeführt, welches recht gut zu der stundenweit ausgedehnten Domäne passte. Die Morgans nannten sich nun Squires, und ihre Kinder heirateten sich in die vermögendste und älteste Gentry der Grafschaft.

Das Schloss Glenllyn verfiel mit jedem Jahr mehr, genoss aber einer Achtung, welche verhinderte, dass es entweder wieder aufgebaut oder ganz zerstört wurde. In der Tat lag es auch zu nahe an der Seeküste, um alle Bequemlichkeiten einer modernen Wohnung bieten zu können, denn nachdem man Letztere einmal zu würdigen

begann, wollten die Leute keine Schlösser mehr bauen, sondern zogen die Errichtung von Landhäusern vor. Man ließ daher die Masse in ihrer einsamen Größe verfallen.

Der Reichtum führte Anhänger und Arbeiter herbei, und im Laufe von drei Jahren war Penabock, das vorher nur aus einem Farmhaus mit den nötigen Nebengebäuden bestanden hatte, ein mäßig großes Dorf geworden, auf welches Morgan House, nun die Familienresidenz, von einer benachbarten Anhöhe in selbstbewusster Majestät heruntersah.

Yap blieb nicht vergessen. Man machte zwar alle Versuche, den reizbaren Legatar versöhnlich zu stimmen, aber er besaß die ganze Unverschämtheit und Halsstarrigkeit eines reichen Erben. Er war viel zu streitsüchtig, um bei Hoch oder Nieder, bei Menschen oder Vieh einquartiert werden zu können. Die Morgans gaben sich zwar alle Mühe, indem sie Seiner Hundegnaden den Jägern und dann den Schäfern überantworteten; auch die Viehärzte kamen an die Reihe, aber da sie die gemessene Weisung erhielten, keine Gewalt zu brauchen, so blieb Yap gerade so unzuverlässig und roh, als je. Der Hund hatte seine Liebhabereien und Antipathien. Mit der Zeit begann er, seine Nachbarn kennen zu lernen und lebte mit ihnen auf leidlich gutem Fuße – eine Umstimmung, die freilich durch manche gesunde Prügelsuppe herbeigeführt werden musste, obwohl man die Sache vor den Morgans sorgfältig geheim hielt.

Yap galt endlich für einen wiedergewonnenen und reformierten Hund, weshalb man für ihn in dem Park der Morgans ein prachtvolles Hundehaus baute und ihn mit allen Arten von Hundehochgenüssen versah. Sein Palais bestand aus einem Vorhof und zwei Zimmern, deren eines stets nicht nur das süßeste frische Stroh, sondern auch eine warme wollige Schafhaut zu seiner Bequemlichkeit enthielt. Im Vorhof befand sich ein steinerner, in den Boden eingesenkter Trog, welcher stets mit dem klarsten Wasser gefüllt wurde. Mit einem Wort, man behandelte ihn so, wie es der Hund des verstorbenen Eroberers von Panama verdiente.

Yap hatte jedoch eine wilde Art an sich, nachts auf eigene Rechnung zu jagen, den Widdern Ungelegenheiten zu machen und die Schafmütter und Lämmer zum bloßen Spaß zu töten, denn er war nun zu wohl erzogen, um sein Schöpsenfleisch roh zu verspeisen. Diese schlimme Gewohnheit zwang seine Vormünder – denn wir erlauben uns nicht, sie seine Herren zu nennen – ihn jede Nacht mit einem Messinghalsband und einer Stahlkette zu schmücken, zwar die schönsten, die man auftreiben konnte, aber sie waren doch immer Halsband und Kette. Dies brachte Yap endlich so weit in Ordnung, dass er zu Hause schlief und ein achtbares Individuum wurde.

Die Angelegenheiten standen ungefähr eineinhalb Jahre zu Penabock in diesem glücklichen und gedeihlichen Zustand, als sich das Ereignis zutrug, mit welchen wir unsere wahrhaftige Geschichte schließen müssen, weil es über die letzte von den noch vorhandenen Personen verfügt, welche früher in den Schicksalen unsres Helden eine Rolle spielten.

Der Umstand, dass Doktor Quashie Hekattykick den Einflüsterungen seiner Rachsucht nachgab, hatte sein ärztliches Geschäft zu Grunde gerichtet, denn er durfte es nicht mehr wagen, in einer der westindischen Inseln, solange sie den Engländern gehörten, seinen Obismus und seine medizinische Totschlägerei zu üben. Dies machte ihm anfangs wenig Sorge, da er vor seiner Flucht bei Sir Henry eine recht achtbare Beute gemacht hatte. Stets die Urkunde seiner Manumission und sein Signalement bei sich führend, ging er von einem Platz zum anderen und spielte den Gentleman nach seinen eigenen Begriffen von der Sache – das heißt, er verschwendete sein Geld in allen nur erdenklichen Ausschweifungen. Endlich war er genötigt, auf einer Brigg die Fahrt nach England zu machen, ohne sich dabei einer höheren Stellung als der eines Kochs und Schwabberreinigers zu erfreuen.

In England angelangt, verschmähte er die See und alle ihre schmutzige Genossenschaft, weshalb er es versuchte, sich in England durch Obismus und medizinische Vergiftung durchzubringen. Aber die Engländer hielten mehr auf ihren eigenen Aberglauben, welchen der Schwarze nicht verstand, und hatten viel schlechtere und unverschämtere Quacksalber. Niemand wollte sich von ihm einen Zauber lösen oder ein Pflaster auflegen lassen. Er wanderte daher als Bettler und Sänger durch die Straßen. Bisweilen spielte er auch den zweiten Mann mit einem Affen auf dem Rücken eines Dromedars und erhielt oft genug nur Affen-Traktament – das heißt mehr Rippenstöße als Halbpence.

Nach vielen Wechselfällen durchzog Hekattykick als Balladensänger das Land und machte im Ganzen eine sehr einträgliche Ernte. In den Seehäfen und in London war zwar der Anblick eines Schwarzen ordinär genug, weil es damals Mode war, dass die Ladys durch schwarze Pagen begleitet wurden; in den Landstädten und Dörfern

aber galt Hekattykick als ein Ungeheuer und als eine Rarität. Unser Schwarzer hatte eine lustige Art an sich und war ohne Zweifel gar kein übles Exemplar der Rasse, welche später in den modernen Jim Crows dargestellt wurde.

Das Lied, welches Hekattykick am liebsten sang und das ihm die meisten Pence einbrachte, war von seiner eigenen Komposition und hatte den Titel Der Teufel holt sein Eigentum oder der blutige Bukanier. Es bestand aus vierundzwanzig Versen, war in großen runden Typen gedruckt und trug vorne als Zierde ein sehr gurgelschneiderisch aussehendes Portrait des Sir Henry Morgan zur Schau.

Die letzten Verse, aus denen sich der poetische Wert des Ganzen würdigen lässt, lauteten folgendermaßen:

Er betriegʼ sein Freund, um sein letzte Guinee
Er töt
ʼ Mönch und Priester – o je!
Er schneid ab sein Hals dem Pickaninny,
Der blutige, blutige Bukanier!

Er brech ab die Kirch und zerschlag die Orgel
Er zucht Not die Nonn
ʼ all – o je!
So nun hab ihn sicher der Deiffel in Klauen,
Den blutigen, blutigen Bukanier!

Er salz ein den Rücken von serr schöne Neger;
schön Neger bezahl ihn– o je!
Er zwick ihm die Nas
ʼ, wie er krank da liegen,
Der blutige, blutige Bukanier!

Diese lange Ballade wurde zu einer sehr kläglichen Weise mit lustigen Variationen gesungen, welch Letztere namentlich im letzten Vers sehr hervortraten, und Quashie versäumte nie, seinen Zuhörern und Käufern mitzuteilen, dass er selbst der serr schöne Neger sei, der in dem Lied vorkomme.

Aber dem sehr schönen Neger war kein so schönes Los vorbehalten. Sein Unstern musste ihn nach Wales führen, wo jede achtungswidrige Bemerkung über einen Morgan nicht sehr wohl goutiert wurde. Er konnte nicht begreifen, warum er so oft Rippenstöße kriegte – in Wahrheit, er wurde von einem Platz zum anderen gezaust und so geradenwegs bis nach Penabock gestoßen, ohne seit seinem Aufbruch von Bristol etwas anderes als Kopfnüsse und Beulen davongetragen zu haben. Aber gerade dies war der letzte Platz in der Welt, wo er seine Stimme zum Gesang hätte erheben sollen.

Wir haben bereits erwähnt, dass die Morgans schon früher durch derartige Reisende viel geärgert wurden. Quashie war abends angekommen und kaum hatte er eines seiner Lieder verkauft, als er auch schon mit Stöcken und Steinen aus dem Platz getrieben wurde. Es fehlte ihm zwar nicht an Geld, aber hier war es ihm unnütz. Seinen Hang konnte er wohl beschwichtigen, denn er war ein zu erfahrener Landstreicher, um nicht immer seinen Reisesack wohl versehen zu erhalten, aber er fühlte sich erschöpft. Seine Füße waren wund und die ungastfreundliche Behandlung, die ihm nie zuvor in so hohem Grade zuteil geworden war, machte in niedergeschlagen. Es war eine kalte Herbstnacht und die eindringlichen Gebirgsnebel schnitten ihn bis aufs Mark. Der volle Mond stand in wolkenloser Klarheit am Himmel, obwohl die kalten Dünste von den Anhöhen niederrollten und auf dem Boden hinglitten. Es war der Jägersmond, welcher mit seiner frostigen Klarheit dieses unglückliche Kind der Sonne verhöhnte. Quashie schleppte sich schaudernd weiter.

Er näherte sich dem geräumigen Park der Brüder des Mannes, den er, wenn auch nicht gerade ermordet, so doch seinem Ende schneller entgegengeführt hatte. Das Tor öffnend, erreichte er bald Yaps fürstliche Wohnstätte. Der Hund hatte ihn längst zuvor gewittert und lag niedergekauert da, mit weit ausgedehnten Nasenlöchern sein Opfer erwartend. Mit wildem Entzücken schnüffelte er die von dem Negerblut befleckte Luft auf – er war zu gierig, um zu bellen.

Quashie nahte heran und erging sich in wehmütige Betrachtungen über die Unmenschlichkeit der Weißen, welche einen Köter so üppig einquartierten und einem schwarzen Bruder Obdach verweigerten. Er blickte über Yapes Vorhof hinein und sah den geduckten Bluthund mit seinen funkelnden Augäpfeln. Die Überzeugung, dass das Tier an der Kette lag, gewährte dem Schwarzen einige Beruhigung, und ein Blick nach seinen warmen Schafshäuten und nach dem überflüssigen Stroh erzeugte in ihm den Entschluss, dem Hund etwas davon abzunehmen oder dessen behagliches Schlafgemach zuteilen.

Quashie begann seine Operationen durch Schmeicheln, aber mit wunderbar schlechtem Erfolg. Die Brot- und Fleischbrocken, welche er ihm aus seinem Felleisen zuwarf, wurden verschmäht. Zunächst versuchte er es, Yap von seinem Lager aufzuscheuchen, um sich zu überzeugen, wie lang seine Kette sei. Er fluchte nach ihm hin und war sogar grausam genug, ihm die Ballade über seinen alten Gebieter vorzuheulen. Alles vergeblich. Endlich schleuderte Quashie einen großen Stein nach ihm, welcher, da er ihn tüchtig auf die Nase traf, die gewünschte Wirkung übte. Der Bluthund, dessen weißes Gebiss in dem Mondlicht glänzte, sprang nach der vollen

Länge seiner angespannten Kette in die Mitte der Umzäunung, knirschte mit den Zähnen und stieß ein dumpfes Geheul aus.

»Deiffel von alle Deiffel! Morgan nicht weit weg – hier sein verdammt Yap.«

Quashie erkannte den Hund mit einem Mal – denn wer, der mit Morgan zu Kingston lebte, hätte nicht seinen schrecklichen Kuba-Bluthund gekannt?

Quashie zog sein Messer und schickte sich zum Kampf an, denn der tödliche Hass gegen den Zerstörer und Hetzer seiner Rasse bemächtigte sich seiner.

Der Schwarze begann seine Operationen mit aller Vorsicht. Er versah sich mit schweren Steinen und schleuderte sie dem Hund an den Kopf, ehe er versuchte, über die Einzäunung zu klettern. Der Hund wich den Geschossen mit bewunderungswürdigem Takt aus, indem er bald dahin, bald dorthin sprang und bei jeder dieser stoßweisen Bewegungen aus Leibeskräften an seiner Kette zerrte.

Dieser Kampf hatte einen stummen Zuschauer in Henry Morgan, dem ältesten Sohn von unseres Helden ältesten Bruder. Er kannte die Geschichte seines Onkels genau, hatte das einzige Lied, welches Quashie in dem Dorf verkaufte, gesehen und argwöhnte sehr, der Balladenverkäufer sei einer von drei Schwarzen, welche den Tod des Mannes, dem er so viel verdankte, grausam beschleunigt hatten. Auch er verabscheute den Hund und sah also mit gemischten Gefühlen als teilnahmsloser, unbeachteter Zeuge dem Kampf von Anfang an zu.

»Na, Bursch«, sagte Quashie, »nimm du das auf dein verdammt undurchdringliche Schädel.«

Diesmal war das Ziel des Schwarzen wirksam – leider nur zu wirksam für ihn selbst. Der Hund schüttelte seinen Kopf, stürzte mit furchtbarer Gewalt vorwärts – und die Kette riss.

»Lauf, wenn dir dein Leben lieb ist«, schrie der junge Morgan.

Für den armen Quashie bedurfte es nicht dieser drängenden Stimme. Der Hund war im Nu über der Einzäunung weg, und nun begann das schreckliche Todesrennen. Es würde nicht so lange gedauert haben, wenn der Hund nicht durch die Kette belästigt worden wäre. Nun begann an den Fersen des erschreckten Schwarzen das dumpfe tiefe Gebell, welches ihm nicht unbekannt war. Die gespenstige Jagd ging an dem Herrenhaus vorbei, und der junge Henry Morgan folgte, so schnell er konnte, nach. Er rief nach Gewehren und Pferden. Leute versammelten sich und schlossen sich der fürchterlichen Hetze an. Alle wussten, dass nichts als der Tod des Hundes das Leben des Menschen retten konnte. Mehrere Schüsse wurden wirkungslos abgefeuert, und obwohl infolge der Verwirrung das Rennen nicht das schnellste war, konnten doch die Nachfolgenden dem unermüdlichen Siamhunde weder voraus noch an die Seite kommen. Hinunter ins Tal, über einen Strom und den Abhang eines waldigen Hügels hinan – der Mensch voran und der Hund nach. Man glaubte, der Schwarze werde in dem Unterholz einen bedeutenden Vorsprung gewinnen, weil sich die Kette des Hundes in dem Gebüsch verfangen musste.

Auch die Männer waren nun der wilden Bestie nachgekommen und schickten sich zu dem entscheidenden Schuss an. Fast konnte man den Schwarzen für gerettet halten; aber als er durch die Verzäunung brach und in die offene Wiese auftauchte, sah er voll im hellen klaren Mondlicht etwas vor sich stehen, was ihm als der Geist Sir Henry Morgans vorkam. Die Gestalt schien in dessen gewöhnliches Kostüm gekleidet zu sein; die Arme waren in des Helden gewohnter Weise gekreuzt, und er blickte streng und unbeweglich auf den entsetzten Quashie nieder.

»Wusste wohl, wenn sein Hund da, der Meister auch nicht weit weg. Der Deiffel verdamm sie beide!«

Sich umwendend, um dem Geschick, das er nicht vermeiden zu können glaubte, ins Auge zu sehen, holte er mit seinem Messer aus und erwartete den Sprung des Bluthundes. Dieser war im Nu an der Kehle des Schwarzen, aber im selben Augenblick, bohrte sich dessen Messer in die Eingeweide des Tieres.

»Seht Euch vor«, rief der junge Morgan, »aber feuert schnell, sonst ist der Schwarze verloren.«

Es fielen drei Schüsse. Zwei Kugeln trafen den Hund, eine dritte aber verwundete den Schwarzen tödlich. Nur mit Schwierigkeit ließ sich das Gebiss des toten Hundes von Quashies Kehle losbrechen. Das Blut beider vermischte sich, aber der Schwarze hatte noch Kraft genug, den vermeintlichen Geist anzureden.

»Serre gut, Massa Morgan«, sagte er, zu der Statue aufblickend. »Massa Bucka, Neger-Body und Hund – drei verdammte Schurken – alle gehen miteinander zum Schwefelplatz. Aber da hinweg sing Massa mein Lied ihm ins Ohr den ganzen Tag lang – blutige, blutige Bukanier.«

Und so kläglich singend, starb er.

Wir brauchen unserem verständigen Leser nicht erst zu sagen, dass auf der Höhe des waldigen Hügels hinter dem Herrenhaus ein steinernes Standbild Morgans errichtet worden war, auf dessen Piedestal man in sehr klassischem Latein die ernstliche Versicherung lesen konnte, welche mit vir fortissimus et illustrissimus begann, dass er ein Mann gewesen sei, reich an jeder Tugend, der Ruhm seines Landes und eine Ehre des menschlichen Geschlechts – ferner dass die überlebende Familie seinen Tod beklage und sein Andenken ehre.

Es ist nicht schwer, den Charakter unseres Helden in einen kurzen Überblick zusammenzufassen. Er war das Geschöpf der Umstände. Mit der vollkommenen physischen Organisation ausgestattet, die man fast für die Bürgschaft eines überlegenen Geistes nehmen konnte, obwohl es demselben durchaus an moralischer Ausbildung fehlte, entbehrte er völlig der Attribute einer wahren Größe. Am meisten zeichnete er sich aus in Augenblicken großer Gefahr, denn nie erschien er so glorreich, als wenn sich die Verlegenheiten aufs Verworrenste häufen, die Hindernisse kaum zu übersteigen waren und die schrecklichsten, beunruhigtesten Gefahren ihn umringen. Während der Dauer der Krise gab es wohl nie einen Mann von unerschrockenem Mut, berechnenderer Haltung und furchtbareren Huldquellen. War die Tat vollendet, so sank der Held zum gewöhnlichen Menschen herab, der nur zu oft zum Vieh ausartete und sogar unter das Niveau desselben zu stehen kam, da das Tier doch vollkommen in seiner Sphäre ist.

Er war geschaffen, große Taten zu verrichten, nicht aber sie zu denken. Die Zwecke, die er sich vorsetzte, waren zwar ungeheuer, aber doch gemein und stets maßlos selbstsüchtig, und seine ganze Größe bestand in der wunderbaren Gewalt, die er bei Wegräumung der Hindernisse, um ein sehr unangemessenes Ziel zu erreichen, entfaltete. Wir könnten ihn mit einem großartigen schrecklichen Orkan vergleichen, der eine Provinz verwüstet und ein Königreich verödet, um einige wertlose Büsche zu erreichen und auszuroden. Er war von Natur blutgierig, und nachdem er einmal seine Rachsucht mit Menschenblut gestillt hatte, wich die Wollust, die er in Zerstörung von Leben fand, nicht mehr von ihm; sie wurde nicht nur zu einem Appetit, sondern zu einem eigentlichen Heißhunger.

Wir glauben nicht, dass Morgan je eine echte Liebe fühlte. Er war verliebt wie die meisten Sanguiniker, begriff aber gewiss nie die Natur eines Opfers für einen geliebten Gegenstand. In seiner Jugend durch die Wirren in den Glaubensbekenntnissen verblüfft, und nur zu bald bemerkend, wie schändlich sich die Menschen unter den entgegengesetztesten Konfessionen benahmen, warf er sie alle von sich und griff statt ihrer nach einer vermessenen Unabhängigkeit von Gott und Menschen. Aber selbst diese Anmaßung befriedigte ihn nicht; er wandte sich ab von dem Strahlenglanz und dem Segen des Himmels, um sich dem erstbesten ekligen Aberglauben, der ihm in den Weg kam, in die Arme zu werfen.

Die Begierden seines Herzens war unersättlich – seine Rachsucht, seine Eitelkeit und seine Habgier konnten keine Befriedigung finden. Letztere war bei ihm eine Leidenschaft, so ziemlich von der Klasse des Ehrgeizes, nur auf einer viel niedrigeren Stufe. Er trug diese Gier in sein Ringen nach Glück über; aber da sein Gesichtskreis die engen Grenzen der gemeinen Welt hatte und er an keine Unsterblichkeit glaubte, so suchte er natürlich sein höchstes Gut in der Sinnlichkeit und fiel so als ein Opfer seiner schlimmeren Begierden.

In der Gesellschaft zeigte er sich heiter, gesellig und auf die gewinnendste Weise freimütig. Er war ungemein beredt und ein vollendeter Heuchler. Es ist schwer zu sagen, welche Laufbahn er gemacht haben würde, wenn er eine gute Erziehung genossen hätte; denn in letzterem Fall wäre er nicht imstande gewesen, sich zu dem diabolischen Treiben herabzulassen, aus dem seine vorübergehende Größe entsprang.

Ohne eine Idee von Gerechtigkeit, ohne sittliche Grundsätze und ohne Glauben an die Religion, führte er, wenn er nicht eben unter dem Einfluss der größten Aufregung stand, ein elendes Leben, und obwohl wir uns nicht zu sagen getrauen, dass er hoffnungslos starb, muss doch jeder Christ für sein künftiges Geschick zittern.

In der Tat, das Los des siegreichsten Bukaniers, der je existierte, ist nicht beneidenswert.

ENDE