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Der Detektiv – Der ewige Jude – Teil 1

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 21
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Der ewige Jude

Teil 1

Wir saßen in unserem bescheiden eingerichteten, aber sehr sauberen Zimmer des Gasthofs Zur goldenen Kugel in Hamburg.

Harald Harst, hier im Fremdenbuch Heinrich Höppner, Kaufmann, Berlin, hatte abends gegen dreiviertelsieben von der Post seine hierher nachbestellten Briefe abgeholt. Wir waren nun bereits fast drei Wochen von zu Hause fort, und das Paket Briefe war daher recht ansehnlich. Er zerriss die meisten Briefe sofort, legte nur drei beiseite.

Dann sah er nach der Uhr, meinte:

»Wir haben noch anderthalb Stunden Zeit. Erst gegen 12 Uhr nachts dürfte die dritte Prophezeiung eintreffen.«

Ich hatte in meiner harten Sofaecke bereits halb geschlafen. Mir steckten die Strapazen der letzten Tage noch in den Knochen. Es dauerte daher einige Sekunden, bevor mein schlafumnebeltes Hirn recht begriff, was Harst soeben gesagt hatte, das heißt, den Sinn der Sätze fasste, allerdings ohne sie zu verstehen.

»Dritte Prophezeiung?«, fragte ich. »Um 12 Uhr nachts? Was soll das alles?«

»Lies!« Er reichte mir den einen Brief.

Ich las:

Hamburg, den 2. September 19

Sehr geehrter Herr Harst!

Gestatten Sie, dass ich mich in einer Angelegenheit vertrauensvoll an Sie wende, die für mich eine Quelle von Gedanken geworden, deren sich ein gebildeter Mensch eigentlich schämen müsste. Ich bin seit Juni dieses Jahres der letzte Träger des mit der Geschichte Hamburgs eng verknüpften Namens Partorius. Im Juni starb mein älterer Bruder, der Inhaber der Reederei Jakob Partorius ganz unerwartet. Ich, seit Jugend an mehr der Kunst als dem ernsten Kaufmannsberuf zugeneigt, habe seitdem unser Jahrhunderte altes Geschäft der Fürsorge des erprobten Prokuristen Svendsen überlassen und bereiste Spanien und Portugal, um in Museen und alten Klöstern die Meisterwerke spanischer und portugiesischer Maler zu kopieren. Am 15. August riet mir ein Herr, den ich im Hotel in Lissabon kennen lernte, einen Besuch bei dem weit über die Grenzen Portugals hinaus berühmten Seher Slami Zchumla mir nicht entgehen zu lassen.

Hiermit komme ich zu dem Hauptpunkt meines Briefes.

Zchumla soll weit über 150 Jahre alt sein. Soll! Er ist einer jener portugiesischen altehrwürdigen Juden, bei denen die dauernde Beschäftigung mit dem mystischen Teile der jüdischen Religionslehre eine Veredlung und Vergeistigung der Gesichtszüge hervorgerufen hat, wie man sie selten findet. Meine Bitte, mir die Zukunft aus den Linien der Hand vorauszusagen, lehnte er zunächst ab. Er erklärte, er sei kein gewerbsmäßiger Wahrsager. Schließlich ließ er sich doch erweichen. Was er mir prophezeite, war seltsam genug:

›Zwei Warnungen kommen; am Todestag Ihrer Mutter die erste; an dem Ihres Vaters die zweite. Beachteten Sie sie nicht, geschieht das Dritte, worauf das Erste und Zweite hinweist. Das Dritte trifft dann an Ihrem Geburtstag gegen Mitternacht ein.‹

So sagte er wörtlich. Eine Bezahlung lehnte er wie immer ab. Daher schickte ich ihm am nächsten Tag einen wertvollen Brillantring als Ausdruck meines Dankes zu.

Ich bin nie im Geringsten abergläubisch gewesen. Außer der Malerei habe ich hauptsächlich religionsphilosophische Studien betrieben. Ich habe die weltfremde Mystik der Lehre der Chassiden, jener jüdischen Sekte, die die Kabbala, das ungeschriebene Geheimgesetz, verehren, mit Eifer zu verstehen mich bemüht. Gerade diese Studien haben mir neue Ansichten über Menschenseele, Menschenleib, Werden und Vergehen vermittelt. An mich reichte keinerlei abergläubische Vorstellung heran, bis … bis ich eben Slami Zchumla kennen lernte.

Merkwürdig: Seit ich sein ärmliches Heim verlassen hatte, war meine Seele in ständig wachsender Unruhe. Diese scheuchte mich auch nach Hamburg zurück. Am 25. August traf ich hier wieder ein.

Und … gestern am 1. September am Sterbetag meiner Mutter ereignete sich dann so Unheimliches, dass ich heute am 2. früh mich sofort an den Schreibtisch gesetzt habe, um Ihnen, Herr Harst, meinen Fall zu schildern. Denn mag das, was ich gestern Abend erlebte, auch noch so rätselhaft sein, ich wittere dahinter doch etwas, das in Ihr Fach schlägt, wenn ich mich so ausdrücken darf.

Ich bewohne unser altes Patrizierhaus, das ja für Hamburg eine Sehenswürdigkeit ist. Um halb zwölf nachts kam ich aus einem Vortrag in der theosophischen Gesellschaft heim. Mein alter Diener war längst zur Ruhe gegangen. Die drei Räume, die ich benutze, liegen im ersten Stock nach der Straße zu. An sie schließen sich, rechts in den Seitenflügel abbiegend, die Zimmer an, die meine Eltern einst bevorzugten und die in demselben Zustand belassen sind.

Da dies nun der Tag war, an dem mir die erste Warnung zugehen sollte, befand ich mich in jener eigentümlichen nervösen Erregung. Als ich im Flur des ersten Stockes meinen Mantel und Hut an den Garderobenständer hing, glaubte ich in dem Schlafzimmer meiner Mutter ein Geräusch zu hören.

Ich stand und horchte.

Nichts! Im ganzen Hause Totenstille.

Dann … und da ging mir der erste Eiseshauch über den Rücken, dann drinnen im Zimmer eine schwache Stimme.

Mein Vorname und auch das Kosewort, das meine Mutter so oft für mich gebraucht hatte: ›Johannes – lütt Hann!‹

Ich war wie erstarrt. Sekunden, vielleicht Minuten vergingen. Dann aber, und das war keine Geruchstäuschung, spürte ich durch die Tür jenen charakteristischen Geruch von Kränzen, Tannen, Blumensträußen und brennenden Wachskerzen, wie er jedem Raum eigen ist, in dem eine Leiche aufgebahrt liegt.

Ich spürte ihn so deutlich, dass ich ihn wie eine Mahnung empfand, mich nicht vor mir selbst lächerlich zu machen, eben zu erkennen, dass meine Nerven mir hier einen Streich spielten, der sich eben aus Gehörs- und Geruchstäuschung zusammensetzte.

Ich wollte kehrtmachen, wollte mein Arbeitszimmer betreten, durch ein Glas Wein den Rest leisen Grauens hinwegspülen.  Wollte! Wie gebannt verharrten meine Füße an derselben Stelle.

Da … abermals die matte, leise Stimme: ›Johannes – lütt Hann!‹

Jetzt aber wirkte sie anders; jetzt packte mich eine sinnlose Wut gegen mich selbst, gegen meine empfindlichen überreizten Nerven.

Unwillkürlich packte meine Rechte den Türdrücker. Und – die Tür war unverschlossen, flog auf – ich selbst aber zurück mit abwehrend erhobenen Armen.

Denn – umspielt vom Flackerschein von acht dicken Wachskerzen lag dort mitten im Zimmer meine Mutter im Sarg, genau so bescheiden aufgebahrt, wie es ihr Wunsch einst gewesen, wie ich die geliebte Tote selbst gesehen hatte!

Ein Luftzug blies die Kerzen urplötzlich aus, wehte mich an, warf die Tür ins Schloss.

Und wie ein Irrer lief ich nun in mein Arbeitszimmer, riss das Likörschränkchen auf, füllte das Gläschen dreimal mit Kognak, sank dann in den nächsten Sessel, fühlte auf dem ganzen Körper den klebrig-kalten Schweiß, fühlte das Zittern meiner Nerven, saß regungslos, zwang jenen Zustand körperlicher und geistiger Untätigkeit allmählich herbei, der nach den Andeutungen der Kabbala die Vorstufe jenes Läuterungsprozesses ist, durch den die Propheten des alten Bundes ihre wunderbaren Taten vollbrachten – um nicht geradezu Wunder zu sagen.

Ich erzwang mir tatsächlich die Herrschaft über mich selbst zurück! Ich erhob mich – inzwischen war eine halbe Stunde vergangen – und ging wieder in den Flur hinaus, wo noch das elektrische Licht brannte, fasste den Drücker der Tür des Sterbezimmers und – fand die Tür nun verschlossen.

Verschlossen! Was mich nicht weiter wunderte, da mein Erlebnis ja nur ein Hirngespinst gewesen.

Wirklich ein Hirngespinst?

Ich stand und meine Nase spürte wieder den Geruch welkender Blumen, duftreichen Tannengrüns.

Da erwachten die Zweifel; da wartete ich auf das Johannes – lütt Hann, fühlte wie ich mir selbst nicht mehr traute, kam rasch zu einem Entschluss, ging hinunter ins Erdgeschoss, weckte meinen alten Jochem, der bereits mit dem Hause Partorius goldene Hochzeit gefeiert hat und der in seinem behaglichen Zimmer sämtliche Schlüssel des großen, jetzt so leeren Hauses verwahrt.

Er kleidete sich notdürftig an, öffnete, ließ mich ein. Ich scheute mich, ihm die Wahrheit zu sagen. Ich log, ich hätte im Schlafzimmer meiner Mutter verdächtige Geräusche gehört.

Er nahm den Schlüssel, begleitete mich.

Als er das Zimmer aufschloss, schlug die Standuhr gerade eins, begann dann ihr leises Glockenspiel, irgendein schwermütiges Lied.

Die Tür ging auf.

Finsternis dahinter.

Jochem drehte das Licht an. Nichts von einem Sarg nichts; alles wie sonst; geschlossene Vorhänge, dunkle, ernste Möbel; ein Bett mit Baldachin …

Aber in der Luft doch jener Geruch – so klar selbst für altersschwache Geruchsnerven zu spüren, dass Jochem sofort stutzte, sich nach mir umdrehte.

›Herr Johannes, hm, riechen Sie auch, dass …‹

›Ich rieche nichts!‹, log ich wieder.

Er schüttelte den Kopf. Wir durchsuchten das Zimmer, fanden natürlich nichts Verdächtiges, sagten uns im Flur Gute Nacht, trennten uns.

Ich bin erst gegen Morgen eingeschlafen, erhob mich aber schon um acht Uhr wieder, sitze nun am Schreibtisch und unterbreite Ihnen diesen Fall in der Überzeugung, dass ich nicht das Opfer einer Sinnestäuschung gewesen bin, als ich einen Sarg, die Kerzen in den silbernen Leuchtern und die Kränze vor dem Sarg erblickte.

Es kann keine Sinnestäuschung gewesen sein. Der Geruch, der noch im Zimmer schwebte, spricht dagegen.

Aber was war es?

Und mit dieser Frage wende ich mich vertrauensvoll an Sie, den Mann, der schon anderen, noch seltsameren Geheimnissen auf die Spur gekommen ist.

Mit vorzüglicher Hochachtung bin ich Ihr ergebenster

Johannes Partorius.

***