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Das Buch vom Rübezahl – Teil 1

Das Buch vom Rübezahl
Neu erzählt von H. Kletke
Breslau, 1852

1. Rübezahl

Der Geist, welchen die Sage seit Jahrhunderten das schöne Riesengebirge zum Wohnsitz und Eigentum angewiesen hat, ist kein Böser, dem menschlichen Geschlecht feindselig Grollender. Der Herr des Gebirges, wie sich der Geist so gern nennen hört, erweist sich im Verkehr mit Menschen, denen er fast in jeder Gestalt als Mensch, Tier oder lebloses Wesen zu Gesicht kommt, oft genug wohlwollend, hilfreich und freigebig, um ihn im Ganzen als einen Freund derselben bezeichnen zu dürfen. Er ist ein Helfer der Armen, Redlichen und Bescheidenen und fordert, wenn er gibt, nichts weiter als das rechte Vertrauen zu seiner Gabe, die ihren wahren Wert nicht immer gleich an den Tag legt. Dazu ist er ein abgesagter Feind der Flucher und Gotteslästerer. Bei so viel guten Seiten wird man den Herrschereigensinn, welcher das Tabakrauchen im Gebirge nicht leiden will, keinen Hund auf demselben duldet, seine zauberkräftigen Wurzeln nicht ausgraben lässt, sich gern gefallen lassen. Freilich ist auch die Lust zu mutwilligen Streichen und Neckereien in seiner Gnomennatur fest begründet und sein Charakter zeigt eine Launenhaftigkeit, welche dem Reisenden oft beschwerlich wird. Er darf dem Sonnenschein, der ihn grüßt, nicht trauen, denn schon in nächsten Augenblick umfasst ihn eine gespenstische Wolke, der Sturm heult, der Regen strömt, Hagel, Blitz und Donner wechseln in wilder Hast, bis es dem Berggeist einfällt, mit einem heiteren Blick das Unwesen wieder zu bannen . Indessen ist zu bemerken, dass selbst der Mutwille des Geistes sich meist nur gegen solche richtet, die eine Strafe verschuldet haben, und dass die schlimmen Wetterlaunen häufig nur die Erwiderung auf vorangegangenen Unglimpf sind. Wer aber durch Spott und Hohn den Herrn des Gebirges auf seinem eigenen Gebiet herausfordert, darf sich des Schadens, welcher plötzlich im Unwetter über ihn kommt, nicht beklagen. Ganz besonders ist es der Name Rübezahl, welcher dem Geist so widerwärtig ist, dass ihn der Ruf gleich wie die schmählichste Beleidigung mit Zorn erfüllt. Was nun der Grund davon und welches sein wirklicher Name sei, das ist in Wahrheit bis auf den heutigen Tag nicht bekannt geworden.

 

2. Wie Rübezahl mit Schatzgräbern umgeht

Als sich im Jahre 1572 etliche geldgierige Bergleute zusammentaten und am Flinsberg im Riesengrund einen Schatz suchten, meinten sie, des Berggeistes mächtig zu werden, und fin­gen an, ihn auf das Schrecklichste zu beschwören. Der so gebannte Hüter des Schatzes stellte sich auch ein, aber derartig mit Donner und Blitzen, dass die Schatzgräber in großen Ängsten und Schrecken kaum entrinnen konnten.

Ähn­liches soll zum Öfteren verwegenen Italienern begegnet sein, welche gekommen waren, um mit allerhand Zauberkünsten und Teufelsbannungen Schätze zu graben, wobei sie jedoch etlichemal in den Gründen und Klüften des Gebirges traurige Spuren haben hinterlassen müssen. Gar man­cher ist froh gewesen, mit Spott und Schande davonzukommen und nur sein Leben zu retten.