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Der Walzer

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Der Walzer

Morris W. Gowen
Der Walzer

Gegen Ende Mai stand ein junger Mann hoch oben in einem Dachzimmer eines heruntergekommenen Hauses in Paris am offenen Fenster. Er hielt in seinen Händen eine Geige und einen Bogen.

Über der Silhouette aus Schornsteinen und schwarzen Dächern verblassten die letzten Farben eines herrlichen Sonnenuntergangs in die Nacht.

Das Zimmer war übersät mit dem, was von den weltlichen Gütern des Musikers übrig geblieben war, sehr wenig, denn an diesem Tag hatte ein Verkauf seiner armseligen Sachen stattgefunden, um die Forderung des Vermieters nach Miete zu befriedigen.

Alles, was noch übrig war, waren ein paar Notenblätter, ein Bett, ein Stuhl und einige Kochutensilien.

Es war das Ende der Hoffnung, des Ehrgeizes, des völligen Scheiterns, nachdem die Versuche des Komponisten gescheitert waren.

Sein Gesicht drückte sein Leiden der letzten Monate sehr deutlich aus. Dünn, nur noch Haut und Knochen, war es von einer schrecklichen Blässe.

Nur seine Augen hatten Feuer in sich. Sie waren schrecklich anzusehen.

Seine linke Hand umklammerte den Hals der Geige fest, und seine Blicke wanderten durch das kahle Zimmer.

Dann, als sich der Himmel verdunkelte, drang der erste Atemzug des Sommers durch das Fenster herein. Ein warmer Südwind, so weich, dass man ihn kaum spüren konnte, aber er brachte denjenigen, die die Kälte des langen Winters gespürt hatten, die erste Nachricht von besseren Tagen. Es war der Vorbote von Freude und Sonnenschein.

Gedankenlos hob der junge Mann die Geige an sein Kinn, und seine rechte Hand führte den Bogen über die Saiten. Er zögerte eine Minute, warf dann einen Blick zum Himmel und begann mit einem kräftigen Bogenstrich zu spielen.

Es war ein Walzer, pochend vor Leidenschaft, voll und harmonisch. Die traurigen Töne der Basssaiten in Moll folgten der Zeit und weinten traurig wie die Klage einer verlorenen Seele in der Ferne.

Immer wechselnd in der Melodie, trug der Walzer die ersten vier spannenden Töne in sich. Sie überschlugen sich, wiederholten sich, entfernten sich und kehrten wieder zurück.

Der erste Atemzug des Sommers fing diese Töne ein, trug sie aus dem Dachfenster über die rauchigen Dächer von Paris, hielt sie, spielte mit ihnen, schickte sie zu den staunenden Ohren anderer armer Leute, die auf Dachböden und in den Unterkünften in der Nähe wohnten. Die Frauen hörten auf zu nähen. Kinder hörten auf zu spielen. Männer ließen ihre Gabeln und das Abendessen fallen, krochen auf Zehenspitzen zu den offenen Fenstern und hörten.

Plötzlich wurde die Musik lauter, intensiver, und die Zeit wurde zum Wahnsinn getrieben. Dann erklangen vier langgezogene Töne, wie am Anfang, und – es herrschte Stille.

Als der letzte Ton erklang, fiel der Komponist tot um, von den intensiven Anstrengungen und den vergangenen Monaten des Hungers.

Die kleine Sommerbrise trug seine große Komposition und seine Seele mit sich.

Ein Mann saß in einem Büro vor einem reich geschnitzten Schreibtisch.

Er war ein schlicht aussehender Geschäftsmann, dick, mit einer weißen Weste. Vor ihm auf dem Schreibtisch lag viel Geld.

Seine fetten Hände, die mit wertvollen Ringen funkelten, sammelten die knisternden Geldscheine auf, steckten sie in Gummibänder und verpackten sie in Zehntausenderpakete. Dann stand er auf und trug diese Päckchen zu einem großen Safe, der in die Wand des Büros eingelassen war, legte sie in eine Schublade und schloss den Safe ab, seufzend, wenn er, wie ein Mensch es tut, ein schweres Gewicht gehoben hatte.

Dann schaltete er das Licht ein, öffnete das große Bürofenster und blickte auf einen belebten Platz, der von eilenden Menschen und Fahrzeugen gefüllt war.

Er stand einige Minuten am Fenster und folgte mit seinen listigen kleinen Augen der Gestalt einer eleganten kleinen Frau, deren Gestalt ihn interessierte. Als er versuchte, sie im Blickfeld zu behalten, während sie den Platz überquerte, kroch die Sommerbrise in das Büro und berührte mit ihrer warmen Liebkosung seine Wange.

Sie hielt die Musik in ihrem unfühlbaren Dunst – dieser herzergreifende Walzer mit seinen tiefen Akkorden und der einfachen Harmonie, die zum fantastischen Finale führte, infernalisch in seiner pochenden Leichtfertigkeit und den vier einfachen Noten seines plötzlichen Endes.

Der Bankier zog sein Taschentuch aus der Tasche und wischte sich die Stirn ab, wobei seine Hand zitterte. Ein Schauer überkam ihn.

Er schloss hastig das Fenster und sank dann in einen Stuhl. Er fühlte sich entnervt und schwach. Seine Augen wanderten beunruhigt durch das Büro. Er umklammerte die Stuhlarme, als sein Blick in Richtung des verschlossenen Tresors schweifte.

Während er dies tat, fiel ihm die Musik wieder ins Ohr und hielt ihn atemlos in seinem Eifer, keine einzige Note zu verpassen.

Die Musik nahm vollen Besitz von ihm. Sie hielt ihn in ihrer grausamen, unwiderstehlichen Kraft, während er vor dem Tresor stand und eine armselig gekleidete Gestalt sah, die eine Geige an ihr Kinn hielt, ihr bleiches Gesicht nach oben blickte und mit dem rechten Arm den Bogen schwang.

Die Gestalt war kein Geist in den Augen des Bankiers. Für ihn lebte sie. Er konnte sehen, wie der Bogen hin und her schwang. Sein linker Fuß schlug fast unmerklich den Takt. Er sah das aristokratische Profil des Spielers, so klar geschnitten wie eine Kamee. Der Hals und das Profil brachten dem Bankier eine vage, weit entfernte Erinnerung.

Er war wieder jung. Sehr jung, auf dem Landhaus seines Vaters. In Gedanken sah er die alten Bäume, den Rasen und die Mondscheinnächte im Juni. Er sah Lucille, die Bauerntochter, wie sie mit ihren schönen nackten, weißen Füßen über das mondhelle Gras schwebte, um ihm im Schatten der Eichen zu begegnen.

Er erinnerte sich an den Zorn seines Vaters, die eilige Abreise, die lange Seereise in fremde Länder. Die Rückkehr und die Nachricht von Lucilles Not und Tod.

Als die Musik sich in seinem Herzen festsetzte, wurden diese Visionen so klar, dass er, während die Geige seufzte, wieder den ganzen Sommer der Liebe und Leidenschaft erlebte.

Er erhob sich zitternd auf seine Füße, denn in dem weißen Hals und dem reinen Profil erkannte er sein eigenes Fleisch und Blut.

Der Walzer neigte sich dem Ende zu.

Als die letzten vier Noten das Büro mit ihrer magischen Harmonie ausfüllten, streckte der Bankier die Arme nach der Figur aus und weinte, seine Stimme voller Sehnsucht:

»Sprich! Sprich! Mein Sohn!«

Aber es war zu spät.

Als der letzte Ton die geisterhafte Geige verließ, verschwand die Figur des Spielers.