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Der Detektiv – Die verschwundene Million – 2. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920

Die verschwundene Million

2. Kapitel

Es war genau zehn Uhr vormittags, als wir drei das Vorstandszimmer betraten. Harst verriegelte die schwere geschnitzte Eichentür und hängte sein Taschentuch über das Schloss. Kammler drehte sofort die elektrische Krone an, während ich auf Harsts Wink die Fenstervorhänge zuzog.

Dann mussten Kammler und ich uns dem Stahlschrank gegenüber auf das Sofa setzen. Harst entledigte sich seines Rockes und begann seine Arbeit. Ich habe ihn oft genug dabei beobachten dürfen. Und doch blieb es mir stets interessant, ihm zuzusehen, wie er mit nie erlahmender Geduld und Genauigkeit einen Tatort absuchte, was er alles in Augenschein nahm und wie sein Gesicht dabei nur einem, der ihn sehr gut kannte, seine Gedanken ein wenig verriet.

Eine halbe Stunde brauchte er heute. Zuletzt hatte er den vor dem Tresor liegenden kleinen Perserteppich aufgehoben und über ein paar ausgebreiteten Zeitungen geschüttelt. Ein paar Steinchen oder dergleichen waren hierbei auf das Papier gefallen, die er auflas, in ein Stückchen Zeitung wickelte und einsteckte. Nun ließ er sich von Kammler die Schlüssel zu dem Stahlspind geben. Der Kommerzienrat war Kassierer des Klubs und nur er besaß die passenden Schlüssel.

Während Harst nun die vordere dicke Panzertür öffnete, sagte er: »Lieber Kammler, die nächsten Minuten werden an Ihre Nerven schwere Anforderungen stellen. Schauen Sie zur Seite, falls Sie den Anblick einer Leiche nicht vertragen«.

Dann schloss er die untere Innentür auf. Ich hatte mich erhoben und war neben ihn getreten. Die Tür schlug zurück.

Das Licht des Kronleuchters traf blendend hell das entstellte Gesicht des Toten.

Harst kniete schon und hatte auch schon seine Taschenlampe eingeschaltet, leuchtete damit, den Arm über den Toten hinweg reckend, in die tiefsten Winkel hinein, zog dann aber mit einem leisen Ah – das hätte ich nicht gedacht die Hand blitzschnell zurück, warf die Innentür mit der Fußspitze zu und drehte den Schlüssel um.

Als er sich aufrichtete war er auffallend bleich.

»Es hätte nicht viel gefehlt«, meinte er trotzdem mit seiner gewohnten Ruhe, »und ich wäre in fünf Minuten dem armen Häske in die Ewigkeit nachgefolgt. Man stirbt nämlich spätestens in fünf Minuten nach dem Biss einer grünen Dschungelviper, einer zum Glück seltenen indischen Giftschlange, die in Gefährlichkeit selbst die brasilianische Schararaka übertrifft.«

Kammler stand nun neben uns.

»Schlange – Giftschlange?« sagte er stockend. »Aber um alles in der Welt, wie …«

Harst war schon an den Arbeitstisch getreten, hatte den Hörer abgehoben und rief das Polizeipräsidium an. Kommissar Bechert von der Mordkommission, unser alter Bekannter, war anwesend und ließ sich von Harst kurz den Tatbestand schildern.

Harst legte den Hörer zurück. »So«, meinte er, »wir haben hier nun genug gesehen. Wir wollen das Zimmer abschließen. Sie, lieber Kammler, erwarten dann wohl die Herren von der Kriminalpolizei. Ich muss nach Hause. Der Schneider erwartet mich, und ich will mich noch umziehen.«

Kammler machte ein sehr enttäuschtes Gesicht. »Aber lieber Harst, Sie sind jetzt doch hier weit nötiger. Ihr Schneider kann doch warten«, meinte er, fast ein wenig verletzt.

»Hm«, erklärte Harst zerstreut, »warten? Nein, das geht nicht. Aber, wie wäre es, Kammler, wenn dieser Fall als Letzte meiner Wettaufgaben gelten würde? Er ist alles andere als einfach. Das muss jedes Kind einsehen. Einverstanden? Wenn ich die Million wieder herbeischaffe, ist sie mein, das heißt, ich habe die Wette gewonnen?«

»Natürlich einverstanden«, erwiderte Kammler eifrig.

»So, dann muss ich erst recht zum Schneider. Bitte grüßen Sie Bechert von mir und bestellen Sie ihm, er möchte doch vielleicht gegen sechs Uhr nachmittags zu mir kommen.«

Kammler zuckte die Achseln. »Sie sind ein unbegreiflicher Mensch, lieber Harst. Nun, Ihnen verzeiht man vieles, auch die Vorliebe für einen erstklassigen Schneider.«

Harst und ich verließen das Klubhaus. Als wir den Lützowplatz überschritten, fasste er mich unter und sagte lebhaft: »Wenn Kammler nicht mehrfacher Millionär wäre, könnte man leicht auf den Verdacht kommen, er habe vielleicht selbst – und so weiter. Die Sache ist ja so, wie er sie schildert, reichlich rätselhaft. Ich habe durch die in seinen Bericht eingestreuten Fragen festgestellt, dass sowohl der Diebstahl als auch der Mord an dem armen Häske nur in der Zeit verübt sein könnte, als Kammler in der Sofaecke fest schlief. Er hatte ja, bevor er sich ein wenig ausruhen wollte, den Tresor abgeschlossen und die Schlüssel zu sich gesteckt. Er wird, wie gesagt, sehr fest geschlafen und nicht gemerkt haben, dass jemand ihm die Schlüssel aus der Tasche zog und nachher wieder zusteckte. Jemand! Wer ist nun dieser jemand? Natürlich derselbe Mann, der sogar die Keckheit besessen hat, nach Verübung dieser Verbrechen den Zettel in dem neben dem Vorstandszimmer gelegenen Schreibzimmer mit der Maschine zu tippen und auch einen der dort ausliegenden Umschläge zu benutzen. Der Brief an mich ist zwischen neun und elf Uhr abends abgestempelt. Dies passt genau zu der Zeit, während Kammler schlief. Nehmen wir an, der Mörder war gegen halb acht im Vorstandszimmer und im Schreibzimmer, so kann er gegen acht Uhr den Brief in den Kasten geworfen haben. Das stimmt alles sehr schön zusammen. Nur etwas stimmt nicht. Bitte, lieber Schraut, nun bist du an der Reihe.«

»Der Pförtner hat Häske um acht Uhr noch lebend gesehen, nämlich als dieser das Klubhaus verließ«, erklärte ich sofort.

»Daher können die beiden Verbrechen auch erst später …«

Harst drückte meinen Arm plötzlich. Wir kamen gerade an einer leeren Bank des Lützowplatzes vorüber.

»Setzen wir uns, Schraut«, fiel er mir gleichzeitig ins Wort. »hinter uns scheint jemand her zu sein. Deshalb ließ ich auch meine Zigarette viermal ausgehen und blieb ebenso oft stehen, um sie wieder anzuzünden.« Er nahm Platz, lehnte sich bequem zurück und fuhr fort: »Wir werden beobachtet. Damit habe ich gerechnet. Der Mann, der uns nachschleicht, hat fraglos in der Nähe des Klubhauses auf uns gewartet. Er ist klein, hager, bartlos, sieht wie einer aus, der mit dem Pferdesport zu tun hat. Überlegen wir, wie wir ihn schnell und sicher loswerden. Halt, ich weiß bereits etwas, das gelingen muss. Wir stellen uns nach einer Weile dort an die Haltestelle der Straßenbahn, besteigen den Anhänger und …«

Harst schwieg. Ein Herr hatte sich mit höflichen Sie gestatten neben uns gesetzt. Es war dies ein alter, stattlicher Graubart, sicherlich ein pensionierter Beamter, der selbst im Alltagsrock das Ordensbändchen im Knopfloch trug.

Harst sprach jetzt in harmlosen Ton weiter: »Ich habe noch in der Friedrichstraße etwas einzukaufen. Wollen wir zu Fuß dorthin? Ich denke, wir benutzen besser die Straßenbahn.«

Der alte Herr wandte Harst nun sein rotes gesundes Gesicht zu.

»Entschuldigen Sie, meine Herren, ich bin fremd in Berlin und zum ersten Mal hier. Meine Älteste ist hier an einen Kaufmann verheiratet. Ich soll nun für heute Abend Theaterbilletts in der Rudenschen Theaterkasse in der Potsdamer Straße besorgen. Meine Tochter hat mir zwar die Nummer der Straßenbahn genannt, die von hier aus bis zum Potsdamer Platz geht, aber ich habe sie schon wieder vergessen. Wenn man 68 Jahre auf dem Rücken hat, lässt das Gedächtnis nach.«

Ein paar recht zudringliche Wespen umschwärmten die Bank. Der alte Herr schlug mit dem Spazierstock nach ihnen. Und als Harst ihm nun die betreffende Nummer der Straßenbahn nannte, wiederholte der Graubart seine Lufthiebe und meinte wütend: »Dieses Viehzeug hasse ich. Immer haben sie es auf mich abgesehen! Warte, Bestie, dir werde ich …«

Schon wieder fuchtelte er mit dem Stock herum, bis Harst dann leise Au! Das war meine Wade rief.

Der Alte entschuldigte sich wortreich. »Der Schlag war etwas grob, Herr. Verzeihen Sie mir. Aber wie gesagt: ich bin schon so oft von Wespen gestochen worden, dass ich – Ah – da ist ja die 69! Nochmals besten Dank!« Er eilte recht schnellfüßig zu der Haltestelle.

Harst schaute ihm sehr aufmerksam nach, sagte dann leise: »Schraut, das war auch einer von ihnen. Das war ein Spion, oder ich will nicht Harald Ha …« Er führte das Wort nicht zu Ende, sank nach vorn. Ich fing ihn auf, hielt ihn fest, lehnte ihn halb an mich.

Da raffte er nochmals seine letzten Kräfte zusammen, flüsterte heiser und stockend. »Schraut … schnell … irgendwo … mir … Rum … zu trinken … geben … sehr viel Rum … ganze … Flasche …«

Ich war so verwirrt, dass ich Minuten brauchte, ehe ich mir bewusst wurde, hier könne kein gewöhnlicher Ohnmachtsanfall vorliegen. Harst war jetzt bereits ohne Bewusstsein. Sein Gesicht jedoch hatte merkwürdigerweise die gesunde, leicht gebräunte Farbe beibehalten.

Ich rief eine vorübergehende Dame an, und dann half mir ein Schutzmann, Harst in eine nahe kleine Kneipe zu tragen. Hier forderte ich sofort eine Flasche Rum. Der Schutzmann wurde grob, als ich den Wirt bat, mir behilflich zu sein, dem Ohnmächtigen den scharfen Alkohol einzuflößen. Erst als ich ihm sagte, dass es sich um Harald Harst handele und weshalb ich diese etwas ungewöhnliche Art, jemanden ins Leben zurückzurufen anwende, gab er sich zufrieden. Zehn Minuten darauf war schon ein Arzt zur Stelle. Dieser machte mir Vorwürfe, weil ich Harst bereits über die Hälfte der Rumflasche in die Kehle löffelweise hineingegossen und durch Halsmassage die Schluckbewegungen ersetzt hatte. Als er dann aber Harsts Puls untersucht und auch die völlige Gefühllosigkeit der Haut festgestellt hatte, wurde er stutzig. Man schaffte Harst dann im Krankenwagen in die nächste Unfallstation. Hier verlangte ich sehr energisch, dass auch der Rest Rum – die Flasche hatte ich mitgenommen – meinem Freunde und Gönner eingelöffelt würde. Es geschah.

Erst drei Stunden später begann Harst zunächst die Finger krampfhaft zu bewegen. Man hatte ihn inzwischen elektrisiert, massiert, künstliche Atmung eingeleitet und alles Mögliche versucht, diese seltsame Art von Starrkrampf, von der er befallen schien, zu beseitigen. Um halb fünf nachmittags konnten wir dann in einem Auto heim zur Blücherstraße fahren. Harst war noch so schwach, dass er nicht sprechen konnte. Ich hielt ihn wie ein Kind in den Armen. Seine Mutter zerfloss in Tränen, als sie ihren Einzigen in diesem Zustand wiedersah. Wir brachten ihn zu Bett, und dann hauchte er die ersten Worte über die Lippen: »Burgunder, ganz alten … aus dem Keller … recht viel …«

Ich verstand. Er trank zwei Flaschen von dem schweren Wein aus, von dem schon ein Glas genügte, das Blut in Aufruhr zu bringen. Dann traf Kommissar Bechert ein. Harst verlangte, ich solle Bechert in sein Schlafzimmer führen.

Ich werde nie vergessen, wie entsetzlich Harsts Gesicht sich vor übermäßiger Anstrengung verzerrte, um die noch bestehende Lähmung seiner Sprechorgane zu überwinden.

Er saß jetzt aufrecht, von Kissen gestützt, im Bett. Bechert hatte auf dem Bettrand Platz genommen. Ich stand neben dem Nachttisch.

»Es … es … ging … heute … zum zweiten … Mal ums Leben«, quälte Harst hervor. »Erst … die … Dschungelviper, … dann … der … Spazierstock …«

Er winkte mir, und ich reichte ihm ein frisches Glas Burgunder. Er trank in kleinen Schlucken. Und wieder verzerrten sich seine Gesichtsmuskeln, wieder brachte er stoßweise über die Zunge: »Bechert, sofort, bei … allen Schneidern nachfragen lassen, wer von diesen … in den letzten Tagen … eine grünblaue … Dienerlivree für … einen … Angestellten … des Universum-Klubs angefertigt hat, … sofort! Dann … mein Haus hier … dauernd überwachen … lassen, sofort! Jeden irgendwie … Verdächtigen … verhaften …«

Dann machte er eine schwerfällige Handbewegung zum Mund, schüttelte ebenso schwerfällig den Kopf, drehte das Gesicht zur Wand und verhielt sich regungslos. Das hieß: Er könne jetzt nicht noch mehr sprechen, sei zu schwach dazu und wolle Ruhe haben.

Wir gingen nebenan in Harsts Arbeitszimmer, lehnten die Tür an, setzten uns in die Sessel an das Rauchtischchen und tauschten einen langen, hilflosen Blick aus.

Plötzlich schnellten wir beide hoch. Aus Harsts Schlafzimmer war der Ton der kleinen Klingel, die ich ihn auf den Nachttisch gestellt hatte, zu uns gedrungen. Dann hörten wir die Klingel auf die Dielen fallen. Ich war mit einem Satz an der Tür, riss sie auf. Bechert gab mir einen Stoß in den Rücken. Wir stürzten an Harsts Bett.

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