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Paraforce Band 34

Jörg Olbrich
Paraforce 34
Baphomet

»Hatte ich erwähnt, dass selbst Goethe die Vorzüge der Landschaft um den Lacher See zu schätzen wusste und seine Spaziergänge in dieser Gegend sehr genossen hat?«

»Soeben zum vierten Mal«, antworte Nils Sommer und warf seiner Partnerin Jette einen genervten Blick zu.

»Ich dachte, dass Sie sich für die Landschaft interessieren«, sagte Alfred Binger pikiert und runzelte die Stirn. Obwohl er höchstens fünfundvierzig Jahre alt war, trug er nicht ein Haar mehr auf dem Kopf und auch keinen Bart. Seine runde Brille passte nicht so recht in das kantige Gesicht. Die dicke Winterjacke verbarg, wie mager der Mann war. Davon hatten sich Nils und Jette aber am Morgen überzeugen können, als sie Binger kennengelernt hatten. Der schien nicht viel auf sein Äußeres zu geben und hatte in dem viel zu weitem schwarzen Anzug einen etwas lächerlichen Eindruck auf die beiden gemacht.

»Das tun wir auch«, antwortete Jette Larsen. »Uns geht es aber mehr um die Gänge im Lavastrom und weniger um die Berühmtheiten, die ihn sich in der Vergangenheit angesehen haben.« Die Dänin stieß Nils leicht mit dem Ellenbogen in die Seite und machte ihm so klar, dass er sich jetzt zurückhalten sollte.

»Bereits die Römer haben in diesem Gebiet Tuff, also ein vulkanisches Gestein, abgebaut, um Baumaterial zu gewinnen. Später hat man die riesigen Blöcke sogar zum Bau des Kölner Doms benutzt«, erklärte Binger. Dem Klang seiner Stimme war deutlich anzumerken, dass er noch immer beleidigt war. Dennoch ließ er sich nicht davon abhalten, mit seinen Ausführungen fortzufahren. »Im Mittelalter hat man dann mit dem unterirdischen Bergbau begonnen und Mühlsteine aus dem Vulkanstein gefertigt. Erst als diese durch Stahlwalzen ersetzt wurden, war es mit dem Untertagebau im Gebiet des Lacher Sees zu Ende.«

Nils wollte zu einer Erwiderung ansetzten und den Redefluss des Mannes damit beenden, Jettes warnender Blick hielt ihn aber davon ab. Binger war Direktor des Vulkanmuseums und sollte sie zum Eingang in die Untertagegewölbe bringen. Er wusste nicht, aus welchem Grund die beiden Paraforce-Agenten hier waren, und dachte, dass es sich bei ihnen um Wissenschaftler handelte, die sich die Gesteinsschichten im Lavastrom betrachten wollten. Seine Begeisterung für seine Heimat war verständlich. Nils fand zwar, dass der Mann eindeutig zu viel redete, wollte ihn aber nicht weiter verärgern. In wenigen Minuten würden sie ihn los sein und konnten ihre Arbeit aufnehmen.

»Insgesamt befindet sich unter Mendig in 32 Metern Tiefe ein über drei Quadratkilometer großes Gängesystem«, setzte Binger seine Erklärungen fort. »Mitte des 19. Jahrhunderts nutzen insgesamt 28 Brauereien die stets gleichbleibende, kühle Temperatur dieser Lavakeller als Lager.«

»Das konnten wir alles bereits der Homepage des Museums entnehmen«, sagte Jette, die nun offensichtlich ebenfalls genug von Bingers Erklärungen hatte. Schließlich waren sie keine Touristen, die ihr Führer mit seinen Worten beeindrucken konnte. Auch wenn Binger sie für Wissenschaftler hielt, waren seine Erklärungen sehr oberflächlich und passten besser zu einem Fremdenführer, der eine Gruppe Urlauber begleitete. »Wie weit ist es denn noch?«

»Wir werden unser Ziel in wenigen Minuten erreichen, Frau Larsen.«

Nils musste sich ein Lachen verkneifen. Jetzt war es seine Partnerin gewesen, die Binger dazu gebracht hatte beleidigt zu schweigen. Er hoffte, dass der Mann recht behielt. Ihm wurde allmählich kalt und er hoffte, dass es in den Gewölben etwas wärmer war als im Freien. Zumindest wären sie dort vor dem eisigen Wind sicher, der ihnen kleinere Schneeflocken in die Gesichter wehte. Nils ärgerte sich darüber, dass seine Tante Lena Sommer ihn und Jette, die, sowohl privat als auch beruflich, seine Partnerin war, ausgerechnet jetzt in die Vulkaneifel geschickt hatte. Es waren nur noch wenige Tage bis Weihnachten und er konnte sich etwas Schöneres vorstellen, als durch die eisige Kälte zu laufen.

Am Eingang in die Untertagegewölbe des Niedermendiger Lavastroms waren im Laufe des Jahres insgesamt neun Tote gefunden worden. Alle waren in der Folge einer Schwefelvergiftung gestorben. Das hatte die Wissenschaftler im Vulkangebiet um den Lacher See in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Bislang waren aber keine Anzeichen für vulkanische Aktivitäten oder gar einen bevorstehenden Ausbruch entdeckt worden. Auch an der Stelle, an der man die Leichen gefunden hatte, konnten keine schwefligen Gase festgestellt werden. Polizei und Wissenschaftler standen vor einem Rätsel.

Vor zwei Wochen hatte Lena Sommer einen Anruf bekommen, in dem man sie bat, sich des Falles anzunehmen. Auch wenn Nils zunächst skeptisch war, hatte er sich von seiner Tante überzeugen lassen und war mit Jette an den Lacher See gefahren. Binger sollte sie jetzt zum Fundort der Leichen führen. Seinen Vorschlag, den offiziellen Weg durchs Museum zu nehmen, hatten die beiden trotz der Kälte abgelehnt, damit sie sich ein besseres Bild von der Umgebung machen konnten. In der zweiten Dezemberhälfte war der Bereich für Besucher geschlossen, und weil Sonntag war, würden sie auch auf keine Arbeiter treffen. Sie würden sich ungestört umsehen können, nachdem Binger sie ans Ziel gebracht hatte und wieder verschwunden war.

»Das ist wirklich beeindruckend«, sage Jette staunend, als sie vor sich den Eingang in die Gewölbe sahen.

Auch Nils war überrascht, als er die Grotte sah, die mindestens zehn Meter breit und drei Meter hoch war. Zwei Steinsäulen stützten die Decke ab. Vor dem Eingang lagen mehrere Basaltfelsen in unterschiedlichen Größen. Nils verstand jetzt, warum es immer wieder Wanderer hierher zog, auch wenn dieser Eingang in das unterirdische Labyrinth für Besucher nicht zugänglich und das Gebiet um ihn herum abgesperrt war.

Nils verzichtete darauf, sein Messgerät aus dem Rucksack zu holen. Er schmeckte nicht den geringsten Schwefelgeschmack auf der Zunge. Wie war es möglich, dass hier so viele Menschen zu unterschiedlichen Zeitpunkten an dem Gas gestorben waren? Weil Binger noch immer dachte, dass Jette und er Wissenschaftler waren, und Nils ihn in diesem Glauben lassen wollte, verzichtete er darauf, den Mann auf die Toten anzusprechen. Auch mit Jette wollte er erst darüber reden, wenn sie ungestört waren.

Binger führte die beiden Paraforce-Agenten über die Steine in die Grotte. Alle drei holten ihre Taschenlampen aus den Taschen und richteten die Strahlen nach vorne. Zunächst führte sie der Weg nach unten. Später wurden die Gänge immer breiter und auch höher. Schließlich erreichten sie eine riesige, unterirdische Halle. Nils musste zugeben, dass die Bezeichnung Lavadom nicht übertrieben war. Das Bild war überwältigend. Zehn, fünfzehn Meter hohe Säulen stützten die schlackenförmige Decke. Auch die Wände waren uneben und zeigten kleine Risse. Der Boden war glatt und glänzte vor Feuchtigkeit.

»Ich denke, wir kommen jetzt alleine zurecht«, sagte Nils und drehte sich zu Binger um. »Wir werden Sie anrufen, sobald wir den unterirdischen Bereich verlassen haben.«

»Ich halte es für besser, wenn ich bei Ihnen bleibe«, erklärte der Museumsdirektor, dem es sichtlich missfiel, die beiden unbeaufsichtigt in den Gängen herumlaufen zu lassen. »Alleine ist es viel zu gefährlich hier unten und Sie könnten sich verlaufen.«

»Machen Sie sich keine Sorgen«, entgegnete Jette. »Wir kommen schon zurecht. Das ist nicht die erste Höhle, die wir gemeinsam untersuchen.«

»Es ist nicht üblich, dass sich Wissenschaftler ohne eine ortskundige Person hier aufhalten.«

»Wir haben eine Sondergenehmigung«, sagte Nils, der keine Lust verspürte, weiterhin mit Binger zu diskutieren. Bereits bei ihrem Treffen hatte der erklärt, wie wenig es ihm gefiel, die beiden alleine in die Stollen gehen zu lassen. Je nachdem, was Nils und Jette herausfanden, konnte es für den Mann gefährlich werden. Nach den ungeklärten Todesfällen konnte Binger froh sein, dass der unterirdische Lavastrom nicht auch für ihn und seine Mitarbeiter gesperrt worden waren und es sogar noch Besuchern erlaubt wurde, sich darin aufzuhalten, sofern täglich mehrere Messkontrollen durchgeführt wurden.

»Und dennoch …«

»Es ehrt Sie, dass Sie sich um uns Sorgen machen«, unterbrach Nils den Direktor. »Wir wollen hier unten ungestört arbeiten und so schnell wie möglich fertig werden. Wir rufen Sie an, wenn wir wieder im Freien sind. Bis dahin müssen Sie Geduld haben und uns vertrauen. Ich denke, ich muss Ihnen unsere Sondervollmacht nicht noch einmal vorlegen. Wir werden hier unten nichts verändern und auch keine Schäden anrichten.«

Binger schaute Nils ärgerlich an, lenkte dann aber ein. »Ich gebe Ihnen bis heute Abend Zeit. Wenn ich bis dahin nichts von Ihnen gehört habe, werde ich einen Suchtrupp losschicken.«

»Tun Sie das«, sagte Nils und reichte Binger zum Abschied die Hand, die dieser nur zögerlich annahm. Nils konnte verstehen, dass der Direktor nicht glücklich darüber war, die beiden Agenten alleine in seinem Heiligtum herumlaufen zu lassen. Andererseits würde er ihnen nur im Weg sein, wenn der Tod der neun Menschen tatsächlich einen magischen Hintergrund hatte.


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