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Der Detektiv – Das Geheimnis des Czentowo-Sees – 3. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 7
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Das Geheimnis des Czentowo-Sees

3. Kapitel
Das gräfliche Paar

Eine Stunde später überholte der Jagdwagen, auf dem der Güterdirektor nach dem Gute Szentowo fuhr, auf der Chaussee zwei Musikanten. Bollschwing saß ganz in der Haltung eines Mannes da, auf dessen Haupt allerlei Sorgen lasten.

»Ich möchte Gedankenleser sein«, meinte Harst. »Wer weiß, worüber der jetzt nachgrübelt.«

»Dann wäre die Detektivarbeit eine Kleinigkeit, Herr Harst, dann könnte auch ich eine Millionenwette eingehen.«

»Hm – eine Kleinigkeit! Das schon! Aber – auch eine langweilige Geschichte! Jeder Reiz würde schwinden. Gerade das macht ja das Anregende dieses Berufs aus, dass man zu stetem schärfsten Denken gezwungen ist. Ich habe mir zum Beispiel soeben nochmals die Worte durch den Kopf gehen lassen, die von dem, was ich vorhin in Blenkners Garten erlauschte, allein Beachtung verdienen. Es ist dies die halben Sätze aus Bollschwings Mund: ›… nie vergessen, dass er ein sehr gefährlicher Gegner ist …‹ und ›Ich bin nicht eingebildet, aber‹. Ich möchte wetten, diese Worte bezogen sich auf mich. Der Direktor wird die Alte vor mir gewarnt haben.«

Max Schraut erklärte, er wäre derselben Überzeugung. Dann fragte er zögernd: »Ich weiß ja, Sie lassen sich nicht gern über Dinge aus, die nur leere Vermutungen sind, aber – würden Sie mir nicht ausnahmsweise mitteilen, was Sie überhaupt von diesem rätselhaften Leuchten in den Tiefen des Sees halten?«

»Nun – eine Naturerscheinung kommt hier nicht in frage. Es gibt zwar leuchtende Weidenstümpfe, es gibt Irrlichter, das sind leuchtende Sumpfgase, es gibt Leuchtkäfer und so weiter, doch all das nur auf dem Land in sauerstoffhaltiger Luft. Unter Wasser sind – mit Ausnahme des sogenannten Meeresleuchtens im Mittelmeer – noch keine auf natürliche Ursachen zurückzuführenden Lichterscheinungen beobachtet worden. Ich habe mich hierüber daheim genau durch Nachlesen im Konversationslexikon unterrichtet. Was sonst also? Die Theorie, die ich mir da zurechtgebaut habe, ist zu phantastisch, als dass ich sie Ihnen auftischen könnte, lieber lernbegieriger Schüler. Sie würden mich auslachen, tatsächlich. Wenigstens innerlich, – und aus Höflichkeit würden Sie vielleicht sich so äußern: ›Herr Harst, Schatzgeschichten gehören zum Rüstzeug von Familienroman-Schreibern. Trotzdem – wer kann’s wissen …‹ Nein, lassen wir jetzt noch alles Nachsinnen als zwecklos unterwegs. Halten wir uns lediglich an das Tatsächliche. Und das ist der Verdacht gegen Bollschwing und Blenkner. Hier müssen wir die Sache anpacken. Deshalb will ich auch, sobald wir in der Dorfherberge in Szentowo angelangt sind, zuerst zum Gemeindevorsteher gehen und mich diesem anvertrauen, falls der Mann auf mich einen guten Eindruck macht.«

Es war bereits kurz nach sechs Uhr, als Harst sich, jetzt ohne Drehorgel, zum Gemeindevorsteher begab, der gleichzeitig den größten Bauernhof in Szentowo besaß.

Das Dorf lag keine fünfzig Meter vom See am flachen Nordufer. Der kleine See selbst war fast kreisförmig und im Übrigen von bewaldeten, ziemlich steilen Höhen eingeschlossen. Das Schloss und die Baulichkeiten des Rittergutes Szentowo erhoben sich mehr nach Osten zu ungefähr hundert Meter vom Dorf entfernt. Der Gemeindevorsteher Schimmeck war nicht zu sprechen. Seine Frau erklärte Harst, der Herr Graf wäre bei ihrem Mann. Er müsse also warten oder später wiederkommen. Als Harst noch mit ihr im Vorgarten stand, erschien auf der Dorfstraße derselbe Jagdwagen, der den Güterdirektor von der Bahn abgeholt hatte. Jetzt kutschierte eine sehr elegant gekleidete Dame, während hinten stocksteif ein Diener in Livree saß. Der Wagen hielt vor dem Gehöft. Trotzdem blieb Frau Schimmeck ruhig, wo sie war, bückte sich auch und pflücke ein paar Rosenblätter ab, auf denen Blattläuse wie gesät saßen.

Da rief eine helle Stimme: »Frau Schimmeck, mein Mann ist doch bei Ihnen?«

»Jawohl, Frau Gräfin.«

Darauf ging sie langsam die Steinstufen zur Haustür empor. Harst beobachtete alles mit den kritischen Blicken und den ebenso kritischen Gedanken des erfahrenen Menschenkenners. Hier stimmt irgendetwas nicht, sagte er sich. Die Schimmeck benimmt sich der Gattin des Gutsherrn gegenüber in einer Weise, als gäbe es zwischen ihnen eine starke Abneigung, mehr noch, als sähe die Bauernfrau jene nicht recht für voll an. Die Gräfin Lippstedt stieg aus und betrat den Vorgarten. Sie war eine schlanke, große Erscheinung mit einem schmalen, stark gepuderten Gesicht und nachgetuschten Augenbrauen. Harst hatte diese Toilettenkünste mit einem schnellen Blick erfasst, als er die Dame unterwürfig gegrüßt hatte. Der Gruß blieb unerwidert. Harst war für die Gräfin Luft. Sie ging auf dem Hauptweg auf und ab, recht ungeduldig und hastig, schaute immer wieder zur Haustür hin. Gut zehn Minuten darauf kam der Graf heraus, begleitet von dem Gemeindevorsteher.

»Auf Wiedersehen, lieber Schimmeck. Und – umgehend telefonische Meldung, sobald Sie irgendetwas Neues oder auch nur mit der Sache ganz entfernt Zusammenhängendes hören.

 Schimmeck verbeugte sich wortlos und verschwand wieder im Haus. Der Graf stutzte, als er Harst erblickte, und überhörte sogar die Frage seiner Frau.

»Hat er sich nochmals gemeldet, Erwin?«

Graf Lippstedt mochte Mitte dreißig sein. Er war sehr groß, trug Spitzbart, sah auffallend bleich aus und hatte dunkle, streng blickende Augen. Seine Haltung war die eines kränklichen, schwächlichen Menschen: vornübergebeugt mit vorgedrückten Schultern.

»Wer sind Sie?«, fragte er barsch.

Harst zog den schäbigen Filz und erwiderte ganz bescheiden: »Ein Drehorgelspieler – sehr zu dienen. Ich wollte …«

»Ihre Papiere? Her damit! Nun, wird’s bald!«

Das war eine böse Patsche für Harst. Papiere – daran hatte er nicht gedacht. »Ich – ich habe sie in der Herberge in meiner Drehorgel gelassen«, meinte er nun doch recht zuversichtlich.

»Was wollten Sie hier beim Gemeindevorsteher?«

»Um leichte Arbeit bitten. Mein Geschäft geht schlecht.«

Der Graf lachte auf. »Arbeit! Euereiner und Arbeit?!«

Da mischte sich die Gräfin ein.

»Erwin, so lass doch den Mann. Bollschwing wartet auf dich.«

»Mag er warten!«, rief er unwirsch. »Du kannst dir wohl denken, Tilla, weshalb ich …« Er beendete den Satz nicht, wandte sich wieder an Harst: »Gehen Sie langsam voraus zur Herberge. Aber – ich warne Sie vor einem Fluchtversuch. Ich trage einen Revolver bei mir. Ich bin hier gleichzeitig Amtsvorsteher.«

Harst verließ den Vorgarten. Der Graf und die Gräfin folgten dicht hinter ihm im Wagen. Vor der Herberge rief Lippstedt: »Holen Sie Ihre Papiere!«

Inzwischen hatte Harst sich schon überlegt, wie er aus dieser Klemme am besten herauskäme. Max Schraut saß im Gastzimmer und las in einem alten Kalender. Der Wirt war schnell hinter dem Schenktisch hervorgestürzt und bedienerte nun draußen das gräfliche Paar.

»… her mit Ihren Papieren«, raunte Harst seinem Gehilfen zu. »Graf Lippstedt will sie sehen. Bisher hat er nach meinem Namen nicht gefragt. O, das fehlte gerade noch!« Er hatte einen Blick zum Fenster hinausgeworfen. »Er hat einen Gendarmen herbeigewinkt. Doch vielleicht ist’s ganz gut so. Man wird mich sicher einsperren, Kollege. Gehen Sie zum Gemeindevorsteher und stellen Sie sich als Harald Harst vor. Die Schimmecks sind den Gutsherrschaften nicht sehr gewogen. Bitten Sie Schimmeck um strengste Diskretion und lassen Sie sich alles erzählen, was hier in der Gegend in den letzten Jahren an irgendwie auffälligen Ereignissen vorgekommen ist. Ich werde versuchen, recht bald …«

Da trat der Gendarm ein – wuchtig, schwerfällig und mit Unheil verkündender Miene. Harst ging ihm entgegen.

»Herr Wachtmeister, ich will ehrlich sein. Ich besitze keine Papiere. Sie sind mir Letztens gestohlen worden.«

»Ach was? Gestohlen! Kommen Sie mit.«

Draußen fragte der Graf den Drehorgelspieler nach dem Namen, schaute ihn dabei in einer Weise an, dass Harst aus diesen bohrenden Blicken, die dennoch eine gewisse ängstliche Unruhe verrieten, die Bestätigung einer Vermutung entnahm, die schon im Garten des Gemeindevorstehers in ihm aufgezuckt war.

»August Müller, gnädiger Herr«, erwiderte er recht kläglich.

Auch die Gräfin hatte sich nun weit vorgebeugt und musterte Harst mit ähnlichen Blicken.

»Bringen Sie den Menschen sofort nach Malchin ins Amtsgerichtsgefängnis«, befahl der Graf dem Gendarm. »Ich werde morgen persönlich mit dem Amtsrichter deshalb Rücksprache nehmen. Ich schicke Ihnen vom Gut einen Einspänner. Dann sind Sie noch vor Dunkelwerden in Malchin.«

Eine halbe Stunde darauf ratterte ein einfacher Kastenwagen die Chaussee entlang. Harst saß hinten auf einem Strohbündel dem Gendarmen gegenüber. Er war jetzt sehr zufrieden, dass er sich nicht der Papiere Schraut-Schülers bedient hatte, denn er glaubte, abermals etwas entdeckt zu haben, das vielleicht von Wichtigkeit war. Der Graf hatte zu Schimmeck gesagt: … oder auch nur mit der Sache ganz entfernt zusammenhängendes …, und die Gräfin hatte ihren Gatten als erste Begrüßungsworte gefragt: Hat er sich nochmals gemeldet, Erwin? Hierauf verriet der Graf wieder ein recht seltsames Interesse für den Drehorgelspieler, das er dann seiner Frau gegenüber durch den unvollendeten Satz begründete: Du kannst dir wohl denken, weshalb ich … Schließlich dann noch die scharf prüfenden, misstrauischen Blicke. All das genügte Harst zu der Annahme, dass Lippstedt ihn für den hielt, der er in Wirklichkeit war, eben für den Liebhaberdetektiv, der ja bereits einmal von Berlin aus telefonisch mit Schimmeck gesprochen hatte! Und nun ließ der Graf diesen Detektiv kurzer Hand einsperren, sogar gleich nach dem Amtsgerichtsgefängnis bringen! Wie war das nun wieder zu bewerten?

Harst grübelte über diese Frage gerade nach, als der Gendarm plötzlich sagte: »He, Sie – was haben Sie eigentlich ausgefressen, dass unser Graf mit Ihnen so streng umsprang?«

Harst meinte: »Ich hab ’n reines Gewissen. Man wird mich wieder laufen lassen müssen.«

»Na, darauf verspitzen Sie sich man ja nicht! Wenn der Graf erst auf jemand ein Auge geworfen hat, dann …« Er brummelte den Rest in seinen Bart.

Schraut war froh, dass man ihn ganz unbehelligt ließ. Der Wirt fragte ihn natürlich, was der andere denn auf dem Kerbholz hätte.

»Woher soll ich’s wissen? Ich bin dem Leierkasten-Kollegen erst auf der Chaussee jenseits Malchin begegnet«, erklärte der Komiker gleichgültig. »Jedenfalls bin ich ein ehrlicher Kerl. Hier sind meine Papiere, Herr Wirt. Kann ich wohl bei Ihnen ein paar Tage bleiben. Ich bin mit einem Heulager zufrieden. Und ich helfe auch gern ’n bisschen mit.«

»Wollen sehen …«

Abends kamen ein paar Bauern zum Skat in die Dorfschenke. Schraut erzählte ihnen gepfefferte Witze und machte Kartenkunststücke. Es ging sehr vergnügt her. Der Wirt merkte, dass Max Schraut ein nutzbringender Gast war. So kam es denn, dass Harsts Privatsekretär diese Nacht in einem Stübchen neben dem Schankraum in einem sauberen, weichen Bett schlief, während sein Herr mit den Flöhen des Gerichtsgefängnisses zu derselben Zeit einen ebenso erbitterten wie aussichtslosen Kampf ausfocht. Am Morgen durfte Max Schüler, der Geigenkünstler, den Schweinestall ausmisten. Dann aber zog er es vor, sich zu drücken und zu Schimmeck zu gehen. Dieser arbeitete auf seinem Hof an einem Pflug. Er war ein älterer, ernster Mann mit der ruhigen Art der alteingesessenen, wohlhabenden Bauern. Sein Gesicht verriet jene Schlauheit, die selbst höhere Bildung entbehrlich macht.

Als Schraut ihn nach einigen einleitenden Sätzen fragte, ob er sich auf seine Verschwiegenheit jedermann gegenüber wohl verlassen könnte, meinte Schimmeck bedächtig: »Das können Sie. Ich merke aus dieser Frage schon, dass Sie kein echter wandernder Musikant sind. Sind Sie etwa gar – Herr Harst? Der Graf sagte gestern zu mir, der Detektiv würde wahrscheinlich in einer Verkleidung herkommen.«

»Ich bin Harald Harst«, erklärte der Komiker leise. »Nein – danke, nicht ins Haus. Wir können uns auch hier unterhalten. Woher weiß der Graf, dass ich in Szentowo auftauchen würde?«

Der Gemeindevorsteher erwiderte, Lippstedt wäre gerade bei ihm im Dienstzimmer gewesen, als Harst vorgestern telefonisch um Auskunft über die angeblichen Unfälle auf dem See gebeten hätte. »Er zeigte gleich ein großes Interesse für Sie, Herr Harst, fragte, ob Sie mich schon früher mal angerufen hätten, und kam dann gestern gegen Abend mit der neuesten Berliner Zeitung zu mir, las mir den Artikel über Sie vor und war sehr aufgebracht darüber, dass dieser Unsinn vom See nun wieder aufgewärmt würde, wie er sich ausdrückte. Ich soll ihm auch sofort melden, wenn Sie sich hier blicken lassen oder mich nochmals antelefonieren. Natürlich werde ich nun schweigen. Mein Versprechen halte ich. Hm – Sie möchten wissen, weshalb der Graf es nicht gern sieht, dass über das Leuchten in unserem See gesprochen wird. Ja, das ist nun eigentlich eine merkwürdige Sache, Herr Harst. Bevor ich mich darüber auslasse, will ich noch bemerken, dass unser Graf früher, noch vor einem Jahr, ein sehr gemütlicher Herr war. Dann aber kam seine erste Frau, eine geborene Komtess Hildegard Hersfeld, beim Eisenbahnunglück bei Köslin ums Leben und er heiratete schon nach vier Monaten die jetzige Gräfin Tilla, die bis dahin in Berlin Schauspielerin gewesen sein soll. Er muss sie wohl schon vorher gekannt haben. Seine erste Gattin war kränklich, und er fuhr sehr viel nach Berlin. Im vorigen Sommer hielt die neue Gräfin nach einer Hochzeit, der von der Verwandtschaft nur der Neffe, ein Herr von Blenkner, beigewohnt hatte, hier ihren Einzug. Nun, sie hat es schnell fertiggebracht, sich und leider auch den ganz unter ihrem Pantoffel stehenden Grafen überall unbeliebt zu machen. Sie spielt sich sehr auf, tut do, als hätte sie niemals Mathilde Mulack geheißen, hat den Neffen schon zwei Wochen nach der Hochzeit ganz vergrault und den Grafen zu dem gemacht, der er heute ist, – ein zerfahrener, leicht aufbrausender und körperlich ganz heruntergekommener Mann. Sie hätten ihn früher kennen sollen, Herr Harst! Da war er frisch, lebenslustig, da …«

Schimmeck redete in dieser Weise noch eine Weile weiter, bis Schraut ihn fragte, was der Neffe für ein Mensch wäre.

»O, ein sehr netter Herr. Ein richtiger Neffe vom Grafen ist’s aber nicht, nur ein Sohn einer älteren Schwester seiner ersten Frau. Er ist Schriftsteller und wohnt drüben in der Kreisstadt.«

»So so. Was halten Sie vom Güterdirektor Bollschwing?«

»Sehr viel. Ein Ehrenmann durch und durch. Wenn der nicht auf den Besitzungen des Grafen nach dem Rechten sähe, wäre längst alles verlottert.«

»Wir sind vom Thema etwas abgekommen, Herr Schimmeck. Sie wollten mir doch erklären, weshalb es eine merkwürdige Sache wäre, dass der Graf …«

»Ach so, richtig. Nun, zunächst das Leuchten im See. Damit hat’s seine Richtigkeit. Ich habe es selbst wiederholt gesehen. Der Graf hat nun immer so getan, als ob ihm die Geschichte sehr gleichgültig wäre. Den Detektiv Holzmüller ließ er nur herkommen, weil der Amtsrichter Mörner in Malchin – es gibt dort nur den einen Richter – ihm den Vorschlag wiederholt gemacht hat, die Angelegenheit doch untersuchen zu lassen. Er hat immer über die Sache gelacht und gesagt, es wären ganz sicher Sumpfgase, die auf dem Seegrund brennen. Aber, Herr Harst, aber in Wirklichkeit war er doch wohl anderer Ansicht, da er viele Nächte im verflossenen Herbst und in diesem Frühjahr sich in seinem Boot auf dem See heimlich herumgetrieben hat, nachdem er sehr bald nach dem ersten Auftauchen des Spuks streng verboten hatte, dort zu fischen oder Kahn zu fahren. Ja, er ließ sogar alle anderen Kähne und Boote unter einem Vorwand zerschlagen. Dabei gab er sich vor den Leuten stets den Anschein, als wäre ihm das Leuchten im Wasser nicht mal eines Wortes wert.«

Schraut hatte sich auf einen Holzklotz gesetzt und überdachte das soeben Gehörte. Schade, dass der echte Harst nicht hier war. Der hätte vielleicht aus Schimmecks recht vielseitigen Angaben manches Wichtige herausgefunden. Schraut versuchte dies auch, aber umsonst. Er sah nur das eine mit aller Deutlichkeit: Das Geheimnis des Sees wurde immer verworrener. Wie sollte man wohl Blenkner und Ballschwing dazu in irgendeine Beziehung bringen?

Da begann Schimmeck wieder, der inzwischen ein paar Nägel in den hölzernen Pflug geschlagen hatte. »Richtig, eins fällt mir noch ein, Herr Harst, was für Sie vielleicht auch ganz interessant ist. Im letzten Herbst ist der Familienschmuck der ersten Gattin unseres Gutsherrn gestohlen worden. Der Diebstahl wurde vom Grafen ganz zufällig entdeckt. Die Schmucksachen lagen in einem geheimen Wandfach in seinem Arbeitszimmer, das er selten öffnete. Als er es nach einigen Wochen wieder mal tat, fand er das Schloss zerstört vor, und der Schmuck war verschwunden. Unser Gendarm hat diese Sache untersuchen müssen. Aber natürlich kam nichts dabei heraus. Seit dem Diebstahl waren ja schon Wochen vergangen, wenigstens seit dem Tag, als der Graf das Wandfach zum letzten Mal geöffnet hatte. Es wusste ja auch niemand so recht, wann die Schmuckstücke verschwunden waren. Einen Verdacht gegen irgendwen konnte der Graf auch gar nicht äußern. Ja, Herr Harst, und nun will ich Ihnen schließlich auch noch als Letztes anvertrauen, aber Sie dürfen um Himmelswillen zu keinem Menschen ein Wort darüber äußern, dass ich persönlich der Ansicht bin, die jetzige Gräfin dürfte bei diesem Diebstahl nicht ganz unbeteiligt sein. Eine Nichte meiner Frau ist im Schloss nämlich beim Güterdirektor in dessen Büro beschäftigt – als Gutssekretärin. Sie hat nun mal ein paar Worte eines leisen Gesprächs zwischen Bollschwing und seinem Intimus Blenkner aufgeschnappt. Und aus diesen Worten habe ich mir zusammengereimt, dass die beiden Herren die Gräfin Tilla auch nicht für harmlos halten, was den verschwundenen Schmuck anbetrifft. Anderseits geht hier im Dorf so ein Getuschel um, Herr von Blenkner wäre der Dieb, was der reinste Unsinn ist. Die Nichte meiner Frau meint, die Gräfin hat an diesem albernen Gewäsch schuld. Sie sehen, Herr Harst, von den Schlossbewohnern gibt es so allerlei zu berichten. Hoffen Sie nun, die Sache mit dem Leuchten aufklären zu können? Ich helfe Ihnen gern in allem, schon aus Ärger über die Gräfin Tilla, die immer so überlegen lächelt, wenn das Seeleuchten mal erwähnt wird, und die dabei doch ebenfalls so und so oft nachts ihren Mann im Boot begleitet hat. Noch vor acht Tagen habe ich die beiden bemerkt. Ich habe manche Nacht geopfert und am Ufer auf der Lauer gelegen, da ich selbst versuchen wollte, hinter diese seltsame Geschichte zu kommen. Ich bin ja nicht ganz ungebildet, Herr Harst, habe eine Landwirtschaftsschule besucht und mich dann allein aus Büchern über vieles unterrichtet.«

Schraut verabschiedete sich gleich darauf. Wirklich ein Jammer, dass Harst eingesperrt war, besser, dass er sich hatte einsperren lassen, denn es wäre ihm ja ein Leichtes gewesen, dem Grafen gegenüber die Maske zu lüften. Nun, er musste wohl seine Gründe gehabt haben, dass er es nicht tat.

Am Nachmittag half Schraut beim Unkrautjäten im Garten. Erst nach elf Uhr abends, als die letzten Gäste die Dorfkneipe verlassen hatten, stieg er zum Fenster seines Stübchens hinaus und schlich zum See hinab.

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