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Hexengeschichten – Furia infernalis – Kapitel 2

Ludwig Bechstein
Hexengeschichten
Halle, C. E. Pfeffer. 1854

Furia infernalis
Kapitel 2

Die einförmigen Tage, die im Schloss zu Krementschuk nach dem Scheiden des einzigen Sohnes vom Haus kamen und gingen, wurden, als schon der Winter nahte, von einem Ereignis unterbrochen, das in mancher Brust den stillen Frieden störte.

Agaphonika hielt eine Anzahl Lieblingstauben und war gewohnt, sie selbst zu füttern. Galten nun ohnehin in jenem Land die Tauben als geheiligte Vögel und wurde es fast einem Verbrechen gleich erachtet, eine Taube zu töten und zu verspeisen, weil der heilige Geist Gottes in Taubengestalt sich einst auf das Haupt des Erlösers und über des Jordan Fluten gesenkt hatte, wie die hehren Überlieferungen der Schrift lehrten. So wäre es zumal ein wahres und wirkliches Verbrechen gewesen, die durch Schönheit und Seltenheit ausgezeichneten Tauben einer von ihrer Umgebung angebeteten jungen Herrin umzubringen.

»Es fehlen ein Paar Tauben!«, hatte Agaphonika mit bekümmerter Miene zu ihrer Aniuschka (Aennchen) gesagt.

Und Aniuschka hatte zu Barynka (Bärbchen) gesagt: »Agaphonika Polycarpovna vermisst Tauben.«

Barynka hatte zu Paul Michaylow, dem Haushofmeister gesprochen: »Paul Michaylow, unsere Herrin ist sehr bekümmert und zürnt, denn es sind Tauben weggekommen!«

» Weggekommen! Bedenke, was du redest, Barynka Isidorowna! Wo Paul Michaylow das Amt eines Haushofmeisters versieht, ist ein Wegkommen, wie du es meinst, nicht denkbar. Ein Geier … ein Iltis … ein Marder … das ist möglich … ein Dieb … ist unmöglich.«

»Ich beschuldige ja niemand, Paul Michaylow!«, verteidigte sich Barynka, »ich klage es dir nur, Väterchen, damit du ein sorgsames Auge darauf hast, wie und durch wen die Tauben entfernt wurden. Wegfliegen können sie nicht, und gegen Raubtiere ist der Schlag gesichert. Keine Maus kann hinein, das weißt du ja, es müsste denn eine Maus auf zwei Beinen sein.«

»Werde die Augen offen haben, werde ganz gewiss, Barynka Isidorowna!«, versetzte der Haushofmeister und ging sinnend, arges sinnend, zu der Stelle, wo der Schlag mit den Lieblingstauben Agaphonikas sich befand. Er betrachtete den Schlag um und um, von allen Seiten, er sann, er murmelte: »Halt! Habe ich dich?«, fuhr er bei einem Gedanken empor. Seine graugrünen Augen blitzten wie die Augen einer Schlange. »Die Alte … krank … der junge Tagedieb, Kraftsüpplein vom Koch für sie verlangt … ich drein gewettert … dem Koch die Schüssel aus der Hand geschlagen und beim Kantschu untersagt, der Satanshexe auch nur einen Löffel voll anderer Speise als die gewöhnliche Kost zu reichen … wartet Vögel, euch fang ich … es kommt endlich der lang ersehnte Tag, wo das Netz des Verderbens über euch klirrend zusammenschlägt!«

Lange machte sich der Haushofmeister um den Taubenschlag zu schaffen. Äußerst sorgsam, äußerst pflichtgetreu durchspähte er ihn, er zählte genau die vorhandenen Tauben, so viele Pfauentauben, so viele türkische, so viele mit Hühnerschwänzen, so viele mit Kuppen, so viele mit Latschen an den Füßen. Er wusste nun, wie viele Tauben im Schlag waren, ganz genau.

Der Unmut, den die reizende Agaphonika Polycarpovna über den Verlust von zwei Tauben, die sie vermisste, und die nicht zu den schönen und auserwählten Lieblingen gehörten, empfunden hatte, wäre bald verschwunden, denn das edle Gemüt der Jungfrau hing nicht am kleinlichen, allein er wurde zum Schmerz gesteigert, als bei der Fütterung am nächsten Morgen zwei Paare, und zwar die schönsten und seltensten, kostbarsten und werthvollsten vermisst wurden, welche der Bruder Agaphonikas ihr eigens vom Markt zu Novgorod Ssewerski an der Desna im Gouvernement Tschernikow als Geburtstagsgeschenk mitgebracht hatte. Dieser Schmerz offenbarte sich etwas stürmisch, wurde im hohen Grad von Aniuschka und Barynka geteilt und drang zu den Ohren des Gebieters, naturgemäß auch dessen Zorn erregend.

Auf des Gebieters Ruf erschien der Haushofmeister mit sklavischer Unterwürfigkeit, wurde zornig vom Herrn angeschrien und befragt, wo Agaphonikas Tauben hingekommen wären.

»Euer Hochwohlgeboren, Polycarp Simeonowitsch!«, sprach kriechend der Haushofmeister, »es muss ein Hausdieb unter dem Gesinde sein!«

»Entdecke ihn, Paul Michaylow, dass er seine Strafe empfange!«, herrschte der Gebieter dem Haushofmeister zu, »oder es wird nicht gut!«

»Euer Hochwohlgeboren zürne nicht mir! Ihr sollt den Dieb kennenlernen, ich schwöre es!«, antwortete der Haushofmeister.

Als er sich mit unwilligen Blicken und einem Unheil verkündenden Murren seines Herrn entlassen sah, schritt er zum düsteren Gemach, welches Mataphka inne hatte, fand sie auf dem Lager krank liegen, und ihren Sohn bei ihr, der die Alte pflegte und wartete, und soeben im Begriff war, ihr eine Schale Tee aus Heilkräutern zu reichen.

»Schmeckt es?«, höhnte der Haushofmeister. »Ist es ein Kraftsüpplein. He! Alte Mataphka, alte Satanshexe! Und du Tagedieb, Nikolay, Malschik (Junge), liegst auf der Haut des Bären, faulenzt wie ein Suslik! (Ziesel, Murmeltier.) Warte, werde den Steppenwolf über dich schicken! Soll dich beißen, soll dich beißen. Ei, lass doch sehen, was du kochst und braust!«

Ohne Weiteres stieß der Haushofmeister das Teegefäß der Alten um und untersuchte den Inhalt des Bodens desselben. Er durchstörte den Feuerherd, die wenigen Speiseschüsseln. Er blickte, er forschte weiter und plötzlich schrie er: »Hei, du Taubendieb! Hei, habe ich dich!« Er schlug mit dem Stock, den er in der Hand trug, alsbald grimmig auf Nikolay los. Dann fuhr er wie ein Habicht mit der Hand in einen schmutzigen Winkel, krallte sie voll Taubenfedern und schrie: »Siehst du die Federchen! Hab Acht, wir finden auch die Knöchelchen!« Er schlug wieder und rannte, während Nikolays gellendes Schmerzensgeschrei und der alten Mataphka lautes Kreischen die ganze Dienerschaft herbeirief, hinaus, wo unter Stroh, Genist und Kehricht allerdings sich Knochen von gekochten Tauben vorfanden.

Mit schonungsloser Wut schrie Paul Michaylow: » Bindet ihn, den Taubendieb! Bindet ihn auf der Stelle! Er soll den Kantschu schmecken! Ist es nicht eine Todsünde, der Hochwohlgebornen Herrin, Agaphonika Polycarpovna, ihre schönsten Lieblingstauben zu stehlen, zu schlachten und sie dem alten Satan und Drachen zu essen zu geben?«

Alles zitterte, nur einer nicht, der alte Wolfjäger Theophiliy Nikodemonow, eine riesige, finstere, raue Gestalt, der dem Haushofmeister von Herzen gram war.

»Hast du auch Gewissheit, Paul Michaylow, dass Nicolay die Tauben der Herrin stahl?«, fragte er den Haushofmeister mit bohrendem Blick. »Und hast du Macht, Ankläger und Richter in einer Person zu sein?«

»Werde wohl bei dir anfragen sollen, Väterchen?«, höhnte der Haushofmeister. »Hast du, Theophiliy Nikodemonow, für den Buben etwa andere Tauben geschossen? Durftest du das? Und wenn, so sage und beweise es. Jetzt wäre es noch Zeit, ihn von der Strafe zu befreien!«

»Ist nicht meine Sache, Tauben schießen … weiß, dass Tauben heilig sind … so gut wie du, Paul Michaylow! Meine nur, solltest nicht allzuhart sein … Nikolay ist der Liebling und Gespiele unseres jungen Barin Basiliy Policarpowitsch!«, entgegnete der alte Jäger. Aber er vermochte nicht, den giftigen Hass und die Furie wilder Rache, die in des Haushofmeisters Inneren kochten, zu bewältigen.

»Hat ausgespielt!«, rief dieser, rannte mit den Knöchlein und den Federn hinauf zum Herrn, kreuzte die Arme vor ihm auf der Brust, verbeugte sich und sprach: »Euer Hochwohlgeboren hoher Befehl ist vollzogen, der Dieb ist entdeckt. Der freche Nikolay ist es, der verwöhnte Liebling – hier sind die Federn, hier ein Teil der Knochen von den zuerst vermissten Tauben. Er hat sie gekocht und der alten muhamedanischen Hexe zu essen gegeben. Diesem Heidenvolk ist nichts heilig. Und hier, Herr, sind die schönen Lieblinge Eurer Tochter Agaphonika Polycarpovna, leider schon gemordet, um ehestens auch in den Rachen des alten Satansweibes zu wandern!«

In der Tat zog der Haushofmeister die zuletzt vermissten zwei schönen Taubenpaare hervor, in dem Augenblick, als Agaphonika, die den Lärm und das laute Reden gehört hatte, in das Zimmer trat und, die getöteten Tauben erblickend, einen schmerzlichen Klageschrei ausstieß.

Das, was er hörte und sah, sowie der Schmerz der Tochter reizte heftig den Zorn des Edelmannes über eine solche unerhörte Tat, die gegen alles Gefühl stritt, wenn sie auch nicht Tiere betroffen hätte, die der Volksglaube geheiligt hielt.

»Züchtige den Elenden! Züchtige ihn!«, schrie wild Polycarpow Simeonowitsch!

»Kantschuhiebe!«, diktierte der Haushofmeister.

»Den Kantschu oder die Plette, wie du willst, nur züchtige ihn, dass er daran denkt!«, donnerte der Gebieter.

Agaphonika hörte das. Sie hielt ihre vier toten Lieblinge in den Händen, küsste die niederhängenden schönen Köpfchen, weinte heiße Tränen über sie und hatte kein Wort der Fürbitte des Erbarmens für den unglücklichen Jüngling, dem es nimmermehr in den Sinn gekommen war, diese Taubenpaare zu morden. Jener enteilte und riss in seinem Zimmer einen Kantschu von der Wand und eine Plette, rannte wie rasend in den Hof, wo Nikolay noch jammernd und gebunden stand und der entsetzlichen Strafe entgegenzitterte, zu deren Vollziehung sklavischer Diensteifer und teuflischer Hass den Haushofmeister keine Minute säumen ließ, aus Besorgnis, sein unglückliches Opfer könne ihm durch einen Gnadenspruch entzogen werden. Daher erfasste er auch den, eigentlich nur bei den Kosaken gebräuchlichen Kantschu, Willens, diesen bei der Strafvollziehung mit der Plette zu verwechseln. Deren Stock ist dem des Kantschus ziemlich ähnlich und ist mit einem in 5 bis 7 fingerbreite, dicke ½ Fuß lange Streifen zerschnittenen Riemen versehen.

»Nieder auf die Bank! Haltet ihn!«, herrschte der Haushofmeister den Dienern zu. Diese gehorchten alsbald, und der Haushofmeister vollzog mit eigener Hand die grausame Strafe.

Nikolays Schmerzensschrei riss die alte Mataphka vom Lager empor an das Fenster, das zum Hof ging. Dicht unter ihm litt ihr Sohn, der unbedacht das eine Taubenpaar zu ihrer Stärkung genommen hatte. So litt er für sie. Ihr lauter Jammerruf gellte zum Himmel auf. Sie raufte sich kreischend das schwarze Haar, und verfluchte den Peiniger.

Nach einer Weile traten laut weinend die Zofen der Herrin in deren Gemach.

»Er ist tot! Der Wüterich hat ihn totgeschlagen, den jungen schönen armen Kolynka! Euren Jugendgespielen, Agaphonika Polycarpovna – um der Tauben Willen!«

» Tot! O großer Gott im Himmel!«, schrie Agaphonika auf und war einer Ohnmacht nahe.

Im Hof war alles vorbei. Nikolays Leiche lag kalt auf dem Stroh. Des Wüterichs Rache war gesättigt.

Die Nacht sank nieder, der Herbststurm brauste. Laut hörte man das Rauschen der Wellen des hier fast zwei Werst breiten Stromes durch die Stille. Das Herrenhaus lag im Dunkeln, umflort von dichtem Nebel, den die unübersehbare Ebene aushauchte.

Zwei Gestalten wandeln hinaus in das Dunkel, in die Einöde. Keine weiß etwas vom Gang der anderen. Bis nahe an Krementschuk zieht sich eine Steppe voll tiefer schwarzer Erde, voll hohen Grases, statt der Dörfer mit kleinen Höfen (Hutter) bebaut. Die eine, hohe riesige männliche Gestalt trägt einen Leichnam im tiefen Schweigen. Die andere ist ein Weib und wimmert. Einem fernen Wald wandeln beide zu – aber sie kommen nicht zusammen, ihre Wege gehen auseinander.

Schauer der Mitternacht umwehen ein Feuer im öden Wald. Um das Feuer wandelt einsam ein Tatarenweib und wirft Zauberkräuter in die Flamme. Wild umfliegt ihr unbedecktes Haupt das Schwarzhaar. Die Flüche, die das Weib murmelt, sind grauenhaft. Sie sind nicht nur Flüche, sie sind Zauberformeln. Die Tiefe beschwört sie und zur Höhe blickt sie, zur Höhe der dunklen Tannen, von denen in langen grauen Flechten Bartmoos niederhängt und im Wind gespenstisch weht. Eine offene Schachtel hält die Alte in ihrer Hand – in der anderen den Deckel, blickt immer zur Höhe und wird nicht müde, ihre Formeln zu murmeln. Und endlich … da schwebt etwas leise nieder, ein dunkles Tier … so scheint es … und rasch hält die Alte die Schachtel unter. Kaum ist es darin, so klappt sie den Deckel darüber, stößt einen wilden Schrei aus, rafft ihr Gewand auf und verlässt den Ort ihrer Flüche, ihres Zaubers.