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John Sinclair: Brandmal

 

Mark Benecke, Florian Hilleberg
John Sinclair: Brandmal

Horror, Taschenbuch, Bastei Lübbe, September 2017, 464 Seiten, 10,00 Euro, ISBN: 9783404175864

Ein großer Fall für John Sinclair, Jane Collins und Suko – In London hat es einen dubiosen Fall von spontaner Selbstentzündung gegeben. Am helllichten Tag schlagen Flammen aus einer Joggerin im Hyde Park und lassen von dem Opfer nur noch ein Häufchen Asche übrig. Die ersten Ermittlungen ergeben, dass sich ähnliche Fälle auch in Deutschland ereignet haben. John kommt natürlich schnell auf den Gedanken, dass es sich bei den Verbrannten um Vampire handeln muss. Aber warum sollten sie sich freiwillig dem Sonnenlicht aussetzen? Irgendetwas muss die Opfer miteinander verbinden.

Etwas Licht ins Dunkel kommt, als sich Sinclairs deutscher Kollege Harry Stahl bei ihm meldet und ihm von den Fällen aus good old Germany berichtet. Der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke, u.a. Spezialist auf dem Gebiet der Spontanentzündungen, hat sich der Überreste angenommen, steht aber ebenfalls noch vor einem Rätsel. Nach weiteren Nachforschungen steht die Verbindung der Opfer zueinander fest: Sie alle haben vor Kurzem in dem slowakischen Dorf Cachice Urlaub gemacht. Der beschauliche Touristenort ist vor allem dafür bekannt, dass die sogenannte Blutgräfin Elisabeth Báthory dort Ende des 16. Jahrhunderts ihr Unwesen trieb. Sie soll Hunderte von Jungfrauen töten lassen haben, um in ihrem Blut zu baden, wovon sie sich ewige Jugend versprach. Also doch ein seltsamer Vampirfluch? Während Soku einer Spur zu einem Tätowierer in London folgt, reisen John, Jane sowie Mark Benecke und seine Kollegin Tina zu besagtem Ort in der Slowakei. Dort wartet die ein oder andere Überraschung auf sie. Auch eine, die im weitesten Sinne mit Beneckes zweitem Fachgebiet zu tun hat …

Mit drei neuen Taschenbüchern zum Heftroman- und Hörspiel-Serienhit John Sinclair baut der Bastei Lübbe Verlag sein Portfolio der Marke weiter aus. Den Auftakt bildet dabei Brandmal, ein Gemeinschaftswerk des »neuen« Sinclair-Autors Florian Hilleberg und des bekannten »Dr. Made« Mark Benecke. Dass Benecke nun selbst auch im Roman ermittelt, ist ein gelungener Kunstgriff. Zudem hat man mit Hilleberg auf einen der Action-Spezialisten und Sinclair-Kenner aus dem Team derzeitiger Autoren gesetzt. Gute Grundvoraussetzungen also, um mit dem über 450 Seiten starken Roman in die Vollen zu gehen. Dies gelingt leider in der Umsetzung nur bedingt, was vordergründig vor allem an einer Sache liegt: der Länge des Romans.

Aber zunächst die positiven Sachen, die im Großen und Ganzen überwiegen. Der Grundplot, der sich zunächst um die Menschen dreht, die unerklärlicherweise in Flammen aufgehen, bietet gute und recht harte Szenen für den Einstieg. Hier dreht das Taschenbuch im Gegensatz zu den Romanheften schon ordentlich auf. Überhaupt ist der »Härtegrad« durchaus angenehm hoch. Gleiches gilt für die Einführung des Szenarios Cachtice und des zugehörigen Sees – hier gelingen dem Autorenduo durchaus schön-schaurige Momente, die auch losgelöst von den Hauptcharakteren mit einigen der vielen Nebenfiguren funktionieren.

Nach etwa 150 Seiten gelangen John und Jane sowie Mark und Tina dann auch vor Ort an, um ihre Ermittlungen voranzutreiben. Und hier beginnt der Roman zu schleppen. Denn während sich die Teams mischen, um zu ermitteln und nach und nach hinter das Geheimnis kommen, warum auch hier Menschen in der Sonne verbrutzeln, werden nicht nur viele, zum Teil überflüssige Nebenfiguren eingeführt und im wahrsten Sinn des Wortes »verheizt«, sondern die Geschichte tritt lange Zeit – rund 150 Seiten – mit recht generischen und redundanten Actionszenen auf der Stelle. Exemplarisch sind hier die Angriffsszene mit den beiden deutschen Gothic-Pärchen auf der Burg und eine Schießerei am See zu nennen, die den Plot nicht voranbringen und seitenweise Platz schlucken.

Sicher, diese Actionsequenzen sind gut geschrieben, ermüden jedoch, wenn sie lediglich eine absehbare Konfrontation mit den wahren Gegnern verhindern. Ähnlich überflüssig wirkt Sukos Soloabenteuer in London, das zum Schluss des Romans fast nur als ein Füllwerk anmutet, dessen Pointe in der Möglichkeit einer Fortsetzung besteht – mehr nicht. Das ist umso ärgerlicher, weil der abschließende Teil dieser Storyline zu einem Zeitpunkt in den Text eingeschoben wird, da man dieses Element des Romans beinahe schon wieder vergessen hatte. Eine Straffung hätte hier durchaus gut getan, insbesondere im zweiten und dritten Drittel des Manuskripts. So entschlackt wäre man auf um die 300 Taschenbuchseiten gekommen, die auch dem, was die Story inhaltlich hergibt, gerecht geworden wäre. Brandmal mutet in der vorliegenden Fassung leider recht aufgebläht an; als habe es sich an sich selbst überfressen.

Ein weiteres Manko ist, dass wohl auch der Gelegenheits-Sinclair-Leser eine der wichtigsten Pointen der Geschichte zur Mitte des Romans hin bereits meilenweit gegen den Wind riecht, da die Indizien viel zu offen ausgebreitet werden – was nicht zuletzt auch an der Personalie Mark Benecke und seinem bekannten Fachgebiet liegt. Es ist immer schwierig, den Leser bei der Stange zu halten, wenn dieser so viel mehr weiß oder ahnt als die Protagonisten. Dahingehend stellt Brandmal den Leser des Öfteren auf die Probe.

Fazit:
Die Zusammenarbeit von Florian Hilleberg und Dr. Mark Benecke verbindet eine sehr gute Grundidee mit einen generell spannenden Plot, dessen Fortschritt in der Mitte des Manuskripts fast zum Stillstand kommt, so 70 bis 50 Seiten vor Schluss aber noch einmal die Kurve zu einem recht gescheiten Finale kriegt. Die Dialoge sind durchgängig gelungen, die Sinclair-Figuren passend in Szene gesetzt. Sie bekommen mit Benecke und Tina einen mitunter höchst unterhaltsamen Kontrapunkt verpasst, die Konstellation funktioniert. Wenn man nun den Text noch um ein Viertel bis ein Drittel gestrafft hätte, wäre Brandmal ein richtig tolles Sinclair-Abenteuer geworden. Als vorliegende 450-Seiten-Schwarte versackt sie in der Gesamtbetrachtung leider ziemlich in der Mittelmäßigkeit.

(sv)

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