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Der Freibeuter – Neue Ermutigung

Der-Freibeuter-Zweiter-TeilDer Freibeuter
Zweiter Teil
Kapitel 18

Die Schaluppe legte am Schonischen Ufer an. Norcroß warf das Riemenblatt, das er selbst gehandhabt hatte, beiseite und sprang an Land.

»Wieder ohne ihn!«, rief er im höchsten Unwillen. »Es ist zum Verzweifeln!«

»Noch nicht verzweifeln!«, versetzte Flaxmann ruhiger. »Ein starker Baum fällt nur nach wiederholten Hieben.«

»Das Glück, Freund, kommt auf einmal und wirft als ein Orkan die stärksten Bäume um. Uns flieht das Glück, und alles ist vergeblich.«

Der sonst so heftige Flaxmann war jetzt ruhig und ausdauernd, und der sonst so besonnene Norcroß tobte gegen sein widriges Geschick. Seinen Unmut vergrößerte ein Menschenzusammenlauf noch um ein Bedeutendes, denn sein beabsichtigter Raub des Kronprinzen von Dänemark war kein Geheimnis in Schonen geblieben. Alle Leute sprachen davon. Die Küstenbewohner kamen in Scharen, sobald sie gehört hatten, dass Norcroß angelangt sei, um den gefangenen Prinzen zu sehen. Ein Teil des dem feindlichen Königssohn zugedachten Hohnes traf nun den Kaper, der erst von diesem Unternehmen wie von einem Kinderspiel gesprochen hatte und nun schon zum dritten Mal ohne den Prinzen an die schwedische Küste kam. Diese Stimmung des Volks, welches sich auf die Ausführung seines Unternehmens kindisch gefreut hatte, war Norcroß unerträglich. Er brach noch an demselben Tag auf und kam am Abend des anderen Tages im Göthaborger Hafen a. Hier lag er fast eine Woche untätig, ging mit niemand um, selbst Flaxmann konnte selten etwas aus ihm herausbekommen. Er sprach nie davon, nach Stockholm zu seiner Frau zurückzukehren. Wenn ihn Flaxmann daran erinnerte, wehrte er ihn schweigend mit der Hand ab. Tagsüber saß er im Zimmer und schien über etwas zu brüten, wenn aber der Abend vom Meer herüber ans Land flutete, dann schien es in ihm zu toben und er wurde lebendiger. Allein lief er dann am Ufer des Meeres, ließ sich vom Sturm schlagen und schaute in die Finsternis nach Seeland zu, als müsse ihm dort der Stern seines Lebens aufgehen. Dann hörten ihn wohl einzelne Schiffer, die sich verspätet hatten, den Namen Friederike über das Meer hinrufen und noch andere wunderliche Worte, sodass ihnen grausig wurde und sie von dannen eilten, denn sie meinten nicht anders, als er rufe eine Meerfei, die ihn zur Untreue gegen sein Weib verleitet habe und von der er nun nicht mehr lassen könne.

Flaxmann lebte dagegen ein zerstreutes Leben. Wenn man bedachte, dass ihm vorzüglich an dem beabsichtigten Raub des Kronprinzen von Dänemark alles gelegen gewesen war, so war die Gleichgültigkeit, mit welcher er das Misslingen des Planes ertrug, unerklärlich. Aber dieses Betragen fand wiederum ganz allein in der Wankelmütigkeit seines Charakters seinen Grund. Er war nicht allein der Spielball eines launigen Geschicks, sondern auch seiner eigenen Unbeständigkeit. Er schien den Haltpunkt seines Lebens verloren zu haben. Wenn auch jezuweilen der Wunsch, Christine bald zu besitzen, in ihm aufglühte, so war es doch nur ein Strohfeuer, ebenso rasch verschwunden wie aufgerauscht. Man wusste, dass er vom schwedischen König reich mit Geld versehen worden war, und es nahm daher niemand Wunder, wenn man ihn auf dem üppigen Fuß eines Kavaliers leben sah. Er spielte viel, mit Leidenschaft und schien unter Würfeln und Karten ein besseres Los, von welchem ihm einst geträumt, vergessen zu wollen.

In dieser Woche war die Fregatte Graf-Mörner aus dem Hafen zu Marstrand, wo sie vor Anker gelegen hatte, in den Göthaborger Hafen eingelaufen und wartete auf den Befehl ihres Führers. Aber für diesen schien es weder eine Fregatte noch ein anderes Schiff mehr zu geben, und niemand von seinen Leuten hatte den Mut, den Kapitän zu fragen, was nun eigentlich werden solle. Der Kapitänlieutenant Gad machte sich das Vergnügen, täglich auf den Fischfang auszufahren, der höchste Genuss für ihn. Meister Habermann lag Tag und Nacht in den Wirtshäusern und füllte Grog in sich, nicht anders, als könne er den Graf-Mörner damit flott machen! Der alte Ebbe Reetz saß den ganzen Tag auf einem in die See hinausspringenden Steinblock und beobachtete das Wasser, und der Oberbootsmann Pehrsohn flocht mit den Matrosen am Ufer Taue. Die jüngeren Offiziere tagten den schmucken Mädchen nach, und so dachte niemand an eine Abreise oder auch nur an den nächsten Morgen. Am wenigsten kümmerte man sich um des Kapitäns Kummer. Nur eine Seele war bewegt davon, die auf die Fregatte gehörte, Juel Swale. Seit dem missglückten Attentat auf den dänischen Kronprinzen hatte Norcroß nicht mehr mit ihm gesprochen. Dies war ihm ein tiefes Herzeleid. Dazu sah er des geliebten Meisters Pein und trug nun doppelt schwere Last im Herzen. Der arme Junge aß und trank nicht recht, saß meist auf seiner Kanone, schaute ins Meer und weinte. So hatte er es mehrere Tage hintereinander getrieben, da sah er den Kapitän gegen Abend am Ufer gehen. Er sprang auf, lief über den Kai des Hafens und folgte Norcroß nach.

Als dieser über das Meer schauend stillstand, warf er sich ihm zu Füßen und rief halb weinend und die Hände emporstreckend: »Ach, lieber Herr Kapitän, seid Ihr mir bös? Ich konnte ja beim lieben Gott nichts dazu, dass wir den Schuft nicht erwischten. Ihr tut mir unrecht, Herr Kapitän.«

»Törichtes Kind,« versetzte Norcroß bitter lächelnd. »Du wähnst, ich grolle dir? Deshalb sei getrost, mein Junge, mein Groll gilt allein meinem Schicksal. Ach, du weißt nicht, Juel, welch wunderliches Schloss von Wünschen und Hoffnungen ich auf das Gelingen unseres Planes gebaut hatte! Der Grundstein steht und der Bau muss zusammenstürzen.«

»Ei, dass Ihr Euch aber auch ein Haus auf dem Land bauen wollt«, sagte Joel, durch des Kapitäns Tröstung erheitert, mit komischer Kindlichkeit. »Ein so erfahrener Seemann, der so ganz und gar nur für das Wasser und auf dem Wasser lebt, hätte sich doch billigerweise ein Schiff bauen sollen, einen Dreidecker mit hundertzwanzig Metallzähnen.«

»Du hast bei Gott recht,« lachte Norcroß auf, »und daran wird alle Schuld gelegen haben. Ein Schiff hätte ich mir in Gedanken von meinen Wünschen bauen sollen. Aber sieh, dazu gehört zuerst der Kiel. Auf dem Kiel ruht der ganze Schiffbau. Hab ich den Kiel, dann frisch drauf los. Das Schiff gleicht meinem Leben, nicht dem Haus. Es schwankt und schwebt und ist allen Stürmen preisgegeben. Nicht an die Scholle ist es gekettet wie das Wohnhaus des Landmannes. Es treibt in die weite Welt hinaus wie das Wasserhaus des Schiffers. Ja, ja, ein Schiff Junge! Du machst mir Freude mit deinem Einfall. Aber wenn wir nur erst den Kiel hätten.«

»Ich errate wohl, wen Ihr unter dem Kiel versteht, Kapitän. Na, bis jetzt habt Ihr Euch immer nur nach einem Grundstein zu einem miserablen Wohnhaus umgesehen, und das war eine Sünde von Euch und die Sache konnte natürlicherweise nicht gelingen. Ihr lacht, es ist ganz in Ordnung, dass Ihr den Prinzen noch nicht erwischt habt. Denn er ist kein Stein, der in der Erde liegt und erst herausgegraben werden muss, um zum Grundstein zu dienen. Bewahre der Himmel! Er ist eine Eiche, ein Königsbaum, und ganz zum Kiel eines Schiffes geeignet. Holt ihn Euch als Kiel und Ihr werdet ihn haben.«

»Junge, du könntest mir wieder Mut machen.«

»Ich beschwöre Euch, Herr Kapitän, wenn Ihr je einmal den Mut verloren habt, was ich aber nicht glauben kann, o so sucht ihn wieder zu gewinnen und es wird Euch alles gelingen! Sagt nur, was hat Euch zeither gefehlt?«

»Ach, ich weiß es selbst nicht!«, seufzte der Kapitän. »Doch! Doch!«, rief er sich selbst wieder zu, »ich habe es dir ja eben gesagt, Junge. Mut hat mir gefehlt. Es scheint fast, als sollte ich ihn durch dich wieder erlangen.«

»Dann wäre ich ja der glücklichste Schiffsjunge auf der Welt. Seht, Ihr mögt nun an das Gelingen Eures Planes noch so schöne Erwartungen geknüpft haben. Glaubt nur, für mich war es auch keine Kleinigkeit, denn ich sollte ja Kadett werden, wenn wir das königliche Blut gekapert hätten, und nun bin ich noch immer Schiffsjunge. Aber den Mut habe ich doch nicht verloren und immer und immer gedacht: Wer weiß, wie sich’s fügt. Wir fassen ihn doch noch und du bist Kadett. Denn eben so, Herr, und sinnt auf neue Pläne.«

»Ja, ich will eben so denken, Herzensjunge. Und für diesen Trost sollst du Kadett sein.«

»Ists möglich! Victoria! Ich habe gesiegt, und so werdet Ihr auch siegen. Ich habe erlangt, was ich ersehnt habe. Ihr werdet es auch. Nun seht, wie mir der Kamm schwillt! Ich will morgen, ehe der Tag graut, fort nach Seeland. Ich will spionieren, ich will alle Löcher durchkriechen, will mich vom Prinzen unterhalten, ja wohl gar als Bediensteter anstellen lassen, und Euch dann Nachricht geben, wann er Euch nicht entwischen kann. Lasst mich noch einmal mit Courtin reden. Es soll alles gut gehen.«

»Geh mit Gott, braver Junge! Wahrlich, schlüge in aller Schweden Brust ein Herz, wie das deine, König Karl hätte schon lange über alle seine Feinde triumphiert.«

Joel hatte nun nichts Eiligeres zu tun, als den Lieutenant Flaxmann aufzusuchen und ihn mit der Sinnesänderung des Kapitäns bekannt zu machen. Dieser verfügte sich, darüber erfreut, sofort an Bord des Graf-Mörner, wo er, nach Vermuten, den Kapitän wirklich so voller Arbeit antraf. Die Nacht war unterdessen ganz hereingebrochen, und die beiden Offiziere setzten sich an die Lampe des Fockmastes und teilten einander ihre Gedanken mit.

»Kapitän«, sagte Flaxmann mit Wärme und ergriff Norcroß’ Hand. »Ich höre mit Entzücken, dass Ihr noch einen Versuch machen wollt.«

»Ja, noch einen Wurf will ich wagen. Fallen mir die Würfel wieder ungünstig, dann …« Ein Seufzer erstickte seine Rede.

»Ach, Freund!«, rief der Lieutenant, »Euer ›Dann‹ ist für mich von noch größerer Bedeutung als für Euch. Ich knüpfte nicht allein ein politisches Glück, nein, auch das Glück meines Herzens daran.«

»Und könnt Ihr denn so bestimmt wissen, dass ich nicht dasselbe tat, mein Freund?«, versetzte Norcroß betont.

»Wie soll ich Eure Worte verstehen?«

»Ihr wisst, Kamerad, mit welcher Glut ich das Fräulein von Gabel liebe. Es ist mir nicht anders, als wandelte ich noch einmal unter den blühenden Mandelbäumen Portugals. Nach meinem letzten Besuch bei Friederike in Kopenhagen war ich mit mir ins Klare gekommen, dass ich nur so ihrem Besitz glücklich werden könne. Meine Frau kann nie das glühende Herz befriedigen. Das alles sah ich ein. Ich fand, dass ich namenlos elend sei. Da schwur ich einst in stiller Mitternacht unter dem Sternenhimmel auf dem Meer, dass, wenn mir der Wurf gelänge, wenn ich den dänischen Kronprinzen nach Schweden brächte, ich den König um die Auflösung meiner Ehe bitten wollte. Ja, dann sollte Friederike mein sein.«

»Ha, nun begreife ich Euch!«, rief Flaxmann. »Armer unglücklicher Freund! Ihr duldet die Qualen des Tantalus. Nun so lasst uns rastlos unserem Glücke nachjagen! Rüstet Eure Schiffe, lasst uns alles an die Verwirklichung unseres Planes setzen!«

Und wie von einem unsichtbaren Gott emporgerissen, sprang er auf und tobte über das Verdeck hin, wilde Ausrufungen und Aufmunterungen zur schleunigsten Abreise ausstoßend.

»So seid Ihr nun, Lieutenant«, sprach Norcroß verweisend, »davon stürmend zur unrechten Zeit und innehaltend zur unrechten Zeit. Sollen wir sogleich nach Seeland, um uns die Köpfe auf die Mauer des Kopenhagens Kastells an Pfähle spießen zu lassen?«

Flaxmann hörte ihn nicht, sondern sprach den an das Schiff anschlagenden Wellen von seinen Fieberträumen vor. Norcroß ließ ihn und arbeitete ruhig im Logbuch weiter.