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Mit den Konquistadoren ins Goldland Teil 6

Gustav Dittmar
Mit den Konquistadoren ins Goldland
Eine Erzählung aus der Zeit der Welserzüge
Teil 6

Es waren noch zwei Stunden vor Tag, als sich am 13. Mai 1535 die Reiterschar auf der Plaza vor der Kirche in Coro sammelte.

Hans Hauser, Joachim Fabricius und Martin Kressel reihten sich nebeneinander in die Front ein. Sie gehörten zum ersten Fähnlein, das Sanchez de Murga befehligte. Die Pferde schnaubten und scharrten ungeduldig. Prüfend ritten die Hauptleute die Reihen entlang. Abseits, ganz für sich, als bemerke er nicht, was um ihn vorging, hielt Estéban Martin, der Pfadfinder. Der kleine Spanier, dessen Gesicht runzlig war wie rissiges Leder, saß mit schiefer Schulter und hochgezogenen Knien auf seinem Gaul. Er bot ein wenig stolzes Bild. Wen aber zufällig der Blick seiner schwarzen Augen traf, der erschrak fast, so scharf und durchdringend blitzten sie ihn an. In einer Ecke des Platzes hielten berittene Trossknechte eine Schar Indianer umringt, neben denen schwere Traglasten lagen: das Gepäck der Truppe, der »Plunder«, wie es in der Sprache der deutschen Landsknechte hieß. Auch die Bluthunde gehörten zum Tross und eine stattliche Schweineherde. Wie immer hatten sich die Hunde im Nu verbissen. Die Peitschen der Trossknechte trieben die Aufheulenden auseinander.

Die in Coro Zurückbleibenden, Bischof Bastidas und Federmann an ihrer Spitze, hatten sich vollzählig eingefunden, um von den Ausziehenden Abschied zu nehmen. Keiner wollte das ungewöhnliche Schauspiel des Auszugs einer Expedition versäumen, wie sie so stolz und stattlich noch niemals von der Küste aufgebrochen war.

Das Hundegebell und die halblauten Kommandorufe verstummten allmählich. Die Hauptleute nahmen ihre Plätze vor ihren Fähnlein ein. Niemand sprach. Nur das Klirren einer Waffe oder das Wiehern eines Pferdes durchbrach dann und wann die Stille.

Im Osten hellte sich der Himmel auf. Man vernahm Hufschläge. Georg Hohermut von Speyer und Philipp von Hutten erschienen. Befriedigt sah Martin Kressel, wie prächtig und stolz ihre Pferde waren. Wahrhaftig wie der Erzengel Michael sah der Gubernator aus mit seiner eisernen Sturmhaube und seinem Koller aus Elenhaut, und wie ein jugendlicher Sankt Georg war Philipp von Hutten anzuschauen.

Hohermut sprach vom Pferd herab einige Worte mit Bischof Bastidas und Federmann. Mit ernster Miene reichte er zuerst dem Priester, dann Federmann, dem Feind, die Hand zum Abschied.

»Haltet mir die Kolonie in Ordnung, Generalkapitän!«, sagte er ernst.

Federmann verbeugte sich schweigend. Dann winkte der Führer.

Sebastian Luck, der Trompeter, stieß mit Macht in sein Instrument. Eine Bewegung ging durch die Truppe. Die Indianer nahmen die Lasten auf den Rücken.

Da und dort reichte ein Zurückbleibender einem ausziehenden Reiter die Hand. Es dämmerte stark.

Ein zweites Trompetensignal. Hoch hob Hohermut den Arm. »Gott und die Heilige Jungfrau!«, rief er laut.

»Gott und die Heilige Jungfrau! Dios y la Virgen!«, antworteten donnernd die Reiter.

Hinter dem Führer setzte sich die Truppe in Marsch, zuerst die Reiter, etwa achtzig an der Zahl, dann, von Trossknechten umschwärmt, die Farbigen, gebückt unter ihren Lasten. Hohermut ritt zum Strand und schlug die Richtung nach Osten ein.

Gerade als der Zug die letzten Hütten von Coro hinter sich gelassen hatte, stieg blutrot die Sonne aus dem Meer. Ihre ersten Strahlen trafen drei ernste Männer, die im ersten Glied des ersten Fähnleins hinter dem Führer ritten: Martin Kressel mit Hans Hauser zur Linken und Joachim Fabricius zur Rechten.

Ein deutscher Reiter stimmte ein Landsknechtslied an. Rau und trotzig klang die deutsche Weise in den indianischen Morgen. Stumm lauschten die Spanier.

Hohermut zog zunächst in östlicher Richtung der Küste entlang. Der Weg führte durch endlose, gleichförmige, auf weiten Strecken völlig versumpfte Savannen, über denen schwarze Wolken von Stechmücken standen. Der trügerische Boden war von hohem, giftig grünen Gras und Schilf bedeckt, das den Pferden bis an den Bauch reichte. Vergebens hoffte Hohermut, indem er sich vom Meer weg dem Gebirge zuwandte, festeren Boden unter die Füße zu bekommen. Es wurde immer schlimmer. In einer flachen Mulde, die zwischen zwei breit geschwungenen Hügeln eine Art Pass bildete, blieb die Expedition beinahe im Schlamm stecken. Bei jedem Schritt quoll das schwarze morastige Wasser unter den Hufen der strauchelnden, ängstlichen Pferde empor. Nur sehr langsam kam man vorwärts. Mau brauchte Tage, um ein paar spanische Meilen zurückzulegen.

Endlich, am zehnten Marschtag, erreichte die Expedition herrlichen, immergrünen tropischen Urwald. Voll Staunen sah der junge Konstanzer Kaufmann, sahen der Hesse und der Niedersachse seine Wunder. Gleich gewaltigen Säulen ragten die mächtigen Stämme in die Luft, deren Wipfel im grünen Schlingwerk der Lianen verschwanden. Purpurrot, tiefblau, leuchtend gelb glühten die Blüten der Orchideen und Passionsblumen aus dem dunkeln Grün. Stechpalmen und riesige Baumfarne bedeckten den Boden. Oft waren die Lianen, die sich von Stamm zu Stamm zogen, so dick wie Taue. Mit der »Machete«, dem Buschmesser, mussten sich die Reiter ihren Weg durch die schier undurchdringliche Wildnis bahnen. Bunte, fasanenartige Vögel flogen mit hässlichem Schreien von Ast zu Ast, und wundervoll gefärbte riesige Schmetterlinge taumelten durch die schwüle Luft. Nachts war der Wald voll vom Lärm der Affen.

Dann, am dreizehnten Tag, stand die Expedition plötzlich am Ufer eines mächtigen Flusses. Von den starken Regengüssen der letzten Tage weit über sein gewöhnliches Maß angeschwollen, wälzte der Tocuyo seine braunen Fluten in reißender Strömung dem nahen Meer zu.

Philipp von Hutten suchte lange nach einer Stelle, wo der Übergang gewagt werden konnte. Er fand schließlich einen Werder, der ziemlich weit in das Wasser reichte. Eine zu Fuß oder auch nur zu Pferd benutzbare Furt konnte er nicht entdecken.

Das Übersetzen der Reiter ging glatt und schnell. Man trieb einfach die Pferde ins Wasser, und die Tiere zogen ihre nackten Reiter, die sich in den Mähnen festhielten, sicher ans andere Ufer. Selbst die des Schwimmens Unkundigen kamen glücklich, wenn auch ein wenig bleich, hinüber. Manche Gäule wollten freilich durchaus nicht ins Wasser. Schnaubend, mit gesträubten Mähnen widersetzten sie sich den Reitern, die sie in die braune Flut zu drängen versuchten. Auch Hansens Hengst war sehr ungebärdig, und erst als Kressels Rappstute ruhig ins Wasser ging und dem anderen Ufer zuschwamm, bequemte er sich, der Stallgefährtin zu folgen.

Schwieriger war das Übersetzen des Trosses. Man baute zu diesem Zweck auf indianische Art ein großes Floß. Aus den Zweigen des Balsabaumes, eines mächtigen Malvengewächses mit Zweigen von weidenähnlicher Biegsamkeit, wurde ein Geflecht hergestellt und die Lücken mit dem zähen Bast und dem dickflüssigen Harz abgedichtet, das aus dem entrindeten Holz floss. Das im Wasser aufquellende Flechtwerk erwies sich als hervorragend tragfähig. Mit Bambusstangen wurde das Floß über den Fluss gesteuert, wobei ein Rheinschiffer aus der Gegend von Kaub der unermüdliche Fährmann war. Er war glücklich, wieder einmal Wasser unter den Füßen zu spüren. Hoch aufgerichtet stand er auf dem schwankenden Fahrzeug und führte es sicher durch die reißende Strömung. Ein Dutzend Mal schon hatte das Floß den Weg hin und her gemacht. Endlich stieß es schwer beladen zur letzten Fahrt vom Ufer ab. Es kam glücklich bis zur Flussmitte. Da bemerkten die am Ufer Stehenden mit Schrecken, wie es der Leitung des Fährmanns entglitt und von der Strömung im Kreis herumgewirbelt wurde. Die Ladung, offenbar nicht gehörig befestigt, kam ins Rutschen, und das Floß begann sich nach der Seite zu neigen. Die fünf Indianer, die der Kauber mitgenommen hatte, verloren den Kopf und taten nichts, um die Ladung zu stützen, so sehr auch der wackere Fährmann schrie und drohte. Mit aller Kraft suchte er allein die wertvolle Ladung – es waren Säcke mit Mais – vor dem Versinken zu retten, indem er sich mit dem Rücken gegen sie stemmte. Vergebens, die gleitende Last drückte ihn ins Wasser, das Floß schlug um, und die Indianer mitsamt dem Schiffer lagen im Wasser. Vom Ufer sahen die anderen dem Verhängnis untätig zu, aufgeregt hin und her laufend, aber keiner wagte es, sich in die reißende Flut zu stürzen. Da warf Hans Hauser die Kleider ab und sprang ins Wasser. Er schwamm mit starken Stößen auf zwei Indianer zu, die hilflos mit den Wellen kämpften. Gespannt sahen die Kameraden auf den blonden Schopf, der sich durch die reißende Strömung langsam, aber unaufhaltsam an die zappelnden Indianer heranarbeitete. Da packte der junge Deutsche auch schon den einen, dann den anderen der beiden Indios bei den langen schwarzen Haaren. Zum Glück hatten diese schon so viel Wasser geschluckt, dass ihnen das Zappeln einigermaßen vergangen war und sie den Retter, der sie, auf dem Rücken schwimmend, hinter sich herzog, gewähren ließen. Einen Augenblick sah es so aus, als verließen Hans die Kräfte.

»Um Gottes wissen!«, flüsterte Kressel.

Doch da tauchte auch schon der blonde Kopf des jungen Konstanzers wieder aus dem Wasser auf.

»Er schafft’s«, sagte Fabricius heiser vor Erregung.

Einen Augenblick später erreichte Hans keuchend und völlig erschöpft mit den beiden Geretteten das Ufer. Jubelgeschrei empfing ihn. Er schien es nicht zu hören. Wie ohnmächtig ließ er sich ins nasse Gras fallen, während Kressel und Fabricius sich um ihn bemühten und den Körper des halb Erstarrten rieben.

Die drei anderen Indianer hatten unterdessen schwimmend das Ufer erreicht. Den Kauber dagegen hatte das umschlagende Floß am Kopf getroffen. Zweihundert Schritte unterhalb spülte der Tocuyo seine Leiche ans Ufer.

Es war der erste Tote der Expedition. Man bestattete den Fährmann am Abend unter einer hohen Palme unweit des Flusses. Mit ernsten Gesichtern standen die Reiter, die Führer, Hohermut und Hutten mit den deutschen und spanischen Hauptleuten an ihrer Spitze um das Grab. Feierlich klang die Stimme des Priesters in die tiefe Stille des Waldes, die nur von dem gleichmäßigen Rauschen des Stroms und den Stimmen der Soldaten unterbrochen wurde, die dumpf das Responsorium murmelten.

»Herr, schenke ihm die ewige Ruhe!«, betete der Priester.

»Und das ewige Licht leuchte ihm!«, antworteten die Soldaten.

Es war allen sehr ernst zumute, und mancher fragte sich insgeheim: Wer ist der Nächste? Bin ich’s, bist du’s, Kamerad?

Der aufgehende Mond beschien das Lager der Expedition, das unmittelbar am Ufer des Tocuyo aufgeschlagen worden war, wo der saubere weiße Schwemmsand förmlich dazu einlud. Hans Hauser, Kressel und Fabricius lagen zusammen um das Feuer, in dem sie Fische brieten, die sie im Fluss gefangen hatten. Sie sprachen von der Heimat und von dem gefallenen Kameraden, den alle gern gehabt hatten. Ermüdet von den Anstrengungen des Tages streckten sie sich früh zum Schlaf aus. Bald herrschte tiefe Stille im Lager, nur der Fluss rauschte eintönig.

Es mochte gegen Mitternacht sein, als Hans Hauser erwachte. Ihm kam es vor, als hätte sich das Rauschen des Flusses verstärkt. Ein kühler Wind kam vom Gebirge. Hans empfand ihn nach der Hitze des Tages wohltuend, obwohl ihn ein wenig fröstelte. Er sah über sich zum Himmel, er war klar. Mond und Sterne schauten auf ihn herab, und die Milchstraße zog ihr leuchtendes Band durch das unergründliche Schwarz des Firmaments. Bald schlief Hans wieder ein.

Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte, als ihn Rufe weckten. Sofort fiel ihm das ungeheure Brausen des Flusses auf. Unwillkürlich sah er zum Himmel. Er war klar, kein Tropfen fiel. Doch er hatte keine Zeit, über die rätselhafte Naturerscheinung nachzudenken. Ein Blick belehrte ihn über die furchtbare Gefahr. Der Fluss war klafterhoch gestiegen. Buschwerk, dessen Wurzeln am Abend das Wasser bespült hatte, ragte jetzt kaum mehr aus dem Wasser. Dazu hatte sich der Fluss geteilt und wälzte seine Fluten in zwei Strömen dem Meer zu. Das Lager war jetzt rings vom Wasser umschlossen, wie auf einer Insel. Deutlich war zu erkennen, wie diese Insel, von den heranbrausenden Fluten benagt, immer kleiner wurde. Stieg das Wasser weiter, so konnte es zwei, vielleicht auch drei Stunden dauern, bis das ganze Lager überflutet war.

Geschrei erhob sich beim Tross.

»Die Pferde!«, rief Martin Kressel und eilte, von Hans Hauser und Fabricius gefolgt, den Trossknechten zu Hilfe, die die Pferde offenbar nicht mehr bändigen konnten. Da das Wasser immer mehr stieg, waren die Tiere eng zusammengedrängt. Sie witterten die Gefahr, bäumten sich auf und wieherten ängstlich. Kressel sah sich vor allen Dingen einmal nach seiner Suse um. Sie stand gottlob gelassen da und zupfte ein paar Grashalme ab. Doch ein wild ausschlagender Gaul brachte das ganze Rudel durcheinander. Vergeblich versuchten die herbeieilenden Reiter die Tiere zu beruhigen. Zwei Pferde rissen sich los und waren fast augenblicklich von dem reißenden Strom erfasst. Sie wurden fortgeschwemmt.

»Verdammt!«, knirschte Kressel. Er sorgte zunächst mit Flüchen und derben Püffen dafür, dass die Indianer, die teilnahmslos dem Verderben zusahen, die Pferde und den Plunder in die Mitte der Insel schafften, die vorläufig noch trocken war. Fabricius und Hans Hauser halfen eifrig. Der Niedersachse schleppte zentnerschwere Säcke, Hans lud sich Sättel und Zaumzeug auf.

Menschen und Pferde drängten sich in der Mitte der Insel zusammen. Dort stand auch Hohermut und erteilte seine Befehle. Die wertvollsten Stücke des Gepäcks, besonders Säcke mit Lebensmitteln, dann die Waffen und die Ausrüstung, ließ er in den Kronen einiger Weidenstämme verstauen. Das war gerade geschehen, als ein erster Wasserschwall die Insel völlig überflutete.

Fabricius versuchte vergeblich seine Füße vor der Nässe zu schützen. »Das gibt den schönsten Schnupfen«, meinte er grimmig.

Der Wasserschwall kam wieder, diesmal noch stärker.

Hauptmann Gundelfinger, der so etwas von daheim kannte – er stammte aus Augsburg, wo der Lech im Frühjahr oft das Land überschwemmt – kletterte seelenruhig auf einen Baum. Viele folgten seinem Beispiel.

Wieder ging das Wasser über die Insel. Da und dort blieben Pfützen stehen, in denen das Wasser brodelte. Ringsum sah man nichts als eine wildbewegte Wasserfläche. Es war unmöglich, durch die tosenden Fluten das Ufer zu erreichen. Untätig mussten alle auf der immer schmäler werdenden Sandbank ausharren. Das Schicksal der Expedition Georg Hohermuts von Speyer hing an einem Faden. Stieg das Wasser weiter, so waren Ross und Reiter verloren.

Hans Hauser sah auf Hohermut. Das Gesicht des Führers war ernst und bleich. Fabricius lehnte an einem Baum. Seine Augen waren weit in die Ferne gerichtet. Kressel hielt sein Pferd am Zaum. Er schien entschlossen, sich auch im Tod nicht von seinem getreuen Ross zu trennen. Hell beleuchtete der Mond das geisterhafte Bild.

Alle warteten gespannt. Würde das Wasser wiederkehren und alles Lebendige mit sich reißen?

Minutenlang blieb die Flut aus. Ein jeder merkte es, keiner wagte es zu sagen, aber eine leise Hoffnung glomm in den Herzen auf. Eine bange Viertelstunde verging. Das Wasser kam nicht wieder.

»Das Wasser scheint zu fallen«, sagte Hans Hauser.

»Auch mir scheint es so«, erwiderte Kressel.

Als der Morgen graute, war deutlich zu erkennen, dass das Wasser fiel. Noch umbrausten zwar die Fluten wild den Fleck Erde, auf dem sich Menschen und Tiere eng zusammendrängten, aber die Insel war nicht kleiner geworden, sie wuchs sogar allmählich.

Andreas Gundelfinger stieg vom Baum herab und schlug sich die Arme wie Windmühlenflügel gegen die Brust. Ihm war kalt geworden auf seinem luftigen Sitz.

Frierend und übernächtig standen die Reiter zusammen.

»Woher mag das Wasser nur so plötzlich gekommen sein?«, wandte sich Hans Hauser an Fabricius.

»Ich kann mir die Sache nur so denken«, erwiderte der Niedersachse, »dass droben im Gebirge ein ungeheurer Wolkenbruch niedergegangen ist, von dem wir hier gar nichts gemerkt haben. Da ist dann der Fluss angeschwollen und über die Ufer getreten, und wir wären dabei um ein Haar ersoffen.«

Das Wasser verlief sich so schnell, wie es gekommen war. Nach knapp zwei Stunden lief der Tocuyo wieder im alten Bett und die Strömung war kaum stärker als am Tage vorher. Nur der Schlamm und Schmutz, mit dem Mensch, Tiere und Tross bedeckt waren, kündete noch vom Schrecken der Nacht. Es ging an ein eifriges Putzen und Scheuern. Sehr viel war durch das Wasser nicht verdorben, nur ein paar Säcke mit Mehl waren unbrauchbar geworden. Die Weinschläuche waren sämtlich gerettet worden, wie Jakob Schmitz, der Barbier, mit Befriedigung feststellte.

Im Laufe des Tages fand sich im Ufergebüsch noch manches Trossstück, das sich dort verfangen hatte. Ja, es gelang sogar, die in der Nacht fortgeschwemmten Pferde wohlbehalten wieder einzufangen. Ein Trossknecht fand sie etwas weiter unten friedlich grasend am Uferrand. Es gab ein großes Hallo, als er die verloren geglaubten Tiere im Triumph ins Lager zurückbrachte.

Auf Estéban Martins Vorschlag wurde beschlossen, die Richtung nach Süden einzuschlagen und das Gebirge zu überschreiten, die blauen Berge, die man während des Marsches durch die Savanne schon lange im Südosten erblickt hatte. Wie einst Federmann im Jahre 1532, gedachte der Pfadfinder die Expedition durch das »valle de las damas«, das »Frauental«, zu führen, um auf diesem Weg die Indianersiedlung Barquisimeto zu erreichen.

Der Aufstieg war steil und äußerst mühsam. Als die Truppe endlich auf dem Kamm des Gebirges stand – so hoch wie der Feldberg im Schwarzwald, schätzte Hans Hauser – öffnete sich noch einmal überraschend der Blick zurück auf das Meer. Jenseits der Savanne und der dunklen Urwälder, die das Auge weit überschaute, glänzte fern im Nordosten ein blauer Streifen: die See, die die Schiffe mit den weißen fröhlichen Segeln hinüberträgt in die deutsche Heimat.

Gedankenvoll, die beschattende Hand vor den Augen, schaute Hans Hauser hinüber.

Wie lange wird es dauern, bis er das Meer wieder sieht? Wird er es überhaupt noch einmal erblicken? Unwillkürlich musste er an Konstanz denken, sein Vaterhaus, das Münster, den See im Kranz der Berge. Grüß dich Gott, Vaterland, Heimatland, grüß dich Gott, Deutschland vieltausendmal!

Estéban Martin, der Pfadfinder, litt wieder an seinem Gliederreißen. Solange er zu Pferde saß, ging es noch. Er ritt immer noch den gleichen alten, hochbeinigen Gaul, der ihn schon anno 1531 auf Ambrosius Ehingers Expedition durch das indianische Land getragen hatte. Aber das Auf- und Absitzen fiel dem Alten schwer und es ging selten ab, ohne dass ihm ein derber Soldatenfluch dabei entschlüpfte. Einmal, als die Truppe gerade ein Lager für die Nacht bezogen hatte und der Pfadfinder nach einem Ritt von vielen Stunden absitzen wollte, mochte er, steif, wie er war, das alte Ross mit den Sporen gekitzelt haben. Genug, es wieherte und bockte und der Pfadfinder hing einen Augenblick hilflos in der Luft. Schnell sprang Hans Hauser hinzu, beruhigte das Pferd und half dem Alten auf die Füße.

Estéban Martin sah seinen jungen Helfer einen Augenblick mit seinen durchdringenden schwarzen Augen an, dann verbeugte er sich mit der vollendeten Höflichkeit des Spaniers. »Ich danke Euch, Señor! Seid Ihr es nicht, der damals am Tocuyo die beiden Indianer aus dem Wasser zog?«

Errötend bejahte Hans.

»Eine brave Tat«, fuhr der Spanier fort, »eine tapfere Tat! Euer Name?«

»Hans Hauser.«

Estéban Martin schüttelte den Kopf: »Was habt ihr Deutsche für unaussprechliche Namen! Nochmals, ich danke Euch, Don …«

»Juan«, ergänzte Hans.

»Ich danke Euch, Don Juan.«

So kam es, dass der schweigsame Spanier und der junge Deutsche miteinander Freundschaft schlossen. Häufig rief der Spanier nach »Don Juan el joven« – dem »jungen Herrn Hans«, wie er zum Unterschied von zahlreichen anderen Don Juans in der Truppe bald genannt wurde – und ritt mit ihm dem Zug voraus.

Der Alte sprach kaum ein Wort. Er hing im Sattel wie eine Puppe. Aber seine Augen lebten, sie sogen die Landschaft förmlich in sich ein. Mit der Sicherheit des Schlafwandlers fand er immer wieder den Pfad, der für Ross und Reiter gangbar war. Manchmal waren die beiden der Truppe um Stunden voraus. Sie kennzeichneten den Weg durch Steinmale oder abgehauene Äste. Von einer Bergkuppe, einem Felsenvorsprung zurückschauend, sahen sie, wie ihnen der lange Zug der Reiter und Lastträger mühsam folgte.