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Expedition in den Tod

Expedition in den Tod

Im Jahr 1860 gab die Regierung Victorias eine Expedition in Auftrag, um das australische Hinterland zu erforschen und neue fruchtbare Landschaften und Weidegebiete für die Schafherden zu erkunden.

Die geplante Route verlief von der Stadt Melbourne aus Richtung Norden zum etwa 3250 Kilometer entfernten Golf von Carpentaria. Unterstützt von Regierungsmitteln, dem Geld von Privatpersonen und finanziellen Zuwendungen der Royal Society of Victoria, der heute ältesten Gelehrtengesellschaft im australischen Bundesstaat Victoria, wurde das Unternehmen zur bestausgerüsteten Expedition der damaligen Zeit.

Am Tag vor der Abreise umfasste die Expedition 29 Männer, 20 Tonnen Ausrüstung, 23 Pferde, 6 Wagen und 26 Dromedare.

Alleine die Lebensmittelvorräte waren auf zwei Jahre angesetzt, und trotzdem wurde das Unternehmen zu einem einzigen Fiasko, bei dem mehr als die Hälfte der teilnehmenden Männer und Tiere ihr Leben ließen.

Wie konnte das geschehen?

Die Antwort lautet: Machtinteressen, Unfähigkeit und maßlose Selbstüberschätzung.

Es begann bereits mit der Vergabe der Expeditionsleitung.

Das Komitee, welches die Expedition finanzierte, bestand aus 14 Männern, von denen allerdings nur zwei, Wilhelm Blandowski, Zoologe und Erforscher Australiens, und der Botaniker Ferdinand von Mueller, Erfahrung mit solchen Erkundigungsunternehmen hatten. Alles andere waren Lehrer, Geistliche, der Bürgermeister von Melbourne, ein Sprecher des Parlaments, ein Zeitungsbesitzer und der oberste Richter von Victoria.

Als bekannt wurde, dass in Adelaide, South Australia, eine Konkurrenzexpedition in Marsch gesetzt wurde, die ebenfalls neue Weidegründe erkunden sollte, bestimmte das Komitee, um sofort zu starten, entgegen allen Warnungen den Iren Robert O’Hara Burke zum Leiter der Expedition.

In ihren Augen war der ehemalige Offizier der österreichischen Armee und spätere Kriminalrat der Polizei der ideale Mann für diese Position, nicht so für Blandowski und Mueller.

Beide wussten, dass Burke weder Fähigkeiten in der Überlebenskunst in der Wildnis hatte, noch Erfahrungen in der Leitung einer solchen Expedition. Außerdem war er ein Sturkopf und ließ nur seine Meinung gelten. Gemeinsam mit den meisten Männern des Komitees, die ihre Weisheit nur aus Büchern oder vom Hörensagen hatten, musste es zwangsläufig in einem Desaster enden.

Es begann schon mit der Zusammenstellung der Ausrüstung.

Der Zitronensaft zur Skorbutabwehr war in Blandowskis Augen noch gerechtfertigt, aber was wollte man mit 270 Liter Rum, Raketen, zederfurnierten Eichentischen und einem riesigen chinesischen Gong? Die nächste Fehlentscheidung war, kein Schlachtvieh mitzuführen, sondern stattdessen Trockenfleisch zu verwenden. Das zusätzliche Gewicht erforderte drei weitere Wagen, welche das Vorankommen der Expedition erheblich verlangsamte.

Frank Cadell, ein anderes Komiteemitglied, bot angesichts der Unmenge der Ausrüstung an, die Versorgungsgüter mit dem Schiff nach Adelaide, danach über den Murray River und den Darling River ins Landesinnere zu bringen.

Die Expedition würde dadurch schneller vorankommen und vor allem schonte man die Kräfte von Mensch und Tier.

Der Vorschlag wurde abgelehnt, weil auch Cadell gegen die Ernennung von Burke als Führer gestimmt hatte.

Die Quittung erfolgte prompt.

Bereits wenige Tage nach dem Aufbruch brachen drei der Wagen unter ihrer Last zusammen.

 

Am 20. August 1860 war es dann soweit.

Unter den Augen von 15.000 Neugierigen machte sich die Expedition gegen 16 Uhr am Nachmittag im Royal Park von Melbourne auf den beschwerlichen Weg zum Golf von Carpentaria.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Teilnehmerzahl bereits um drei Männer reduziert. Owen Cowen und Henry Creber wurden am Tag vor der Abreise von Burke entlassen, da sie ihren Abschied von der Zivilisation gefeiert hatten, und Robert Fletcher, weil er der Meinung war, dass es völlig normal sei, wenn man noch etwas trinkt, bevor man für viele Monate in die Wildnis zieht.

Keine zehn Tage nach der Abreise folgten ihnen mit McIllwaine, Lane und Brooks die drei Männer, die man als Ersatz für sie angeheuert hatte, sowie die Expeditionsteilnehmer Fergusan, Langan und Polongeux.

Alle wurden laut Burke wegen angeblicher Inkompetenz entlassen.

Bis zum 14. Oktober verließen noch John Drakeford, Robert Bowman und zwei der zu ihrem Schutz angeheuerten indischen Sepoys die Truppe. Die Mitglieder George Landell, William Bright, Thomas McDonough und William Patten sollten folgen.

Am 12. Oktober 1860 erreichten sie Menindee, wo Burke sein erstes großes Depot anlegte. Unter seiner Führung hatte die Gruppe somit die Strecke von Melbourne nach Menindee in zwei Monaten zurückgelegt. Wenn man weiß, dass die Postkutschen des Landes diese Strecke in weniger als einer Woche zurücklegten, beginnt man zu ahnen, warum Blandowski Burkes Fähigkeiten stark bezweifelte und warum ihm die Männer scharenweise davonliefen.

Obwohl als Leiter der Expedition ein völliger Versager, wusste Burke genau, dass ihn bei diesem Tempo die Konkurrenzexpedition aus Adelaide schon bald einholen würde.

Deshalb ritt er mit dem Landvermesser Wills und sechs weiteren Männern voraus, um schnellstmöglich den Cooper Creek zu erreichen, der die Grenze des erforschten Landes bildete. Am Oberlauf des Flusses sollten schnellstmöglich die ersten Vermessungen stattfinden, um so das Land dem Staat Victoria und nicht South Australia zu sichern.

Dazu legten sie ein weiteres Depot am Barcoo River an, das sie aber wegen einer Rattenplage an das Bullah Bullah Wasserloch verlegen mussten. Burke umgab das Depot mit einer Palisade und nannte es Fort Wills.

Aus Ungeduld und Angst, die andere Expedition könnte ihn überflügeln, machte sich Burke mit den Männern King und Gray und sechs Kamelen, einem Pferd und Proviant für drei Monate am 16. Dezember weiter auf den Weg zum Golf von Carpentaria.

Mitten im australischen Hochsommer bei Temperaturen um 50 Grad im Schatten!

Am 9. Februar 1861 erreichten sie das Flussdelta des Flinder Rivers, wo sie feststellen mussten, dass sie das Meer nicht erreichen konnten, weil die vor ihnen liegenden Mangrovensümpfe unpassierbar waren.

Daraufhin sammelte Burke alle Männer ein und versuchte, so schnell wie möglich wieder ins Depot zum Cooper River zurückzukehren, da die Regenzeit begann.

Der Rückmarsch war schließlich der Anfang vom Ende.

Bis zum 10. April erschossen sie vier Kamele und das Pferd, teils wegen Erschöpfung, teils, um die Tiere zu essen, da ihnen der Proviant auf halbem Wege ausgegangen war.

Am 17. April starb der Expeditionsteilnehmer Charles Gray in den Polygonum Swamp an Ruhr, Charles Stone am 22. April am Koorliatto Wasserloch vor Erschöpfung, desgleichen William Purcell am 23. April und Ludwig Becker am 29. April.

Burke und der Landvermesser Wills starben im Juli 1861 am Cooper Creek. Aber nicht an Unterernährung, sondern – was wie eine böswillige Laune des Schicksals klingt – an eben ihrer Unerfahrenheit, an der auch das gesamte Unternehmen gescheitert war.

Freundlich gesinnte Aborigines entdeckten die Männer und gaben ihnen zu essen. Fisch, Bohnen, gebratene Ratten und Buschbrot, das aus den Fruchtkörpern der Ngardu hergestellt wurde. Sowohl die Ureinwohner als auch die wildniserprobten Kolonisten wussten, dass dieses Brot ungenießbar war, wenn man nicht vorher die Pflanzenmasse gründlich auswusch und zu einer Paste verarbeitete.

Burke und Wills wussten es nicht und starben daran.

Heute weiß man, wieso.

Die Samen der Pflanze enthalten Thiaminase, das, wenn man es nicht auswäscht, dem Körper Vitamin B1 entzieht. Die Folge ist eine tödliche Vitaminmangelerkrankung, die sogenannte Beriberi.

Trotz ihres Scheiterns wurden Burke und Wills zu Helden und Legenden hochstilisiert. So wurde ihnen ein Staatsbegräbnis in Melbourne zuteil und in vielen Ortschaften errichtete man Denkmäler. Erst als die Ergebnisse der Expeditionen ausgewertet waren, die nach ihnen gesucht hatten, ebbte die Begeisterung ab.

Als 1888 die ganzen Hintergründe bekannt waren, baute man viele der Denkmäler wieder ab und Ende des Jahrhunderts wurden auch die jährlichen Gedenkfeiern zu Ehren der beiden abgeschafft.

Quellenhinweis:

(gs)