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Das Geheimnis zweier Ozeane 18

Zweiter Teil
Fünftes Kapitel
Der Kampf mit den Meerechsen

Im Gänsemarsch ging es vorwärts. Der Schlammboden dämpfte die Schritte.

Voran ging Oberleutnant Bogrow, die Ultraschallpistole in der Hand.

Ihm folgte Skworeschnja, dessen riesige Gestalt sich wie ein Leuchtturm über alle erhob. Hinter Skworeschnja kamen Zoi, Marat und die anderen Taucher – alle mit Ultraschallpistolen bewaffnet und aufmerksam nach allen Seiten spähend. Skworeschnja trug einen Scheinwerfer.

Die Schlucht war sehr breit, und das Licht der Stirnlaternen erreichte nur ab und zu die Wände. Hinter jeder der zahlreichen Windungen konnte die Höhle der Meeresungeheuer liegen. Die Männer mussten deshalb auf der Hut sein. Sie verlangsamten ihre Schritte, die Hände umklammerten fester die Pistolengriffe … Länger als eine Stunde waren sie nun schon unterwegs; die beschwerliche Wanderung durch die Schluchtwindungen schien kein Ende zu nehmen. Plötzlich blieb der Oberleutnant stehen und zeigte schweigend mit dem Finger nach oben. Die Expeditionsteilnehmer hoben die Köpfe, und ihre Stirnlaternen beschienen ein hohes, in der Dunkelheit verschwimmendes Gewölbe. Der Oberleutnant sagte leise, fast flüsternd: »Achtung …! Wir nähern uns der Höhle. Auf meinen Befehl sofort die Stirnlaternen ausschalten. Vorwärts …!«

Die Schlucht verlief jetzt gerade und wurde immer enger, aber die Decke wölbte sich noch immer in schwindelnder Höhe.

Nach einigen Minuten blieb Bogrow wieder stehen. Der Tunnelweg gabelte sich. Nach kurzem Zögern rief der Oberleutnant Zoi zu sich heran und befahl ihm leise: »Beide Durchgänge untersuchen! Nur Sie als Biologe können Anhaltspunkte finden, die uns weiterhelfen.«

Zoi betrat schnell den linken Durchgang und drang etwa hundert Meter ein. Er schaute sich aufmerksam nach allen Seiten um. Die Wände des Tunnels verengten sich auffällig; sie waren höckerig und voller Vertiefungen, in denen langstielige Manteltiere, Seelilien und Gold schimmernde Gorgonien siedelten. Überall unter Zois Füßen, an den Felswänden, in jeder Vertiefung und Furche sah man zahllose Molluskengehäuse. Diese spiralförmig gewundenen, gewölbten Gehäuse kamen Zoi irgendwie bekannt vor. Sein Herz begann heftig zu schlagen. Er hob eine Muschel auf, beleuchtete sie … und schrie fast auf. Das war sie ja! Die geheimnisvolle, bisher unauffindbare Lammelibranchiata cephala Lordkipanidse!

Zoi stand wie erstarrt, ohne den Blick von der wunderbaren Muschel zu wenden. Hier waren Tausende und aber Tausende davon. Hier war ihre geheimnisvolle Geburtsstätte. Vielleicht nur eine von vielen. Aber wo war das Goldvorkommen? Man sah in der Nähe nichts davon. Würde er es vielleicht in der Tiefe des Tunnels finden? Wie konnte nur das Gold in das Blut dieser Mollusken gelangen?

Zoi vergaß alles: die Kameraden, die auf ihn warteten, die Gefahr, die vielleicht auf ihn lauerte. Er lief immer weiter und weiter, beleuchtete die Wände und den Boden des Tunnels. Keine Spur von Gold! Nur zahllose Mollusken und hier und da Manteltiere und Seelilien. – Ich hatte recht! Gold braucht gar nicht in der Nähe zu sein!, dachte er triumphierend.

Plötzlich blieb er stehen. Die Wände des Tunnels verengten sich immer mehr, seine Decke wurde zusehends niedriger. Hier können die riesigen Meerestiere nicht durchkommen, dachte er. Und gleichzeitig fielen ihm die wartenden Kameraden und der Zoologe ein. Er kehrte eilends um. Vorher sammelte er aber noch einige Mollusken und füllte ein Glas mit einer Wasserprobe.

Zoi stürzte aus dem Tunnel, als jage jemand hinter ihm her.

Der Suchtrupp verharrte noch schweigend an der alten Stelle.

»Was ist los, Zoi?«, fragte der Oberleutnant voller Unruhe. »Haben Sie die Ungeheuer gesehen?«

»Nein, Genosse Oberleutnant«, antwortete Zoi stotternd. »Ich beeilte mich nur, ich wollte Sie nicht so lange warten lassen.«

»Das ist nicht so schlimm! Sie waren nicht mehr als zehn Minuten fort. Ich hatte Sie auch nicht früher erwartet. Was haben Sie gefunden?«

»Der linke Durchgang kommt nicht infrage! Der Weg zu der Höhle der Meerechsen liegt rechts!«, antwortete Zoi schnell. »Ausgezeichnet! Gehen wir weiter!«

Der Suchtrupp setzte sich langsam in Bewegung. Ungeduld und die Sorge um den Zoologen beherrschte die Männer immer mehr, je weiter sie zur Höhle vordrangen.

»Gewicht mithilfe des Ausgleichapparates vermindern! Schritte beschleunigen!«, befahl der Oberleutnant.

Die schwarzen Tunnelwände traten etwas zusammen. Die Felswände und der Boden waren hier glatt und eben, nur hin und wieder unterbrochen von einzelnen Vorsprüngen, die wie poliert aussahen. Selten noch hafteten an den Felsen kleine Seelilien und Gorgonien. Aus dem Schlamm ragten Teile jener Muschelgehäuse, die Zoi schon so gut kannte.

Hier sind sie wohl von den Riesenechsen vernichtet worden, dachte er. Im linken, schmalen Tunnel, in den die großen Tiere nicht eindringen können, haben sich die Mollusken erhalten.

Auf einigen Felsvorsprüngen bemerkte Zoi unregelmäßige, schwach leuchtende Flecke. Er machte den Oberleutnant darauf aufmerksam.

»Das sind Spuren des phosphoreszierenden Schleimes, der den Körper der Meeresungeheuer bedeckt«, sagte er leise. »Sie sind hier vorbeigeschwommen und haben die Felsvorsprünge gestreift. Die Spuren sind frisch … bald muss die Höhle kommen …«

»Gut, Zoi … Achtung, Genossen! Sobald wir die Höhle betreten haben, rechts und links vom Scheinwerfer ausschwärmen und auf die nächsten Ziele den Schall eröffnen. Skworeschnja übergibt den Scheinwerfer, wenn er ihn aufgestellt hat, an Marat. Nicht zu weit voneinander entfernen!«

Die Pistolen im Anschlag bewegte sich der Suchtrupp geräuschlos und schnell durch den Tunnel. Unter einem vorspringenden riesigen Felsen traten die Wände des Tunnels plötzlich zurück und verschwanden aus dem Blickfeld. Der Oberleutnant, der voranschritt, schaltete sofort seine Stirnlaterne aus, die anderen folgten seinem Beispiel.

Aus dem Dunkel traten die Umrisse riesiger, bläulich phos phoreszierender Tiere hervor; es waren etwa zwanzig von unterschiedlicher Größe. Die meisten lagen unbeweglich wie dicke, in der Mitte tonnenförmig aufgetriebene Baumstämme auf Felsblöcken und -platten. Einige schwammen umher; die leuchtenden Flecke ihrer Ruderflossen bewegten sich gleichmäßig. In der Mitte der Höhle lag das größte Tier, den wie ein Schiffsmast langen und wie eine Liane biegsamen Hals hoch erhoben. Der große flache Kopf bewegte sich unruhig hin und her.

»Tuchfühlung halten!«, befahl der Oberleutnant leise. »Auf leuchtende Ziele schießen! Zuerst auf die beweglichen. Ich nehme mir den Großen dort in der Mitte vor. – Achtung! Zielt! Schall!«

In der Höhle brach plötzlich ein Chaos aus. Die Ungeheuer jagten in allen Richtungen durcheinander. Ihre langen flachen Schwänze peitschten den aufgewühlten Schlamm. Die Echsen ließen sich blitzschnell auf den Boden fallen, sausten zur Höhlendecke empor und wanden sich wie in krampfhaften Zuckungen. Die Schützen konnten sie nur mit Mühe aufs Korn nehmen. Die Ultraschallpistolen erwiesen sich bei diesen Riesentieren als viel zu schwach in der Wirkung. Es war fast unmöglich, sie sofort tödlich zu treffen.

Der Gigant, den sich der Oberleutnant vorgenommen hatte, bäumte sich auf und schoss wie ein leuchtender Pfeil zur Höhlendecke empor. Etwas metallisch Glänzendes wurde unter ihm sichtbar, das er in der Umschlingung seines Halses davontrug.

Zoi schrie verzweifelt auf: »Arsen Dawidowitsch! Arsen Dawidowitsch!«

Gleichzeitig wurde Marat, der neben Zoi stand, von einem mächtigen Wasserwirbel fast umgeworfen. Zoi war nicht mehr neben ihm!

»Genosse Oberleutnant!«, rief der erschrockene Marat. »Zoi hat seine Schraube angestellt und ist verschwunden!«

Auch die auf dem Höhlengrund liegenden Tiere wurden jetzt von einer Panik ergriffen. Eines nach dem anderen löste sich von den Felsen und gesellte sich zu seinen rasenden Artgenossen.

Anscheinend suchten die Tiere ihren Feind, fanden ihn aber nicht. Wie würde es Zoi ergehen, wenn er in dieses furchtbare Durcheinander der gereizten Tiere geriet?

Plötzlich rollte sich eine Echse ringförmig zusammen, streckte ihren Körper ruckartig aus und sank dann zuckend auf den Boden der Höhle. Der Todesstrahl einer Ultraschallpistole hatte wohl ihr Hirn oder einen anderen Nervenknoten getroffen und sie getötet. Auch ein zweites Tier verendete. Bei einigen waren nur die Ruderflossen oder der Schwanz gelähmt, und sie warfen sich hin und her, ohne vorwärtszukommen.

Im chaotischen Wirbel der riesigen Urtiere hatten die Männer die Echse, die mit dem Zoologen davongejagt war, aus den Augen verloren. Irgendwo in diesem brodelnden Hexenkessel schwamm jetzt Zoi umher, jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt, von den Schwanzschlägen der rasenden Tiere zermalmt oder betäubt zu werden.

»Zoi, wo sind Sie?«, rief der Oberleutnant erregt.

»Ich verfolge das Tier, das Arsen Dawidowitsch entführt hat«, hörte man Zois keuchende Stimme. »Die anderen drängen mich dauernd von ihm ab. Aber ich behalte es im Auge. Ich habe eine seiner Ruderflossen gelähmt; es schlägt wild um sich … ich halte mich abseits von der Herde, im Dunkel, damit die Tiere mich nicht sehen …«

In diesem Augenblick löste sich in der Tiefe der Höhle eine Echse aus der Masse der anderen und schoss dem Ausgang zu, um im offenen Meer Rettung zu suchen. Über die Fläche ihres phosphoreszierenden Körpers huschte der dunkle Schatten eines menschlichen Körpers, und fast gleichzeitig hörte man Zois Stimme: »Teufel noch mal! Sie reißen mich mit sich fort!«

Das Ungeheuer wandte sich scharf zur Seite und jagte, das fast zwei Meter lange Maul weit aufgesperrt, dem menschlichen Schatten nach.

»Alle Mann auf das vordere Tier zielen … Schall!«, hörte man Bogrows ruhige Stimme befehlen.

Die Schallsalve des ganzen Suchtrupps traf die Echse in dem Augenblick, als sie nach Zoi schnappen wollte. Ein kurzes krampfartiges Zucken ging durch den Körper des Meeresungeheuers, und wie ein Stein sank es vor den Tauchern herab.

Aber der Fluchtweg war gewiesen. Die ganze Herde warf sich in einem wirren Knäuel zum Höhlenausgang. Nichts konnte, so schien es, diesem gewaltigen Anprall der riesigen Tiere widerstehen.

»Scheinwerfer einschalten!«, erscholl ein lautes Kommando.

Ein mächtiger, greller Lichtstrahl durchdrang die Finsternis und beschien die geballte Masse der Meeresungeheuer, ihre schlängelnden Hälse, ihre wild um sich peitschenden Schwänze, ihre funkelnden, teleskopartigen Augen. Wie unter einem furchtbaren Schlag kam die lebende Lawine zum Stehen. Die Tiere zuckten mit den Köpfen zurück, warfen sich mit den krallenbewehrten Ruderflossen auf den Rücken und schwammen langsam in die Tiefe der Höhle. Sie waren geblendet, entkräftet. Einige sanken mit hängenden Hälsen zum Höhlengrund. Über der Herde jagte Zois metallglänzende Gestalt dahin; er suchte das Tier, das den Gelehrten umschlungen hielt.

»Jetzt hab ich dich endlich  ..«, hörte man seine triumphierende Stimme. »Du entwischst mir nicht mehr, du Kanaille …«

In der Mitte der langsam schwimmenden Tierherde schien es zu brodeln. Ein riesiger Schwanz schnellte empor und schlug rasend um sich. Aus der dunklen Masse der Meeresungeheuer löste sich plötzlich ein kleiner, bläulich schimmernder Körper und begann schaukelnd zum Höhlengrund zu sinken. Zoi umkreiste die Herde, schwamm unter ihr hindurch und fing den fallenden Körper auf. Wie ein Pfeil schoss er damit auf den Suchtrupp zu.

»Da ist er …«, keuchte Zoi, plötzlich stoppend. »Da ist er!«, wiederholte er und übergab Skworeschnja den reglosen Körper des Zoologen.

Der Suchtrupp trat langsam den Rückzug aus der Höhle an. Voran schritt Skworeschnja mit Lordkipanidse auf den Armen. Oberleutnant Bogrow ließ alle an sich vorbei. Marat hielt im Strahl des Scheinwerfers noch einige Meerechsen, den Rest der großen Herde, gebannt. Sie drängten sich am gegenüberliegenden Ende der Höhle zusammen und verbargen ihre Köpfe vor den Strahlen des Lichtes.

»Scheinwerfer ausschalten!«, befahl nun der Oberleutnant und half Marat, das Gerät auf die Schultern zu legen. Er warf noch einen letzten Blick in das Dunkel der Höhle, auf den Schauplatz einer in der Geschichte des alten Planeten Erde einzigartigen Schlacht. Dann setzte er seine Schraube in Bewegung und erreichte bald die strahlende Lichterkette, die dem offenen Ozean zustrebte.