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Farmer und Goldsucher – Einleitung

Farmer und Goldsucher
Abenteuer und Erlebnisse eines jungen Auswanderers in Virginia und Kalifornien

Einleitung

Aus den entgegengelegensten Gegenden Nordamerikas habe ich Briefe eines jungen Auswanderers vor Augen, der durch den Bankrott eines Bankierhauses, dem er fast sein ganzes Vermögen anvertraut hatte, plötzlich seines Eigentums beraubt wurde.

Georg Warner, der letzte Spross einer angesehenen Familie Hamburgs, war keiner jener schwachen und verzagten Menschen, welche durch eine vereitelte Hoffnung oder einen fehlgeschlagenen Plan den Mut sinken lassen, in Trübsinn und Untätigkeit verfallen oder gar der Verzweiflung sich hingeben und ruhelos umherirren. Er war vielmehr ein ruhiger und besonnener junger Mann, der die nötige Kraft in sich fühlte, auch mit dem Rest seines Vermögens eine neue Laufbahn zu suchen und sich eine neue Existenz zu gründen. Er glich einem von der Art Menschen, welche das Leben wie einen Strom in Bewegung sehen, ohne Unruhe zu fühlen, wohin seine Gewässer rinnen, oder ohne sich zu fragen, ob sie sich ganz im Sande verlieren werden. Es waren ihm nach dem Sturz des betreffenden Hauses nur noch einige kleine Grundstücke geblieben, die er rasch zu veräußern wusste, um sein Vaterland verlassen und sich mit dem Erlös in der neuen Welt eine neue Heimat und Existenz gründen zu können. Er war verschwunden, ohne dass er mich von seiner Abreise unterrichtet hatte, und ich glaubte ihn eher als Kontorist in irgendeinem kaufmännischen Geschäft tätig, an das Schreibpult gefesselt und durch überhäufte Arbeit von dem Umgang mit seinem vertrautesten Freunde abgehalten, als dass ich ihn auf den Fluten des Ozeans und darauf in dem Treiben einer ihm ganz neuen und unbekannten Welt hätte vermuten sollen. Ich bemerkte seine Abwesenheit nicht eher, als bis ich zu meinem größten Erstaunen von ihm Nachrichten aus New Orleans erhielt und sein erster Brief dem Inhalt nach nur eine Art Einleitung zu einer umfangreichen Korrespondenz in der Form eines Reisetagebuches und mit der Färbung einer interessanten, abenteuerlichen Erzählung zu sein schien. Was mich besonders in Georg Warners Berichten in Erstaunen setzte, war der Gegensatz zweier Länder, zweier Bevölkerungen, welche sich vollkommen widersprachen. In wenigen Monaten hatte es der junge Auswanderer gewagt, sich zwei verschiedene Existenzen zu gründen, und zwar hatte er zuerst die Anfänge eines Farmerlebens in den mächtigen Wäldern Virginias kennengelernt, darauf sein Glück als Goldsucher in den Ebenen Kaliforniens zu erproben gesucht. Er hatte demnach umfassende Gelegenheit, die Gefahren und Vorteile, die Licht- und Schattenseiten beider Lebensweisen kennenzulernen. Es wird daher niemanden wundern, wenn ich seine Briefe und Erlebnisse, die für mich Erinnerungen an eine vergangene Zeit waren, freudig erwarte. Hatte ich doch dieselben Gegenden durchwandert, welche Georg so angenehm schilderte, hatte ich doch selbst unter diesen rauen Völkern gelebt, mit denen er verkehrte. Ein anderer tiefer liegender Grund indessen machte mir diese Korrespondenz noch anziehender, denn ich fand darin die eindeutigen Anzeichen ernster und gewaltiger Veränderungen, welche die Neue Welt genau wie in Europa bedrohten. Ich stellte Vergleiche zwischen Amerikas Gegenwart und Zukunft an, und die Städte allein, welche der junge Auswanderer aufsuchte, erleichterten mir diese gestellte Aufgabe. New Orleans, New York und San Francisco zum Beispiel schienen mir die bedeutendsten Phasen dieses entstehenden Weltteiles zu repräsentieren – seine vergangene und seine zukünftige Größe. Auf der einen Seite der durch die Kultur mühsam und beharrlich erworbene Reichtum, auf der anderen die wertvollen und mühsam abgebauten Schätze der Goldgräber. Mit einem Worte, Amerika von einst und heute stand sich das eine wie das andere Mal in ihren merkwürdigsten Gegensätzen einander gegenüber.

Durch ihre geografischen Lage ähneln sich die zwei äußersten Küsten dieses Erdteils; die eine dieser Städte, im Osten und am Atlantischen Ozean gelegen, blickt nach Europa, die andere im Westen wendet ihr Gesicht über den Pazifik hin Asien zu. Die Gründer von New York wurden, gleich denen von San Francisco, durch den Anblick eines mächtigen Hafens gefesselt, der durch eine ringförmige Einfassung grünender Berge gegen die heftigsten Winde geschützt war, und durch die Mündung zweier mächtiger Flüsse in das Meer zur Ansiedlung unwiderstehlich einlud. An beiden Orten fand man dieselben von der Natur gebotenen Vorteile. Der San Joacquin River und der Sacramento River sind für San Francisco, was der Hudson und East River für New York sind. Man braucht bei beiden nur die Namen zu ändern. Heute noch herrscht in San Francisco der angelsächsische Stamm, welcher die Spanier gewaltsam vertrieben hat, wie er bereits vor fast zweihundert Jahren die holländischen Kolonisten von New York verdrängt hatte. Ein Unterschied indessen stellte sich doch heraus. Während New York sich nur durch lange und mühsame Anstrengungen zu einem blühenden Zustand emporzuarbeiten vermochte, sah man San Francisco gleich nach seiner Gründung mit erstaunlicher Schnelligkeit aufblühen. Mit anderen Worten, New York, die Haupthandelsstadt der Union, repräsentiert in ihrer Gegenwart die glänzende Zukunft von San Francisco. Diese ungeheure, sonst verödete mächtige Bucht von New York ist mit einem wahren Wald von Schiffen überfüllt, welche von und nach allen Punkten der Welt kommen und gehen. Auf den ehemaligen unwirtlichen Höhen, welche den Eingang des Hafens beherrschen, erheben sich, umgeben von kleinen gepflegten Wäldern und Gärten, friedlich und still eine ganze Reihe reizender Landhäuser hoch über die Handel treibende Stadt, welche unaufhörlich den geräuschvollen Lärm ihrer kommerziellen Tätigkeit und den Dampf ihrer industriellen Unternehmungen und Maschinen dem Himmel zuwehen lässt. Zwischen den steilen und wilden Ufern des Hudson und den sanfteren des East River kreuzen sich Dampfschiffe nach allen Richtungen hin und zeigen ihren Lauf durch ungeheure Rauchsäulen an, mit denen tief in das Land hinein die weißen Dampfwolken der mit angsterregender Schnelle dahinbrausenden Lokomotiven harmonieren, denn New York ist der Knotenpunkt der Eisenbahnen in den Vereinigten Staaten. Und wenn die Nacht mit ihrem dunklen Kleid Land und Meer einhüllt, wenn die Feuer in der Stadt verloschen sind und die Laternen der Schiffe nur matt in den feuchten Fluten wiederblitzen, so erhellen der Leuchtturm von Sandy Hook und die Bergsignale von Neversink mit ihren Feuerstrahlen die unermesslichen Wassermassen und erleichtern so den Lauf der Schiffe.

Die Bucht von San Francisco bietet bei Weitem noch nicht dieses belebte Schauspiel, aber die englisch-amerikanische Bevölkerung hat ihre Anwesenheit bereits durch eine riesenhafte Tätigkeit angekündigt, welche eine gewaltige Umgestaltung als demnächst bevorstehend erwarten lässt. Indessen zog ich doch den glänzenden Schauspielen New Yorks die einsamere Umgebung von San Francisco vor. Die Länge der beiden Landzungen, welche sich ausstrecken, um die Umgebung der Stadt zu schützen; das Meer, welches sich in schäumenden Wellen an den Wurzeln der Zedern bricht, die das Ufer begrenzen. Vereinzelte Schiffe, welche in der Mitte des einem friedlichen See gleichenden Hafens ihre einsamen Masten zum ewig blauen Himmel emporstrecken. Dies alles ruft zwar einen einfacheren, aber bei Weitem lieblicheren und reizenderen Anblick hervor, als das lärmende Treiben und der gewaltige und massenhafte Verkehr der Unionshauptstadt mit seiner fast verwirrenden Überfüllung. Hier glänzt ein schmuckes, weißes, amerikanisches Schiff, wie ein gigantischer Meervogel, sorglos in den Wellen schaukelnd. Weiter entfernt reinigt ein Walfischfänger seine mit Blut und Fett beschmutzten Planken. Das ihn umspielende Meer wird durch einen dichten Schwarm herbeigelockter Zugvögel verhüllt. Noch weiter weg erheben sich zahlreiche Inseln, wie hohe Kegel oder wie grüne Körbe über das Wasser. Und endlich am Fuße jener hohen Hügel am äußersten Ende des Vorgebirges, welches sich nach Norden zu neigt, sind am Ufer des Meeres mehrere Häuser mit blendend weißen Mauern gruppiert, einer Schar weißer Möven vergleichbar. So ist die Stadt San Francisco, wenigstens habe ich sie vor wenigen Jahren angetroffen. Wenn man von der Höhe, auf welcher sie liegt, seine Blicke über den mächtigen Hafen und der Mündungen der beiden Ströme Sacramento und San Joacquin bis zur östlichen Grenze des Horizonts schweifen lässt, bemerkt man eine lange Hügelkette, welche mit dichten Wäldern voll hundertjähriger Zedern bedeckt ist, hinter denen sich der jähe Teufelsfelsen erhebt. Es ist eine herrliche Landschaft, aber man darf dort keine Spuren industrieller Tätigkeit suchen, welche den Ufern des Hudson einen so sonderbaren Reiz gewähren. Kaum dass ein vereinzeltes Boot oder ein kleiner Nachen die beiden Flüsse hinunter schwimmt, an deren Ufern Elche und wilde Pferde in Ruhe und Frieden leben. Wenn in der Mitte dieser noch unbewohnten Flächen, vielleicht hinter einem Hügel oder einer Baumgruppe eine vereinzelte blaue Rauchsäule emporwirbelt, so deutet sie nicht den Lauf einer Lokomotive, wohl aber den Herd eines indianischen Jägerhaufens oder amerikanischer Wolfsjäger an, welche in diesen Wüsten Halt gemacht haben und ihrer Jagd- und Beutelust ungehindert zu frönen suchen. Kein Leuchtturm erhellt die Nacht für den Lauf der Schiffe auf den Wellen des Pazifik, wohl aber wirft das Mondlicht seinen blendend weißen Schimmer auf die Schneegletscher der Sierra Nevada.

Wie ich, so hat der junge Auswanderer diese verschiedenen Gegensätze der neuen Welt untersucht, das südliche Leben in seiner wilden Sorglosigkeit, die fieberhafte Aufregung der Auswanderer aller Völkerstämme und aller Länder, im Norden die rastlose Tätigkeit und der nie ruhende Spekulationsgeist der englisch-amerikanischen Bevölkerung. Auf welcher Seite sind die bleibendsten Eroberungen und die glänzendsten Triumphe? Auf welcher Seite liegt die Zukunft der amerikanischen Welt? Alle diese Fragen drängen sich mir immer auf, wenn ich mir die so auffallenden Gegensätze zwischen New York und San Francisco vor Augen führe. Die Erzählung, welche ich aus den Inhalten der Briefen Georg Warners übernehme, wird über so manches Seltsame und Merkwürdige Aufschluss geben und meinen jungen Lesern diese Fragen vielleicht beantworten.

6 Antworten auf Farmer und Goldsucher – Einleitung