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Das Unheimliche und das Wunderbare bei Tzvetan Todorov

Das Unheimliche und das Wunderbare bei Tzvetan Todorov

Auch wenn die Phantastik den Ruf genießt, von der Wissenschaft eher belächelt zu werden, gibt es inzwischen doch eine ganze Reihe nationaler und internationaler Wissenschaftler, die sich mehr oder weniger prominent mit klassischer bis moderner Phantastik auseinandergesetzt haben. Im deutschsprachigen Raum wird das überdies von Vereinen wie der Gesellschaft für Fantastikforschung oder der Deutschen Tolkien Gesellschaft unterstützt.

Als wegbereitend für die Fantastikforschung hierzulande gilt unter anderem Tzvetan Todorovs 1970 erschienene Einführung in die fantastische Literatur. Die zentrale Theorie rund um das Wunderbare und das Unheimliche als die beiden Pole der Phantastik hat er anhand Werken der (dunkel-)romantischen Phantastik des 19. Jahrhunderts aufgestellt, sie ist jedoch auch auf zeitgenössische Phantastik anwendbar.

Die folgende Darstellung soll als knapper Überblick über Todorovs Verständnis über die Phantastik als zwischen dem Unheimlichen und dem Wunderbaren schwankendes Genre dienen.

Bedingungen der Phantastik

Todorov zufolge ist die Phantastik ein limitatives Genre, das von der Unsicherheit des Lebens lebt, ob sich die Handlung eines Werks im Bereich des Realistischen (-> des Unheimlichen) oder Imaginären (-> des Wunderbaren) bewegt. Eine Entscheidung, ob ein Werk unheimlich oder wunderbar ist, muss jedoch nicht zwangsläufig herbeigeführt werden, im Gegenteil ist es ein Zeichen „reiner“ Phantastik, wenn die Unsicherheit bis zum Ende bleibt.

Allerdings müssen drei Bedingungen erfüllt sein, damit ein Werk dem Genre der Phantastik, wie Todorov es versteht, zugeordnet werden kann. Erstens muss die Welt, in der die Handlung stattfindet, als eine lebender Personen verstanden werden. Zweitens kann eine Figur denselben Zweifeln wie dem Leser hinsichtlich der Frage dessen ausgeliefert sein, ob ein Ereignis einen natürlichen oder übernatürlichen Ursprung hat. Und drittens wird eine allegorische Interpretation ausgeschlossen.

Das Unheimliche

Geschehen in einem Werk Ereignisse, die zunächst als übernatürlich erscheinen, aber letztlich mit Sinnestäuschungen oder Betrug erklärt werden können, so bewegt sich die Handlung im Bereich des Realistischen. Todorov spricht vom Unheimlichen zur Verdeutlichung des Moments der Unsicherheit.

Dabei unterscheidet er allerdings noch das Phantastisch-Unheimliche und das unvermischt Unheimliche. Als phantastisch-unheimlich charakterisiert er ein Werk, wenn sich dieses um rationale Erklärungen der als unheimlich empfundenen Ereignisse bemüht, indem real-imaginäre Ursprünge wie Träume oder Drogeneinfluss beziehungsweise real-illusorische wie Zufälle oder Täuschungen angenommen werden.

Unvermischt Unheimlich ist ein Werk dagegen, wenn von den Naturgesetzen her theoretisch durchaus erklärbare Ereignisse geschehen, die jedoch beispielsweise aufgrund ihrer Unwahrscheinlichkeit ein Gefühl des Fantastischen hervorrufen.

Damit ist das Unheimliche eine Abstufung beziehungsweise eher ein Nachbargenre der Phantastik, das von Gefühlen – insbesondere der Angst – lebt.

Ein Beispiel für unheimliche Phantastik ist Anthony McCartens Liebe am Ende der Welt, da hier anstelle der phantastischen Annahme, einige Frauen seien von Aliens geschwängert worden, letztlich zweifelsfrei rationale Erklärungen treten.

Das Wunderbare

Das Wunderbare ist das Gegenstück zum Unheimlichen und ergibt sich, wenn Ereignisse definitiv nicht rational erklärt werden können, sich also im Bereich des Imaginären bewegen.

Dabei gibt es wiederum vier verschiedene Unterarten des Wunderbaren:

– das hyperbolische Wunderbare, bei dem das Übernatürliche durch die ungewöhnlichen Ausmaße von etwas Bekanntem zustande kommt.

– das exotische Wunderbare, bei dem das Übernatürliche nicht als solches gekennzeichnet ist und durch seine Verortung in einen exotischen Kontext als theoretisch existent begriffen werden kann.

– das instrumentale Wunderbare, bei dem (noch) nicht verwirklichte Technik zum Übernatürlichen führt. Und schließlich das naturwissenschaftliche Wunderbare, das mit Naturgesetzen erklärt wird, die jedoch nicht für unsere, sondern eine erfundene Welt gelten.

Ein Beispiel für wunderbare Phantastik ist Oliver Plaschkas Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew. Zwar bleibt das unsichere Pendeln zwischen dem Unheimlichen und dem Wunderbaren hier stärker erhalten als in Liebe am Ende der Welt, wodurch es nach Todorovs Maßstäben ein phantastischeres Werk ist, doch lassen sich letztlich nicht für alle Ereignisse rationale Erklärungen finden.

Quellen:

  • Todorov, Tzvetan (1972): Einführung in die fantastische Literatur. München: Hanser.
  • McCarten, Anthony (2012): Liebe am Ende der Welt. Zürich: Diogenes.
  • Plaschka, Oliver (2007): Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew. Mannheim: Feder&Schwert.
  • www.wikipedia.de

(ar)

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