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Der schwarze Mann

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Wilder Westen Band 4

Wenn die Kapuzenreiter kommen

Der Ku-Klux-Klan – eine Chronologie des Schreckens

Baton Rouge, Louisiana, September 1922Sie hatten ihre Gesichter mit spitzen, weißen Masken verhüllt.
Als die silberne Scheibe des Mondes für einen Moment hinter einer dicken Wolke verschwand, hasteten die fünf Gestalten beinahe lautlos durch die stillen Seitenstraßen von Baton Rouge auf den östlichen Stadtrand zu.
Niemand von ihnen sprach ein Wort, obwohl alle wussten, dass dies jene Nacht war, in der zwei Männer dieser Stadt, T. Richards und W. Daniels, durch ihre Hand sterben sollten.
Aus der Ferne klang leise der Lärm vom Stadtzentrum herüber, die Stimmen von Menschen, das Rattern von Pferdefuhrwerken und das Knattern der neumodischen Automobile, die das Straßenbild in den letzten Jahren immer stärker beherrschten.
Fast geräuschlos glitten die dunklen Gestalten durch die Nacht, bis sie hinter einer der windschiefen Bretterhütten am Straßenrand in Deckung gingen.
Inzwischen war es weit nach Mitternacht und die Stadt kam allmählich zur Ruhe. Irgendwo bellte noch ein Hund, ein Mann fluchte und jemand weinte, dann wurde es allmählich still.
Kurze Zeit später waren Schritte zu hören.
Vom Stadtrand her lief ein Mann pfeifend auf die Hütten zu. Er hatte die Hände tief in den Taschen seiner Hose vergraben und schlenderte sichtlich vergnügt die Straße entlang. Als er mitten auf dem Weg eine leere Konservendose entdeckte, kickte er sie voller Übermut zur Seite. Noch während die Dose scheppernd zwischen den Bretterbuden verschwand, begann der Hund wieder zu bellen und die dunklen Gestalten hasteten los.
Als der Mann die Schritte hinter sich hörte und herumwirbelte, war es schon zu spät. Er sah noch im Mondlicht ihre weißen Kapuzen, die sich vor ihm mit gespenstischer Klarheit in der Dunkelheit abzeichneten, dann spürte er einen harten Schlag am Kopf und stürzte nach vorne.
»Seid ihr verrückt geworden, was zum Teufel soll das?«, presste er stöhnend hervor, während er auf der Straße kniete und seine Hände auf die Schläfen presste. Die Antwort war ein hinterhältiger Tritt, der ihn endgültig zu Boden warf.
Er verspürte in seinem Mund den Dreck der Straße und die Welt begann sich vor seinen Augen zu drehen, als er wie aus weiter Ferne eine höhnische Stimme wahrnahm.
»Pech gehabt Daniels, du hättest in der Sache mit McKoin nicht soweit deine Schnauze aufreißen sollen. Wir erfahren nämlich alles, aber keine Angst, du wirst diese Sache nicht alleine ausbaden müssen. Dein Partner Richards wird dir nämlich auch diesmal Gesellschaft leisten.«
Danach schwanden Watt Daniels die Sinne.
Vierundzwanzig Stunden später meldete sich der Washingtoner Korrespondent einer in New Orleans erscheinenden Tageszeitung im Büro des stellvertretenden FBI-Direktors zu einer Unterredung an. Was Paul Wooron, der Reporter der Times, Picayune dabei zu sagen hatte, erschütterte Edgar Hoover in seinen Ansichten von Recht und Gesetz bis in die Grundfeste.
Nachdem der Reporter mit seinem Bericht am Ende war, musterte ihn Hoover wie einen Hund mit acht Beinen.
»Sie behaupten also allen Ernstes, dass es der Gouverneur von Louisiana aus Angst vor dem Ku-Klux-Klan nicht wagt, mit mir zu telefonieren?«
»Genau so ist es«, sagte Wooron. »Deshalb hat er mich ja gebeten, mit Ihnen zu sprechen.«
Der Reporter nestelte kurz an seiner Jacke und überreichte Hoover schließlich ein zerknittertes Schriftstück, das er aus einer Innentasche herausgezogen hatte.
»Ich überbringe Ihnen das Schreiben persönlich, weil der Gouveneur inzwischen auch der Post misstraut. Sie müssen ihm helfen, mittlerweile wird nicht nur seine Korrespondenz, sondern auch sein Telefon vom Klan überwacht.«
Hoover entfaltete das Schreiben und begann zu lesen. Dabei wurden seine Augen immer größer.
Der Brief war direkt an Justizminister Daugherty gerichtet und darin wurde um die Unterstützung des FBI bei der Bekämpfung des Terrorregimes gebeten, das der Ku-Klux-Klan in Louisiana anscheinend errichtet hatte.
Sein Erstaunen wurde noch größer, als er wenige Tage später feststellte, dass man mit diesem Ersuchen bei Daugherty, aus was für einem Grund auch immer, auf taube Ohren stieß.
Aber ein Mann wie John Edgar Hoover, der von einem geradezu unnatürlichen Gerechtigkeitssinn beseelt war, ließ sich von diesem Fall jetzt nicht mehr abbringen.
Da er sich darüber im Klaren war, das er dem Justizminister keine Vorschriften machen und auch nicht über seinen Kopf hinweg irgendwelche Entscheidungen fällen konnte, brachte er Parker, den Gouverneur von Louisiana, durch gezielte Hinweise dazu, sich direkt an Präsident Harding zu wenden. Tatsächlich erhielt Harding noch am 2. Oktober desselben Jahres ein Schreiben, indem Parker vom Präsidenten verlangte, er möge zur Wiederherstellung der staatlichen Autorität den Justizminister anweisen, gemäß Absatz 4 Artikel 4 der Verfassung der Vereinigten Staaten vorzugehen, wonach jeder Staat bei der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung mit der Unterstützung der Bundesbehörden rechnen konnte.
Zähneknirschend sah sich Daugherty danach gezwungen, Hoover zu veranlassen, Beamte des FBI zur Unterstützung von Gouverneur Parker nach Louisiana zu entsenden.
Der Bundespolizei gelang es rasch, ein paar Delikte aufzuklären, aber es waren nur Bagatellfälle.
Bis zu jenem Tag im Oktober, als das Telefon im Büro des stellvertretenden FBI-Direktors zu einer ungewöhnlichen Stunde läutete.
Trotzdem war Hoover sofort am Apparat.
Geduldig hörte er sich an, was ihm der FBI-Agent am anderen Ende der Leitung zu sagen hatte. Dabei machte er sich immer wieder einige Notizen.
»Also gut«, sagte Hoover schließlich. »Fassen wir also noch mal zusammen. Die beiden Vermissten, Richards und Daniels, sollen also den Wagen von Doktor McKoin beschossen haben, worauf der, ein lokaler Anführer des Klans, Ihnen diese Kapuzenbande auf den Hals hetzte, die Sie letztendlich entführte und verhörte. Laut Aussagen von Freunden hatten die beiden aber ein Alibi vorzuweisen, mit dem sie ihre Unschuld bestätigen konnten. Soweit richtig?«
Nach einer kurzen Antwort aus dem Hörer fuhr Hoover mit seinen Ausführungen fort.
»Nachdem man Sie Mitte September wieder freigelassen hatte, begannen die beiden damit zu prahlen, dass sie ihre Entführer allesamt trotz der Kapuzen erkannt hatten. Richards und Daniels verabredeten sich danach an einem Sonntag zum Picknick, von dem sie nicht wieder zurückkehrten.«
»Genau, und der letzte Hinweis, den wir erhielten, ist die Aussage mehrerer Zeugen, dass in der Nacht, in der sie verschwanden, auffallend viele Fackeln am Ufer des nahegelegenen Fourche-Sees zu sehen waren.«
»Okay und was wollen Sie jetzt genau von mir?«
»Ich würde gerne den See mit Tauchern absuchen lassen, aber die örtlichen Behörden, allen voran der stellvertretende Stadt-Sheriff, scheinen da etwas dagegen zu haben.«
Hoover nickte grimmig.
»Ich habe verstanden. Sie führen Ihre Ermittlungen weiterhin fort, so wie es sich gehört. Um den Rest kümmere ich mich jetzt persönlich.«
Am Abend des 22. Oktobers war das Ufer des Fourche-Sees in gleißendes Licht getaucht. Der See war von unzähligen Fackeln erhellt und das Licht der vielen Suchscheinwerfer und Autolampen ließ das Wasser in einem blauen Metallton schimmern.
Als der leitende Ermittlungsbeamte des FBI aus seinem Wagen stieg, wurde er für einen Moment von der ungewohnt grellen Helligkeit geblendet. Er blinzelte, dann lief er zum Seeufer. Drei gedrungene Gestalten in Taucheranzügen und ein gutes Dutzend Männer von der Spurensicherung verwehrten ihm die freie Sicht aufs Wasser.
Als er näher kam, entdeckte er zwischen ihren Beinen zwei unförmige helle Erhebungen, die sich am Seeufer deutlich vom Boden abhoben. Bevor er aber weiter darauf zugehen konnte, schälte sich aus der Gruppe der Männer eine hagere Gestalt und kam direkt auf ihn zu. Der Beamte kannte den Mann, es war der Gerichtsmediziner.
»Wenn Sie ihr Abendessen behalten wollen, würde ich an Ihrer Stelle nicht dahin gehen.«
Unwirsch zog der leitende Ermittlungsbeamte die Augenbrauen hoch und wollte weitergehen.
»Sparen Sie sich Ihre Ratschläge, ich bin schließlich Polizist. Ich bin so einiges gewohnt.«
Der Arzt schüttelte den Kopf und hielt den FBI-Agenten sanft aber bestimmend am Ärmel seiner Anzugsjacke fest.
»Kann schon sein, aber ich bin ein Gerichtsmediziner und als solcher sehe ich mehr Blut als ein Bulle. Glauben Sie mir, als ich die beiden gesehen habe, hätte ich beinahe gekotzt.«
Inzwischen hatte sich die Menge am Ufer zerstreut und der Beamte konnte die hellen Erhebungen im Licht der umliegenden Scheinwerfer deutlich erkennen. Unter den beiden schneeweißen Segeltuchplanen, die man dort am Boden ausgebreitet hatte, konnte er vage die Umrisse zweier menschlicher Gestalten erkennen. Keine Einzelheiten, abgesehen von einigen dunklen Flecken, die entweder von Blut oder dem schmutzigen Seewasser stammten.
»Sind das die beiden Gesuchten?«
Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Das kann ich Ihnen erst nach der Obduktion sagen, man hat ihnen nämlich die Köpfe abgeschnitten.«
Der Polizeibeamte wurde jetzt doch etwas blass.
»Was konnten Sie sonst noch bei Ihrer ersten Untersuchung feststellen?«
»Es sieht ganz so aus, als hätte man den beiden so gut wie jeden Knochen im Leib gebrochen. Dutzende von Blutergüssen und Prellungen am ganzen Körper, sie müssen gelitten haben wie Tiere.«
Unwillkürlich blickte der Polizist wieder auf die Gestalten unter den Segeltuchplanen. Als der Arzt sich in weiteren Ausführungen erging, begann er trotz der lauen Herbstnacht unvermittelt zu frieren.
»Derjenige, der das getan hat, muss eine ziemliche Ahnung von Anatomie besitzen, wahrscheinlich ein Chirurg, ein Doc oder irgendetwas in der Art.«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Nur jemand mit genauen medizinischen Kenntnissen ist imstande, einem Menschen sämtliche Knochen im Leib zu brechen, ohne dass derjenige daran stirbt. Diese armen Teufel waren noch bei vollem Bewusstsein, als man ihnen die Köpfe abgeschnitten hat.«
Eine spätere Autopsie bestätigte den Verdacht des Gerichtsmediziners. Man hatte Richards und Daniels unter der Anleitung eines erfahrenen Chirurgen mit Wagenrädern die Knochen gebrochen.
Dr. McKoin und der stellvertretende Stadt-Sheriff wurden zwar des Mordes angeklagt, aber die Macht des Klans war zu diesem Zeitpunkt selbst für Hoover noch zu groß. Die Männer wurden freigesprochen. Noch 1928 marschierten 50.000 Klan-Mitglieder in ihren weißen Mänteln und Kapuzen in einer mächtigen Demonstration in Washington am helllichten Tag über die Pennsylvania Avenue.
Für die Zukunft musste man sich beim FBI noch darauf beschränken, die Tätigkeiten des Klans lediglich zu überwachen. Noch, denn inzwischen begann Hoover, die Geschichte des Geheimbundes etwas genauer zu studieren.


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