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Nick Carter – Band 4

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Jack Lloyd Folge 58

Jack Lloyd – Im Auftrag Ihrer Majestät

Reise in die Vergangenheit

Elena brauchte nicht all zu lange, um Joe zu finden. Er stand etwas abseits, das Treiben beobachtend, mit einem Kelch in der Hand. Der Mann, von dem Elena wusste, dass er Menschenansammlungen wie diese zutiefst verabscheute, musste sich offensichtlich ziemlich zusammenreißen, damit sein Unmut nicht auch jemandem, der ihn weniger gut kannte, auffiel. Elena gesellte sich wie zufällig zu dem Priester, der da die Menschen im Saal betrachtete und immer mal wieder leicht den Kopf schüttelte.

»Was erregt Euren Unmut, Pater?«, fragte Elena im Plauderton, während sie einem vorbeieilenden Bediensteten ein Stück Gebäck von seinem vollgepackten Tablett klaubte.

»Dieses ganze Getue kann gar nicht gut gehen, Käpt´n«, erklärte Joe leise. Elena betrachtete ihn überrascht von der Seite. Nicht nur, dass er sie selten in Abwesenheit der Mannschaft als seinen Kapitän ansprach. Es war das erste Mal, dass sie es erleben durfte, dass Joe leise Zweifel an ihrem Plan äußerte. Elena selbst zweifelte, seitdem sie hier in Caracas waren. Es war alles so anders verlaufen, als sie es sich vorgestellt hatte. Nicht nur, dass Jack dabei war, sich in einer Liebelei mit Maria de la Vega zu verlieren, was sie nur noch mehr von dem Mann entfernte, der eine fremdartige Anziehung auf sie ausübte. Es schien auch mittlerweile so, als würde Jack sich von Männern wie dem Comte und von der Tochter des Gouverneurs wie ein Spielball hierhin und dorthin lenken lassen, wie es den jeweils mit ihm Spielenden gerade beliebte. Ihr war klar, dass Jack ein intelligenter Mensch war, der durchaus in der Lage war, auf sich selbst aufzupassen. Allerdings war sie sich nicht mehr sicher, ob ihm klar war, dass an seinen Entscheidungen auch das Leben seiner kompletten Mannschaft hing.

»Und was genau versetzt dich in Sorge?«

»Hast du gesehen, wie er auf diese Maria zugetänzelt ist? Ich habe das Gefühl, er verliert das wirklich Wichtige aus den Augen.«

»Das Gefühl habe ich schon eine ganze Ewigkeit«, erwiderte Elena leise.

»So wird er sein altes Leben auch nicht zurückbekommen«, brummte Joe, mehr zu sich selbst, als mit Elena sprechend.

»Welches alte Leben?«, hakte Elena nach. Sollte sie heute wirklich endlich einmal einen kleinen Einblick in die Vergangenheit des Mannes bekommen, der ihr so viele Rätsel aufgab? Woher kannte Jack die Einzelheiten über eine Familie, die am spanischen Hof verkehrte? Wieso sprach ein Mann, der eigentlich ein Engländer war, oder dies zumindest vorgab, die spanische Sprache nahezu akzentfrei? Woher wusste Jack so genau, wie man sich in den Kreisen der Adligen und Reichen bewegte und wie man mit diesen Menschen sprechen musste? Elena, als Tochter eines reichen und wichtigen Kaufmannes, hatte oft in diesen Kreisen verkehrt, sich aber nie so wirklich wohlgefühlt. Bei Jack schien es nun so, als würde er in diesem Umfeld regelrecht aufblühen.

»Ich nehme an, er hat dir nie etwas über seine Vergangenheit erzählt, oder Käpt´n?«, fragte Joe, Elena nachdenklich von der Seite ansehend. Die junge Frau, die schon ahnte, worauf Joe hinaus wollte, sah ihre Chancen, mehr zu erfahren, schwinden.

»Ich nehme an, er wird es von sich aus erzählen, wenn er der Ansicht ist, dass die Zeit dazu reif ist.«

»Und wenn es dann bereits zu spät ist?«

Joe trank wieder einen Schluck aus dem Kelch, an dem er sich krampfhaft festzuhalten schien, während Elena sich das Gebäckstück, welches sie immer noch in der Hand gehalten hatte, in den Mund schob.

»Ich glaube nicht, dass seine Vergangenheit dir hilft, diese Situation zu entschärfen.«

»Wenn ich seine Vergangenheit nicht kenne, werden wir das wohl nie erfahren, oder?«

Joe atmete tief durch. Dann nickte er langsam.

»Jack Lloyd ist nicht der Name, den unser Kapitän von Geburt an getragen hat. Sein wirklicher Name war Franco de Espera. Seine Familie gehörte zum alten spanischen Adel, Männer, die durch ihre Verdienste bei der Eroberung der neuen Welt Reichtum und Adel erlangt hatten.«

Elena war blass geworden und sah Joe mit einer Mischung aus Entsetzen und Unglauben an.

»Ich kenne die Geschichten über die de Esperas«, flüsterte Elena heiser.

»Wirklich? Was erzählt man sich denn so über diese Familie?«

»Sie lebten in Vera Cruz. Der Palast der Familie soll größer und schöner gewesen sein, als der Gouverneurspalast selbst. Aber die Familie verarmte immer mehr. Und schließlich konnte der alte de Espera seine Schulden nicht mehr bezahlen.«

»So ähnlich ist es auch tatsächlich gewesen. Aber eben nicht ganz. Als unser Kapitän noch im Knabenalter war, besaß die Familie noch mehr Schiffe, Güter und Reichtum als die Gouverneure von Port Royal und Caracas zusammen. Aber wie durch ein Wunder verschwanden die Schiffe der Familie plötzlich, jeweils wenige Tage, nachdem sie den heimatlichen Hafen verlassen hatten. Es war, als würde ein Fluch aus längst vergangenen Tagen die Familie nun einholen.«

»Und was geschah dann?«

»Eines Tages kam ein Seemann zum Haus der de Esperas. Er war einer derjenigen, die auf dem letzten Schiff, das verschwunden war, angeheuert hatte. Dem Mann war es gelungen, als das Schiff aufgebracht wurde, zu entkommen. Da der Überfall nah an der Küste geschehen war, hatte er sich schwimmend ans Ufer retten können.«

»Und was wusste dieser Mann zu berichten?«

»Die Überfälle auf Handelsschiffe der de Esperas wurden von einem Piratenkapitän verübt, von dem bekannt war, dass er im Auftrag des Gouverneurs von Vera Cruz arbeitete.«

»Warum sollte ein spanischer Edelmann einen Adligen aus seiner eigenen Stadt ruinieren wollen?«

»Die Fehde zwischen den beiden Männern wurde bereits im Jugendalter begründet. Zu dieser Zeit waren beide in die Mutter unseres Kapitäns verliebt. Doch die Donna entschied sich für den Erben des Hauses de Espera und gegen den Mann, der aus der einflussreicheren, wenn auch weniger begüterten Familie entstammte.«

»Und nur deshalb …«

»Unterschätze niemals die Macht, die der Schmerz über eine verschmähte Liebe entwickeln kann.«

»Woher weißt du das alles?«

»Nun, am selben Abend brach der alte de Espera mit dem Seemann zum Gouverneurspalast auf. Er wollte den Mann, der ihn so viel gekostet und ihn nah an den Ruin gebracht hatte, zur Rechenschaft ziehen. Doch dabei hatte er nicht bedacht, dass sein Kontrahent absolut gewissen- und skrupellos war. Jacks Vater wurde nie wieder gesehen. Stattdessen drangen noch in dieser Nacht die Männer des Gouverneurs in das Haus der Familie de Espera ein, entführten Jacks Mutter und töteten jeden, dessen sie habhaft werden konnten.«

»Die Geschichte klingt unglaublich. Aber es beantwortet nicht die Frage, woher du das alles weißt, Joe.«

»Unser Kapitän Owen Wills hatte damals noch ein persönliches Abkommen mit einigen spanischen Städten. Vera Cruz war eine davon. Und unser bevorzugter Handelspartner in Vera Cruz war die Familie de Espera. Wir lagen an diesem Abend in Vera Cruz vor Anker. Es schien, als hätte Jacks Mutter geahnt, dass etwas Schlimmes geschehen würde. Sie beauftragte einen ihrer Bediensteten, den jungen Franco zu uns aufs Schiff zu bringen. Der Mann hatte einen Brief an den Kapitän dabei. Wir erhielten den Auftrag, nach Havanna zu segeln und dort auf weitere Nachrichten aus Vera Cruz zu warten. Dazu überreichte der Diener dem Kapitän einen Beutel mit Münzen, um die Unkosten abzudecken. Wenige Wochen später hörten wir in Havanna vom endgültigen Untergang der Familie de Espera.«

»Wie genau hat man das Verschwinden der Familienmitglieder begründet?«

»In einer Stadt wie Vera Cruz brauchte man damals für so etwas keine Begründung. Das Wort des Gouverneurs war Gesetz und ist es heute noch. Wir haben die Stadt danach nie wieder angelaufen. Ich habe Jack seither unter meine Fittiche genommen. Aber wer weiß schon, ob ich dem Jungen ein guter Vaterersatz war.«

»Er hätte sich keinen Besseren wünschen können«, flüsterte Elena ergriffen.

»Aber woher weiß ein Mann, der in Vera Cruz geboren und aufgewachsen ist, so viel über die Gegebenheiten am spanischen Hof?«

»Du solltest nicht außer Acht lassen, dass Jack ein sehr intelligenter Mann ist. Die Mendozas waren enge Freunde seiner Familie. Daher weiß er noch immer eine Menge. Und vieles kann er sich selbst zusammenreimen.«

»Dann hoffen wir, dass er seine Vergangenheit hinter sich gelassen hat. Wenn er wirklich versuchen sollte, seine verlorene Jugend auf diesem Weg wiederzufinden, werden wir ernsthafte Schwierigkeiten bekommen.«

Joe sah Elena grinsend von der Seite an.

»Seine Vergangenheit hinter sich gelassen?«

Elena erwiderte den Blick fragend.

»Was glaubst du, warum wir hier sind? Ihr habt sie beide noch nicht hinter euch gelassen. Du willst Rache für deinen toten Vater und er für seine Familie.«

»Wie kannst du …«

Joe wandte den Blick wieder geradeaus. Seine Stimme klang schneidend, als er ihr ins Wort fiel: »Seine Vergangenheit hinter sich zu lassen, ist mit das Schwerste, was ein Mensch bewältigen kann. Aber du hast recht. Wir sollten hoffen, dass keiner von euch beiden heute Abend von seiner Vergangenheit eingeholt wird.«

Fortsetzung folgt …

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