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Marshal Crown – Band 52

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Punkt, Punkt, Komma, Strich …

»Der Leser, dem man schreibt, bestimmt des Autors Pflicht.«

Abraham Gotthelf Kästner (1719 – 1800)

Heute geht es mir nicht um den allbekannten volkstümlichen Sprechgesang Punkt, Punkt, Komma, Strich …, der mit einem Finger symbolisch untermalt wird. Vielmehr möchte ich mir über jenes Luft machen, was man zum Lesen vorgeworfen bekommt; oder kultiviert ausgedrückt, wie sorglos mit der deutschen Sprache umgegangen wird.

Immer häufiger werde ich anhand von veröffentlichten Texten in Zeitungen, Zeitschriften, Büchern sowie im Internet mit massiven Schwächen in Rechtschreibung, Grammatik und Satzbau konfrontiert, die selbst vor den Portalen der Hochschulen und Universitäten nicht haltmachen. Wohin soll diese vertrackte Angelegenheit noch führen? Verfällt nach und nach die deutsche Schreibkultur? Es scheint mir, dass es sich dabei nicht um Einzelfälle handelt, sondern der Ursprung bereits in der Grundschule zu suchen ist. Denn dort ist LdSLesen durch Schreiben – nach einem Konzept des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen und die sogenannte Rechtschreibwerkstatt des Schulpsychologen Norbert Sommer-Stumpenholz angesagt. Was für ein Bullshit – die reinste Rechtschreibkatastrophe. Wenn das so weitergeht, laufen wir Gefahr, zu Zeiten vor der Gründung des Deutschen Reiches 1871 durch Otto von Bismarck zurückzukehren, in welchen eine vermeintlich wild gewachsene Rechtschreibung der deutschen Sprache gang und gäbe war. Sind denn aus heutiger Sicht die Bemühungen und Erkenntnisse von Adalbert Falk, Rudolf von Raumer, Daniel Sanders, Wilhelm Scherer, Wilhelm Wilmanns oder Konrad Duden, gemeingültige Regeln aufzustellen, keinen Schuss Pulver mehr wert?
Dass die Methode Lesen durch Schreiben einen Motivationsschub und Spaß am Fabulieren erzeugt, möchte ich bezweifeln. Oft kommt der Spaß an einer Sache ähnlich wie beim Sport durch beharrliches Trainieren und Disziplin. Reife, Charakter und Tugenden entfalten sich nicht durch Spaß, sondern entwickeln sich als Merkmale einer Persönlichkeit im Verlaufe des gesamten Lebens eines Menschen. »Ein Charakter ist ein vollkommen gebildeter Willen«, wie Johann Wolfgang von Goethe treffend formulierte. Dazu gehört auch der Willen, richtig schreiben zu können. LdS und Co. fördern diesen Willen bestimmt nicht, so modern die heutige Pädagogik auch sein mag.

Manchmal kommt es mir beim Lesen vor, als ob der Verfasser eines Textes wahllos eine Prise Satzzeichen wie Pfeffer in sein Werk geworfen hat. Vielleicht hörte er dabei auf sein Bauchgefühl, an welcher Stelle zum Beispiel ein Komma angebracht sei. Es gibt aber auch Zeitgenossen unter uns, die mit Satzzeichen sparen, als wären sie rare Kostbarkeiten. Für mich sind diese kleinen Zeichen sehr wichtig. Sie wirken erleichternd auf den Lesefluss und können manchmal sogar über den Sinn eines Satzes entscheiden. Gab es vor der Rechtschreibreform zum Beispiel für die Kommasetzung 52 Regeln, so sind es heute nur noch 7. Doch auch diese haben es in sich. Zum Glück gibt es Menschen unter uns, die sich das Redigieren von Texten zur Aufgabe gemacht haben. Der größte Teil von ihnen geht dabei sprach-und stilsicher vor, beherrscht die Rechtschreibung und versetzt sich in die Rolle des Lesers. So sollte es sein, doch nicht immer ist dies so. Besonders seit dem Zeitpunkt, Lesern redaktionelle Texte und Beiträge auch online zugänglich zu machen, setzen einige Redaktionen auf das Prinzip Veröffentliche erst, korrigiere später. Oft ist das Zeitfenster bis zur Onlinesetzung sehr eng bemessen oder der Autor bekommt eine eigene Zugriffsmöglichkeit auf den Server, um seine geistigen Ergüsse selbst online zu veröffentlichen. Oder es fehlt einfach nur die Lust und der notwendige Ernst am Redigieren. Da täuscht auch eine profane Erklärung nicht hinweg, wenn Texte von anno dazumal mit Fehlern behaftet bis dato online zu lesen sind.
Beim Redigieren kommt es nicht nur auf Rechtschreibung und Grammatik an, sondern es müssen eine Reihe von Fähigkeiten und Fertigkeiten an den Tag gelegt werden, um aus einem holprig geschriebenen und unklar aufgebauten Text einen lesenswerten Beitrag machen zu können. Professionelles Redigieren bedeutet auch, die Dienste eines anderen in Anspruch zu nehmen, denn meist sieht der andere mehr als man selbst. Dabei sollte man ein rechtes Maß zwischen schonungsloser Kritik und Bauchpinselei finden und die Kritik so formulieren, dass der Verfasser des Geschriebenen mit dieser Kritik umgehen kann, ohne ihn maßregeln zu wollen. Die Leser und der Autor werden für einen ordentlich redigierten Text dankbar sein.
Gerade in unserer heutigen kurzlebigen Zeit und aktueller Themenvielfalt herrscht in den Online-Redaktionen chronischer Zeitmangel. Man will ja up to date sein. Eingehende Texte werden – wenn überhaupt – meist nur noch linear redigiert. Ich nehme mir die Zeit, lese den Text im Ganzen durch, bevor es ans Redigieren geht. Treten Fragen oder Ungereimtheiten auf, wende ich mich an den jeweiligen Autor, um diese klären zu können. Dafür brauche ich Zeit. Entscheidend dabei ist das Ergebnis. Denn von diesem hängt es ab, ob unsere Webseite weiterhin so gut besucht wird oder nicht. Für mich persönlich rangiert Qualität vor Quantität, und dazu gehört ein ordentliches Redigieren.
Nobody is perfect. Auch ich mache und übersehe manchmal Fehler. Doch im Team machen wir gegenseitig darauf aufmerksam, um diese abändern zu können. Auch das ist eine Form von Kritik, die ich nicht missen möchte.

(wb)