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Jack Lloyd Folge 26

Jack Lloyd – Im Auftrag Ihrer Majestät

Ein Blick in die Vergangenheit

Jack hatte sich entschieden, den Mann, den er davon überzeugen wollte, dass es eine gute Idee wäre, sich ihm anzuschließen, allein aufzusuchen. Er erkundigte sich im Schwarzen Krug nach der Unterkunft des Steuermanns. Danach machte er sich auf den Weg. Der Seemann lebte in einer kleinen Unterkunft im Dachgeschoss eines Hauses im ältesten Stadtteil von Port Royal. Jack brauchte eine Weile, um das Haus zu finden. Dort angekommen erklomm er langsam die Treppe, die nach oben führte und an der Außenwand des Hauses angebracht war. Jede Stufe knirschte und knackte so laut, dass Jack damit rechnete, im nächsten Augenblick würde die Tür aufgerissen und ein wütender Holländer mit gezogener Pistole stünde vor ihm. Doch nichts dergleichen geschah. Oben angekommen klopfte Jack mehrmals laut an die Tür. Es dauerte einen Moment, ehe eine grummelnde Stimme von drinnen rief: »Wer ist da?«

»Jack Lloyd. Ich würde Euch gern sprechen, Mr. Ten Buren.«

Schritte hinter der Tür verrieten Jack, dass der alte Steuermann sich näherte. Dann wurde die Tür langsam geöffnet. Dick ten Buren spähte durch einen schmalen Schlitz zwischen Tür und Türrahmen. Jack hob beide Hände als Zeichen seiner friedlichen Absichten. Über die wettergegerbten Züge des alten Seebären huschte die Andeutung eines Lächelns.

»Ihr könnt die Hände runternehmen, Lloyd. Was wollt Ihr zu dieser Stunde von einem alten Seemann, der nur die letzten Tage seines langen Lebens in Ruhe verbringen will?«

»Euch aus Eurer Lethargie herausreißen und Euch einen Vorschlag unterbreiten.«

»Wenn dieser Vorschlag beinhaltet, dass ich mich unter das Kommando eines Greenhorns wie Euch begeben soll, dann könnt Ihr es getrost direkt vergessen.«

»Hört mich doch zuerst einmal an.«

»Wo ist denn der Speichellecker des Gouverneurs?«

»Ihr meint Everet? Er weiß nichts davon, dass ich Euch aufsuche. Und es geht ihn auch nichts an. Ich stelle meine Mannschaft selbst zusammen, nicht der Gouverneur oder einer seiner Handlanger.«

Aus dem Inneren der Wohnung erklang ein leises Lachen. »Wohl gesprochen, Lloyd. Aber Greenhorn bleibt trotzdem Greenhorn.«

»Mag sein. Wollt Ihr nun meinen Vorschlag hören, oder soll ich wieder gehen? Ich habe nicht vor, die halbe Nacht vor Eurer Tür zu verbringen.«

Ten Buren brummelte irgendetwas vor sich hin, bevor er die Tür langsam weiter öffnete und Jack mit einer Geste zeigte, dass er eintreten dürfte. Der alte Mann ließ den Kapitän passieren und folgte ihm dann in den Raum hinein. Die Wohnung des alten Seemannes bestand nur aus einem Zimmer, in dem eine Sitzgelegenheit, ein Bett und eine kleine Kochstelle untergebracht waren. Ten Buren zeigte auf einen alten Stuhl und Jack ließ sich dankend nieder. Der alte Seemann setzte sich auf das Bett und sah den Kapitän fragend an.

»Danke, dass Ihr Euch einen Moment Zeit für mich nehmt.«

»Hört auf mit dem diplomatischen Geschwafel, Kapitän. Erklärt Euch und dann verschwindet wieder.«

Jack nickte. »Ich hatte einen Auftrag des Gouverneurs …«

»… der Euch nach Santiago führte, wo Ihr die Tochter eines Kaufmannes entführt habt. Das Mädchen war so begeistert von Euch, dass es Euch bis Port Royal gefolgt ist. Ich kenne die Geschichte.«

»Ich sehe, die Gerüchte gehen schnell um in Port Royal.«

Dick zuckte mit den Schultern. »Ihr und Eure kleine Freundin ward im Gouverneurspalast. Dort hat jede Wand Ohren. Allerdings hören diese Ohren nur das, von dem der Gouverneur will, das sie es hören.«

»Das erklärt, warum Ihr noch nichts von meinem aktuellen Vorhaben gehört habt.«

»Es heißt, die Spanierin hätte Euch eine riesige Prise in Aussicht gestellt, wenn sie sich Euch anschließen darf.«

»Das ist wahr. Aber um diese Prise auch wirklich einholen zu können, brauche ich die besten Männer, die ich auftreiben kann.«

»Und Ihr denkt, ich würde zu diesen besten Männern gehören.«

»Nach allem, was man hört.«

»Es war klug von Euch, ohne Everet herzukommen. Mit ihm im Schlepptau hätte ich Euch gar nicht eingelassen. Allein habt Ihr es immerhin bis in mein kleines Reich geschafft. Aber nun ist doch der Zeitpunkt gekommen, auch Euch noch einen schönen Abend zu wünschen.«

»Ihr wollt mich nicht einmal zu Ende anhören?«

»Ihr habt gesagt, was Ihr sagen wolltet. Ich soll mich Euch anschließen und ich habe Euch schon einmal gesagt, dass ich kein Schiff mehr betreten werde.«

»Darf ich fragen, warum Ihr diesen Entschluss gefasst habt?«

Der alte Mann fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Dann brummte er verstimmt: »Wenn Ihr nicht augenblicklich mit diesem freundlichen Gewäsch aufhört und Euch ausdrückt wie ein Mann, dann werde ich Euch eigenhändig aus dieser Wohnung hinausprügeln.«

Jack hob beide Hände und nickte. Er musste sich Mühe geben, nicht laut loszulachen. Offenbar hatte er den richtigen Ton für das alte Raubein noch nicht getroffen.

»Warum wollt Ihr nicht mehr zur See fahren? Angst vor Seekrankheit?«

Ten Buren lachte leise.

»Das klingt doch schon besser. Aber glaubt mir, Kapitän, ich habe mehr Zeit auf der See verbracht als Ihr bisher auf dieser Welt. Und dabei habe ich mir in den ersten Jahren so oft die Seele aus dem Leib gekotzt, dass ich mir sicher bin, dass die Hölle, in die wir dereinst fahren werden, nicht schlimmer sein kann.«

»Was ist es dann?«

»Ich war zuletzt Steuermann auf dem Red Dragon, einem ausgezeichneten Segler, der in der ganzen Karibik Angst und Schrecken verbreitete. Mein Kapitän war ein guter Mann, der dem Gouverneur von Port Royal durch Kaperbrief verbunden war. Wir erhielten den Auftrag, ein Schatzschiff, das von Maracaibo kam, abzufangen und neben dem Silber auch einige Dokumente vom Comte von Maracaibo zu erbeuten. Der Auftrag gelang, doch auf dem Rückweg nach Port Royal wurden wir von Franco Costellos Flotte angegriffen. Vier Schiffe, bis an die Zähne bewaffnet. Ihr habt diesen Teufel ja selbst kennengelernt. Wir kämpften bis zum letzten Schweiß- und Blutstropfen. Aber der Kampf war aussichtslos. Nach einigen Stunden Seeschlacht erblickten wir drei englische Fregatten am Horizont. Wir jubelten und waren uns sicher, dass unsere Verbündeten uns helfen würden. Doch die Fregatten segelten in sicherer Entfernung in Richtung Port Royal weiter. Wir nutzten den Moment der Unachtsamkeit des Feindes und schafften es zu entkommen. Aber Costello verfolgte uns und kurz vor Port Royal stellte er uns erneut. Wieder schafften wir es zu entkommen, aber unsere Verluste stiegen ins Unermessliche. Und einer der Gefallenen war mein Kapitän.«

Ten Buren schwieg für einen Moment. Jack nickte verstehend.

»Ich kenne das Gefühl, tatenlos danebenstehen zu müssen, während der Kapitän sinnlos dahingeschlachtet wird.«

Dick schaute kurz auf. Dann brummte er: »Es interessiert mich nicht, was in Euch vorging, als Ihr vor Santo Domingo Euren Händlerkapitän verloren habt. Für Euch mag es schrecklich gewesen sein, eine nie gekannte Erfahrung, die Euch in den tiefsten Tiefen Eurer jungen Seele verletzt hat. Mir war es letztlich gleich. Jeder von uns war Freibeuter und das Schicksal eines Freibeuters ist es zu sterben. Entweder im Kampf oder eines schönen Tages am Alkohol. Ihn erwischte es halt im Kampf.«

Jack nickte. Dick machte eine wegwischende Handbewegung.

»Wie dem auch sei. Wir schafften es, Port Royal zu erreichen. Die Red Dragon war nur noch ein Schatten ihrer selbst und von der Mannschaft war nur noch eine Handvoll Männer übrig. Wir machten uns auf zum Gouverneur und wollten den Kapitän der Fregatten für seine Feigheit zur Rechenschaft gezogen wissen. Immerhin waren wir Freibeuter im Dienste der englischen Krone und Costello war ein Spanier. England und Spanien führten noch Krieg zu dieser Zeit. Der Gouverneur empfing uns, hörte sich unsere Klagen an und ließ dann nach dem Kapitän rufen, der uns so schmählich im Stich gelassen hatte. Und nun ratet mal, wer dieser Hundesohn war.«

»Everet, nehme ich an.«

»Ihr habt es erfasst. Damals befehligte er nur ein Schiff, gelegentlich eine kleine Flotte. Aber er war schon zu dieser Zeit ein Günstling des Gouverneurs. Geändert hat sich das bis heute nicht. Die beiden haben das Vorgehen Everets damit entschuldigt, dass wir nicht unter englischer Flagge gesegelt seien, sondern unter dem Jolly Roger. Es wäre nicht Everets Aufgabe, alle Freibeuter, die einen Kaperbrief hätten, zu beschützen. Immerhin müssten wir selbst in der Lage sein, uns zu verteidigen.«

Jack hob beide Augenbrauen. Die Argumentation war mehr als schwach, aber er konnte sich den Gouverneur und Everet gut vorstellen, wie sie sich diese Entschuldigungen zurechtlegten.

»Der Gouverneur bot mir an, den Kaperbrief meines Kapitäns auf mich auszuweiten und mir zu helfen, das Kommando der Red Dragon zu übernehmen. Ich sagte ihm auf meine mir eigene Art, dass er sich seinen Kaperbrief in den Darm schieben könnte.«

»In dieser Situation hätte ich wohl ähnlich reagiert.«

»Wie gesagt, Lloyd. Es ist mir gleichgültig, wie Ihr die Sache seht. Ich rechtfertige mich nicht vor Euch, ich will Euch nur klar machen, dass Ihr nicht noch einmal versuchen solltet, mich zu überreden, Euch zu begleiten. Beim nächsten Mal werde ich nicht mit Euch reden. Dann werde ich Euch so behandeln, wie ich jeden Boten des Gouverneurs in den letzten Jahren behandelt habe.«

Jack erhob sich langsam. Er nickte. Leise erklärte er: »Es tut mir leid, das zu hören. Aber wenn das Euer letztes Wort ist, dann werde ich es wohl respektieren müssen. Auch wenn ich mir gut vorstellen könnte, dass es Euch eine gewisse Genugtuung bereiten dürfte, wenn Ihr einer der Männer wärt, der die Spanische Silberflotte gekapert hat.«

Ten Buren starrte Jack fassungslos an. Dann brach er in schallendes Gelächter aus.

»Das ist nicht Euer Ernst, Lloyd. Niemand hat die Schatzflotte bisher gekapert und ein kleiner Freibeuter wie Ihr wird das kaum schaffen. Auch nicht, wenn Ihr jetzt über zwei Segler verfügt. Vergesst es. Wenn das wirklich Euer Plan ist, dann werdet Ihr ohne mich in den Tod gehen müssen, tut mir leid.«

Jack ging in Richtung Tür, öffnete diese und trat hinaus.

»Ich glaube, der Plan, den Elena, die Spanierin, von der Ihr ja gehört habt, und ich gefasst haben, wird aufgehen.«

»Darf ich fragen, wie dieser Plan lautet?«

»Nein, Ten Buren. Das ist etwas, was nur Mitglieder meiner Crew angeht. Und da Ihr das nicht seid …«

»Schon gut, Lloyd. Auch damit werdet Ihr mich nicht überzeugen.«

»Es war einen Versuch wert. Lebt wohl, Steuermann.«

»Viel Glück, Kapitän. Wir sehen uns in der Hölle wieder.«

»Oder im Schwarzen Krug

Grinsend erwiderte Dick: »Was in etwa aufs Gleiche hinausläuft.«

Nach diesen Worten schlug er die Tür zu und entließ Jack allein in die Nacht.

Fortsetzung folgt …

Copyright © 2011 by Johann Peters

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